Tiere und Pflanzen in Wald und Feld

Part 1

Chapter 13,787 wordsPublic domain

Produced by Peter Becker, NautilusIncognitus and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (The digitized holdings of the Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested parties worldwide free of charge for non-commercial use.)

Anmerkungen des Bearbeiters:

Umschließungen mit ~ zeigen "gesperrt" gedruckten Text an und Umschließungen mit = fett gedruckten Text.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

In den Lektionen 6, 7, 9 und 10 fehlen im Original unterhalb der Kapitelüberschrift Hinweise auf Vollbilder. Diese Untertitel wurden ergänzt.

Kinderaugen in der Natur

Erstes Buch

Tiere und Pflanzen in Wald und Feld

Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)

Einzige autorisierte Übertragung von Professor Dr. Fritz Kriete und Dr. Otto Rabes Oberlehrern in Halle a. S.

Mit 8 bunten Vollbildern und 16 Illustrationen im Texte

Zweite Auflage (7.-10. Tausend)

Halle a. d. Saale Hermann Gesenius

Vorwort.

Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.

Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.

Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant — nicht rein beschreibend — gestaltet.

Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu ~eigenen~ Beobachtungen anregt.

Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundlitteratur als nützlich zu erweisen.

~Halle~, im Oktober 1910.

=Kriete. Rabes.=

Inhalt.

Vorwort 3

Einleitung 7

Lektion 1. Spinnen auf der Gemeindeweide 8

" 2. Das Nest des Spechtes 11

" 3. Frühlingsblumen 15

" 4. Eine Eichhörnchenfamilie 18

" 5. Die Lerche und ihr Feind 21

" 6. Nüsse und Nußfresser 24

" 7. Maus und Spitzmaus 28

" 8. Der Ameisenhaufen 31

" 9. Das Hummelnest 35

" 10. Peters Katze 38

" 11. Der gefräßige Fremdling 42

" 12. Der Maulwurf und sein Heim 45

Erstes Buch.

Tiere und Pflanzen in Wald und Feld.

Einleitung.

Wir drei Freunde, Peter, Grete und Paul, gehen alle Tage zusammen zur Schule. Wir alle lieben Blumen und Tiere und suchen jeden Tag etwas Neues zu finden.

Peter ist ein kleiner Knabe. Er hat eben erst Lesen gelernt. Aber er hat scharfe Augen, und nichts entgeht ihm in den Hecken. Gretes Vater ist Wildhüter. Sie kennt die Vögel und weiß, wo ihre Nester zu finden sind. Paul stammt von einem Gut. Er ist schon ein großer Junge und wird bald Lehrer werden.

Wir treffen uns bei dem großen Teich unter den Ulmen. Dann gehen wir einen engen Heckengang hinunter, über die Gemeindeweide, durch den Wald und über drei Felder nach der Dorfschule.

Im Teiche finden wir alles mögliche Getier. Im Heckengang gibt es Käfer und Mäuse, Blumen und Beeren, Vogelnester und Wespennester. Auf der Gemeindeweide umziehen die Spinnen den gelben Besenginster mit ihrem Gewebe.

Im gepflügten Felde verbirgt die Lerche ihr Nest. Auf der Wiese gibt es Butterblumen und Gänseblümchen. Im Kornfelde stehen Mohn und Kornblumen.

Paul wird alles, was wir sehen, niederschreiben und ein Buch daraus machen.

Lektion 1.

Spinnen auf der Gemeindeweide.

(Erstes Vollbild.)

Wenn wir an einem schönen Sommermorgen über die Gemeindeweide gehen, sehen wir viele Spinnengewebe in der Sonne funkeln. Die Gespinste auf den Ginsterbüschen sind rund. Sie sind mit langen seidenen Fäden an den Stacheln des Ginsters befestigt, und jedes Gewebe hat Speichen wie ein Rad. Diese Speichen sind untereinander durch seidenartige Ringe verbunden. Die Ringe sind über und über mit klebrigen Tröpfchen bedeckt. Diese Tröpfchen sind es, die wie Diamanten funkeln und das Gewebe so hübsch machen.

Die Spinne webt ein kleines Zelt in der Mitte des Gewebes. In diesem Zelt verbirgt sie sich, bis irgend ein Insekt gegen die klebrigen Fäden fliegt. Dann fühlt sie, wie das Gewebe erzittert und schießt hervor, um das Tierchen zu ergreifen, bevor es die Fäden zerreißt.

Heute sahen wir eine kleine Fliege gerade gegen das Gewebe auf dem Ginsterbusche fliegen. Die Spinne kam aus ihrem Zelt hervor. Sie ergriff die Fliege mit ihren scharfen Klauen, riß ihr die Flügel aus und sog dann behaglich den Saft aus ihrem Körper.

Paul fing sie, während sie bei der Arbeit war, und zeigte uns die beiden Kieferklauen mit scharfen Spitzen, die vorn am Kopfe niederhängen. Über ihnen stehen die acht Augen, vier große und vier kleine. Sie hat acht Beine, einige mit sonderbaren Klauen. Jede der letzteren sieht wie ein Kamm aus. Was meinst du wohl, wozu sie dienen? Sie gebraucht sie, um die seidenen Fäden zu führen, wenn sie ihr Gewebe spinnt.

Wir drehten sie auf den Rücken und sahen am Ende des Hinterleibes eine Anzahl kleiner Warzen, aus welchen sie die seidenen Fäden zieht, die aus kleinen Röhrchen kommen. Sie zieht die Fäden durch die Kämme an ihren Beinen, und so spinnt sie ihr Gewebe, während sie dahinläuft.

Außer den Geweben auf den Ginsterbüschen gibt es noch eine Menge anderer Gespinste auf der Gemeindeweide, die dicht am Boden sitzen. Diese haben keine Speichen wie die runden Gewebe. Die Fäden sind verworren wie bei der Schafwolle. Lange konnten wir die Spinne nicht finden. Endlich sagte Paul eines Tages: „Hier ist ein Loch gerade in der Mitte des Gewebes. Es führt hinunter in die Erde.“

Dieses Loch war mit seidenen Fäden ausgelegt. Gerade in diesem Augenblick kroch ein Käfer auf das Gewebe und erschütterte es. Sofort schoß die Spinne aus dem Tunnel in der Erde hervor und ergriff den Käfer. Sie war so schnell, daß sie ihn in das Loch hineingetragen hatte, ehe wir sie fassen konnten.

Es gibt viele Spinnen auf der Gemeindeweide, die keine Gewebe spinnen, obgleich sie an einem Faden hängen. Sie springen auf die Fliegen und Käfer am Boden und heißen „Springspinnen“.

Die weiblichen Springspinnen tragen ihre Eier in einem runden Sacke bei sich. Peter fing eine von ihnen, als sie mit diesem weißen Ball unter ihrem Körper dahinlief. Er nahm den Ball fort und legte ihn auf den Boden. Als er die Spinne los ließ, lief sie herzu und ergriff ihn. Er nahm den Ball dreimal fort. Jedesmal ergriff sie ihn wieder und lief zuletzt damit fort, ehe wir sie von neuem fassen konnten.

Lektion 2.

Das Nest des Spechtes.

(Zweites Vollbild.)

Eines Nachmittages lagen wir im Walde im Schatten der Bäume. Alles war still, als wir plötzlich einen sonderbaren Schrei hörten. Es war, als ob jemand mit jauchzendem Lachen frohlockte: Kjück kjück kjück oder Glück glück glück glückglücklik. „Das ist der Specht“, sagte Grete. „Seid still und paßt auf, was er tun wird.“

So lagen wir ganz still unter dem Baume. Bald kam der Ton näher, und ein großer schwerfälliger Vogel, größer als eine starke Drossel, flog auf uns zu. Es war ein schöner Vogel. Seine Flügel und seine Brust waren grün. Der Schwanz war gelbgefleckt. Sein Kopf war rot, und auch am Halse hatte er einen roten Streifen. Der Schnabel war lang und grau. Er kam ganz dicht zu uns herangehüpft. Dann saß er still, und eine lange glänzende Zunge kam aus seinem Schnabel und wurde so schnell wieder zurückgezogen, daß wir sie kaum sehen konnten.

„Er frißt Ameisen“, sagte Grete. „Die Spitze seiner Zunge ist klebrig, und damit zieht er sie in seinen Schnabel.“

Dann begann er in drolliger Weise den Baum zu erklettern. Sein Schwanz ist ganz steif und borstig; er drückt ihn gegen den Baum und schiebt sich hopp, hopp hinauf, indem er sich mit seinen scharf gekrümmten Zehen festhält. Er hüpfte zuerst nach rechts, dann nach links; dann lief er um den Baum herum und kam auf der anderen Seite wieder hervor.

Während der ganzen Zeit untersuchte er die Rinde mit dem Schnabel. Poch, poch, poch. Zuletzt fand er eine weiche Stelle. Dort riß er die Rinde ab und fraß die Larven, die den Baum an dieser Stelle wurmstichig gemacht hatten. Darnach kletterte er wieder am Baume hinunter.

Es war so spaßig, ihn zu beobachten. Er kam rückwärts herab, mit dem Schwanze voran, den er zum Festhalten brauchte. Dann breitete er seine Flügel aus und flog langsam fort.

Wir schlichen ihm nach, und bald hielt er an einer alten Ulme an und umflog dieselbe. Dann sahen wir ihn nicht mehr.

„Sein Nest muß in diesem Baume sein,“ sagte Peter. „Laß mich auf deinen Rücken steigen, Paul, und ich werde es bald finden.“

So ließ Paul Peter auf seinen Rücken klettern, bis er die Zweige des Baumes erreichen konnte. Dann faßte Peter die Zweige und kletterte am Stamm empor.

„Hier ist es,“ rief er endlich. „Da ist ein kleines Loch, gerade so groß, daß die Vögel hineinschlüpfen können. Aber sie haben ein ganz großes Loch im Inneren des Baumes. Ich kann gerade hinunterreichen.“

Dann zog Peter die Hand zurück mit dem weiblichen Specht darin. Der Kopf war nicht so rot wie der des männlichen Spechtes und hatte keinen roten Streifen. Er ließ den Vogel fliegen und nahm dann sechs weiße, glänzende Eier heraus.

„Ich kann eine Menge von weichen Holzspänen unten auf dem Boden des Loches fühlen,“ sagte er. „Soll ich die Eier wieder hineinlegen?“

„Natürlich,“ sagte Paul; „dann wird die Mutter zurückkommen und sich wieder daraufsetzen, und wir werden wiederkommen und die kleinen Vögel besehen, wenn sie ausgebrütet sind.“

So gingen wir fort. Aber alle Tage, wenn wir aus der Schule kamen, machten wir einen Umweg, um nachzusehen, ob die kleinen Spechte schon ausgekrochen wären.

Endlich sahen wir eines Tages, wie die alten Spechte Insekten in das Loch trugen. Nach einiger Zeit sahen wir die Jungen außerhalb des Loches auf dem Baume. Sie konnten noch nicht fliegen, aber sie liefen an den Zweigen entlang und hüpften so spaßig mit ihren steifen Schwänzen.

Eine Woche später sahen wir sie umherfliegen, und als wir wiederkamen, waren sie alle fort. Peter kletterte hinauf und fand das Nest ganz leer.

Lektion 3.

Frühlingsblumen.

Wir sind alle froh, wenn der April kommt. Dann finden wir viele Blumen auf unserem Schulwege. Selbst im Februar gibt es schon Schneeglöckchen im Obstgarten, und Peter weiß, wo er manchmal eine blühende Schlüsselblume oder ein Veilchen finden kann.

Aber vor April können wir keinen ordentlichen Strauß pflücken. In dieser Zeit sind die Pflanzen damit beschäftigt, Blätter zu treiben.

Die ersten bunten Blumen, die wir finden, sind die gelben Narzissen in den Gärten und die Anemonen in den Wäldern. Man nennt die Narzissen auch „Fastenlilien“ und schmückt Ostern damit die Kirchen. Sie haben sehr lange schmale Blätter, die gerade aus dem Boden herauswachsen. Jede Blüte hängt an einem hohen Stengel. Sie besteht aus einer Krone von blaßgelben Blütenblättern, die um eine tiefgelbe Röhre herumstehen. Wenn man eine Narzisse aus der Erde zieht, findet man, daß sie ein Zwiebelgewächs ist. Paul sagt, daß dies der Grund ist, weshalb sie so früh blüht. Sie speichert im Herbst Nahrung in der Zwiebel auf. Dann braucht sie diese Nahrung im Januar, um Blätter und Blüten zu bilden.

Die Waldanemone ist Gretes Lieblingsblume. Sie heißt auch „Windröschen“, weil sie so zierlich im Winde nickt. Ihre zarte weiße, außen oft rötliche Blüte steht hoch auf einem langen Stengel, welcher drei gefiederte grüne Blätter in halber Höhe trägt. Wenn die Sonne scheint, ist die kleine rotweiße Blüte offen; aber wenn Wolken aufziehen und der Regen fällt, schließt sie sich zu einer festen Knospe zusammen, bis die Sonne wiederkommt. Grete biß einmal eins von den Blättern der Anemone ab. Es brannte auf der Zunge und schmeckte sehr bitter. Da sagte uns Paul, daß die Pflanze giftig ist. Dies ist die Ursache, weshalb es so viele Anemonen im Walde gibt; denn Tiere fressen die Blätter nicht, sondern lassen sie wachsen.

Die Anemone hat keine Zwiebel. Sie hat einen dicken braunen Stengel unter der Erde, in dem sie ihre Nahrung aufspeichert.

Ehe die Narzissen und Anemonen verblüht sind, bedecken schon Schlüsselblumen und Veilchen die Abhänge. Es ist hübsch, die Schlüsselblume an einem feuchten Morgen zu beobachten. Die Blätter sind nicht glatt. Sie haben längs ihrer Oberfläche Hügel und Täler. Das Wasser läuft so zierlich in den Tälern des Blattes hinab. Diese führen es zu den Wurzeln hinunter, so daß die Pflanze trinken kann.

Wie geschäftig auch die Bienen und Insekten sind. Sie lassen sich zuerst auf der einen Schlüsselblume, dann auf einer anderen nieder. Wir wissen, was sie dort finden. Wenn man die gelbe Krone der Blume abreißt und an dem Ende der Röhre saugt, so wird man etwas Süßes schmecken. Das ist der Honig, den die Bienen suchen. Und außer dem Honig tragen sie gelben Staub von Blüte zu Blüte. Paul sagt, daß dies gut für die Blume ist, was wir nächstens lernen werden.

Der Honig in den Veilchen ist nicht so leicht zu finden. Aber wir haben ihn doch entdeckt. Wenn man ein Veilchen von vorn ansieht, so zeigt es fünf dunkelblaue Blätter mit einem kleinen gelben Staubbeutel in der Mitte. Aber wenn man die Rückseite des Blättchens ansieht, so wird man einen kleinen, länglichen Sack finden, der wie der Finger eines Handschuhs aussieht. Diesen haben wir oft abgerissen und ausgesogen. Er ist voll von Honig. Wenn die Biene auf der Blüte sitzt und ihren Kopf in den gelben Staubbeutel in der Mitte hineinsteckt, schlürft sie den Honig mit ihrer Zunge aus dem Sacke hinter der Blüte.

In den Schlüsselblumen, Veilchen und Glockenblumen finden die Bienen viel Honig, den sie in ihre Stöcke tragen.

Lektion 4.

Eine Eichhörnchenfamilie.

(Drittes Vollbild.)

Wir haben einen Liebling, namens Hans, den mögen wir sehr gern. Es ist ein kleines Eichhörnchen, das auf den Buchen des Waldes lebt.

Wir sehen es jeden Morgen von Zweig zu Zweig springen. Seinen langen buschigen Schweif hält es steif ausgestreckt. Manchmal springt es geradewegs auf den Boden und läuft umher, um Bucheckern aufzulesen.

Zuweilen sitzt es aufrecht auf einem Zweige mit einer Nuß oder einer Eichel in den Pfoten. Dann ist sein Schweif nach rückwärts gebogen.

Wir kennen es schon seit zwei Jahren, und wenn wir ihm pfeifen, kommt es zu uns. Aber wenn es durch irgend etwas erschreckt wird, springt es davon nach dem nächsten Baume. Es klettert mit seinen scharfen Klauen im Nu hinauf und guckt dann durch die grünen Blätter mit seinen schwarzen glänzenden Augen auf uns nieder.

Sein Rücken ist mit braunrotem Pelze bedeckt, aber auf der Unterseite des Körpers ist der Pelz weiß. Der hübsche rote Schwanz liegt ihm wie eine Bürste auf dem Rücken. Seine Hinterbeine sind lang. Deshalb kann es so gut springen. An den Vorderpfoten steht die eine Zehe von den anderen ab, fast wie unser Daumen. Es braucht seine Pfoten wie Hände, wenn es aufrecht dasitzt, eine Nuß darin hält und die braune Schale mit den Zähnen abschält.

Manchmal stiehlt es Vogeleier. Dann hält es das Ei in den Pfoten, öffnet die Spitze und schlürft den Dotter aus.

Das Eichhörnchen hat possierliche Ohren. An ihren Rückseiten stehen lange Haarbüschel. Manchmal kommt es im Winter aus seinem Neste heraus, um zu fressen, und dann kann man beobachten, daß die Büschel in dieser Jahreszeit viel länger sind als im Sommer.

Aber meistens sehen wir es im Winter nicht. Es schläft fest in einem kunstvoll gebauten Neste. Wir wissen, wo dieses ist, denn Peter hat es einmal gefunden. An einem milden Tage sah er, wie Hans herunterkam, um von seinen Wintervorrat zu fressen, den er im Moose vergraben hatte. Er beobachtete seinen Rückweg und fand das warme Nest in den gegabelten Zweigen einer schlanken Buche. So wußte er, daß Hans die kalten Wintertage behaglich verbrachte.

Hans hat ein Weibchen, und die beiden sind immer nahe beieinander. Aber es ist sehr scheu und kommt nicht zu uns. Im Frühling, wenn es keine Nüsse gibt, fressen sie die Knospen der Bäume.

Im Mai sind sie sehr geschäftig. Sie sammeln Blätter, Moos und kleine Zweige. Aus diesen bauen sie ein Nest in einer Baumgabel, hoch über dem Boden. Im Juni werden dann ihre Jungen geboren. Paul kletterte hinauf und sah vier solche hübsche kleine Eichhörnchen, die mit rotem und weißem Pelze bedeckt waren. Sie blieben eine Zeitlang im Neste, doch sahen wir auch oft, wie sie sich zwischen den Zweigen bewegten. Die alten Eichhörnchen bewachten sie sorgfältig, und sie blieben den ganzen Sommer lang zusammen.

Im Herbste versteckten sie kleine Haufen von Nüssen und Eicheln am Fuße des Baumes, um sie zu fressen, wenn sie an milden Wintertagen erwachen sollten.

Dann sahen wir sie nicht mehr. Wir wissen nicht, ob sie alle in ein Nest krochen, oder ob jedes ein Nest für sich suchte, um sich darin zum Schlafe zusammenzurollen.

Lektion 5.

Die Lerche und ihr Feind.

(Viertes Vollbild.)

Es gibt viele Lerchen bei uns. Sie singen so fröhlich am Morgen, wenn wir zur Schule gehen. Aber sie singen schon viel früher.

Wir wollten einmal versuchen, ob wir vor der Lerche aufstehen könnten. So verabredeten wir, uns um fünf Uhr morgens zu treffen auf dem Felde, wo eine alle Morgen zu singen pflegte. Wir hörten sie schon, ehe wir aus dem Heckengange herauskamen. Da stieg sie hoch in die Luft hinauf; sie flog bald ein wenig nach rechts, bald ein wenig nach links und stieg und sang fortwährend, als ob sie die ganze Welt vor Freude aufwecken wollte.

Wir beobachteten sie, bis sie nur noch als kleiner Punkt am Himmelsgewölbe erschien. Dann kam sie wieder herab. Als sie nur noch einige Fuß vom Boden entfernt war, legte sie die Flügel zusammen und ließ sich zu Boden fallen.

Am nächsten Morgen gingen wir um vier Uhr hin. Jene Lerche sang noch nicht, aber auf dem nächsten Felde stieg eine andere auf, so fröhlich wie eine Lerche nur sein kann. Dann sagten unsere Mütter, wir dürften nicht früher aufstehen. Wir konnten uns also nicht früher erheben als die Lerchen.

Einmal fingen wir eine Lerche, um sie zu betrachten und sie dann wieder fliegen zu lassen. Sie ist kein bunter Vogel; sie hat braune Flügel, die mit dunklen Streifen gezeichnet sind. Brust und Kehle sind schmutzig weiß und braun gefleckt, und über dem Auge hat sie einen weißen Streif. Ihre Füße sind merkwürdig. Die Zehen liegen flach am Boden, und die Hinterzehe hat eine sehr lange Kralle. Wenn man eine Lerche beobachtet, so wird man sehen, daß sie läuft und nicht hüpft. Sie setzt sich auch nicht auf Bäume. Sie lebt auf dem Boden, ausgenommen wenn sie sich in die Lüfte erhebt, um zu singen.

Im Winter, wenn wir zur Schule gehen, sehen wir große Scharen von Lerchen auf den Feldern, die nach Insekten und Samen suchen. Wenn wir in ihre Nähe kommen, fliegen sie auf, immer einige zu gleicher Zeit, und fliegen etwas weiter weg. Dann machen sie eine Schwenkung und lassen sich wieder nieder, um zu fressen.

Im Winter hört man sie fast gar nicht. Im Frühling, wenn sie sich paaren, singen sie so schön.

Von Ende März an kann man ein Lerchennest im Getreide verborgen finden. Es ist in einer Rinne oder einer kleinen Vertiefung des Bodens gebaut, oft in der Mitte des Feldes. Die Lerchen polstern das Nest mit trockenem Grase aus, und das Weibchen legt vier oder fünf Eier hinein. Die Eier sind schmutziggrau mit braunen Flecken und liegen warm in den dicken Grasbüscheln.

Wenn die Lerche herunterkommt, nachdem sie gesungen hat, läßt sie sich nicht dicht bei ihrem Neste nieder, sondern etwas davon entfernt. Dies tut sie, um es ihren Feinden nicht zu verraten.

Der Sperber ist der größte Feind der Lerche. Eines Tages betrachteten wir eine emporsteigende Lerche, und plötzlich sahen wir einen Sperber, der auf sie stoßen wollte. Die Lerche sah ihn auch und schoß schneller hinauf, als der Sperber sich emporschwingen konnte. Darauf flog der Sperber eine kurze Strecke fort und schwebte umher, bis die Lerche müde war und herunterkommen mußte. Dann versuchte er, noch einmal niederzustoßen. Aber die Lerche war schlau: sie schloß die Flügel und fiel gerade hinunter in das dichte Gras, so daß der Sperber sie nicht finden konnte. Wir freuten uns, daß die kleine Lerche in Sicherheit war und zu Weib und Kindern zurückkehren konnte.

Lektion 6.

Nüsse und Nußfresser.

(Fünftes Vollbild.)

Auf unserem Wege zur Schule kommen wir durch ein kleines Haselnußgehölz. Im Winter, wenn die Bäume unbelaubt sind, sehen wir die grauen Büschel, die wir „Schäfchen“ nennen, an den Sträuchern hängen; Paul sagt, ihr wirklicher Name sei „Kätzchen“. Wir sehen oft nach, um zu beobachten, wie sie wachsen. Zuerst sitzen nur kleine graue Knospen auf den Zweigen. Dann werden sie größer und hängen herab. Allmählich werden sie sehr locker, wie Troddeln, und unter den grauen Schuppen erscheinen kleine Beutel mit gelbem Staube.

Dann im März, noch ehe die Bäume belaubt sind, schüttelt der Wind den Baum und weht den gelben Staub umher.

Um diese Zeit finden wir an den Zweigen mit Kätzchen kleine Blüten. Man muß scharf hinsehen, wenn man sie finden will. Aber sie sind sehr hübsch. Jede Blüte hat zwei zierliche Hörner, und es stehen mehrere Blüten in einer grünen Hülle.

Wir wissen, daß sich aus diesen roten Blüten die Nüsse bilden, denn im September finden wir die Nüsse gerade an ihrer Stelle. Wenn der Wind den gelben Staub aus den Kätzchen weht, so fällt etwas davon auf die roten Hörner der Blüten, und dies bewirkt, daß sich Nüsse entwickeln.

Im Herbste passen wir gut auf, um zu sehen, wann die Nüsse reif sind. Wir wollen gern einige haben, ehe die Eichhörnchen und die Vögel, die Nußhacker oder Eichelhäher heißen, sie alle forttragen.

Grete hat es so eilig, daß sie oft die Nüsse pflückt, bevor sie reif sind. Dies ist töricht, denn man findet dann nur einen sehr kleinen wässerigen Kern im Innern. Der übrige Teil der Schale ist mit einem weichen, weißen Stoff ausgefüllt.

Paul sagt, dieser weiße Stoff sei die Nahrung, die die Nuß gebraucht, um groß und fest zu werden. Wenn die Nüsse reif sind, fallen sie ganz leicht aus dem braunen, blätterigen Kelch, in dem sie sitzen.

Manchmal, wenn wir die Nüsse pflücken, finden wir eine, die ein kleines Loch in der Schale hat. Dann wissen wir, daß die Nuß schlecht ist, und wir werden meistens eine Made darin finden.

Ist es nicht seltsam? Paul sagt uns, daß diese Made ein junger Käfer sei. Sie sieht gar nicht aus wie ein solcher. Aber viele Käfer haben, wenn sie jung sind, keine Beine und sind nur Larven.

Dieser Käfer heißt Haselnußbohrer. Wenn die Nuß noch ganz jung und weich ist, kommt der weibliche Käfer und legt ein Ei hinein. Es ist ein sehr kleiner Käfer mit einem langen Rüssel. Mit diesem macht er ein Loch in die weiche grüne Nußschale und legt dann ein Ei in das Loch. Aus dem Ei kommt eine Larve. Sie wird dadurch fett, daß sie von der Nuß frißt. Und wenn man die Nuß dann pflückt und öffnet, ist sie halb aufgefressen, und die Larve liegt zusammengerollt im Innern.