Thüringen

Part 9

Chapter 93,109 wordsPublic domain

Von reicher Sage umrankt ist die Regierungszeit des Landgrafen Hermann ~I.~ (1190-1217), der als Fürst in der staatlichen Geschichte jener Zeit keine hervorragende Rolle spielte, der aber kunstliebend und freigebig war und die vornehmsten Dichter seiner Zeit zum Wettstreite einlud. Dieser Wettstreit, der 1207 stattgefunden haben soll, ist als der Sängerkrieg auf der Wartburg (Abb. 65) bis auf die heutigen Tage verherrlicht worden. Toll muß die Stimmung jener Zeit gewesen sein, denn Walther von der Vogelweide sang:

Wer in den Ohren siech ist oder krank im Haupt, Der meide ja Thüringens Hof, wenn er mir glaubt: Käm' er dahin, er würde ganz bethöret.

Zu den berühmtesten Sängern außer Walther zählten Wolfram von Eschenbach, Reinhard von Zwetzen, Heinrich der Schreiber, Bitterolf und Heinrich von Ofterdingen, während nach der Sage Tannhäuser auf dem Wege zur Wartburg den Lockungen der Frau Venus im Hörselberge erlag und einen dauernden Aufenthalt bei der schönen Verführerin den geistigen Anstrengungen auf der Wartburg vorzog. Zu diesen ritterlichen Übungen und dem Glanz des Minnedienstes kamen später die Sagen von der heiligen Elisabeth, der Gemahlin des Landgrafen Ludwig ~IV.~, der religiösen Schwärmerin und Büßerin, der Wohlthäterin der Armen und Bedrängten. Im Jahre 1226 wurde Thüringen von einer schweren Hungersnot heimgesucht, wobei die Landgräfin Elisabeth selbst Brot an die Armen verteilte. Einst hatte sie unter ihrem Mantel wieder einen Korb voll Nahrungsmittel, als der Landgraf ihr begegnete und sie mißtrauisch fragte, was sie unter ihrem Mantel verberge; und siehe da, auf das inbrünstige Gebet von Elisabeth verwandelte sich der Inhalt ihres Korbes in duftende Rosen (Abb. 66).

Spätere Fürsten zogen andere Wohnsitze der Wartburg vor, die von 1406 an vereinsamte. Die Wogen des dreißigjährigen Krieges brandeten glücklicherweise nicht bis zur Wartburg, ebensowenig hatte das darauffolgende Reifrockjahrhundert mit seiner gesinnungslosen Franzosentümelei irgend einen Einfluß. Aber der Gedanke der deutschen Einheit flammte auf und förderte das erste große Burschenfest am 18. Oktober 1817, wo 500 Studenten zur Wartburg zogen am 300jährigen Jubeltage der Reformation. In alter Pracht erstand die Wartburg erst wieder durch den Kunstsinn des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. 1867 war die Erneuerung vollendet, und seither haben die herrlichen Räume zahlreichen fürstlichen Besuch gehabt, abgesehen von fröhlichen Wanderern und Weltbummlern, von denen man 300 auf einen Wartburgtag rechnet. Die Schönheit des Baues wird noch gehoben durch die Schönheit der landschaftlichen Umgebung, die niemals trefflicher besungen wurde, als durch Scheffels Worte:

Erspart bleibt fürder, willst du Schönheit schauen, Die Pilgerfahrt nach welschem Land und Meer, Wetteifernd mit dem besten fremder Gauen Prangt hier ein Kleinod, kunstdurchglänzt und hehr: Gleich einem jener Marmorprachtpaläste, Erstiegen aus Venedigs Meeresschoß, Hebt sich Thüringens jungfräuliche Feste Auf deutschem Berge säulenschlank und groß; Statt Salzflutwogen rauscht um ihre Mauern Der Eichen und der Buchen flüsternd Schauern.

Bei Hörschel an der Mündung der Hörsel in die Werra erreicht die Schlußerhebung des Thüringerwaldes, der Sandsteinkopf des großen Eichelberges, nur noch eine Höhe von 301 ~m~.

[Sidenote: Schweina. Steinbach.]

Östlich vom Gneiskegel des 648 ~m~ hohen Kissel ist der Schweinagrund tief eingeschluchtet. Sein Wasser tritt beim meiningischen Flecken Schweina aus dem Gebirge und fließt bei Barchfeld in die Werra. Schweina (2200 Einw.), der Hauptort des Schweinathales, war im ~XV.~ und ~XVI.~ Jahrhundert der Wohnort slavischer Bergleute, die auf Kupfer und Eisen schürften. Der Ort ist heute neben dem Betrieb von Ackerbau und Viehzucht industriell thätig, das Schloß Glücksbrunn, ehemals ein Kobaltwerk, ist jetzt eine Wollspinnerei. In dem südlich von Schweina gelegenen Gute Marienthal gründete Fröbel den ersten »Kindergarten«. Gelegentlich eines Straßenbaues wurde 1799 beim Sprengen des zur Zechsteinformation gehörigen ungeschichteten Dolomitgesteins eine Höhle entdeckt, die 200 ~m~ lang und durch einen künstlichen Stollen zugänglich ist. Ein Teil des Höhlengrundes ist von einem kleinen Teich bedeckt. Am Zusammenflusse des Calmbachs und des aus dem Schleifgrunde kommenden Steinbachs liegt der meiningische Flecken Steinbach (1400 Einw.), ein freundlicher Ort mit Fachwerkhäusern (Abb. 67). Steinbach ist Haupterzeugungsort für Messer aller Art und Schlösser, deren Rohmaterial zum Teil aus dem benachbarten metallreichen Granitgebiete gewonnen wird. Nördlich vom Mühlberg steht eine Sandsteinsäule, errichtet vom Herzog Bernhard von Meiningen 1858 und dem Andenken Luthers geweiht, welcher auf dem Wege von Worms hier gefangen genommen und auf die Wartburg gebracht wurde (Abb. 68 und 69). Eine Inschrift lautet: »Hier wurde ~Dr.~ Martin Luther am 4. Mai 1521 auf Befehl Friedrichs des Weisen, Kurfürsten von Sachsen, aufgehoben und nach dem Schlosse Wartburg geführt.« Luther hatte nach dem Reichstage zu Worms Möhra, die Heimat seiner Eltern, besucht und wollte eben nach Wittenberg zurückkehren. In Begleitung seines Bruders Jakob und eines Freundes rastete er unter einer Buche, als er auf Veranlassung seines hohen Beschützers, der den Geächteten seinen Feinden entreißen wollte, aufgehoben und heimlich auf die Wartburg gebracht wurde, wo er verborgen als Junker Jörg lebte. Die Buche ist längst zu Grunde gegangen, ihre Reste sind auf der Wartburg aufbewahrt und an ihre Stelle ist ein junger Baum gepflanzt worden. Herrliche Buchen wölben sich die Höhe hinauf, besonders auf den Granittrümmern des 728 ~m~ hohen Gerbersteines.

[Sidenote: Altenstein. Liebenstein.]

Auf der Dolomitplatte zwischen Schweina und Steinbach leuchten aus grüner Umgebung das Schloß Altenstein (Abb. 70), der Sommeraufenthalt des Herzogs von Meiningen, ein stattlicher Neubau an Stelle des früheren einfachen Landhauses. Prächtige Gartenanlagen, von alten Laubbäumen beschattete Wiesen, Felsenkanzeln und sanft geböschte Mulden, alles eint sich hier zu einer Meisterlandschaft, in deren Hintergrunde sich der Hauptkamm des Waldgebirges aufbaut. Der Ausblick nach Süden erfaßt in freundliches Hügelgelände eingebettete Ortschaften, Gärten und Ackerfluren, drüben über der Thalmulde der Werra steigen in blauem Dufte die Vorberge der Rhön empor. Auf der Kammhöhe am Großen Weißenberge steht der Dreiherrenstein, wo die Grenzen preußischen (ehemals hessischen), meiningischen und gothaischen Gebiets zusammenstoßen. Nach Bairoda hinab führt das schöne buchenumrauschte Thüringer Thal, im ~XIV.~ und ~XV.~ Jahrhunderte belebt vom Bergbau auf Eisenstein. Östlich des Thales läuft ein Rennweg genannter Zweig des Rennsteigs, der besondere Wichtigkeit hat, weil er hier die Grenze zwischen der thüringischen und fränkischen Mundart bildet. In einer flachen Mulde zwischen Thüringer Thal und Grumbachthal, umgeben von anmutiger Landschaft, liegt Bad Liebenstein (1300 Einw.), dessen Landhäuser weit zerstreut sind (Abb. 71). Es hat kohlensäurehaltige Eisenquellen und ist der älteste Kurort des Thüringerwaldes. Der Ort ist überragt von der Ruine Liebenstein, die seit dem ~XVII.~ Jahrhundert verfällt.

[Sidenote: Brotterode.]

Südwärts rinnt vom Inselsberg das Inselswasser in den Kessel von Brotterode. Das preußische Dorf Brotterode(2800 Einw.) ist seit der letzten großen Feuersbrunst von 1895 langsam wieder emporgewachsen. Die ursprüngliche Art und Lebensweise der Bewohner deutet auf eine unverkennbare Verwandtschaft mit den Bewohnern von Ruhla und Steinbach; lebensfroh, rauflustig, fleißig und gewandt im Verkehr sind sie alle. Brotterode ist der Ort der Feuerarbeiter: Schnallenschmiede, Sporer, Messermacher und andere Eisen- und Stahlarbeiter. Wer nicht selbständig im eigenen Häuschen, wo meist die vordere Hälfte der Stube als Schmiedewerkstatt eingerichtet ist, während die durch einen Vorhang abgetrennte hintere Hälfte als Schlafraum dient, thätig ist, der findet Beschäftigung bei den alt angesessenen Meistern. Der Vertrieb der in Brotterode und den Nebenorten gefertigten Stahl- und Eisenwaren ruht seit langem in den Händen von Kaufleuten, deren Söhne je für ein bestimmtes Absatzgebiet in Deutschland, Österreich, Rußland, den Niederlanden u. s. w. herangebildet werden. Der Sage nach schenkte Karl ~V.~ dem Orte große Waldungen und Äcker, durch deren Erträge die vollständige Besoldung der Gemeindebeamten bestritten werden konnte, und eine Fahne, die alljährlich zur Kirchweih ausgehängt wird. Flußabwärts verengt sich der Wiesengrund des Thales, an dessen Wänden sich Granitfelsen malerisch aufbauen, und es beginnt das Trusenthal, das seinen schönsten Teil oberhalb der Ortschaft Herges-Vogtei hat, dessen Bewohner mit denen des benachbarten Auwallenburg meist Bergleute sind, die auf Eisenstein, Alabaster und Schwerspat arbeiten. Über Felsblöcke rauscht der Trusenfall herab, der sein Wasser einer künstlich hergestellten Leitung verdankt, die unterhalb Brotterode vom Inselswasser abgezweigt wurde. Über Auwallenburg stehen die Ruinen der alten aus dem ~XIII.~ Jahrhundert stammenden Wallenburg, deren Bestandteile zum Teil von baulustigen Nachbarn weggeschleppt wurden.

[Sidenote: Kleinschmalkalden.]

Südlich des buchenbestandenen Seimberges erhebt sich die Glimmerschiefergruppe der Mommelsteine. Zwischen Seimberg und Roth windet sich die Kunststraße hinüber in das Thal des Wiebachs, der sich mit dem von der Höhe des Jagdbergs kommenden Kalten Wasser bei Klein-Schmalkalden vereinigt. Der Bach heißt von der Vereinigung an die Schmalkalde. Der Ort Klein-Schmalkalden (2000 Einw., wovon 1200 preußisch, 800 gothaisch sind) ist vom Bach durchflossen, der die Grenze bildet. Im ganzen Kreise Schmalkalden glühen in den Dörfern die Herdfeuer, es pocht und rauscht ein steter Betrieb in Hütte, Haus und Fabrik. Die Metallschätze des Mommelsteins und des Stahlberges sind die reichsten, denn sie liefern eine Jahresbeute von 6000000 ~kg~ besten Eisensteines; außerdem spenden die Berge des Gebiets noch Kobalt, Kupfer, Schwerspat, Marmor, Alabaster, Achat, Syenit, Porphyr und Sandstein. Bergbau und Hüttenwesen schufen die Köhlerei, belebten das Fuhrwesen und gaben Anlaß zum Aufblühen manches Waldortes, wo heute in Schmalkaldener Arbeiten eine lebhafte Industriethätigkeit herrscht. Vom Hühnberge abwärts zieht der besonders im Porphyrgebiet schöne Haderholzgrund herab. An seiner Mündung in die Schmalkalde liegt das preußische Dorf Seligenthal (1200 Einw.), mit Bergbau im nahen Stahlberg. Auch im benachbarten Nesselgrunde ist Eisenverarbeitung vorherrschend, besonders im Dorfe Floh (1100 Einw.). In Seligenthal und Brotterode leben etwa 550 Sporer und Schnallenschmiede.

[Sidenote: Schmalkalden.]

Wo das schöne Asbacher Thal den Porphyr durchbricht, nachdem es seine oberen Zuflüsse von der Loibe und aus dem Ebertsgrund erhalten hat, ist der Rand des Gebirges erreicht, so daß an der Mündung der Stille in die Schmalkalde schon Buntsandstein herrscht. Hier liegt die preußische Stadt Schmalkalden (7900 Einw.), ein Ort mit mittelalterlichen Anklängen und schöner Umgebung (Abb. 71). Die Kleinindustrie ist urkundlich seit dem ~XIV.~ Jahrhundert nachweisbar und erfreute sich seit dem ~XVI.~ Jahrhundert eines Weltrufes. Eine Masse von Kurzwaren werden hier verfertigt, und Tausende von Kleinfeuerarbeitern verfertigen diese Schmalkaldener Waren, ob sie nun in Schmalkalden oder in Struth, Seligenthal, Steinbach, Brotterode, Zella, Mehlis oder Suhl sitzen: Nägel, Haken, Schrauben, Jagdgeräte, Schlittschuhe, Werkzeuge und Gartengeräte, Petschafte, Fingerhüte, Ringe, Gürtlerwaren, Haus- und Küchengeräte. Mit Herstellung dieser Waren sind in Schmalkalden etwa 900 Arbeiter thätig. Die Stadt ist seit der Reformationszeit viel genannt, da hier 1531 der Schmalkaldische Bund geschlossen wurde, der später durch den Schmalkaldischen Krieg ein Ende fand. Das Rathaus und die Hauptkirche stammen aus dem ~XV.~ Jahrhundert, das auf dem Questenberge liegende Schloß Wilhelmsburg aus dem ~XVI.~ Jahrhundert, wo es an Stelle der alten Burg Wallraff (Walluff) erbaut wurde. Auf dem Friedhofe der Stadt ruht Karl Wilhelm, der Tonsetzer der »Wacht am Rhein«. Von großer Bedeutung für die zahlreichen an den Bachufern erbauten Werkstätten ist der Wasserreichtum der Gewässer, die schnell fließend sind und deshalb im Winter fast nie gefrieren.

~IX.~

Wer sich vor dem Lärm und Staub der großen Straße zurückziehen will in frische Bergluft und in stille Waldeinsamkeit, der steige hinauf auf den Kamm des Gebirges und wandere dann den merkwürdigen Weg, der den Kamm entlang zieht wie ein schmales Band. Stundenlang dringt das Auge nicht durch der Wälder Dichte, nur zu Häupten lacht blauer Himmel herein und der Sonne Lichter bringen ein farbenheiteres Bild in die Blättermassen. Dann gibt's wohl wieder freie Ausblicke, hinab in grüne Thäler, die sich verlieren in weiter Ferne, und auf duftige Bergmassen, die das Rundbild schließen. Oft ist der Pfad kaum zu erkennen, dicht verwachsen durch Gräser, Moos oder Gestrüpp, dann ist er wieder eine ganze Strecke fahrbar, dient aber keinem bedeutenden Verkehr, der wohl vom Thal über das Gebirge ein anderes Thal zu erreichen sucht, nicht aber den Kamm entlang zieht.

[Sidenote: Rennsteig.]

Auf der Wasserscheide des Gebirgs läuft der Rennsteig von Blankenstein, an der Mündung der Selbitz in die Saale, bis Hörschel, an der Mündung der Hörsel in die Werra in einer Gesamtlänge von 168 ~km~.

An vielen Stellen ziehen sich aus den Mulden schmale Moorbänder bis zum Rennsteig empor, vielfach die Quellen der Gewässer bildend. Von Blankenstein aus gewinnt der Rennsteig die Höhe bei Rodacherbrunn (Rodach von Roda = Waldrodung, und Ache = Wasser), einer Häusergruppe, deren Lage im siebenjährigen Kriege und im Jahre 1806, als Napoleon den Frankenwald überschritt, militärische Bedeutung hatte. Die Fortsetzung des Rennsteigs wird bezeichnet durch die Punkte Grumbach, Brennersgrün, Spechtsbrunn, Neuhaus, Neustadt, Schmücke, Inselsberg und Hohe Sonne. Oft verherrlicht und besungen, ist er am treffendsten geschildert von Scheffel:

Ein deutscher Bergpfad ist's! Die Städte flieht er Und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf, Durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er Und birgt im Dickicht seinen scheuen Lauf ... Der Rennstieg ist's: die alte Landesscheide, Die von der Werra bis zur Saale rennt Und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide Der Thüringer von dem der Franken trennt. Du sprichst mit Fug, steigst du auf jenem Raine: Hier rechts, hie links! hie Deutschlands Süd, dort Nord. Wenn hier der Schnee schmilzt, strömt sein Guß zum Maine, Was dort zu Thal träuft, rinnt zur Elbe fort ...

Nächst der Hauptlinie des Rennsteigs sind noch zwei Zweiglinien vorhanden, die eine vom Großen Weißenberg bis Herrenbreitungen, 13½ ~km~ lang; die andere vom Ruhlaer Häuschen nach Sallmannshausen, 28 ~km~ lang. Der Liebensteiner Rennweg (vgl. oben S. 86) und der Rennsteig vom Großen Weißenberg nach Osten scheidet noch heute thüringische und fränkische Mundart, doch nur bis in die Gegend von Limbach, wo die Wasserscheide zwischen Schwarza und Loquitz die Grenze der beiden Mundarten bildet. Hier sind etwa seit dem ~VII.~ Jahrhundert die Franken allmählich vorgedrungen in die von Sorben besetzten Gegenden und kultivierten den ganzen Orlagau. Aber auch die Hauptlinie des Rennsteigs ist keine ununterbrochene Sprachscheide. Südlich davon setzten sich in Brotterode Thüringer fest, nördlich kamen die Franken bis zur Ilmenauer Gegend und ließen sich in Altenfeld, Stützerbach und Gehlberg nieder, ebenso drangen sie von Limbach aus in den Schwarzagruud bei Scheibe. Die unmittelbar am Rennsteig liegenden Orte tragen meist fränkischen Charakter, so Oberhof, Neustadt und Limbach, während Masserberg von Thüringern gegründet wurde. Über den heutigen Verlauf der Staatengrenzen am Rennsteig unterrichtet am schnellsten ein Blick auf die Karte (siehe Andrees Handatlas, Karte der Thüringischen Staaten).

Über die Bedeutung des Namens Rennsteig und über den Zweck des Weges sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Früher galt er schlechtweg als Grenzweg, als Wald- und Jagdgrenze für die Holzgerechtigkeiten und Wildbahnen der angrenzenden Gemeinden und Herrschaften. Wahrscheinlicher ist die Beziehung des Namens Rennsteig oder Rennweg zu »rennen«, auf dem Roß dahinsprengen, so daß er also als Reitweg aufzufassen ist. Es würde sich dabei aber nicht um eine militärische Bedeutung handeln, weder um verdeckte Truppenverschiebung, noch um das Rennen der Reiterboten oder Grenzwächter auf dem Gebirgskamme. Näher kommt die Auffassung des Rennsteigs als Reitweg für den Grenzumritt, gleichgültig, ob es sich um Wildbahngrenzen, Forstgrenzen oder Landesgrenzen handelte. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Beziehung des Rennsteigs zur urkundlich nachgewiesenen vom ~XV.~ bis ins ~XIX.~ Jahrhundert bestehenden Rossezucht auf den Höhen des Thüringerwalds. Die altnomadische Zuchtweise, die Rosse in großen Herden fern von menschlichen Wohnungen im Freien weiden zu lassen, war mindestens zu Ausgang des Mittelalters auf der Kammhöhe Brauch, wo zahlreiche Waldwiesen und Waldblößen (oft mit der Namensendung rod) bestanden. Es mußten dann alte Weideplätze und Wege benutzt werden, auf denen der berittene Roßhirt dahinrannte (sprengte) und auch seine Rosse zu den Weideplätzen rannten. Wo keine Hochweiden vorhanden waren, mußte man sich mit den Weiden in den Niederungen begnügen, wodurch vielleicht hier und da das Vorkommen des Namens Rennweg in der Niederung zusammenhängt. Die Besiedelung der Höhen geschah zunächst an den Pässen, wo die Straßen das Gebirge überschritten und wo Wallfahrtsorte, Wirts- und Geleitshäuser und Schmieden entstanden.

~X.~

[Sidenote: Klima Thüringens.]

Der reiche Wechsel der Oberflächenformen in der Gesamtlandschaft Thüringen gibt Veranlassung zu einem sehr verschiedenen Klima in den einzelnen Gebieten. Am günstigsten erscheint die Osthälfte des Thüringischen Beckens nebst Ilm- und Saalplatte, im Westen etwa von einer Linie Saalfeld-Erfurt-Nordhausen begrenzt. Hier herrscht eine wahre Mitteltemperatur des Jahres von 8-9° ~C.~, die dann im Vorlande und Frankenwald erheblich zurückgeht und endlich auf dem Gebirgskamm nicht ganz 4° beträgt. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Weimar 8,1, Coburg 7,7, Ziegenrück 7, Großbreitenbach 5,8, am Inselsberg aber nur 3,6° ~C.~ Die Julitemperaturen stellen sich wie folgt: Weimar 17,6, Coburg 17,4, Ziegenrück 15,9, Großbreitenbach 15,1, Inselsberg 12,2; die Januartemperaturen: Weimar -1,2, Coburg -2, Ziegenrück -2, Großbreitenbach -2,6, Inselsberg -4,3. Merkwürdige Übereinstimmung zeigen die annähernd in gleicher Höhenlage befindlichen Städte Erfurt und Heiligenstadt, deren Jahrestemperatur 8,3 und 8°, Januartemperatur -1,1 und -0,7°, Julitemperatur 17,7 und 17,2° ~C.~ beträgt. Zuweilen tritt im Thüringischen Becken während des Winters eine Luftstauung ein, die sich in der Entwickelung hoher Kältegrade äußert, die oft auf den benachbarten Höhen nicht bemerkt werden, so daß ähnlich wie in den Alpen aus Bergen oder hoch gelegenen Orten im Winter manchmal höhere Temperaturen herrschen, als in tief gelegenen Thälern. Die eigentliche Frostzeit dauert in niederen Landesteilen etwa zwei Monate, steigt aber in den höheren Gebieten bis über das Doppelte. Aus den höchsten Punkten (Inselsberg, Schmücke, Oberhof) hat der Frost eine mittlere Dauer von 140 Tagen. Die täglichen Temperaturschwankungen sind in den engen und tief eingeschnittenen Thälern am bedeutendsten. Die Luft ist aber rein und besonders im Gebirge anregend, wozu Höhe und Bewaldung gleichmäßig beitragen und alljährlich viel Tausenden von Menschen Kräftigung und Erholung ermöglicht.

[Sidenote: Niederschläge.]

Die Durchschnittszahl der Tage mit Niederschlägen beträgt in Thüringen jährlich 180! In Weimar fallen an 197 Tagen im Jahre 55 ~cm~ Niederschläge, in Coburg an 160 Tagen 64 ~cm~, in Großbreitenbach an 211 Tagen 112 ~cm~, auf dem Inselsberg an 183 Tagen 120 ~cm~. Nicht große Unterschiede haben Erfurt mit 52 ~cm~ (wovon 14 vom Hundert im Juni fallen, während in Großbreitenbach der höchste Prozentsatz 12 im Dezember fällt), Heiligenstadt 62 ~cm~, Jena 54 ~cm~, Langensalza 50 ~cm~ und Sondershausen 54 ~cm~. Die geringsten Niederschläge mit weniger als 50 ~cm~ haben die Mitte des Thüringischen Beckens und die untere goldene Aue. Gewitter treten nur an 13-20 Tagen im Jahre auf. In den Niederschlagstagen sind die Schneetage miteingerechnet, die für Weimar 49, Coburg 48, Großbreitenbach 67, Neuhaus am Rennsteig 70, Inselsberg 67 betragen. Diese für das Gebirge verhältnismäßig geringe Zahl der Schneetage bringt aber oft große Schneemassen, so daß auf dem Kamm manchmal der Schnee bis zu den Dächern der Häuser reicht (Abb. 73). Die gewaltigen Schneemassen hüllen dann den schweigenden Gebirgswald in ein weißes Zaubergewand, das besonders auf den Nadelbäumen schwer lastet (Abb. 74) und großen Schaden durch Schneebruch anrichtet. Am verheerendsten treten die Schneebrüche in einer Höhenlage von etwa 700-800 ~m~ auf, wo der Schnee großflockiger fällt als in den höchsten Gebirgsteilen.

Das Klima Thüringens beeinflußt in bester Weise die mächtige Bewaldung des Gebirges und regelt den Lauf der Flüsse, während es im Thüringischen Becken den Ackerbau begünstigt. Die besonders im Sommer reichen Niederschläge nähren zahlreiche kräftige Wasseradern, die aber trotzdem dann nur niedriges Wasser führen, weil den Niederschlägen durch die Verdunstung entgegengearbeitet wird. So leidet die Schiffbarkeit der Saale durch diese geringste Wasserführung gerade zu der für den Verkehr günstigsten Jahreszeit. Im Winter und Frühling besitzen die Flüsse aber meist Hochwasser, das oft große Verheerungen anrichtet.

[Sidenote: Ackerbau und Viehzucht.]