Thüringen

Part 8

Chapter 83,204 wordsPublic domain

Gräfenroda hat bedeutende Industrie und treibt auch Pechsiederei. Der Austritt der zahmen Gera aus dem Gebirge erfolgt bei dem gothaischen Dorfe Arlesberg, das Viehzucht treibt und bedeutenden Grubenbau auf Braunstein hat, der in zahlreichen Pochhämmern zertrümmert wird. Der anmutige Jüchnitzgrund führt hinauf zum einsam gelegenen Mönchshof. Wie Arlesberg liegt an der Gesteinsgrenze auch das gothaische Dorf Elgersburg (1000 Einw.), einer der lieblichsten Badeorte Thüringens, hingelagert auf grüner Matte und geschützt von einer tannengeschmückten Porphyrwand. Teilweise liegt Elgersburg in einer gleichseitig zum Gebirgsrande verlaufenden Thalsenke, die durch starke Verwitterung und Auswaschung der Sandsteinschichten entstanden ist. In der anmutigen Umgebung nimmt das Körnbachthal einen bevorzugten Rang ein, nicht allein wegen der schönen Felsenhallen des Körnbachgrundes, sondern auch wegen seiner Erinnerungen an Goethe, der in das Fremdenbuch der jetzt abgebrochenen Massenmühle einige Verse schrieb. Von der Felshöhe leuchtet jetzt sein Name in vergoldeten Lettern herab. Auf steilem Fels ragt das alte im ~XI.~ Jahrhundert erbaute Schloß empor, dessen Brunnen von einer 900 ~m~ langen vom Rumpelsberge herkommenden Röhrenleitung gespeist wird und das jetzt zur Badeanstalt gehört. Von Ilmenau fließt die trockene Gera ab, die oberhalb von Plaue in die zahme Gera mündet.

[Sidenote: Oberhof.]

Von der wilden Gera führen die prächtigen Waldthäler des Sieglitzbaches und der Lütsche hinauf zur Höhe des Gebirges. Dort kreuzen sich mit andern Straßen in einer Höhe von 810 ~m~ die große Straße von Erfurt nach Suhl am Geleitshause zum »oberen Hof«, dem heutigen Oberhof. Diese Waldstraße wird urkundlich schon im ~XIII.~ Jahrhundert erwähnt. Hier fanden damals die zwischen Thüringen und Franken hin und her ziehenden Wagenzüge mit ihren Handelsgütern bewaffneten Schutz, der sie bis zum nächsten Geleitshause brachte. Jahrhunderte bestand hier wie im ganzen deutschen Lande diese Geleitseinrichtung, der einzige Schutz gegen die auf ihren den Hauptstraßen benachbarten Burgen hausenden adeligen Räuber. Das gothaische Dorf (400 Einw.) liegt auf ebenem grünen Plan (Abb. 48), rings von Wald umgeben, hat ein herzogliches Jagdschloß und ist wegen seiner reinen Luft als Sommerfrische stark besucht. Von der Kammhöhe ziehen zahlreiche Waldgründe nach Norden hinab, vor allem erwähnenswert der Schwarzwaldgrund und der Kerngrund, schöne Porphyrthäler mit herrlichem Waldschmucke. Die Dörfer Schwarzwald (900 Einw.) und Stutzhaus (600 Einw.) stoßen mit ihren langen Häuserreihen fast aneinander. Zu Füßen des 716 ~m~ hohen Kienbergs liegt das ehemalige Schmelzwerk Luisenthal, jetzt eine kleine Sommerfrische.

[Sidenote: Tambach.]

[Sidenote: Georgenthal.]

Von den Höhen des Roßkopfes und des Sperrhügels rinnen die Quellen der Apfelstedt, die sich bei Tambach und Dietharz mit den Gewässern des felsigen Schmalwassergrundes, des Mittelwassergrundes und des Spittergrundes vereinigen. Dietharz (800 Einw.) und der Flecken Tambach (2300 Einw.) sind gothaisch und stammen beide aus dem ~XIII.~ Jahrhundert. Sie hatten schon damals Wichtigkeit wegen der Straße, die über den Nesselberg auf die andere Seite des Gebirges nach Schmalkalden führte. Tambach hat die seit dem dreißigjährigen Kriege erloschene Eisenbearbeitung ersetzt durch Viehzucht, Holzhandel und Gewerbe. Beide Orte sind beliebte Sommerfrischen geworden. Im oberen Teile des felsigen Spittergrundes fällt der Spitterfall oder das Gespring 20 ~m~ hoch über eine Thalstufe herab, der größte natürliche Wasserfall des Thüringerwaldes, der an solchen wässerigen Naturschönheiten sehr arm ist. Von Dietharz führt eine Eisenbahn durch den von Säge-, Papier- und Lohmühlen belebten Apfelstedter Grund hinaus nach Georgenthal (900 Einw.). Auf der Berghöhe in der Nähe des Platzes, wo jetzt die Winfriedsäule errichtet ist, gründete 1143 Graf Sizzo ~III.~ von Käfernburg ein dem heiligen Georg geweihtes Kloster und besetzte es mit Cisterciensern, damit sie für ihn beten möchten, »sintemalen er keine Zeit dazu habe«. Im Jahre 1186 wurde das Kloster ins Thal verlegt, wo die Mönche Teiche schufen und Mühlen bauten, Acker- und Wiesenbau förderten und Fischzucht und Bergbau trieben. Bald war das Kloster zu Reichtum gelangt und besaß außer den im Dietharzer Grund gelegenen Burgen Falkenstein und Waldenfels zehn Dörfer, viele Mühlen und Güter, und eine ganze Anzahl Häuser in den Städten Gotha, Eisenach, Arnstadt und Erfurt. Im Jahre 1525 fiel das Kloster in den Wirren der Bauernkriege, und auf seinen Trümmern wuchs das Dorf Georgenthal langsam empor.

Auf der Höhe des Ziegelberges ragen die Häuser von Altenbergen und Catterfeld (1000 Einw.) empor, wo Hausarbeit für die Walterhausener Spielwarenindustrie schafft und wo fruchtbare Wiesen Viehzucht begünstigen. Über dem Dorfe Altenbergen erhebt sich die Winfriedsäule oder der Bonifatiusleuchter (deshalb auch mit dem häßlichen Wort Kandelaber benannt), der Sage nach an der Stelle, wo der Apostel der Deutschen, Bonifatius, das erste Kirchlein in Thüringen gebaut haben soll. Die wenigen Grundmauern rühren aber von jenem Kirchlein her, das Graf Ludwig mit dem Barte 1040 dort erbaute. Der Bonifatiusleuchter wurde erst 1811 errichtet, auf acht Steinkugeln und mehrfach gegliedertem Sockel in roh antikisierender Form eines 10 ~m~ hohen Riesenleuchters, oben mit einer von drei Engelsköpfen gehaltenen Pfanne endend, aus welcher steinerne Flammen aufsteigen. In Wirklichkeit hat Bonifatius die erste Kirche in Thüringen an der Stelle gebaut, wo jetzt die Michaeliskirche in Ohrdruf steht.

[Sidenote: Inselsberg.]

Wo die Straße von Tambach nach Schmalkalden den Gebirgskamm überschreitet, ist eine Einsattelung von etwa 700 ~m~ Höhe vorhanden, jenseits deren der nordwestlichste Teil des Thüringerwalds beginnt, der niedriger ist als der mittlere Teil und eine um 200 ~m~ geringere mittlere Kammhöhe besitzt, nur 610 ~m~. Dieser Schlußteil mißt vom Nesselbergsattel bis zum Eichelberg bei Hörschel 46 ~km~. Auf einem Seitenaste erhebt sich der Zug der Hühnberge östlich von Schmalkalden zu einer selbständigen Gruppe, deren höchster Gipfel zu 837 ~m~ ansteigt. Weiterhin sind die höchsten Erhebungen auf dem Kamm selbst oder in seiner nächsten Nähe vorhanden, der Spießberg, 737 ~m~, der große Jagdberg, 838 ~m~, und vor allem der schöne Inselsberg, 915 ~m~ (genau 915,58) hoch. Sein bewaldeter Kegel hebt sich aus dem immer niedriger und schmaler werdenden Kamme auffallend heraus (Abb. 49), obwohl ihm auf beiden Seiten des Gebirges eine reiche Zahl von nur 200 ~m~ niedrigeren Bergen vorgelagert sind. Sein Porphyrhaupt ragt aus dem archäischen Gneis seiner südlichen Umgebung und aus den Konglomeraten, Sandsteinen und Schieferthonen des Rotliegenden hervor. Der Name Inselsberg oder Inselberg ist eigentlich eine falsche Benennung und entstand aus Enselberg oder Emselberg (~Emsenberc~) nach der an seiner Nordwestflanke entspringenden Emse. Der Berg ist wegen seiner freien Lage ein von ungefähr 50000 Menschen jährlich besuchter Aussichtspunkt und ist ausgezeichnet durch die Schönheit der Rundsicht, die man von seinen zwei Aussichtstürmen genießt. Der Blick schweift hinaus über das Dunkelgrün seiner Fichten- und Buchenwälder und die engen Thäler des Vordergrundes bis zu den Fruchtfeldern des Thüringischen Beckens und zum Harz, östlich bis zu den Saalbergen, südlich bis zu den fränkischen Höhen und der Rhön, westlich bis zum hessischen Berglande.

[Sidenote: Friedrichroda.]

Schöne Thalgründe führen von der Kammhöhe nach Nordosten hinab, vom Spießberge die Quellbäche der Leina, wie der Oberlauf der Hörsel hier genannt wird, die dann in der Nähe von Schönau aus dem Porphyrgebirge in das Gebiet des Buntsandsteins und Muschelkalks eintritt. Auf der Höhe westlich der Leina liegt das Dorf Finsterbergen (1100 Einw.), früher eines der einsamsten Dörfer des Waldes, heute ein Ort für sommerliche Luftschnapper. Vom kleinen Jagdberg rinnt das Schilfwasser hinunter ins kühle Thal, an dessen Austritt aus dem Hauptgebirge an der Gesteinsgrenze Friedrichroda (4250 Einw.) in grüner Thalmulde ausgebreitet ist, rings von buchen-, fichten- und tannenbestandenen Höhen umrahmt (Abb. 50). Der Ort wurde 1039 von Ludwig mit dem Barte gegründet, erhielt aber erst 1597 vom Kaiser Rudolf ~II.~ Stadtrechte. Im dreißigjährigen Kriege gingen zwei Drittel der Stadt zu Grunde, aber der stille Ort erholte sich immer wieder, wozu bis ins erste Viertel des ~XIX.~ Jahrhunderts die Weberei und Bleicherei von Leinengarn erheblich beitrug, wofür an die herzogliche Kammer ein Zwirnzoll und Bleichzoll gezahlt wurden. Von hier aus wurden mit gebleichten Garnen jene Gegenden versorgt, wo Weberei vorherrschend war, das südöstliche Thüringen und die Rhön. Mit der Verbreitung des Baumwollgewebes erlitt die Leinenbleicherei bedeutende Einbuße. Es wurde auch Bergbau getrieben, der aber nie sehr bedeutend war; der Eisenstein wurde im Schmelzwerk Luisenthal bei Ohrdruf verhüttet. Die letzten Versuche wurden 1858 aufgegeben. Den größten Reichtum brachten der Stadt aber Luft und Sonne, die Heilkraft des Waldodems, die Reinheit seines Wassers, so daß jetzt die gothaische Stadt Friedrichroda jährlich von mehr als 10000 Personen besucht wird und dadurch die besuchteste Sommerfrische Thüringens ist.

[Sidenote: Reinhardsbrunn.]

Im Gipse des Zechsteins ist die kleine Marienglashöhle durch einen kurzen Stollen zugänglich. Nur wenige Steinreste zeugen noch von der alten Schauenburg, dem Stammschlosse der thüringisch-sächsischen Fürstenhäuser, die von ihrem Gründer Ludwig mit dem Barte 1045 bezogen wurde. Südlich wird Friedrichroda überragt vom schönen Waldkegel des Gottlob, einem Vorberge des 608 ~m~ hohen Körnbergs. Westlich erhebt sich der 697 ~m~ hohe Abtsberg, wie die vorhin genannten bestehend aus Rotliegendem mit Porphyr- und Melaphyreinlagerungen. Der Abtsberg steht durch einen anmutigen wiesengeschmückten Sattel, Jägersruh oder Tanzbuche benannt, mit dem Gebirgskamm in Verbindung. Vom Kühlen Thal windet sich die Straße empor zum Heubergshaus (690 ~m~), wo sie den Rennsteig kreuzt und dann südwärts nach Schmalkalden zieht. In der Nähe Friedrichrodas, schon im Gebiete des Buntsandsteins, liegt das gothaische Lustschloß Reinhardsbrunn (Abb. 51), inmitten herrlicher Wald- und Gartenanlagen. Im Jahre 1088 wurde der Grund zur stattlichen Benediktinerabtei Reinhardsbrunn gelegt, die in acht Jahren vollendet wurde. Die dauernde Gunst des Gründers, Ludwig des Springers, und der nach ihm folgenden Landgrafen von Thüringen ließ das Kloster immer stolzer emporblühen, so daß im ~XIII.~ Jahrhundert 142 Ortschaften entweder dem Kloster gehörten oder ihm zinspflichtig waren. Das Kloster erlag 1525 den Stürmen des Bauernkrieges und wurde mit fast allen seinen Schätzen verbrannt. Die Klostergüter wurden später eingezogen und Reinhardsbrunn in ein fürstliches Amt verwandelt. Auf den Grundmauern des 1607 erbauten hohen Hauses oder Schlosses erhob sich das heutige seit 1828 in englisch-mittelalterlichem Geschmacke in prächtiger Weise aufgeführte Schloß, das durch die lieblichen Garten- und Teichanlagen um so schöner wirkt.

[Sidenote: Tabarz. Cabarz.]

[Sidenote: Winterstein.]

Die Wässer des Wilden Grabens und der Strenge rauschen vereinigt im Felsenthale unterhalb der Porphyrzacken, die malerisch aus dem Fichtenwald hervorragen, und münden dann in die Laucha. Beim Austritt der Laucha aus dem Gebirge schimmern mit ihren roten Dächern auf grünem Wiesenplane die Dörfer Tabarz und Cabarz (jedes mit 1100 Einw.). Die beiden anmutigen Orte sind beliebte von dunklem Wald umgebene Sommerfrischen, wo noch kein Lokomotivenpfiff die herrschende Ruhe stört. Der Wald bietet das Arbeitsfeld des Zapfensteigers; im Herbst holen die Sammler die Samenkapseln von den höchsten Nadelbäumen, das Material für einen schwunghaften Handel mit Holzsamen. Im Buchenschatten des Emsethals liegt das unregelmäßig gebaute Dorf Winterstein (800 Einw.), fast eine halbe Stunde im Thalgrunde sich hinziehend, während einzelne seiner Hütten hoch an den Bergwänden verstreut sind. Vom Thalgrunde führt ein schmaler Pfad auf den mit einem Pürschhäuschen besetzten Porphyrgipfel des Drehberges (755 ~m~), der zwar nicht auf dem Hauptkamm liegt, aber doch einen der hübschesten Ausblicke zwischen Inselsberg und Wartburg gewährt, besonders nach Süden ins Werrathal bis zu den blauen Höhen der Rhön.

[Sidenote: Ruhla.]

[Sidenote: Pfeifenindustrie zu Ruhla.]

Westlich des Inselsbergs bleiben die höchsten Erhebungen auf dem Kamm des Gebirges oder wenigstens in seiner unmittelbaren Nähe. Der Große Weißenberg, auf der Scheide zwischen Glimmerschiefer und Granit, erhebt sich zu 749 ~m~, die Granitkuppe des Gerbersteins hat nur noch 728 ~m~. Das Granitgebiet ist reich an Eisensteinen, die abgebaut werden. An den Ufern des Erbstromes zieht sich im engen grünen Thale fast eine Stunde lang die Stadt Ruhla hin (5600 Einw., wovon 2500 weimarisch, 3100 gothaisch sind), eine der bedeutendsten Industrieplätze Thüringens (Abb. 52). Der Fluß bildet seit 1640 die Grenze der Staatsgebiete, und das Thal ist rings von schön bewaldeten Höhen umgeben, meist Glimmerschiefer mit eingesprengten Porphyren und Melaphyren, oberhalb der Stadt bis zum großen Weißenberge aus Granit bestehend. Aus dem Jagdhause, in dem Karl August mit Goethe oft weilten, ist jetzt das Kurhaus geworden. Ruhla hat eine sehr wechselvolle Industrie gehabt. Im ~XI.~ Jahrhundert blühte der Eisenbergbau, dessen Eisenstein an Ort und Stelle verhüttet wurde, wozu die reichen Holzbestände der Umgebung den Brennstoff lieferten. Aus dem Erze wurden Waffen und Rüstungen geschmiedet, und der Ruf der Waffenschmiede Ruhlas drang weit über die Grenzen Thüringens hinaus. Nach dem Verfall dieser stolzen Industrie wurden die Waffenschmiede zu Messerschmieden, die eine einheitliche Zunft bildeten, deren Anfänge ins ~XV.~ Jahrhundert zurückreichen. Nach der durch Friedrich ~II.~ von Preußen veranlaßten Auswanderung der Messerschmiede nach Eberswalde im Jahre 1747 verfiel dieser Industriezweig, wurde aber reichlich ersetzt durch die Einführung der Herstellung von Tabakspfeifen, worin Ruhla ein Hauptplatz geworden ist und seine Erzeugnisse nach allen Ländern der Erde ausführt. Besondere Wichtigkeit hat die Verarbeitung des aus Kleinasien eingeführten Meerschaums zu Pfeifenköpfen, doch werden auch Holzpfeifen gemacht und die aus den thüringischen Fabriken stammenden Porzellanpfeifenköpfe mit Beschlägen versehen und mit Rohren und Spitzen zusammengesetzt. Aus Ruhla (im Volksmunde »die Ruhl« genannt) gehen jährlich 6 Mill. Pfeifenköpfe (davon nur ½ Mill. echte Meerschaumköpfe) in den Handel, ferner 10 Mill. beschlagene Porzellanpfeifenköpfe, 10 Mill. Spitzen für Tabakpfeifen und Cigarren, 27 Mill. Pfeifenbeschläge, 19 Mill. Pfeifenschläuche, Ketten u. a., 15 Mill. Pfeifenrohre, 5 Mill. Holzpfeifenköpfe und 15 Mill. fertige Tabakspfeifen, eine Gesamtproduktion von etwa 6 Mill. Mk. darstellend. Die Holz-, Hornpfeifen- und Zigarrenspitzenindustrie hat sich auch auf die Umgebung Ruhlas verbreitet, nach Seebach, Schmerbach, Winterstein bis Waltershausen und Schweina. Zwei Fünftel der Arbeiter sind in Hausindustrie beschäftigt, die anderen arbeiten in Fabriken. Die erst seit einigen Jahrzehnten eingeführte Metallindustrie hat die Pfeifenindustrie bereits überflügelt. Die Bewohner Ruhlas sind fleißig und leichten Sinnes und haben in Gebräuchen und Mundart viel von anderen Thüringern Abweichendes, zeigen jedoch merkwürdige Ähnlichkeit mit den Einwohnern von Brotterode und Steinbach, mit denen sie unleugbare Stammesbeziehungen haben. Ruhla ist Geburtsort des thüringischen Dichters Ludwig Storch.

[Sidenote: Thal. Wilhelmsthal.]

Von Ruhla führt eine Zweigbahn thalabwärts, um sich in Wutha mit der Hauptlinie zu vereinen. In frischen Wiesen eingebettet liegt an der Einmündung eines Seitenbaches das gothaische Dörfchen Thal (600 Einw.), gleich Ruhla als Sommerfrische besucht. Hier weitet sich das Thal zu einer freundlichen von Buchen- und Fichtenwäldern umwölbten Landschaft. An Stelle der alten aus dem ~XI.~ Jahrhundert stammenden Burg Scharfenburg ragt nur noch ein häßlicher Aussichtsturm empor, der den zierlichen Namen Löthtopf führt. An der andern Bachseite stand einst ein Bettelmönchkloster Heiligenstein, dessen Name heute erinnerungsvoll von einem Wirtshause geführt wird. Im Zechsteingebiete von Kittelsthal bricht man ein Gestein, das zu künstlichen Alabasterwaren verarbeitet wird. In der Nähe des Rennsteigs bietet der 575 ~m~ hohe Wachstein einen dankbaren Aussichtspunkt. Im grünen Grunde des Eltethales schimmert mit seinem kleinen See das weiße Schloß Wilhelmsthal, die Sommerfrische des Großherzogs von Weimar, einst schon von Goethe besucht. Die nach Eisenach führende Straße gewinnt die Höhe des Gebirges und kreuzt den Rennsteig bei dem ehemaligen Jagdschlößchen, jetzigen Wirtshause zur Hohen Sonne, 442 ~m~ hoch, bekannt wegen des schönen Durchblickes nach der Wartburg (Abb. 53), die wie ein von Fichten umrahmtes Bild erscheint. Hier zog auch die alte Weinstraße hinüber ins Hörselthal, eine alte Handelsstraße, auf der von Franken her die geistlichen Besitzungen nördlich des Thüringerwalds mit dem nötigen Rebensaft versorgt wurden.

[Sidenote: Eisenach.]

Westlich von der nach Eisenach führenden Straße ist das Annathal (Abb. 54) eingeschluchtet, eingefaßt von feuchten moosgrünen Felsen, durchrauscht von einem Bächlein und gemieden vom Sonnenlicht, das die Buchenwipfel hier nicht zu durchdringen vermag. Die weitere nördliche Fortsetzung der anmutigen Thalbildung heißt Marienthal, von wo die felsige Landgrafenschlucht zum Drachenstein aufwärts führt, während im Marienthal schon eine große Zahl hübscher freundlicher Landhäuser entstanden sind, die südlichsten Vorposten der alten Stadt Eisenach. Am Fuße der Wartburg leuchtet aus seiner grünen Umgebung das ehemalige Landhaus Fritz Reuters (Abb. 55), der hier 1874 starb. Die Stadt Eisenach (24400 Einw.) liegt an der Gesteinsgrenze und bezeichnet den Eintrittspunkt des von Hessen kommenden Straßenzuges nach Thüringen. Die frühere Stadt (Isnacha oder Ysenacha = Eisenwasser) lag weiter östlich und ging 1070 durch Brand zu Grunde. Die jetzige Stadt (Abb. 56) wurde unter dem Schutze der Wartburg von Ludwig dem Springer neu erbaut und war namentlich zur Zeit der auf der Wartburg wohnenden Landgrafen ansehnlich geworden, besonders im ~XII.~ und ~XIII.~ Jahrhundert. Von 1587 bis 1741 hatte sie aus einem Zweig der Nachkommenschaft des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ihre eigenen Herzöge, nach deren Aussterben sie an Weimar fiel. Die schöne Umgebung bildet jedoch den größten Anziehungspunkt, weshalb die Stadt der Mittelpunkt eines regen Fremdenverkehrs geworden ist. Einen Überblick über Eisenach mit der Wartburg gewinnt man von dem nördlich gelegenen Wartenberg (im Volksmunde verderbt zu Wadenberg), wo das turmartige Gebäude des deutschen Burschenschaftsdenkmals zur Höhe strebt.

[Sidenote: Wartburg.]

Der Glanzpunkt Eisenachs ist aber die herrliche Wartburg (Abb. 57), 394 ~m~ über dem Meer, 174 ~m~ über Eisenach gelegen. Sie ist eine der schönsten Burgen Deutschlands, umkränzt von Geschichte und sinniger Sage und ein treues Spiegelbild altvergangener Zeit, auch in Bezug auf Kultur- und Volksentwickelung. Ihr Grundriß gibt einen lehrreichen Aufschluß über die Einrichtung einer alten Adelsburg, wenn auch in der Ausstattung der einzelnen Bauten weit darüber hinausgegangen war. Durch ein markiges Thorgewölbe betreten wir die Vorburg, zunächst den außerordentlich malerischen ersten Burghof (Abb. 58 und 59), der umschlossen wird vom Thorturm nebst Zugbrücke, den zinnengekrönten Mauergängen und dem Ritterhause. Im Obergeschoß des Ritterhauses befindet sich das Lutherstübchen (Abb. 60), wo Luther die Bibelübersetzung begann. Das war die »Einsiedelei« oder »seine Insel Patmos«, wo er als Junker Jörg vom Mai 1521 an ein Jahr lang in freiwilliger Gefangenschaft lebte und das Tintenfaß an die Wand warf, um die Anfechtungen des Teufels abzuwehren. Das Stübchen ist in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten worden und enthält viele Gegenstände mit Erinnerungen an Luther. Durch eine zweite Thorhalle betreten wir die Hofburg, die aus der Dirnitz (heizbares Wohnhaus, das jetzt den Rüst- und Waffensaal beherbergt), der Kemenate, dem Bergfried und dem Prachtbau des Landgrafenhauses besteht. Die Kemenate (von ~caminata~, mit Kamin versehener heizbarer Raum) war die Wohnung der Burgfrau und ihrer näheren Bedienung, unter denen die bevorzugten Frauen, die am erwärmten Raume der Herrin teilnehmen durften, Frauenzimmer genannt wurden. An die Kemenate angebaut ist der Bergfried, der 52 ~m~ hohe mit einem Kreuz gekrönte Turm. Das schönste Gebäude der Hofburg ist das Landgrafenhaus (auch Palas, von ~palatium~, also mit Pfalz und Palast eines Ursprungs), mit dem Landgrafenzimmer (Abb. 61) und dem berühmten Sängersaal mit der erhöhten Laube, wo die Meistersinger ihre Wettlieder sangen (Abb. 62), alles in freundlichen Farben schimmernd. Die Pläne zur Wiederherstellung der herrlichen Burg entwarf Prof. Ritgen, und die malerische Ausschmückung der Räume hat in Moritz von Schwind ihren Meister gefunden, der allen Märchenzauber mit der Romantik der Burggeschichte verband, deren einzelne Abschnitte im Bilde festgehalten wurden. Ludwig der Springer, der Sohn Ludwigs mit dem Barte, der auf der Schauenburg saß und 1055 starb, kam auf einem fröhlichen Jagdzuge auf den Gipfel, den jetzt die Wartburg krönt, und war von der landschaftlichen Schönheit so entzückt, daß er ausrief: »Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden« (Abb. 63). Der Bau der Burg wurde 1067 begonnen und war schon nach zwei Jahren vollendet. Der Sohn Ludwig des Springers, Ludwig ~I.~, wurde vom Kaiser Lothar gefürstet und entfaltete dann auf der Wartburg auch mehr äußeren Glanz. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig ~II.~ (1140-1172) wurde »der Eiserne« genannt. Die Sage erzählt von ihm, er sei auf der Jagd ermüdet und unerkannt bei einem Schmied in Ruhla eingetreten und habe dort Nachtlager gefunden. Anderen Morgens sei der Landgraf durch das Hämmern des Schmiedes, der dabei rief: »Landgraf, werde hart« (Abb. 64), erwacht und erfuhr auf Befragen die Bedeutung dieser Worte. Die Edelleute konnten nach Gefallen im Lande walten und ließen sich vielfach Bedrückungen des Volkes zu schulden kommen, und gegenüber diesen Ausschreitungen sollte der Landgraf hart werden. Er wurde es, führte fortan eine strenge Regierung und wurde zum Liebling des Volkes, in Ruhla »hart geschmiedet«.