Part 5
Villon lief wie ein Marder auf und ab: »Wer fällt dem Recht in den Arm? Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern. Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.«
Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße.
Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund sein Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit beiden Armen und schluchzte in das Fell.
Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es Joi-Novel.
»Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn.
Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein kastilisches Pferd mit weißen Füßen.
Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.
»Ihr Name?« fragte die Dame.
»Villon.«
»Villon . . .,« sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte über den Pferdehals und ritt davon.
Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel eine Amsel zu speisen gab.
Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber sagte, daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.
Später traf er die Gräfin wieder im Walde.
»Warum kommen Sie nicht?« fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen.
»Was soll ich dort?« sagte er ruhig. »Lassen Sie mich hier, wie es paßt für mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!«
Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos.
Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog. Doch da der Zug übermächtig war, folgte er.
Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen blauen Rauch.
»Ich liebe das Tier nicht,« sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen.
Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht liebte und nicht haßte -- -- gähnte er, um seine leidenschaftslose Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In verschwiegenen Nächten hin und wieder schlich er sich zu Küchen und Dienerkammern, Würfeln und Wein und Geschwätz.
Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere Bewußtsein.
Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.
Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu schieben.
An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um sich. Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer Lichtung kreiste ihn die Meute ein.
Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick.
Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er das Vieh zurück und stand blutend vor Loba.
Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie lächelte ein wenig und sagte:
»Eilen Sie zurück!«
Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden und goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die laut die Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem Gesicht und strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung, daß sie ihn ins Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an.
Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude. Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: »Barral, hättest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon -- -- --«
Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.
Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die Angst seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz drängte selig nach ihr. Er hatte Mut.
Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut goldbraun glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür bewegte. Er sah ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf, und ganz gefüllt mit ihrem Bild folgte er ihr.
Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte eine große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein scharfes Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton erhielten.
Darauf wagte er es.
Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte sie auf den Mund.
Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.
Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er knallte ihn zu Boden.
Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen. An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte und helle Schloß.
Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib.
Zweimal murmelte er: »Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?«
Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand.
Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief:
»O Joi-Novel, wo bist du nun?«
Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er aufgerichtet das heimatliche Ufer.
Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab wenig Acht auf Monat und Jahr.
Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.
In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am Sattel, deren Kopf eine Wölfin war.
Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. »Dein hoher Busen reizt mich,« sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: »Provenzale!« Doch er lachte und wies auf ihre Brust.
Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: »Dein hoher Busen . . .« Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: »Ich verstehe dich weniger als einen Berber, Deutschen oder Sarden.« Jedoch nahm sie seine Hand und führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte, und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.
Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das Haus.
Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.
Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren, als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte.
Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.
Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis, die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß reichte.
In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und in den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst.
Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag, und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht, erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich eine Klarheit des Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er gedacht hatte, sein Leben beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.
Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem gesammelten Geld und verließ die Stadt.
Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . . nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung auf das Seither.
Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den Zelten.
Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.
Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.
Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte. Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des Landes und die Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der Sehnsucht und besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin.
Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er ihm in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im Gottesurteil über ihm sei.
Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe.
Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß, warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: »Du Hure.« Doch niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete sich, keine Strafe kam.
Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe, überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.
Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.
Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht ihn bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin, daß sie schrie.
Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender Gewalt. Er drehte sich.
Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des Wegs. Er breitete die Arme hoch.
In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber. Der Garten begoß sich mit Licht.
Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die Fürstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr Bild erlosch hinter Gebüsch.
Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der Höhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die Fürstin mitnahm.
Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel und erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere Form, die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn seine Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah wie Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von Ventadron.
Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht. Vor dem Haus aber schrie er plötzlich:
»O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?«
Tief bestürzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht. Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände in den Haaren geringer Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank zurück, wo er sich ganz dagegen wehrte.
Noch war nicht seine Zeit.
So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte er Gott und abends spie er ihn aus.
Irrend kam er nach Genua.
Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah, empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug er nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines Wüstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille.
Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus. Er beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten Rindlederschuhen und nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um ihm nicht über zu sein im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen Unterschied. Er begann zu schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er Bücklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden nannten ihn den drohenden Finger.
Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba, doch sie erkannte ihn nicht.
Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an, er solle sich beeilen.
Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte vergnügt an ein schmales baskisches Mädchen, das jung war und in vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis ab und ging grinsend vor Wonne und Rache.
Im Park murmelte er einmal: »Joi-Novel.«
An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang hingekniet neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich schüttelnd sprang er nach und holte es heraus.
Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend, milder werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin.
Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.
Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf Schloß Gaillac, und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß Fanjau.
Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.
Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen, Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen. Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald die Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser überhäufte ihn mit Nachsicht und Gnade.
Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen. Für die Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger füllte er mit Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ.
Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.
Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn, Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner Kavalkaden ritt.
Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb, war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich führte aus einer unbekannten Dunkelheit her.
Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.
Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin.
So kam er nach Paris.
Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten der Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt.
Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.
Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung erfüllte den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um.
Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos. Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und dennoch durch die fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke, Schilder, Räume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst vergehend hinaus.
Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.
Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm. In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben mußte.
Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs, dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen, müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.
Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag. Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.
Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die, der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen Instinkt.