Part 3
Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der Kopf zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort.
Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen müsse --, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und heulte erbärmlich.
Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehäuse, daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab.
Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken.
Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.
Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein, die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen, und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.
Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben.
Kalekua drückte ihn gegen die Wand.
Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich Schäferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die Beine wirbelnd, Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand kleine und dicke Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie rasselten knatternd und dumpf.
Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen.
Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin.
Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle, ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus Palmenfächern.
Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit wunderbaren hohen Beinen und nackt.
Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien.
Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive.
So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an.
Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm mit stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut strömte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein Hirn, unirdisch geworden, schrie: Königin.
Er begehrte sie.
Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem Schrei den Stolz der Königin nieder.
Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.
Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr: »Liebe mich«.
Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte, versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr kreiste dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie ein rascher Mond.
Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis zu seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang und kam in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und Figuren aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend erhitzte und er küßte sie, die verging.
Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte, stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte sein Gefühl.
Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön. Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er berührte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er fuhr über ihre jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander. Aber Kalekua stieg.
Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er sie wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück.
Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten aufgeblasene Bäuche und grüne Augen.
Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes Haar verwirrt und feucht geballt.
Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden. Er sah sie lange an und ging vorüber.
Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen durch die Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der Platane. Mittags erreichten sie das Meer.
In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie zeigte Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich sei und Masken über ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte in Schmerz. Da stieß er roh in den Mittelpunkt des Gefühls:
»Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere Glieder an die Brust.«
Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ Jean François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht begriff, und überströmte sie mit Zärtlichkeit.
Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am Abend des dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die Hütte taumelte, um die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein, ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief er ein. So wartete er auf sie.
Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht überschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des seinen ohne Sinn und Ziel.
Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett und legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen.
»Kalekua.«
Die Pupille bog sich nach oben.
Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst.
»Die Königin . . .«
»Was --« Seine Stimme fuhr scharf auf.
Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war fort.
Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont. Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.
Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen, aber sie sagte: »Die Königin . . .« und vertiefte das Auge zu Boden.
Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.
Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von Fischen gestalteten, fahre.
Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier, das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.
Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.
Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen, Tiger und den Mond.
Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt. Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr ihr Entweichen.
Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum. Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks zurückkam aus dem Wald.
Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte:
»Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fraß.«
Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte ihm nicht.
Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den Triumph und das Genossene in sich und sagte:
»Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei. Sie gab wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist. Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.«
Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.
Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das Erdonnernde seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in seinem Körper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt.
Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme.
Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in die Täler. Aber fand sie nicht.
Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich noch tödlicher vertiefte.
Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb, die Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte, wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu Kalekua, das alles übertraf und nichtig machte neben sich.
Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden heftiger. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit gleichgefühlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles zurücklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben über das Erkennbare hinausgehenden Räuschen und Gefühlen.
Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls sprang.
Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er folgte ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts beugte er sich über ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes darübergehen.
Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu vermischen schienen.
Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das sie unsichtbar umscholl.
Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher beseelte) damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben herauszuströmen schien.
So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte, während die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.
Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht.
Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens leuchtend machte wie eine Qualle.
In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere trug schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den Himmel.
Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür.
Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig. Sie schrie:
»Laß mich!« -- und als er den zuckenden Leib fester faßte: »Die Königin . . . die Königin . . .« Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das Kinn.
Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte. »Rono«, sagte er.
Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine Felswand miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich hineingebohrt hatte. Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte sich vor die Hütte.
Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder. Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan.
Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott hinauf und herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus der Hütte heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur Liebe ein Lächeln unter den Augen trüge.
Aber Gott war taub.
Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und blieb still sitzen.
In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf.
Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend den Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang die Kette der Haifischzähne und küßte sie.
Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie zu halten.
Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott.
Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch hörte er ihre Stimme. »Sie ruft,« rief sie.
Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.
Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie über den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und blässer werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater verschweben.
Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch jagte ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht hatte, und über ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte, schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, daß es ihn entwirren solle:
»Ma . . . Ma --«
Aber auch dies war taub.
Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn, daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua verstrickt, daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein Gefühl.
Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte ihr.
Die Herzogin
Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand, sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu verlassen.
Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.
Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen und Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß der Vers ihr gefiele.
Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.
Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie zu sammeln.
Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern dünkte ihn zu hoch.
Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen.
Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn verhöhnte, im gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr Gesang dröhnte erzen durch die lange Gasse.
Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel, daß er, von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn prallend ins Dunkel zurück.
Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse, aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer und schlechten Dichter.
Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer Grimasse und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham und rief: »Sohn einer Hure.« Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein Messer in den Leib.
Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen, hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß Arme und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die Weiber im ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und sandten ihm Einladungen hinunter.
Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter.