Timur: Novellen

Part 2

Chapter 23,932 wordsPublic domain

Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die Frau.

Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme kreisend, davon.

Das Land war Neu-Seeland.

In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und ging hinunter.

In der Nacht fiel Frost.

In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen. Am vierten fuhren sie.

Sie fuhren nördlich.

Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren. Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.

Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus der Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte.

Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts Blickfeld blieb.

Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte. Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große Schildkröten schwammen langsam vorüber.

Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf denen weiße Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen ein Fest.

Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten, da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und dem Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich und stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick, noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin und in die Nähe von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund.

Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und Eingeborene mit Schwänzen.

Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er halbnackt vom Ufer zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter weichen Mandolinentönen.

Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.

Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte wie ein Geschoß die Schiffe auseinander.

Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.

Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur aus dem Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie warfen keine Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war.

Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in das warme Meer.

Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling. Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen, ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge. Er wußte nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste Boot herunter, sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die Dunkelheit, die ihn anzog, daß seine Pulse brannten.

Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom schwachen Geräusch ferner Brandung.

Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht hinein hob.

Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein er barst nicht.

Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er sprang mit einem riesigen Satz hinüber.

Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn.

Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelächter.

Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: »Rono . . . . Rono« -- und weiter kein Wort.

Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück.

»Welche Insel?« rief er mit der Sprache von O-Taheiti.

Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:

»Oahu«, sagten sie und starben schier.

Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. »Oahu«, sagte er und sah sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann fiel es zurück. Die Blicke faßten alles.

Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter Wille.

So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand.

Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte, stieg eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das Gesicht in den weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie ein Tier in das Land.

Da stoben die Eingeborenen in den Wald.

Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den Einzug der neuen spürend, folgte er ihnen.

Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn. Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz schwoll über den Wald und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der Blätter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es.

Er ging.

Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte.

Vor der Hütte stand ein Mädchen.

Als er kam, kniete sie nieder und flüsterte: »Rono.«

Er trat an sie heran und sagte: »Liebe mich.«

Sie war weiß wie eine Französin mit einem metallischen Schimmer der Haut. Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf.

Sie hob die Arme. In den Achselhöhlen saß kupferner Flaum. Ihre Haare waren tiefrot und glatt.

Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Hütte voll Erleben des zärtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so, als stürbe sie an ihm.

Er fragte sie, wie sie heiße.

Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua, weil sie dieser ähnlich war.

Aber nach wenigen Tagen bedrückte es ihn, daß er deren Erlebnis noch ungelöst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei Wochen durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur südlichen Küste. Dort hörte er, Kalekua sei gestorben, und dies erfüllte ihn mit Freude, denn nun schien ihm alles auf diese Frau übergegangen zu sein.

Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem schwarzen Lavafelsen, der die Bai überragte.

Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag ein Schiff lang draußen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehörte, die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden stieß. Sonst kamen keine Schiffe.

Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen hingen wie tanzende Seile in die See.

An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und führte ihn stundenweit. Sie bahnten sich durch Farrengestrüpp und Unterholz einen Weg. Spät kamen sie in eine Schlucht. Kalekua ließ seine Hand nicht frei. Plötzlich, nachdem sie unter überhängenden Felsen lang gegangen waren, traten sie hinaus.

Über ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Köpfe. Er sah auf der einen Seite der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstürzte, und trug ihn auf die andere Seite hinüber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal.

Kalekua sah fragend zu ihm auf.

Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: »Was willst du?«

Sie sagte: »Rono!« und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten zurück.

Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte und gingen scheu zurück.

Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl. Drei Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas tief hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl.

Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich geblaßtem Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und schien unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie schwebend empfand.

Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien. Ihr rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang:

Inoa o Mauae a Para, He aha matou auanei? O Mauae, te wahine horua nui, Wahine maheai pono. Tuu ra te Ravaia I ta wahine maheai, I pono wale ai te aina o orua. I ravaia te tane. I mahe ai te wahine. Mahe te ai na te ohua, I ai na te puari.

Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins Dickicht zurück.

Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren Haaren staken vier weiße Federn.

»Du hast die weißen Federn . . .«

»Es ist das Königszeichen.« Sie strich über sie.

Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald.

Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte seine Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus breiter Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den Wald wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel, schlaflos.

Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam des Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die seinen.

Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.

Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin. Sie hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich Schiffe und Matrosen am Strand. Jean François erstaunte, allein seine Sehnsucht ging nach Kalekua. Er vergaß alles darüber.

Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß, begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und der Küste wimmelten Boote.

Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war ein Missionar von den Schiffen.

»Warum tun sie das?«

Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht.

Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, »Rono« rufend.

Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.

Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den Himmel aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden Seiten. Sah darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand, die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehöre und er sich wieder darein zurückergieße wie an die weißen Glieder Kalekuas.

Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen.

Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte es vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe seines Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der Seele empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte und sagte es ihr.

Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: »Sie sind noch da, streifen und suchen die Königin.«

»Was willst du --.«

Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die versteckt sei, und zitterte vor ihm.

Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber er sah in ihre Augen und ließ sie gehen.

Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont. Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den Kopf zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.

Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.

Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es verächtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis erkläre sein Tun: daß so sein Drang und seine Art sei.

Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und warf ihn ins Admiralschiff.

Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte über sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den Zustand, in dem er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins empfand. Er hob eine Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte den Boden des Hauses und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand, und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück.

Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Aché stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über der Brust. Er kommandierte:

»Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt. Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die Versicherung bewundernder Freundschaft.«

Kurz danach kam Kalekua.

Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden sie auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.

Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François, und er bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge. Und sah sie fest an.

Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und Angst: »Ich will.«

Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war.

Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.

Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm und flüsterte: »Rono«. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf ihn traf, ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.

Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie:

»Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.«

Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus, kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte: »Komm.«

Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich.

Die Tür stand offen.

Das Meer brauste blau hinein.

Kalekua sah sich noch einmal um.

Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als die Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich aufwärts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da ging er vor ihnen her.

Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren den Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte seine Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine kleine Terrasse hinunter.

Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren.

Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren Röhren stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund.

Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein Rücken zitterte.

Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und hungerten danach.

Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen weh. Nirgendwoher kam ein Wind.

Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß die Schenkel wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und verkürzt leblos nach der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken hinabzog.

Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang. Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.

Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua trat vor ihn. Er fragte: »Kalekua? Am Ziel?« Sie drehte sich halb und sagte: »Der Priester, der das Kommende weiß,« und zog an seiner Hand. Sie waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein Gehäuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe.

Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte: »Zur Königin.«

Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte: »Was ist Rono?«