Timur: Novellen

Part 1

Chapter 13,863 wordsPublic domain

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Transcriber's Note: Text that was s p a c e d - o u t has been changed to _italics_. Double quotation marks have been encoded as » and «.

Timur

Novellen von Kasimir Edschmid

Kurt Wolff Verlag Leipzig

Geschrieben im Dezember neunzehnhundertfünfzehn und im folgenden April

_Viertes bis achtes Tausend_ Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916

Unsere harten Herzen halten wie Berge Bestand Nasreddin von Tus

Inhalt

Der Gott . . . . . . . . 1 Die Herzogin . . . . . . 73 Der Bezwinger . . . . . 143

Der Gott

Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: »Ma«. -- Dann losch sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem Gedächtnis. Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und lieh ihm wenig Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem Bauch und schrie aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein gesundes Kind.

Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus, den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.

Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch und minderes Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen an. Sie wies es zurück und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es pflegte, sagte es an einem Morgen: »Ma«.

Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die Dämmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.

Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt den Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort. An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und Kalkgrieß, der Anker hielt nicht.

Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.

Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand bevölkerte sich mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein Messer vor ihn hin und sagte: »Rono . . . Rono -- --«.

Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten Spanier ein. Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta erreichten.

Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean François jedoch vertrug die Luft der Höhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso.

Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da beschloß die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie kein Wort zu wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste Oahus entgegen.

Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean François' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes lag. Jean François begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte ab, als sie es ihm deutlich machen wollte.

Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land.

Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie stellte ihm große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben Abend.

Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen Haus. Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der er die anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.

In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre dünnen Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.

Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein und fuhr nach England.

Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland. Sie empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten ausgewählte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer erhöht ihnen zu, später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus.

Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in Cambridge, züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer Beherrschung dicht um ihn gelegt.

An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt, sich von der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener sah, der ihm den Brief überreichte.

Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute Zukunft, wie viele sagten.

Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am brennenden Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz öffnete sich nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewußt. Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn, dem Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt erleben ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm geringer das Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden.

Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr Reden war schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie mit einem Nachbar anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den Musiksaal strömte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr. Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich kenne Sie nicht«.

»Sie sollen es lernen,« sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp ihr Knie im Gehn mit dem seinen.

Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.

Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie ihm Geliebte wurde.

In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte, wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.

Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie fragte, wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte die Achseln.

»Was waren sie, Lieber?«

»Was soll die Frage, die nicht schön ist?« sagte er langsam.

»Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.«

Da drückte er die Ampel aus und sagte: »Eine Blumenverkäuferin von den Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .«

Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: »Keine hielt Sie in dieser Reihe?«

Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte sie sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres Mal.

Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich schlinge, sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und edel und weinte, die Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie.

Er ging den Morgen in die Themse und badete.

Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern. Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken, aus und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal.

Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam, und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein geöltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am Morgen kam er mit einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die Knochen wieder aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr lähmte der Alp seine Brust.

Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht. Am nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei.

Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge hinauf und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.

Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.

Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.

Er griff es, nahm es und lebte weiter.

Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch Straßen und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in das sie getreten war, hatte einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes Licht flammte davor. Die Fenster waren aus Ölpapier und erleuchtet.

Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat in einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.

Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach die Musik.

Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum. Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke. Ihre Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und glühend.

Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach Essig roch.

Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft strömte herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter der Luft, die wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze Straßenfront gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende des Tisches ein Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.

Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber.

Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte ihre schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr geschmiegt und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber. Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des Gegenübers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames Stück Börse wie einen Wurm heraus.

Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei.

Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit einem Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine leichte Verbeugung Jean François für seine Güte.

Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.

Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als einen Ausgleich und um -- zumal als Ausländer -- höflicher Handlung mit edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.

Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert, was er nicht selbst hätte erreichen können.

Doch auch der Fremde lächelte.

Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon zu spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre. Dann lächelte er wieder, Jean François' Erstaunen erwartend.

Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder, und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege . . . »Würden Sie. . .«

Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter Supracargo auf einem Schiff, das »Santa Cruz« hieß.

Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.

Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen auf seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François einschlug, sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber innerlich keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf keine Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.

Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren Rockschößen. Sie achteten nicht darauf.

Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. »Sie werden alles finden,« sagte der Fremde, »aber Sie dürfen nicht zögern.« Er verabschiedete sich, da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn ans Schiff.

Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter ihnen zusammen wie grauer Schaum.

Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François' Herz mit tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen, -- und bat um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm:

»Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt. Allein es trieb mich so.«

Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen und sagte: »Ich sehe, wer Sie sind.«

Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff Übergetretener, und von guter Erziehung.

Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden, bestimmt, Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume, und in einem falschen Boden standen hunderte Kübel.

Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck auf.

Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich tief.

Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.

Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte, nannte leise seinen Namen: »D'Aché,« und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten Raum.

Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein Mann geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er ließ mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war, dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet hatte, und der Graf sagte lächelnd:

»Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe dies auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen erwarte.

Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.«

Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .

Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.

Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.

Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé. In den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse großer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und rauchte.

Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang mit warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie hetzte ihn über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen die Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte:

»Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.«

Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: »Aber ich liebe das Spiel.«

Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.

Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.

Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf vorbei.

Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.

An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.

Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite.

Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und grün heranschwellend ans Meer.

Sie warfen Anker.

Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn, sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.

In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob die Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere grüßten ihn höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an. Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene, er berührte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean François befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.

Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von ihm.