Timon von Athen

Chapter 3

Chapter 33,659 wordsPublic domain

Timon. Ich will euch an verschiedne Orte schiken; Ihr zu Milord Lucius-- ihr zu Lord Lucullus, mit dem ich heut auf der Jagd war--ihr zu Sempronius; empfehlt mich ihrer Freundschaft; sagt ihnen, ich sey stolz darauf, daß ich endlich Gelegenheit finde, ihre Beyhülfe in einem mir zugestoßnen Geldmangel gebrauchen zu können; begehrt fünfzig Talente.

Flaminius. Nach Euer Gnaden Befehl.

(Flaminius und Bediente gehen ab.)

Flavius (bey seite.) Lord Lucius und Lucullus! Hum!

Timon. Ihr, mein Herr, geht zu den Senatoren, von denen ich, mit des Staats gröstem Vortheil, eine solche Gefälligkeit wohl verdient habe: Sagt ihnen, sie möchten mir augenbliklich tausend Talente schiken.

Flavius. Ich bin so kühn gewesen, (weil ich wußte, daß dieses der gewöhnlichste Weg ist) euern Namen und euer Sigel zu einem solchen Ansuchen bereits zu gebrauchen; allein, sie schüttelten die Köpfe, und ich kam nicht reicher zurük.

Timon. Was sagst du? Ist das wahr? Ist's möglich?

Flavius. Sie antworteten alle aus einem Mund und mit einer vereinigten Stimme, sie seyen eben nicht versehen, sie brauchten Geld, könnten nicht thun was sie wollten; es sey ihnen leid--Ihr seyt ein Mann von Verdiensten--Aber doch möchten sie gewünscht haben--Sie wissen nicht--Es hätte etwas anders seyn mögen--ein edles Naturell könne sich verschlimmern--Wäre zu wünschen es wär' alles gut--Sey zu bedauren--Und hiemit geriethen sie über andre ernsthafte Materien, nachdem sie mich durch unfreundliche Blike und diese harten Brüche, mit gewissen halben Winken, und einem kaltsinnigen Kopfniken, zu erstarrendem Stillschweigen gebracht hatten.

Timon. Ihr Götter, vergeltet's ihnen!--Ich bitte dich, Mann, sey ruhig! Die Undankbarkeit ist bey diesen alten Gesellen etwas natürliches. Ihr Blut ist geronnen, es ist kalt, es fließt selten; der Mangel an freundlicher Wärme macht sie unfreundlich; die Natur, so wie sie nach und nach zur Erde herab sinkt, nimmt auch ihre Eigenschaften an, und wird schwer und unempfindlich. Geh zum Ventidius--Ich bitte dich, sey nicht traurig, du bist redlich und ohne Falsch; ich spreche von Herzen: Es ist nichts an dir auszusezen--Ventidius hat kürzlich seinen Vater begraben, durch dessen Tod er zu einem grossen Vermögen gekommen ist; wie er arm, im Gefängniß, und von jedermann verlassen war, half ich ihm mit fünf Talenten aus der Noth. Grüß' ihn in meinem Namen; sag ihm, irgend ein dringendes Bedürfniß sey seinem guten Freunde zugestossen, welches ihn nöthige sich dieser fünf Talente zu erinnern. Wenn du sie hast, so gieb sie diesen Leuten, die diesen Augenblik ihre Bezahlung fordern. Sage nur niemals, und denk' es auch nicht, daß Timons Glüksstand mitten unter seinen Freunden, einsinken könne.

(Er geht ab.)

Flavius. Wollte Gott, ich könnt' es nicht denken! Wie geneigt ist ein edles und gütiges Herz, alle andern auch dafür zu halten.

(Er geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene. (Des Lucullus Haus in Athen.) (Flaminius wartet auf Antwort, um vorgelassen zu werden; ein Bedienter kommt zu ihm.)

Bedienter. Ich hab euch bey meinem gnädigen Herrn angemeldt; er kommt eben selbst herab.

Flaminius. Ich danke euch. (Lucullus tritt auf.)

Bedienter. Hier ist Milord.

Lucullus. Einer von Lord Timons Leuten? ein Präsent, denk' ich; nun, es trift recht artig zu; ich träumte diese Nacht von einem silbernen Handbeken und einer Gießkannen. Flaminius, ehrlicher Flaminius, ihr seyd recht besonders willkommen, mein Herr;--(bringt mir einen Becher mit Wein)--Und wie befindet sich dann der würdigste, vollkommenste, großmüthigste Edelmann in ganz Athen, dein sehr gütiger lieber Herr und Meister?

Flaminius. Er ist ganz wohl auf, was seine Gesundheit betrift.

Lucullus. Nun das freut mich ja recht, daß er wohl auf ist--und was hast du hier unter deinem Mantel, mein lieber Flaminius?

Flaminius. Mein Treue, nichts als einen leeren Beutel, Gnädiger Herr, Euer Gnaden zu bitten, daß ihr ihn aus Freundschaft für meinen Herrn füllen möchtet; der, da ihm eben eine dringende Noth zugestossen, mich zu Euer Gnaden geschikt hat, mit Bitte, ihm mit fünfzig Talenten auszuhelfen; nicht zweiflend, daß ihr ihm eure schleunige Beyhülfe nicht versagen werdet.

Lucullus. La, la, la, la,--Nicht zweiflend, sagt ihr? Ach, leider! der gute Herr, er ist ein wakrer Edelmann, das ist wahr; wenn er nur nicht eine so kostbare Haushaltung führte. Ich hab' oft und viel mit ihm zu Mittag gegessen, und es ihm gesagt, und bin wieder zum Nachtessen zu ihm gekommen, um es zu wiederholen, daß er seine Ausgaben einschränken sollte: Allein er wollte nie keinen guten Rath annehmen, und ließ sich meine Besuche nicht zur Warnung dienen. Jedermann hat seine Fehler, der seinige ist zuviel Ehrlichkeit. Ich hab' es ihm oft gesagt, aber ich konnte nie was über ihn erhalten. (Ein Bedienter kommt mit Wein.)

Bedienter. Gnädiger Herr, hier ist der Wein.

Lucullus. Flaminius, ich habe dich allezeit für einen verständigen jungen Menschen gehalten;--Auf deine Gesundheit!

Flaminius. Ich danke Euer Gnaden.

Lucullus. Ich hab immer bemerkt, daß du einen muntern fertigen Kopf hast, und daß du gescheidt genug bist, dich selbst nicht zu vergessen, und dich der Zeit zu bedienen, wenn sie dir Gelegenheit dazu giebt. Du hast hübsche Gaben--

(Zu seinem Bedienten)

Geh deines Weges, Schurke--Komm näher, ehrlicher Flaminius; dein Herr ist ein gütiger Edelmann, aber du bist verständig, und begreifst wol, (ob du gleich zu mir gekommen bist,) daß es izt keine Zeit ist Geld auszuleihen, zumal auf blosse Freundschaft, ohne Sicherheit. Hier hast du drey Goldgulden, mein guter Junge; verstehe mich wol, und sage deinem Herrn, du habest mich nicht gesehen. Lebe wohl.

Flaminius. Ist's möglich, daß die Welt sich in so kurzer Zeit so verändert hat? Weg, verdammte Niederträchtigkeit,

(er schmeißt das Geld weg)

geh' zu dem, dessen Abgott du bist.

Lucullus. Ha! Nun seh' ich daß du auch ein Narr bist, und wol zu deinem Herrn taugst.

(Lucullus geht ab.)

Flaminius. Möge geschmolznes Geld deine Strafe in der Hölle seyn, und diese Goldstüke zu den übrigen kommen, die dir glühend in den Rachen gegossen werden sollen, du verfluchter Heuchler von einem Freund-- Hat Freundschaft ein so schwaches milchichtes Herz, das in weniger als zwo Nächten gerinnt? O ihr Götter, ich fühle den Zorn, worinn dieses meinen Herrn sezen wird. Dieser Nichtswürdige hat in diesem Augenblik noch meines Herren Mahlzeit im Leibe! Laßt es, anstatt ihn zu nähren, sich in Gall und Gift verwandeln! Laßt es nichts als Krankheiten in ihm zeugen, und wenn er auf den Tod darnieder ligt, o! so laßt jedes Theilchen von Nahrungssaft, wofür mein Herr bezahlt hat, aller seiner heilsamen Kraft beraubt, zu nichts anderm dienen als durch langsame Pein seine lezte Stunde zu verzögern!

(Geht ab.)

Zweyte Scene. (Eine öffentliche Strasse.) (Lucius tritt mit dreyen Fremden auf.)

Lucius. Wer? der Lord Timon? Er ist mein sehr guter Freund, und ein würdiger Edelmann.

1. Fremder. Wir kennen ihn nicht anders, ob wir ihm gleich unbekannt sind. Aber ich kan euch soviel sagen, Milord, und ich hab' es von dem allgemeinen Gerüchte, daß Lord Timons glükliche Tage vorbey sind, und daß er sich in schlimmen Umständen befindet.

Lucius. Ey, nein, glaubt das nicht! Es kan ihm nicht an Gelde fehlen.

2. Fremder. Seyd versichert, Milord, es ist noch nicht lange, so war einer von seinen Leuten bey dem Lord Lucullus, und wollte fünfzig Talente von ihm entlehnen; er betrieb es ungemein, und machte die Noth sehr dringend, und doch wurd' es ihm abgeschlagen.

Lucius. Wie?

2. Fremder. Was ich euch sage, abgeschlagen, Milord!

Lucius. Das ist ein seltsamer Zufall! Nun, bey den Göttern! ich schäme mich für den Lucullus. Einem so angesehnen wakern Mann abzuschlagen! Er hat sehr wenig Ehre davon, wahrhaftig. Was mich betrift so muß ich bekennen, ich habe einige kleine Höflichkeiten von ihm empfangen, Geld, Silbergeschirr, Juweelen und dergleichen Kleinigkeiten, die in der That in keinen Vergleich mit demjenigen kommen, was Lucullus von ihm hat; aber hätt er ihn vorbeygegangen und zu mir geschikt, ich wollt ihm gewiß fünfzig Talente nicht abgeschlagen haben, ob die Summe gleich nicht gering ist. (Servilius zu den Vorigen.)

Servilius. Zu gutem Glük, find' ich hier den Lord Lucius; ich sucht' ihn schon in der ganzen Stadt--Gnädiger Herr!

Lucius. Servilius! Es freut mich euch zu sehen. Lebt wohl, empfehlt mich euerm würdigen, tugendhaften Herrn, meinem sehr werthen Freund.

Servilius. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, mein Herr schikte--

Lucius. Ha! was schikt er? Ich bin euerm Herrn schon so viel verpflichtet, er schikt immer: Wie kan ich ihm meine Erkenntlichkeit bezeugen, meynst du? Und was schikt er mir dann?

Servilius. Er schikt Euer Gnaden nur seinen Gruß, mit Bitte, ihm wegen einem dringenden Anlas der ihm zugestossen, mit fünfzig Talenten auszuhelfen.

Lucius. Ich weiß, daß Se. Gnaden nur Scherz mit mir treibt; es kan ihm nicht an fünfzigmal fünfhundert Talenten fehlen.

Servilius. Indessen fehlt es ihm doch dißmal an einer viel kleinern Summe, Gnädiger Herr. Wenn er sie nicht so nothwendig brauchte, würd' ich nicht halb so eifrig mich darum bewerben.

Lucius. Sprichst du im Ernst, Servilius?

Servilius. Bey meiner Seele, Milord, es ist Ernst.

Lucius. Was für ein verwünschtes dummes Thier war ich, daß ich mich auf eine so gute Gelegenheit so sehr an Geld entblößt habe, wo ich hätte zeigen können, daß ich ein Mann bin, der auf Ehre hält! Wie unglüklich es doch zutreffen muß, daß er mich gerad in einer Zeit auf die Probe sezt, da ich ausser Stand bin--In der That, Servilius, bey den Göttern, ich bin ausser Stand--(ein desto dummeres Vieh, sag ich) Ich wollte diesen Augenblik selbst zum Lord Timon schiken, und ihn um eine Summe Gelds ansprechen, diese Herren können Zeugschaft geben: Aber izt wollt' ich nicht um alles Geld in Athen, daß ich es gethan hätte. Empfehlt mich Sr. Gnaden zu geneigtem Wohlwollen, und ich hoffe, Se. Gnaden werde keine schlimmere Meynung deßwegen von mir fassen, weil ich nicht im Stande bin, ihm meine Dienstwilligkeit zu zeigen. Und sagt ihm in meinem Namen, ich rechne es unter meine grösten Widerwärtigkeiten, daß ich einem so würdigen Edelmann nicht zu Gefallen seyn könne. Mein guter Servilius, wollt ihr so viel Freundschaft für mich haben, und ihm meine eignen Worte hinterbringen?

Servilius. Ja, Herr, ich will.

(Servilius geht ab.)

Lucius. Ich will euch eine ziemliche Streke nachsehen, Servilius--Es ist, wie ihr sagtet; Timon ist hin, in der That; wer kan helfen? Euer Diener, meine Herren.

(Er geht ab.)

1. Fremder. Merkt ihr das, Hostilius?

2. Fremder. Nur gar zu wohl.

1. Fremder. Das ist der Lauf der Welt; so denken alle Schmeichler: Wer kan den seinen Freund nennen, der in Eine Schüssel mit ihm taucht? Denn, wie mir bekannt ist, war Lord Timon wie ein Vater zu diesem Herrn; er unterhielt seinen Credit und seine Haushaltung aus seinem Beutel, und bezahlte sogar seinen Bedienten ihren Lohn. Er trinkt nie, ohne daß Timons Silber seine Lippen drükt; und dennoch--o! was für ein Ungeheuer ist der Mensch, wenn er aus einer undankbaren Gestalt hervorgukt! Er schlägt ihm ab, was gutthätige Leute Bettlern nicht versagen.

3. Fremder. Die Menschlichkeit schauert vor einer solchen Gefühllosigkeit.

1. Fremder. Was mich betrift, so hab' ich in meinem Leben niemals die geringste Gutthat von Timon genossen, die mich vor andern verbände, sein Freund zu seyn; und doch versichre ich, um seines edeln und wohlthätigen Gemüths willen, und aus Hochachtung für seine Tugend, wollt' ich ihm die Helfte meines Vermögens geschenkt haben, wenn er sich in seinem Bedürfniß an mich gewendet hätte, so sehr lieb' ich sein Herz; allein, so wie die Welt geht, muß man sein Mitleiden zurükhalten lernen; denn Klugheit geht über Gewissen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene. (Ein dritter Bedienter des Timon mit Sempronius.)

Sempronius. Mußt' er denn gerade mich damit beunruhigen? Vor allen andern? Er hätt' es bey Lord Lucius oder Lucullus versuchen können, und nun ist auch Ventidius reich, den er aus dem Gefängniß erledigt hat; alle diese drey haben ihm ihr Vermögen zu danken.

Bedienter. O Gnädiger Herr, sie sind alle auf die Probe gesezt und falsch befunden worden; sie haben ihn alle abgewiesen.

Sempronius. Wie? Abgewiesen? Ventidius und Lucullus, beyde ihn abgewiesen? Und nun schikt er zu mir? Drey! hum--Es zeigt wenig Freundschaft oder Vernunft auf seiner Seite an. Muß ich seine lezte Zuflucht seyn? Seine Freunde, die gleich Aerzten sich auf seine Unkosten bereichert haben, geben ihn au? Muß ich nun die Cur übernehmen? er hat mir eine schlechte Ehre damit angethan; es verdrießt mich, er hätte wol wissen können, wer ich bin; ich kan keinen Grund erdenken, warum er nicht zuerst an mich gekommen ist, wenn er jemands Hülfe nöthig hatte. Auf mein Gewissen, ich war der erste unter allen die iemals Gutes von ihm genossen haben; und denkt er denn so unbillig von mir, daß ich der lezte seyn werde, es wett zu machen? Es wird allen übrigen eine Materie zum Lachen geben, und ich werde der Narr unter dem Atheniensischen Adel seyn. Ich wollte dreymal so viel als er von mir verlangt darum geben, er hätte zu mir zuerst geschikt, wenn es auch nur gewesen wäre, um meiner Gemüthsart Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; ich wäre so geneigt gewesen ihm Gutes zu thun. Aber so geh' nur wieder heim, und seze zu den abschlägigen Antworten der übrigen, in meinem Namen, noch dieses hinzu: Wer meiner Ehre zu nahe tritt, soll nimmermehr mein Geld zu sehen kriegen.

(Er geht ab.)

Bedienter. Vortreflich! Euer Gnaden ist ein feiner Spizbube. Der Teufel wußte gewiß nicht was er that, wie er die Leute politisch machte; er schadete sich selbst dadurch; und ich kan nichts anders als glauben, am Ende werden sie ihn selbst mit ihren Schelmenstreichen zum Narren machen.--Das waren nun diejenigen, auf die mein Herr seine besten Hoffnungen gesezt hatte; nun sind alle zurükgetreten, und ausser den Göttern bleibt ihm niemand übrig. Seine Freunde sind todt. Thüren, die so manches glükliche Jahr her nie mit ihren Schlössern bekannt worden, müssen nun gebraucht werden, ihren Herrn vor dem Ungestüm seiner Glaubiger sicher zu stellen. Das ist alles, was er von seiner Freygebigkeit davon trägt!

(Er geht ab.)

Vierte Scene. (Verwandelt sich in Timons Vorhaus.) (Varro, Titus, Hortensius, Caphis, und andre Bediente von Timons Gläubigern treten auf, um auf sein Ausgehen zu warten.)

Varro. Treffen wir uns hier an? Guten Morgen, Titus und Hortensius.

Titus. Ebenmässig, mein werther Varro.

Hortensius. Caphis, sehen wir einander auch hier?

Caphis. Ich denke wir haben alle einerley Verrichtung. Die meinige ist, Geld zu fordern.

Titus. Das ist die unsrige auch. (Philo zu den Vorigen.)

Caphis. Da kommt auch Herr Philo.

Philo. Guten Tag allerseits.

Caphis. Willkommen, Bruder. Wie viel, denkt ihr, ist es an der Zeit?

Philo. Nicht weit von neun Uhr.

Caphis. Schon so viel?

Philo. Hat sich Milord noch nicht sehen lassen?

Caphis. Noch nicht.

Philo. Das wundert mich, er pflegte sonst um sieben Uhr schon zu scheinen.

Caphis. Ja, aber die Tage haben bey ihm abgenommen; ihr müßt bedenken, daß der Lauf eines Verschwenders dem Sonnenlauf gleich ist, aber ich fürchte mit dem Unterscheid, daß er nicht wieder von vornen anfangt. Es ist tiefster Winter in Timons Sekel; das ist, es mag einer tief genug hinunter langen, und doch nicht viel finden.

Philo. Das besorg' ich auch.

Titus. Ihr könnt bey dieser Gelegenheit eine feine Beobachtung machen: Euer Herr hat euch geschikt, den Timon um Geld anzufodern.

Hortensius. So ist's.

Titus. Und er trägt in diesem Augenblik Juweelen, die ihm Timon geschenkt hat, wofür ich die Bezahlung fordern soll.

Hortensius. Ich thue es ungern genug.

Caphis. Das ist seltsam, daß Timon mehr bezahlen soll, als er schuldig ist; und es kommt eben so heraus, als ob euer Herr kostbare Kleinode trüge, und schikte um Geld dafür.

Hortensius. Die Götter sind meine Zeugen, daß mich diese Verrichtung recht sauer ankommt; ich weiß, mein Herr hat dem Timon geholfen, sein Vermögen durchzubringen; seine Undankbarkeit macht, daß es izt ärger ist, als wenn er's ihm gestohlen hätte.

Varro. Meine Forderung ist dreytausend Cronen; wie viel ist die eurige?

Caphis. Fünftausend.

Varro. Das ist viel; aus der Summe sollte man schliessen, euer Herr habe mehr Confidenz gehabt als der meinige, sonst hätt' dieser gewiß seine Fordrung eben so groß gemacht.* (Flaminius zu den Vorigen.)

Titus. Hier kommt einer von Timons Leuten.

Caphis. Flaminius! Herr, ein Wort; ich bitte euch, ist Milord noch nicht fertig heraus zu kommen?

Flaminius. Nein, in der That, er ist nicht.

Titus. Wir warten auf Se. Gnaden, seyd so gut und sagt ihm das.

Flaminius. Das hab ich nicht nöthig ihm zu sagen, er kennt eure Aufwartsamkeit. (Flavius, in einen Mantel eingehüllt.)

Caphis. Ha! Ist das nicht der Verwalter, der so vermummt ist? Er lauft wie in einem Sturm davon; ruft ihn, ruft ihn.

Titus. Hört ihr, Herr--

Varro. Mit eurer Erlaubniß, Herr.

Flavius. Was wollt ihr von mir, mein Freund?

Titus. Wir warten hier wegen gewissen Geld-Summen, Herr.

Flavius. Wenn euer Geld so gewiß wäre als euer Warten, so wär' es sicher genug. Warum wieset ihr denn eure Rechnungen und Schuld- Verschreibungen nicht damals vor, als eure verräthrischen Herren aus meines Herrn Schüsseln assen? Damals konnten sie seine Schulden anlächeln, und die Interessen in ihren heißhungrigen Rachen hinunter schluken. Ihr thut euch nur selbst Schaden, wenn ihr mich aufreizet; laßt mich in Ruhe meines Wegs gehen. Glaubt mir, Milord und ich sind fertig; ich habe nichts mehr zu rechnen, und er nichts mehr auszugeben.

Caphis. Schon recht, aber die Antwort dient nicht--

Flavius. Wenn sie nicht dienen mag, so ist sie nicht so niederträchtig als ihr; denn ihr dient Schelmen.

(Er geht ab.)

Varro. Wie? was brummt seine verwalterische Herrlichkeit?

Titus. Laßt es gehen--er ist arm, und das ist Straffe genug. Wer darf sich breiter machen, als einer der kein Haus hat, wo er seinen Kopf hinein steken kan? Solche Leute dürfen sich wol über Paläste aufhalten. (Servilius zu den Vorigen.)

Titus. O, hier ist Servilius; nun werden wir doch eine Antwort kriegen.

Servilius. Wenn ich euch bitten dürfte, meine Herren, zu einer andern Zeit wieder zu kommen, so würdet ihr mir einen Gefallen thun. Denn bey meiner Seele, Milord ist auf eine seltsame Art unmuthig; sein leutseliges Wesen hat ihn ganz verlassen, er ist gar nicht wohl auf, er hütet das Zimmer.

Caphis. Manche hüten das Zimmer, die nicht krank sind; und wenn es so übel mit seiner Gesundheit steht, so däucht mich, sollt' er seine Schulden nur desto eher bezahlen, und sich einen offnen Weg zu den Göttern machen.

Servilius. Ihr gütigen Götter!

Titus. Das können wir für keine Antwort nehmen.

Flaminius (hinter der Bühne.) Servilius, helft--Milord, Milord! * Ein Wortspiel mit (Confidence), welches im Englischen Zutrauen und Unverschämtheit heissen kan.

Fünfte Scene. (Timon lauft in der Wuth heraus.)

Timon. Wie, ist mir nicht mehr erlaubt zu meiner Thür heraus zu gehen? Ich bin immer frey gewesen, und soll nun mein Haus mein Kerker werden? Muß mich die eisenherzige Grausamkeit der Menschen bis in den Plaz verfolgen, wo ich ihnen Bankette gab?

Caphis. Bring dein Gewerb' izt an, Titus.

Titus. Gnädiger Herr, hier ist meine Obligation.

Caphis. Hier ist die meinige.

Varro. Und hier die meinige, Milord.

Philo und die Übrigen. Und hier die unsrige.

Timon. Schlagt mich damit zu Boden--Spaltet mich bis an den Gürtel.

Caphis. Aber, Milord--

Timon. Schneid mein Herz in Stüke.

Titus. Meine ist fünfzig Talente.

Timon. Rechne sie an meinem Blut ab.

Caphis. Fünftausend Cronen, Milord.

Timon. Fünftausend Tropfen zahlen das. Wie viel ist eure--und eure?

Varro. Milord!--

Philo. Milord!--

Timon. Hier nehmt mich, zerreißt mich, und die Götter zerschmettern euch, und die so euch geschikt haben!

(Er geht ab.)

Hortensius. Bey meiner Treue, ich sehe, unsre Herren können ihre Kappen nach ihrem Gelde werfen; diese Schulden können wohl verzweifelt genennt werden, denn der sie bezahlen soll, ist wahnwizig.

(Sie gehen ab.)

(Timon und Flavius kommen zurük.)

Timon. Sie haben mich ganz ausser Athem gebracht, die Sclaven! Gläubiger!-- Teufel!

Flavius. Mein theurer Herr--

Timon. Wie, wenn ich es so machte?

Flavius. Mein theurer Herr--

Timon. So soll es seyn!--Mein Verwalter!

Flavius. Hier, Milord.

Timon. Du bist schnell da--Geh, lade alle meine Freunde ein, Lucius, Lucullus, Sempronius, Alle! Ich will diesen Galgenschwengeln noch einmal zu schmausen geben.

Flavius. Ach, mein gütiger Herr, ihr sprecht in der Zerstreuung euers Gemüths; es ist nicht einmal so viel übrig, als zu einer mässigen Mahlzeit nöthig ist.

Timon. Bekümmre dich nicht um das; geh' und lade sie alle ein, laß die Fluth von Schelmen noch einmal herein; mein Koch und ich wollen schon davor sorgen.

Sechste Scene. (Verwandelt sich in das Rath-Haus.) (Die Senatoren und Alcibiades.)

1. Senator. Milord, ihr habt meine Stimme dazu, das Verbrechen ist blutig, er muß dafür sterben; nichts muntert die Sünden mehr auf als Barmherzigkeit.

2. Senator. Sehr richtig; das Gesez muß sie zerschmettern.

Alcibiades. Heil, Ehre und Mitleiden dem Senat!

1. Senator. Nun, Feldherr--

Alcibiades. Ich komme, Euern Herrlichkeiten eine demüthige Bitte vorzutragen. Mitleiden ist der echte Geist der Geseze, und nur Tyrannen machen einen grausamen Gebrauch davon. Zeit und Unglük verfolgen einen von meinen Freunden, der in der Hize seines Blutes in das Gesez gefallen ist, welches für diejenige, die unvorsichtiger Weise hineinplätschern, eine bodenlose Tieffe zu seyn pflegt. Er ist, dieses Vergehen bey Seite gesezt, ein Mann von Ehre und Tugend, und dieses kauft seinen Fehler los. Auch ist seine That mit keiner Niederträchtigkeit beflekt; sondern mit einer edeln Wuth und einem ruhmwürdigen Stolz sezt' er sich seinem Feind, der seiner Ehre eine tödtliche Wunde beygebracht hatte, entgegen; nachdem er lange genug seinen Zorn zurük gehalten, und sich mit einem so gemässigten Eifer vertheidigt hatte, als ob er nur einen academischen Saz behauptete.

1. Senator. Ihr übernehmt etwas allzu anstößiges, indem ihr euch so viele Mühe gebt, einer häßlichen That einen schönen Anstrich zu geben; ihr habt nicht anders gesprochen, als ob ihr im Sinn hättet, den Menschen-Mord in Schwang zu bringen, und Schlägereyen auf Rechnung der Dapferkeit zu sezen, die doch bloß von einer unächten Dapferkeit ihren Ursprung haben, und in die Welt kamen, eh noch bürgerliche Geseze den neugebohrnen Factionen und Zerrüttungen Einhalt gethan hatten. Der ist wahrhaftig dapfer, der das ärgste, was ein Mensch athmen kan, weislich erträgt; und, anstatt Beleidigungen bis zu seinem Herzen dringen, und es in gefährliches Feuer sezen zu lassen, sie für Kletten ansieht, die nur an seinen Kleidern hangen bleiben --

Alcibiades. Milord--

1. Senator. Ihr könnt schwarze Verbrechen nicht weiß waschen; Nicht Rache, sondern Geduld ist Tapferkeit.