Part 4
Villon sagte: »Ich habe kein Blut an mir,« und wusch sich zufrieden die Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten Mönch zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu beiden Seiten der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen stürzten in die Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der königlichen Gärten. Sie überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.
Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu schreien. Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem er die Tür zu den Tierställen aufbrach.
Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende Augen an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.
Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt.
Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich bis an die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter färbe und kleines Glück sich über den Park ergieße.
Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo sie würfelten.
Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach dem anderen der Herauskommenden ab.
Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie schlugen ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen Gesichts in einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände waren feucht und überschimmelt, es gab kein Licht.
In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen. Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt, das ihn weich dahintrieb, erfüllte ihn ganz.
Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf ließ er die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem Kopf, worauf die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten.
»Man interessiert sich für Sie.«
»Sie?«
»Nein . . .: man.«
Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.
»Sie werden wohl verurteilt,« sagte der Herzog leutselig; »obwohl es mich ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem Grunde aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St. Romacle? Ja?«
Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln über sein bebendes Gesicht.
»Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?
Villon nickte.
»Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und Wein. Wollen Sie?«
Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere, erschrak er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel, tapfer und einen großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor Freude und sagte:
»Ich kann und will.«
Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er gern täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend, lehnte er wieder ab.
Der Herzog stutzte.
Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: »Kerl, dann wirst du gehängt.«
Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben.
Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr.
». . . oder -- -- -- aufgeknöpft,« achselzuckte der Herzog.
An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel er auf die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie.
Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch er stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefühl.
Es gelang ihm nicht.
Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder: Ja.
Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging.
Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das Dunkel hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den Wahnsinn, die schöne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.
Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht, daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ er den Turm.
Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor. Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen.
Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter seiner Last.
Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die gründunkle Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und fiel auf die Erde vor Übermaß.
Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter überhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn, daß es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die leblose Gegend hinausbellte.
Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.
Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam, in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte, blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid umschloß den gespannten Körper.
Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt zurückkehre. Dann wartete er.
Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.
Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz. Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst.
Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder.
Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal.
In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.
Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil gegen die Stadt.
Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß hineinwachse und gleichschwingenden Strömen sich füge.
Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in sich sog.
Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen.
So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.
Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel. Trinkend und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser Menschen beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die breite Sicherheit der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm Wohlgefühl. Er schloß sich ihnen an.
Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe.
Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra hieß, unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte kurz den Saal.
Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft.
Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte.
Kommenden Morgens begann er still das Werk.
Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer Woche wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch verließ die Stadt.
Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem Bogen, nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an Mansion, staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den Schrei der Brunst und Stille der Ergebung.
Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk, der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein.
Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefühl der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel der Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für sich selbst.
Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein. Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen lagen im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen.
Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich.
Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt einem Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen Pfahl schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem Bereich.
Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab.
Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in die Arena.
Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst. Und weil sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen, platzte der Bauch, dem sie entstieg.
Der König erhob sich Beifall winkend.
Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein geprägt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten, wenn sie sprach.
Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon wegen des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs machte ihn wieder frei.
Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein Bein ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er lachte.
Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.
Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend, Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit den Instrumenten, alle herübergebeugt.
So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der Hölle zu reden.
In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.
Der Vorhang fiel zurück.
Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.
So sah er ihn noch einmal.
Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.
Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne.
Sein Herz neigte sich.
Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.
Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den Körper von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren seinem verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten Trompeten zu einem ehernen Donner.
Dann neigte er auch den Kopf.
Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden.
Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl ihn ein Ratsherr zum König.
An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und sah die Sibylle.
»O,« sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe.
Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das Tuch.
Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den Mund.
Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.
»Ich fürchte mich.«
Villon lachte.
Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter Dunst hängte sich um den Kirchturm.
»Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.«
»Nein.«
Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. »Nimm mich mit. Heirate mich. Gib mir ein Kind.«
»Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst eines haben.«
Villon lachte.
Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.
»Fünf Dukaten schenke ich dir.«
»Ich fürchte mich.«
»Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.«
»Ich fürchte mich.«
»Spei auf die Toten.« Er preßte ihre Brust.
»Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .«
Er küßte sie mit geschlossenen Augen.
Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze und den Himmel.
Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen.
Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.
Er ließ die Dukaten und den König.
Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte.
Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief, fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.
»Wo warst du?« sagte Barral und lachte.
»Ich lief --« sagte Villon.
Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal:
»Barral,« sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn, »ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.«
»Ja, mein Freund,« sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.
Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als Statuen auf allen Straßen standen.
Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn.
Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an.
Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine über den Wald flatterten.
»Es ist ein schöner Anblick,« sagte Villon und legte den Arm über Barrals Schulter.
»Es ist ein Schauspiel,« sagte Barral.
Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern, die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie faßten abends rasch einen Plan.
Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.
Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt, vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit Barrals Bauch durchstieß.
Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.
Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes vorspielte: »Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .« Die schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und Mond.
Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont, Sonne und Meer.
In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.
Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts als Verachtung für sich.
Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen stieß.
In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine Stimme erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: »dennoch, mein Armer, sollst du dem Lichte dich zuführen lassen« . . . und erwachend, die Augen weit geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn geführt war, sich davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der Tür.
Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf.
Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug.
Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: »Laß mich!«
Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und durchschritt die Tür.
Aufschwingend stürzte er nach: »Warum,« schrie er, »warum verfolgst du mich mit Güte, -- -- -- warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos dagegen. Aber ich will es nicht.«
Die Tür war zu.
Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen: »Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an deinem Tun verzweifelt mich . . .«
Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen.
Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.
Böse und zornig setzte er sich in die Ecke.
Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend wachte: sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.
Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.
»Ich weigere mich,« sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß. Die Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und bestaunten sich.
»Es ging um deinen großen Kopf,« sagte einer und stemmte die Hände auf die Hinterschenkel.