Timon von Athen

Chapter 4

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Alcibiades. So vergebet mir dann, gnädige Herren, wenn ich wie ein Soldat spreche. Warum sind denn die Leute so albern und wagen ihr Leben in einem Treffen? Und warum erdulden sie nicht lieber alle Drohungen des Feindes, schlaffen ruhig dabey ein, und lassen sich von den Feinden, ohne Wiederstand, die Hälse abschneiden? Wenn im Erdulden eine so grosse Tapferkeit ist, was machen wir im Felde? So sind also unleugbar die Weiber, die zu Hause bleiben, tapfrer als wir; so ist der Esel dapfrer als der Löwe; ja ein Kerl der eine Last von Eisen auf dem Rüken trägt, ist weiser dann ein Rathsherr, wenn im Tragen Weisheit ligt. O, Milords, wie ihr groß seyd, so seyd auch gütig und mitleidig; wer kan nicht bey kaltem Blut das Vergehen eines heissen Bluts verdammen? Morden, ich gesteh es, ist das schwerste Verbrechen; aber zu seiner Vertheidigung--Bey allem was billig ist, dieses macht es gerecht. Sich seinem Zorn überlassen, ist Sünde; aber wo ist der Mann, der nicht zornig werden kan? Wägt das Verbrechen nur nach diesem ab.

2. Senator. Du verschwendest deinen Athem umsonst.

Alcibiades. Umsonst? Die Dienste, die er zu Byzanz und Lacedämon geleistet, sollten allein vermögend seyn, seine Begnadigung zu erbitten.

1. Senator. Was ist das?

Alcibiades. Ich sage, Milords, er hat gute Dienste gethan, und in der Schlacht manchen von euern Feinden erschlagen. Wie dapfer hielt er sich nur in dem lezten Treffen, und was für ergiebige Wunden macht' er nicht!

2. Senator. Er ist ein vollkommen lüderlicher Mensch; er hat noch eine andre böse Gewohnheit, die seine Dapferkeit oft in Wein ertränkt; wenn gleich keine Feinde wären, so wäre das allein genug, ihn zu übermannen. Man weiß, daß er in dergleichen viehischer Raserey die grösten Ausschweiffungen begangen, und Tumult angefangen hat. Es ist uns geklagt worden, seine Tage seyen unnüze, und seine im Trunk verbrausende Nächte gefährlich.

1. Senator. Er muß sterben.

Alcibiades. Hartes Schiksal! Er hätt' im Kriege sterben können. Milords, wenn euch seine eigne Verdienste nicht bewegen können, (obgleich sein rechter Arm seine Sache gut machen sollte, ohne jemand anderm etwas schuldig zu werden) so nehmt meine Verdienste zu den seinigen; und da ich weiß, daß euer ehrwürdiges Alter Sicherheit liebt, will ich euch meine Siege, meine Ehrenzeichen zum Pfand seiner Besserung geben. Wenn er dieses Verbrechens halben sein Leben dem Gesez schuldig ist, so laßt ihn's im Krieg auf eine dapfre Art in Wunden ausströmen; wenn das Gesez scharf ist, so ist es der Krieg nicht weniger.

1. Senator. Wir sind um des Gesezes willen da, er stirbt, treib es nicht weiter, bey den strengsten Folgen unsers Mißvergnügens; Freund oder Bruder, wer eines andern Blut vergießt, macht sich seines eignen verlustig.

Alcibiades. Muß es denn seyn? Es muß nicht seyn; Milords, ich bitte euch, mißkennt mich nicht.

2. Senator. Wie?

Alcibiades. Erinnert euch meiner!

3. Senator. Was?--

Alcibiades. Ich kan nicht anders als denken, euer Alter muß mich vergessen haben; es wäre sonst unmöglich, daß ich so verächtlich in euern Augen seyn sollte, um eine so gemeine Gnade zu bitten, und abgewiesen zu werden. Meine Wunden schmerzen mich um euertwillen.

1. Senator. Trozt ihr unserm Zorn--er braucht wenig Worte, aber die Würkung reicht weit--Wir verbannen dich auf ewig.

Alcibiades. Mich verbannen? Verbannt euern Aberwiz, verbannt den Wucher, die den Senat verachtenswürdig machen!

1. Senator. Wenn nach zween Tagen Athen dich noch enthält, so erwart' unser strengeres Urtheil. Und damit dein unmächtiger Stolz noch mehr aufschwelle, soll er diesen Augenblik hingerichtet werden.

(Sie gehen ab.)

Alcibiades. Die Götter lassen euch alt genug werden, daß ihr nur noch in Knochen lebet, und euer Anblik alle Welt verscheuche! Ich bin mehr als unsinnig; ich habe ihre Feinde von ihnen entfernt gehalten, indessen daß sie ihr Geld gezählt, und auf Wucher ausgeliehen haben; Wunden sind mein ganzer Gewinn dabey--Und alles das für diß? Ist das der Balsam, den der filzichte Senat in eines Feldherrn Wunden gießt? Ha! Verbannung! Doch es kommt nicht ungelegen; ich bin es zufrieden, verbannt zu seyn; es ist mir eine gerechte Ursache, Athen meine Wuth empfinden zu lassen. Ich will meine mißvergnügten Truppen aufmuntern, und alles aufs Spiel sezen. Es ist Ehre einzulegen, wenn man es mit einer überlegnen Anzahl aufnimmt. Soldaten schluken so wenig eine Beleidigung ein, als die Götter.

(Er geht ab.)

Siebende Scene. (Verwandelt sich in Timons Haus.) (Verschiedene Senatoren treten durch verschiedne Thüren auf.)

1. Senator. Guten Tag, mein Herr.

2. Senator. Ebenfalls; ich denke dieser würdige Edelmann sezte uns lezthin nur auf die Probe.

1. Senator. Ich dachte nur eben auch daran. Ich hoffe, es steht nicht so schlimm mit ihm, als er vorgab, wie er seine Freunde auf die Probe sezte.

2. Senator. Es sollte nicht seyn, wenn man von diesem neuen Banket schliessen darf.

1. Senator. Ich kan nicht anders denken; er hat mir eine ernstliche Einladung zugesandt, die ich wegen vieler nothwendiger Geschäfte gerne abgelehnt hätte; allein, er hat mich so anhaltend bitten lassen, daß ich kommen mußte.

2. Senator. Ich befand mich in gleichen Umständen, allein er wollte keine Entschuldigung gelten lassen. Es ist mir leid, daß ich nicht versehen war, wie er um Geld zu mir schikte.

1. Senator. Es verdrießt mich für meinen Theil nicht weniger, da ich nun merke, wie die Sachen stehen.

2. Senator. Es ist keiner hier, dem es nicht eben so ist, wie uns. Wie viel wollt' er von euch entlehnen?

1. Senator. Fünfzig Talente.

2. Senator. Fünfzig Talente?

1. Senator. Wie viel von euch?

2. Senator. Er schikte zu mir--Hier kommt er. (Timon tritt mit seinem Gefolg auf.)

Timon. Von Herzen willkommen, meine Herren beyderseits--und wie steht es?

1. Senator. Aufs allerbeste, da wir gute Zeitungen von Eu. Gnaden hören.

2. Senator. Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht williger, als wir Eu. Gnaden.

Timon (bey Seite.) Und verläßt den Winter nicht lieber; solche Sommer-Vögel sind die Menschen--Meine Herren, unsre Mahlzeit wird nicht werth seyn, daß wir so lange drauf warten; Tractirt indessen eure Ohren mit der Musik, wenn Trompeten-Schall nicht eine zu harte Speise für sie ist; wir werden uns gleich sezen können.

1. Senator. Ich hoffe Euer Gnaden werde keinen Unwillen gefaßt haben, daß ich euch einen leeren Boten zurükgeschikt habe.

Timon. O mein Herr, laßt euch das nicht beunruhigen.

2. Senator. Mein edler Lord--

Timon. Ah, mein guter Freund, wie gehts?

(Das Essen wird aufgetragen.)

2. Senator. Mein hochgeehrtester Herr, ich bin ganz krank vor Schaam, daß ich so ein unglüklicher Bettler war, als Euer Gnaden neulich zu mir schikte.

Timon. Denkt nicht an das, mein Herr.

2. Senator. Hättet ihr nur zwo Stunden eher geschikt--

Timon. Laßt euch das nicht von angenehmern Erinnerungen abhalten--He, stellt alles zugleich auf!

2. Senator (zum Ersten.) Lauter bedekte Schüsseln?

1. Senator. Ein Königliches Tractament, ich steh' euch dafür.

3. Senator. Daran ist kein Zweifel, was Geld und die Jahrszeit aufbringen können.

1. Senator. Wie befindet ihr euch? Was giebt's Neues?

2. Senator. Alcibiades ist aus der Stadt verwiesen worden.

1. Senator. Alcibiades verwiesen?

3. Senator. Es ist nichts gewissers.

1. Senator. Wie das? wie das?

2. Senator. Ich bitte euch, weswegen?

Timon. Meine würdigen Freunde, wollt ihr nicht näher kommen?

3. Senator. Ich will's euch sogleich sagen--Wir haben ein prächtiges Gastmahl vor uns.

2. Senator. Er ist noch immer der vorige Mann.

3. Senator. Wird es dauern? wird es dauern?

2. Senator. Es wird, wenn Zeit und Glük will, und so--

3. Senator. Ich versteh euch.

Timon. Ein jeder nehme seinen Plaz, so begierig, als ob er an die Lippen seiner Liebsten wollte; ihr werdet an allen Pläzen gleich gehalten werden. Macht nicht eine Stadt-Gasterey daraus, und laßt das Essen kalt werden, eh man einig werden kan, wer zu oberst sizen soll. Sezt euch, sezt euch! Die Götter fordern unsern Dank: "Ihr grossen Wohlthäter, besprengt unsre Gesellschaft mit Dankbarkeit. Macht, daß ihr für eure Gaben gepriesen werdet; aber behaltet immer etwas, das ihr geben könnt, sonst möchten Eure Gottheiten in Verachtung gerathen. Leihet einem jeden genug, damit keiner nöthig habe dem andern zu leihen; denn wenn Eure Gottheiten selbst dazu kämen, daß sie von Menschen entlehnen müßten, so würden die Menschen Atheisten seyn. Macht die Mahlzeit beliebter, als den der sie giebt. Laßt keine Versammlung von fünfzehn ohne eine Mandel Bösewichter seyn. Wenn zwölf Weiber an einem Tisch sizen, so laßt ein Duzend von ihnen seyn--was sie sind--den Rest eurer Feinde, o ihr Götter, die Senatoren von Athen, nebst der Grund-Suppe des übrigen Volks, zählet, ihr Götter, dem Verderben zu. Was diese meine Freunde betrift--So, wie sie für mich Nichts sind, so segnet sie auch mit Nichts, und zu Nichts sind sie mir willkommen."

(Man dekt auf, und alle Schüsseln sind mit Hunden von verschiedner Gattung angefüllt.)

Etliche von den Gästen. Was meynen Se. Gnaden damit?

Andre. Das weiß ich nicht.

Timon. Daß ihr nie keine bessere Mahlzeit sehet, ihr Maul-Freunde; Dampf und laues Wasser ist euer vollkommnes Ebenbild. Das ist Timons Leze. Lebt lang, und von aller Welt verabscheut, ihr glatten, lächelnden, verwünschten Schmarozer, ihr liebkosenden Zerstörer, schmeichlerische Wölfe, zahme Bären, ihr Glüks-Narren, Teller-Leker, und Fleisch-Fliegen, ihr Kopf- und Kniebeugenden Sclaven, daß alle ungezählten Krankheiten von Menschen und Vieh euch in diesem Augenblik überdeken! Wo gehst du hin! Sachte, nimm erst deine Arzney ein--du auch--und du --

(Er wirft die Teller nach ihnen, und jagt sie hinaus.)

Halt, ich will dir Geld leihen, ich will keines borgen. Wie? Alle in Bewegung? Von nun an sey kein Gastmahl, wo ein Bösewicht nicht willkommen sey! Brenn' auf den Grund ab, Haus; sink', Athen; und Timon hasse von nun an den Menschen, und alles was menschlich ist!

(Geht ab.)

(Die Senatoren kommen zurük.)

1. Senator. Wie gefällt euch das, Milords?

2. Senator. Kennt ihr die Beschaffenheit von Lord Timons Wuth?

3. Senator. Zum Henker, habt ihr meine Müze nicht gesehen?

4. Senator. Ich habe meinen Oberrok verlohren.

1. Senator. Lord Timon ist nichts bessers als ein Narr, er läßt sich lediglich durch die Laune regieren. Lezthin schenkt' er mir ein Kleinod, und nun hat er mir's von meiner Müze abgeworfen. Seht ihr mein Kleinod nicht?

2. Senator. Habt ihr meine Müze nicht gesehen?

3. Senator. Hier ist sie.

4. Senator. Hier ligt mein Rok.

1. Senator. Wir wollen uns nicht länger aufhalten.

2. Senator. Lord Timon ist verrükt.

3. Senator. Das fühl ich an meinen Beinen.

4. Senator. Den einen Tag giebt er uns Diamanten, und den andern Steine.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene. (Ein Plaz ausser den Mauern von Athen.) (Timon tritt auf.)

Timon. Laßt mich noch einmal nach euch zurüksehen, o ihr Mauern, die diese Wölfe umzingeln! Versink' in den Erdboden, Athen! ihr vermählten Frauen, werdet unkeusch! ihr Kinder empört euch wider eure Eltern, und Sclaven und wahnwizige mögen den ehrwürdigen grauen Senat von seinen Bänken reissen, und an ihrer Stelle den Staat regieren! Gieb dich der allgemeinen Unzucht Preiß, unreiffe Jungferschaft, thut es vor euerer Eltern Augen! haltet fest, ihr Bankerotierer; eh ihr den Rüken kehret, die Messer heraus, und schneidet euern Gläubigern die Kehlen ab! Stehlt, ihr Sclaven; euere ehrsamen Herren sind nur Diebe mit längern Händen, und stehlen unter dem Schuz der Geseze. In deines Herrn Bette, Mädchen; deine Frau ist im Bordell. Sechszehnjähriger Sohn, reiß deinem alten hinkenden Vater die Krüke aus der Hand, und schlag ihm damit das Hirn aus! Furcht und Mitleiden, Scheu vor den Göttern, Friede, Gerechtigkeit, Wahrheit, häusliche Zucht, Nacht-Ruhe, Nachbarschaft, Unterricht, Sitten, Religions-Gebräuche, Unterschied der Stände, Herkommen, Gewohnheiten und Geseze, artet in euer zerrüttendes Gegentheil aus, und nichts als die Zerrüttung bestehe!--Ihr Plagen alle, deren der Mensch fähig ist, häuffet eure gährenden anstekenden Fieber über Athen zusammen; es ist reif zum Untergang! Du kalte Gicht, mach' unsre Rathsherren zu Krüppeln, damit ihre Glieder so lahm seyn mögen als ihre Aufführung! Zaumlose Ueppigkeit und wilde Frechheit kriech in die Herzen und in das Mark unsrer Jugend, daß sie dem Strom der Tugend entgegen arbeiten, und sich selbst in Ruchlosigkeit ertränken! Kräze und Eyterbeulen überdeken jeden Atheniensischen Busen, und ihr Kropf sey lauter Aussaz; ein Athem steke den andern an, damit ihre Gesellschaft (wie ihre Freundschaft) durch und durch vergiftet sey. Nichts will ich aus dir hinaustragen als Naktheit, du abscheuliche Stadt! Nimm noch, mit vervielfachten Flüchen, diese Versicherung: Timon will in den Wald, wo er die wildesten Thiere milder als den Menschen finden wird. Die Götter verderben (o hört mich, ihr guten Götter alle!) die Athenienser inner- und ausserhalb ihrer Mauern, und verleihen, daß mit jedem Tage seines Lebens Timons Haß gegen das ganze Geschlecht der Menschen wachse!

(Geht ab.)

Zweyte Scene. (Verwandelt sich in Timons Haus.) (Flavius mit zween oder dreyen Bedienten.)

1. Bedienter. Hört ihr, guter Herr Verwalter, wo ist unser Herr? Sind wir verdorben, ist alles aus, ist nichts übrig?

Flavius. Ach, meine lieben Cameraden, was soll ich euch sagen? So wahr als ich wünsche, daß die wohlthätigen Götter sich meiner erinnern, ich bin so arm als ihr.

1. Bedienter. Daß ein solches Haus gebrochen, ein so edler Herr gefallen seyn soll! Alles hin! und nicht ein einziger Freund, der ihm in seinem Unglük unter die Arme greiffe?

2. Bedienter. Wie wir uns von einem Bekannten wegwenden, der in sein Grab gesenkt worden, so schleichen seine Freunde von seinem begrabnen Glüksstand alle hinweg, hinterlassen ihm ihre treulosen Schwüre und Versprechungen; und er selbst, ein dem freyen Himmel preißgegebner Bettler, mit einem Uebel das alle Welt von ihm scheucht, mit Dürftigkeit behaftet, geht, bleibt, gleich der Verachtung, allein.-- Noch mehr von unsern Cameraden. (Es treten noch einige Bediente auf.)

Flavius. Lauter zerbrochnes Geräthe eines zerstörten Hauses!

3. Bedienter. Doch tragen unsre Herzen noch Timons Liverey, das seh' ich in euer aller Gesicht. Wir sind noch alle Cameraden, die, da sie ihrem Herrn sonst nichts mehr dienen können, ihre Treu durch ihren Kummer zeigen. Unsre Barke ist lek, und wir armen Tropfen stehen auf dem sinkenden Verdek, und hören die Wellen dräuen; wir müssen alle in dem Meer der weiten Luft, jeder so gut er kan, seine Rettung suchen.

Flavius. Meine guten Cameraden, ich will das äusserste meines Vermögens mit euch theilen. Wo wir uns jemals wieder antreffen, wollen wir, um Timons willen, immer gute Freunde seyn, unsre Köpfe schütteln, und sagen: Wir haben bessere Tage gesehen. Jeder nehme seinen Antheil; nein, streket alle eure Hände aus--Kein Wort mehr --

(Er giebt ihnen Geld, sie umarmen einander und scheiden, der eine diesen, der andre einen andern Weg.)

Wer wollte sich Reichthum wünschen, wenn Reichthum in Elend und Verachtung aufhört? Wer wollte (nach diesem Beyspiel,) sich durch einen Traum von schimmerndem Glük und Freundschaft täuschen lassen? Durch ein Gepränge von Herrlichkeit und Wohlleben, aber alles nur gemahlt, wie diese gefirnißten Freunde! Mein armer redlicher Herr! durch sein eignes gutes Herz so weit herunter gebracht! Durch Güte zu Grunde gerichtet! Wie seltsam, daß zuviel Güte eines Menschen gröste Sünde seyn soll! Unbegränzte Güte macht Götter, und verderbt Menschen--Mein theurester Herr, einst so glüklich um desto elender, so reich um desto dürftiger zu seyn; dein grosser Wohlstand ist die Gelegenheit zu deinen grösten Widerwärtigkeiten worden! Ach! der gütige Herr! Er ist in Wuth aus dem undankbaren Siz unnatürlicher Freunde geflohen, und hat nichts mit sich genommen, was sein Leben unterhalten, oder diesen Unterhalt verschaffen kan. Ich will ihm folgen und ihn aufsuchen; ich will ihm um seines Herzens willen immer mit bestem Willen dienen, und, so lang ich Gold habe, immer sein Verwalter bleiben.

(Er geht ab.)

Dritte Scene. (Der Wald.) (Timon tritt auf.)

Timon. O Sonne, Quelle der segensvollesten Einflüsse, ziehe faule Dünste aus der Erde, und vergifte die Luft unter deiner Schwester Kreis-- Zwillings-Brüder, zugleich gezeugt, von einer Mutter gebohren und gesäugt, sind im Glüke getheilt. Der Grössere verschmäht den Kleinern. Die menschliche Natur selbst, sie, die von so unzählbaren Uebeln belagert wird, kan zu keinem grossen Glüke kommen, ohne sich ihrer selbst zu schämen. Erhebt mir diesen Bettler und zieht mir diesen Lord aus, so wird der Lord so verachtet seyn, als ob er zum Bettler gebohren worden wäre, und der Bettler geehrt werden, als ob er kein gebohrner Bettler wäre. Es ist die Weide, die des Widders Seiten spikt, und der Mangel, der ihn mager macht. Wo ist der, dem die Aufrichtigkeit seiner eignen unverfälschten Seele den Muth giebt aufzustehen, und zu sagen: Dieser Mann ist ein Schmeichler? Wenn einer es ist, sind es alle; denn jede Stuffe des Glüks findt ihre Schmeichler eine Stuffe niedriger; der gelehrte Kopf bükt sich vor dem goldnen Narren; alles ist krumm, es ist nichts gerades in unsrer verfluchten Natur, als unverbesserliche Büberey. So sey dann alle Gesellschaft und alle Gemeinschaft mit Menschen von mir verabscheut! Alle von seiner Gattung, ja sich selbst hasset Timon. Verderben über das ganze Menschen-Geschlecht!--Erde, gieb mir Wurzeln.

(Er gräbt die Erde auf.)

Wer etwas bessers von dir begehrt, dem würze den Rachen mit deinem würksamsten Gifte!--Was ist hier! Gold! gelbes, blinkendes, feines Gold? Nein, ihr Götter, das verlangt' ich nicht von euch; Wurzeln, gütiger Himmel! Nur so viel von diesem hier ist genug, weiß, schwarz; schön, häßlich; unrecht, recht; niederträchtig, edel; ein altes Gesicht, jung; und eine feige Memme, tapfer zu machen. Ihr Götter, wozu das? warum das? Ihr Götter! wie, das kan eure Priester von eurer Seite loken, und Leute mit frischem Herzen ins Grab befördern; dieser gelbe Sclave kan geheiligte Bündnisse zusammenkütten und auflösen; dem Verfluchten Segnungen, und dem grindigen Aussaz Anbetung zuziehen; Diebe zu Ehrenstellen erheben und ihnen neben den Senatoren, Titel, Kniebeugungen und Beyfall geben: Diß ist's, was die bekümmerte Wittwe wieder freyen macht, und was einer von Geschwüren und Krebsschäden zerfressenen Candidatin des Siechenhauses, durch seine balsamische Kraft die frische Anmuth der Jugendblüthe wieder giebt. Komm, du verdammte Erde, du gemeine Meze des menschlichen Geschlechts, die so viel Lermens unter der Rotte der Nationen macht--

(Man hört von fern einen Marsch.)

Ha, eine Trummel--Du bist sehr lebendig, aber ich will dich doch begraben; wenn deine podagrische Besizer nicht mehr stehen, kanst du noch davon lauffen--Doch nein, bleib noch ein wenig da, ich will dich für Handgeld gebrauchen.

(Er stekt eine Anzahl Goldstüke zu sich.)

Vierte Scene. (Alcibiades zieht auf eine kriegrische Weise mit Trummel und Pfeiffen auf; und Phrynia und Timandra.)

Alcibiades. Wer bist du hier? Sprich!

Timon. Eine Bestie, wie du bist. Daß der Krebs dein Herz dafür durchfresse, daß du mir wieder ein menschliches Gesicht zu sehen giebst!

Alcibiades. Wie ist dein Name? Ist der Mensch dir so verhaßt, und du bist selbst ein Mensch?

Timon. Ich bin Misanthropos, und hasse das menschliche Geschlecht. Was dich betrift, so wünscht' ich, du wär'st ein Hund, damit ich dich ein wenig lieben könnte.

Alcibiades. Ich kenne dich wol; aber was für Unfälle dir zugestossen seyn müssen, davon weiß ich nichts.

Timon. Ich kenne dich auch, und verlange nicht mehr von dir zu wissen, als ich weiß; zieh deiner Trummel nach, färbe den Boden mit Menschen- Blut; roth, roth;--Religions-Gebräuche, bürgerliche Geseze sind grausam, was soll dann der Krieg seyn? Diese faule Meze hier hat mit allen ihren Cherubin-Bliken mehr Zerstörung in sich als dein Schwerdt.

Phrynia. Daß dir die Lippen verfaulen!

Timon. Das könnte nur begegnen wenn ich dich küßte, und das will ich nicht.

Alcibiades. Wie kam der edle Timon zu diesem Wechsel?

Timon. Wie der Mond, weil er kein Licht mehr zu geben hatte; aber ich konnte mich nicht wieder erneuern wie der Mond, denn es waren keine Sonnen da, von denen ich hätte borgen können.

Alcibiades. Edler Timon, was für Freundschaft kan ich dir erweisen?

Timon. Keine, als mich in meiner Meynung zu bestärken.

Alcibiades. Was ist diese, Timon?

Timon. Mir Freundschaft zu versprechen, und keine zu halten. Wenn du mir keine versprechen willst, so verderben dich die Götter! denn du bist ein Mensch; und wenn du sie hältst, so sollen sie dich gleichfalls verderben, denn du bist ein Mensch.

Alcibiades. Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Unglüksfällen zu Ohren gekommen.

Timon. Du sahst sie, wie ich im Wohlstand saß.

Alcibiades. Ich seh sie izt, damals war eine glükliche Zeit.

Timon. Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.

Timandra. Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel rühmliches sagte?

Timon. Bist du Timandra?

Timandra. Ja.

Timon. Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen; häng ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebüßt haben; mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die Sclaven zu Schwiz-Kästen und Bädern, bring die rosenwangichte Jugend zur Hunger-Cur*, und zur Diät.

{ed.-* (Tub-Fast), (Tonne-Fasten) im Englischen. Der Autor zielt auf die Venerische Seuche und ihre Würkungen. Die Cur derselben wurde in damaligen Zeiten entweder durch (Guaiacum), oder Mercurialische Salben gemacht; und in beyden Fällen wurde der Patient sehr warm und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schweiß befördert werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erkälte, welches gefährlich war. Das Regimen beym Gebrauch des (Guaiacum), oder (Lignum Sanctum) (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney- Kunst, 2. Theil, S. 380.) war anfangs mit ausserordentlichen Umständen begleitet, und so strenge, daß der Patient in ein enges dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen möchte; und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt, der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt. Wisemann sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der anderwärts üblichen Keller, Bak-Ofen, u. d. gl. einer Tonne bedient. Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreyßig Tage fortgesezt, wie er S. 375. bemerkt, und während dieser ganzen Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig. Daher dann das Wort (Tub-Fast.) Warbürton. ** Ein Provinzial-Wort für das Englische (Slut), für welches dem Uebersezer kein hochdeutsches Wort bekannt ist.}

Timandra. An den Galgen, du Ungeheuer.

Alcibiades. Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwärtigkeiten haben seinen Verstand überwältiget. Ich habe nur wenig Geld übrig, wakrer Timon, und der Mangel daran verursacht täglichen Aufruhr unter meiner abgemergelten Kriegs-Schaar. Ich hörte mit Bekümmerniß, wie das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und deine Reichthümer, von ihren Nachbarn mit Füssen zertreten worden wären --

Timon. Ich bitte dich, laß deine Trummel rühren, und geh' deines Wegs.

Alcibiades. Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster Timon.

Timon. Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich wollte lieber allein seyn.

Alcibiades. Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.

Timon. Behalt es, ich kan es nicht essen.

Alcibiades. Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe --

Timon. Ziehst du gegen Athen?

Alcibiades. Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.