Part 6
Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken Hand.
Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von dem niemand wußte, woher er kam.
In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß eine Kröte unter dem Holunder.
Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.
Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder ausspie.
Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden.
Der Abt sprach ihn ohne Buße frei.
Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: »Ich stahl den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,« sagte er und wies hinüber nach den weißen Mauern.
Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen.
Da brüllte Villon: »Strafe mich!« und trommelte die Fäuste auf die Brust. Der Abt verneinte lächelnd.
»Warum?«
»Du hast den guten Willen,« sagte der alte Mann kühl.
Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die Augenbrauen gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.
Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof durchqueren.
Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie.
Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre Haare waren weiß. Es war die Herzogin.
Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum von ihm nahm.
Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor.
Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja -- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach einiger Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither.
Er floh nicht.
Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster. Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten, erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen. Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte, zurückzukehren. »Weiber und Löwen brüllen nach dir,« schrie er hinauf nach Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: »Gib ihnen Fressen« und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der Hand.
Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das Zimmer der Priorin.
Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen. Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land, saßen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er grub.
Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen und verschwanden. Sie wußten ihr Ziel.
Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen. Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.
Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor eisiger Kälte, einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden gestreift.
Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte, Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses Gefühls überträfe.
Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin zu verhandeln um eine Orgel. »Es ist dein Fach,« sagte er und wandte sich zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf.
»Ich will nicht.«
Da drehte sich der Abt zurück und sagte klar: »Du sollst.«
Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die dröhnte, daß Villon nachgebend sich beugte und ging.
Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer Hand sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.
Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan, aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein Augenblick der Jugend. Und er sagte:
»Als Kind, wie ich Psalter sang . . .«
Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die Luft.
Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.
Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.
Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters. Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.
Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde Abend!
Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung. Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.
Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut angeschwollen und warf sich bäumend auf.
Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: »Der Tod der Herzogin . . . der Tod der Herzogin . . .« Allein die Worte waren ohne Klang. Sein Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf, daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der Weihrauch, der schreiende Tod.
Aber es war nicht stark genug.
Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an das keiner Frau.
In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die Gurgel wies.
Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete so auf den Tod.
Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng hinaus.
Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.
Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: »Du mußt elend sein,« sagte er.
Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.
Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht. Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er: »Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein, diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann es sein?« Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf den Boden.
»Du hast die Inbrunst,« sagte der Mönch.
»Sie hilft nicht durch,« schrie Villon im letzten Zorn sich entgegenstemmend: »Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich an, aber ich stahl und tötete.«
»Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,« sagte der Mönch.
Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche sich die Echos blendend zerschlugen.
Es hieß aber, was er sagte: »Fast hast du Gott erreicht.«
Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: »Du hast recht, aber ich will nicht mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott erkämpfen, gelingt mir nicht. Du weißt es, wenn du mich kennst. Gott soll zu mir kommen, denn er kann über mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott soll sich entwickeln in mir, bis er reif ist. Ich will ihn nicht stören und verhindern, nicht in der Andacht, nicht im Gemeinen. Die Dinge sollen laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut.
Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.«
Und auch der große Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich gleiten zu lassen befahl, schien ihm, über das Blut und seine Gesetze hinaus, in diesem Sinne beschlossen zu sein.
Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz über die Brust. Dann nahm er Öl und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen.
Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts.
Diesen Ort verließ er. Hier lebte es sich nicht länger.
Er ging durch den frühen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Fluß.
Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris, so hob er ihn rückwärts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem großen Abschluß geführt, darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war.
Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lüstern mehr war.
Er schob den Blick nach vorn.
Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stieß er die Ruder in das Wasser und fuhr -- -- -- damit das Leben sich weiterhin über ihn stürze, solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; daß ein Bauer ihn, buhlend, hinter einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen wie Elias in den brennenden Himmel reiße. Denn dies alles, was sich noch vor den endlichen Abschluß schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am Ziel. Es war kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine Neugier auf das Ende.
Der Bezwinger
Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine erste Jagd. Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten am Fluß spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß sie an, schwamm durch den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt einen Wirbel durch die Landschaft Kesch.
Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er zusammengezogen und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs sich zu mit einem Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses Oheims. Sie lobten seine Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten sie keine Änderung des Gesichts zu melden, das größer nur und undurchsichtiger sich zusammenschloß.
Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang. Der fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der Dolch des Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie, Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die Posten deckten außen die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der Wächter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie ein Emir, erkennend, daß Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und ihn nicht findend, er sei der Tote.
Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine Veränderung.
Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.
Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe.
Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die Lauernden vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten, trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei, die Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er, bis er eine Lampe sah.
Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in den Hals des Oheims, die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau dazunehmend, erstieg er einen Turm, ließ die eisernen Rasseln sich knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie.
Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und rief sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen.
Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die Stadt ihm zu: »Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.«
Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft, schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan. Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil.
Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner Beischläferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte die Fahne der Macht vor die Tür.
Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.
Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.
Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab, erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten brachten. Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts.
In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten.
Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da brach die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald an die Äste.
Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang, schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab und gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er ließ mit siebzig aufgestellten Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er einen abgeleiteten Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab der Feldherr sein Amt ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die Mitte der Schläfen saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel feuerte.
Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen, zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die Reiter trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit Kindern und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die Geten zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte das Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen in die Kniehöhle und warfen sie in die Sonne.
Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.
Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen seine Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers wechselte der Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser. Axalla führte die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der Überfälle. Axalla sagte: »Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein Aussehen ist besser als deine Frage,« und ließ ihn hinausführen.
Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt.
Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür.
Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund brausend auf: »Teile das Heer.«
Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:
»Wer bist du?«
»Genug, dich zurechtzuweisen.«
Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor dem Unterführer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr als zwei Köpfe größer als er._
Er öffnete wieder den Mund: »Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.«
Da schlug Axalla schäumend auf die Trommel, Wachen führten den Mann, gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und aß weiter.
Am Abend öffnete sich das Zelttuch unter einer drängenden Schulter. Der Unterführer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei.
Axalla fuhr an den Dolch.
Aber der Eingetretene sagte: »Bekümmere dich nicht. Ich könnte dich zwingen, denn deine Macht geht nicht über mich,« und er wies, die Zähne fauchend, die gelösten Arme. »Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum rate ich nur. Teile die Geschwader.«
»Wer bist du?«, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch schon zusammen.
Am Morgen schied Axalla das Heer.
Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rücken, die die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie zusammen.
Axalla sah den Unterführer nie wieder. Die zwei Säulen der Geschwader lockerten sich. Georgien wurde überrannt. In einem Halbkreis stießen die Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstöcke aus und setzten die Männer auf die Stäbe. Über Georgien wälzten sie eine Flamme, die die Städte erstickte und die Reisfelder fraß. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender Hufe.
Sie ritten, eine lange glänzende Masse, durch die Engpässe am Rand des Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie sägten einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg nachts auf mit den Zähnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht.
Ein einziger Wink holte sie alle zurück.
Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier Winden gegen Samarkand zurück. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander antrabten. Ein Schneesturm überfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der Stadt, sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf Stunden.
Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene.
In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen tausendfach gegen das Haus schleudernd.
Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten löste sich da ein einfacher Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf.
_Er hinkte und konnte die linke Hand nicht gebrauchen, zwei Köpfe höher als alle._
Da erkannten ihn alle plötzlich. Sie schrien: »Timur Chan« und warfen sich auf den Bauch brüllend vor Wonne. Er stand auf und stieß den Finger nach diesem und jenem: »Dich kenne ich . . . dich kenne ich.«
Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham, aber er ließ ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken.
So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts.