Part 7
Wandert man auf dem Rennsteig vom Waldarbeiterdorf Masserberg gegen Neustadt am Rennsteig, also in den mittleren und nordwestlichen Teil des Thüringerwalds, so sieht auch das ungeübte Auge, daß durch die nun vorherrschende Buchenbewaldung auf eine andere Bodenbeschaffenheit zu schließen ist. Wir verlassen das Gebiet der kambrischen Phyllite und Thonschiefer und gelangen in das Bereich des Rotliegenden und der Porphyre. Das Gebirge schließt sich allmählich zusammen zu schmalerer Entwickelung, aber mit ausgesprochener Kammbildung. Immer klarer wächst eine Gebirgskette empor mit deutlicher Ausbildung von Kammlinie, Gipfeln und Pässen, und mit angegliederten Seitenästen. Der Hauptkamm überragt das Vorland um etwa 400-500 ~m~, den Fuß des Gebirges umsäumen auch hier wieder zahlreiche Siedelungen wie eine Perlenschnur, durch die Hauptpunkte Schleusingen, Suhl, Schmalkalden, Liebenstein, Eisenach, Waltershausen, Ohrdruf, Ilmenau und Gehren gekennzeichnet. Die Kammlänge des mittleren und nordwestlichen Thüringerwalds beträgt 101 ~km~, das ganze Gebirge einschließlich des südöstlichen Teils bis zur Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach bedeckt einen Raum von 1985 ~qkm~ (der Harz umfaßt 2468 ~qkm~) mit einer Bevölkerung von rund 200 000 Seelen. Die Länge des Rennsteigs von der Schwalbenhauptwiese bis zur Werra bei Hörschel beläuft sich auf 95 ~km~. Im nordwestlichen Teile des Gebirges, fast in der Mitte der gesamten Längserstreckung zwischen Loquitz- und Haßlachquellen und der Werra erheben sich die höchsten Gipfel des Gebirges, als erster der Große Beerberg mit 983 ~m~ Höhe. Von hier aus senkt sich der Gebirgsrücken gleichmäßig nach Nordwesten hin, im Inselsberg noch einmal mächtig emporsteigend, um dann sich rasch abzustufen bis zum Eichelberg, 341 ~m~, dem nordwestlichen Eckpfeiler über dem Werradurchbruch.
Im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald treten nur in untergeordneter Weise Teile des älteren Grundgebirges empor; einmal im Granit in der Gegend von Mehlis und Zella bis Suhl, das hinübergreift ins Vesser- und Nahethal sowie ins obere Ilmthal, dann im Nordwesten archäische Gneise und Glimmerschiefer neben Graniten im Gebiet von Kleinschmalkalden und Brotterode bis über Ruhla hinaus. Das Hauptgebiet besteht hauptsächlich aus den Schichten des Rotliegenden mit wenigen Kohleneinlagerungen und mächtigen Konglomeratbildungen, sowie den in der jüngeren paläozoischen Zeit emporgedrungenen zahlreichen Eruptivgesteinen, namentlich Porphyren und Melaphyren. Hierzu kommen noch in einer vom Nesselbachthal nordwärts gerichtete Zone Diabase in den Schieferthonen des Rotliegenden, und vulkanische Aschen, die unter Einwirkung des Wassers zu Tuffen umgelagert wurden. Die Abgrenzung des Gebirges vom nördlichen und südlichen Vorland wird an vielen Stellen durch einen Zechsteingürtel vermittelt, am Südwestfuß vom Werrathale bis über Schweina hinaus oft in einer Breite von 2-3 ~km~, dann treten nur noch einzelne Gebiete hervor, bei Seligenthal, Asbach und Benshausen. Von Suhl an tritt der mittlere Buntsandstein unmittelbar an das alte Gebirge heran, weiter südöstlich sogar der Muschelkalk, erst von Sonneberg an erscheint der Zechstein wieder. Auf der Nordostseite begrenzt ein schmaler Zechsteingürtel das Gebirge in mehrfachen Unterbrechungen, zu größerer Breite sich erst zwischen Gehren und Blankenburg entwickelnd. Erst östlich von Saalfeld erreicht er in der großen Senke bis nach Gera hin seine größte Breite und begleitet den Fuß des Osterländischen Stufenlandes, das mit der Platte des Frankenwaldes ein unmittelbar zusammenhängendes Ganzes bildet, wie wir oben bereits erwähnt haben. An den Unterbrechungsstellen tritt im Nordosten der untere Buntsandstein an das Gebirge, dem sich nach außen der obere Buntsandstein und der Muschelkalk anschließen.
Das Vorland beider Seiten besteht also, abgesehen von kleineren Gebieten älterer Gesteine an solchen Stellen, die gestörte Lagerungsverhältnisse aufweisen, im allgemeinen aus Schichten der mesozoischen Formation, besonders Triasschichten. Meist umsäumt dann der Buntsandstein als unterstes Glied der Trias den Gebirgsfuß, in geringerer oder größerer Entfernung folgt der Muschelkalk und weiterhin der Keuper, doch stoßen sowohl Muschelkalk als auch Keuper mehrmals an das ältere Gebirge an. Von besonderem Belang für die geologische Geschichte des Thüringerwalds ist das Auftreten vereinzelter Reste der alten Zechsteinbedeckung auf den Höhen des Gebirges, so auf den Höhen zwischen der oberen Ohra und oberen Lütsche (nördlich von Oberhof), zwischen dem Kehlthal und Brandleitetunnel, bei Arlesberg und Gehlberg, überall im Rotliegenden; und die Reste des Buntsandsteins hoch oben am Rennsteig bei Scheibe, Limbach und Steinheid, also mitten im Schiefergebirge.
Am Rennsteige, in der Nähe des großen Dreiherrensteines, wo preußisches, meiningisches und Sondershäuser Gebiet zusammenstoßen, entspringt in 790 ~m~ Höhe die Schleuse. In ihrem südlich und südwestlich gerichteten Laufe bildet sie bis zum Dorfe Oberrod die Grenze zwischen preußischen und meiningischen Landesteilen. In der Nähe des Forsthauses Franzenshütte oder »Allzunah«, einer ehemaligen Glashütte, die »allzunah« an Stützerbach lag und deshalb nicht zu bestehen vermochte, rinnt ein westlicher Zufluß herab. »Allzunah« ist in gewisser Hinsicht eine Landschaftsscheide: im Nordwesten herrscht der Buchenwald vor, und das Land mit seinen Burgen und Schlössern ist umwoben von Geschichte und Sage aus den Zeiten des Rittertums und Hofglanzes; im Südosten herrscht auf den kambrischen Schiefern der Nadelwald vor, und die Ortschaften sind verhältnismäßig neue Siedelungen, oft nicht viel älter als einige Jahrhunderte.
[Sidenote: Neustadt a. R.]
[Sidenote: Schleusingen.]
Über bewaldeten Thalwänden liegt oben im Porphyritgebiete das preußische Dorf Frauenwald (800 Einw.), mit Glashütte, in einer Höhe von 767 ~m~. Östlich fließt der Schleuse der Tannbach zu, der seine Quelle am Rennsteig hat, beim meiningischen Dorfe Neustadt am Rennsteig (1300 Einw., wovon 500 zum Sondershäuser Anteil gehören), erst 1700 gegründet. Der Ort trieb früher Feuerschwammbereitung, da die Buchenwaldungen der Umgegend reich an Schwamm waren. Bei der Höhenlage und der ärmlichen Bodenbeschaffenheit ist die Landwirtschaft hier ohne Bedeutung, und der größte Teil der Bevölkerung ist deshalb industriell thätig. Als Hausgewerbe wird die Herstellung von Phosphorzündhölzern betrieben, die dann im Umherziehen verhandelt werden. Die Zündholzindustrie birgt große Gefahren in sich, da die durch Phosphor hervorgerufenen Knochenerkrankungen zu den schauderhaftesten aller Gewerbekrankheiten gehören. Dabei sind die Verhältnisse in der Hausindustrie viel ungünstiger als in größeren Arbeitsstätten, weil dort bei den beschränkten ungelüfteten Räumen die Erkrankungen viel häufiger sind. Von den Hängen des Querenberges fließt der Neubrunn über Gießhübel (amtlich Gießübel geschrieben, mit 1000 Einw.), das zwischen kambrischen Schiefern und Porphyrit in ein schönes Thal gebettet ist, nach dem kleinen meiningischen Flecken Unter-Neubrunn, wo er in die junge Schleuse mündet. Die Landschaft wird hier widergespiegelt in den Namen der benachbarten Ortschaften: Schönau, Lichtenau und Engenau, wo die Schleuse aus dem Rotliegenden hinaustritt ins Gebiet des mittleren Buntsandsteines, und das am bewaldeten Hang des Schwarzen Kopfes gelegene Waldau. Den Hauptplatz bildet hier die in grüner Wiesenmulde gelegene preußische Kreisstadt Schleusingen (3900 Einw.), die alte Hauptstadt der gefürsteten Grafschaft Henneberg, am Zusammenflusse von Erlau, Vesser und Nahe mit der Schleuse. Diese Floßwässer begünstigen einen lebhaften Holzhandel und zahlreichen Mühlenbetrieb. Ein Teil der Stadt liegt jetzt höher als die schöne Bertholdsburg, die im ~XIII.~ Jahrhundert entstand und im ~XVI.~ Jahrhundert in deutscher Renaissance erneuert wurde. Eine Glashütte, sowie Fabriken für Porzellan, Bleiweiß und Papier zeugen von industrieller Thätigkeit.
[Sidenote: Schmiedefeld.]
Das schöne Waldthal der Nahe führt hinauf nach dem 716 ~m~ hoch liegenden preußischen Dorfe Schmiedefeld (2100 Einw.), wo noch Flachsbau lohnend ist. Der betriebsame Ort liefert besonders Porzellan und physikalische Instrumente aus Glas. Am 919 ~m~ hohen Eisenberg findet sich Eisenstein mit einem Eisengehalt von 30-40 vom Hundert, der ehemals zahlreiche Hammerwerke versorgte. Parallel mit dem Nahethal läuft das Vesserthal, in dessen oberem Abschnitt auf engem Raum zwischen Bach, Wiese und den felsigen Thalwänden die Häuschen des Dorfes Vesser zerstreut sind. Abwärts rücken die Thalwände eng zusammen und bilden den etwa zwei Stunden langen schönsten Teil des Thales. Unterhalb des schon 1144 gegründeten Dorfes Breitenbach wird das Thal flacher und trägt wieder Wiesen und schmale Äcker. Oberhalb Vesser liegt 749 ~m~ hoch am oberen Rande einer weiten grünen Matte, die rings von ausgedehnten Buchen- und Fichtenwaldungen umkränzt ist, das Stutenhaus. Das jetzige Bergwirtshaus war früher ein Gestüt des Klosters Veßra. Im Westen erhebt sich die Porphyritkuppe des 849 ~m~ hohen Adlersberges (Ahornberges), von dessen Aussichtsturm man eine prachtvolle Rundsicht genießt. Tief im grünen Grunde liegt Schleusingen, aus der Ferne grüßen mit goldigem Glanze herüber die Feste Coburg, Schloß Banz und die zweitürmige Klosterkirche von Vierzehnheiligen, im Westen blaut der Rücken des Rhöngebirges. An seinem nordwestlichen Abhang schluchtet sich in Granit und Porphyr das Thal der finsteren Erle, mit mächtigem Buchenwald bedeckt.
[Sidenote: Gehren. Ilmenau.]
Vom Porphyrkegel des 815 ~m~ hohen Fürstenberges rinnen die Wässer der Wohlrose und Schobse ab, die sich bei Gehren vereinen. Das Sondershäuser Städtchen Gehren (2400 Einw.), am Fuße des 809 ~m~ hohen Burzelberges gelegen, hat ein fürstliches Sommerschloß und viel Industrie. Die Flußufer der Wohlrose sind gebildet von ausgedehnten Diluvialschottern, die aber zum großen Teile bewaldet sind. In breiterem Wiesengrunde mündet der Fluß dann in die Ilm; das Gebiet ist ausgezeichnet durch zahlreiche Teiche, wodurch die flacher werdende Landschaft außerordentlich belebt wird. Da, wo die Eisenbahn von Großbreitenbach über Gehren die Ilm erreicht, liegt das Städtchen Langewiesen (2800 Einw.), dessen Eisenindustrie aber völlig eingegangen ist. Durch den anmutigen durch Mühlen und Hammerwerk belebten Hüttengrund gelangt man nach der weimarischen Bergstadt Ilmenau (8000 Einw.). Unsere Abbildungen (42 und 43) zeigen den Ort gegen das offene Land und gegen das fichtenbewaldete Gebirge hin, nach welcher Richtung sich auch die Neubauten ausdehnen, die der Bedeutung Ilmenaus als Sommerfrische ihre Gründung verdanken. Die freundliche 473 ~m~ hoch gelegene Stadt wurde schon im ~X.~ Jahrhundert erwähnt und wechselte oft ihre staatliche Zugehörigkeit, denn sie war käfernburgisch, hennebergisch, sächsisch; seit 1660 gehört sie zu Weimar. Ihre Vergangenheit ist verklärt durch die Erinnerung an Karl August von Weimar und seinen Freund Goethe, die oft hier weilten und in überschäumender Jugendlust ihre Tage genossen. Goethe feierte Ilmenau in den 1783 geschriebenen Versen:
Anmutig Thal! Du immergrüner Hain! Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste; Entfaltet mir die schwer behangnen Äste, Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein ...
Vom ~XVII.~ bis ins ~XVIII.~ Jahrhundert blühte hier der Bergbau auf Kupfer und Silber; infolge eines Durchbruchs des Manebacher Teiches wurden aber die Gruben ersäuft, und auch Goethes Bemühungen konnten diesen Erwerbszweig nicht retten. Heute werden nur noch Steinkohlen und Braunstein gewonnen, und die fleißige Bevölkerung ist industriell thätig; für Fortbildung sorgt eine Fachschule für Glasarbeiter und eine Gewerbeschule.
[Sidenote: Stützerbach. Gabelbach.]
Im schönen Manebacher Grunde liegt am rechten Ilmufer das weimarische Dorf Kammerberg, gegenüber am linken Ufer das gothaische Dorf Manebach. Aufwärts zieht sich der anmutige Meiersgrund, belebt von Mühlen und Pochwerken, bis zum Dorfe Stützerbach (2000 Einw.). Auf Preußisch-Stützerbach entfallen 1250 Einw., die übrigen auf den weimarischen Anteil. Der Ort mit seinen sauberen schieferbekleideten Häusern ist bekannt wegen seiner Glashütten, worin 300 Arbeiter thätig sind, und der Glasbläserei für wissenschaftliche Zwecke. Von hier aus kamen durch Greiner die ersten Thermometer in den Handel. Auf einer Höhe zwischen Lengnitz und dem einsamen Schortethal liegt 757 ~m~ hoch die Wohnung eines Forstaufsehers, nach dem benachbarten Jagdhaus »Gabelbach« benannt, wo geistvolle und trinkfeste deutsche Männer die humoristische Gemeinde Gabelbach begründet haben (Abb. 44). Der »Sitzungssaal« der Gemeinde (Abb. 45) sowie das Nebenzimmer enthalten ungezählte Schätze an Bildern und Liedern. Der Gemeindeälteste (Justizrat Schwanitz) hat es verstanden, hervorragende Kräfte der Gemeinde zuzuführen, u. a. auch seinen Studiengenossen Victor Scheffel, der zum Gemeindepoeten ernannt wurde und ihr manch schönes Wort widmete, und im Bundeslied von der Gemeinde sang:
Und färbt die gerodete Stelle Sich abendgoldsonnig und klar, Da sitzen sie all an der Quelle und bringen ein Rauchopfer dar.
Ehrenschulze der Gemeinde ist Fürst Bismarck, Historiograph der gemütvolle Schilderer des Thüringer Landes Trinius, jetziger Gemeindepoet ist Rudolf Baumbach. Unweit davon erhebt sich der schön bewaldete Porphyrkegel des Kickelhahn (861 ~m~ hoch), ausgezeichnet durch eine umfassende Rundsicht, die vom Schneekopf und Inselsberg bis zum Brocken und den Bergen an der Saale reicht, vom Wetzstein bis zu den Höhen der Rhön. Ilmenau, Gabelbach und Kickelhahn sind innig mit dem Namen Goethe verknüpft. Hier war er häufig mit seinem jugendlichen Herzog und der übermütigen Hofgesellschaft, stets geneigt zu tollen Streichen. Hierher zog es ihn später wieder, als sein Fühlen und Denken nur noch der Frau von Stein gehörte, und auch als Greis kehrte er gern zur stillen Waldesstätte zurück. In der Nähe des Aussichtsturmes stand ein kleines Pirschhaus, das sogenannte Goethehäuschen, in dem Goethe an einem Septemberabend des Jahres 1783 das herrliche Nachtlied dichtete:
Über allen Gipfeln ist Ruh ...
Das Haus brannte 1870 ab und wurde durch eine getreue Nachahmung ersetzt (Abb. 46).
[Sidenote: Großer Beerberg.]
Außer der obengenannten Lengnitz rinnen als Quellbäche noch zur Ilm der aus Granit 798 ~m~ von den Hängen des kleinen Finsterberges kommende Taubach, und der vom Mordfleck kommende Freibach, der aus der Vereinigung der Sperbersbäche entsteht. Der große Sperbersbach entspringt aus dem Rotliegenden unweit der Schmücke 920 ~m~ hoch und ist die höchste Quelle des Ilmgebiets. Hier an den Hängen des Sachsensteins finden sich noch alte Kohlenstollen. Aus der Höhe des Kammes, 911 ~m~ über dem Meere, liegt am Rennsteig eine der höchst gelegenen Wohnungen Thüringens, das Gasthaus zur Schmücke, ehemals ein Viehhaus. Ist der Ausblick von den grünen von Fichtenwald teilweise umrahmten Wiesenmatten auch beschränkt, so hat dieser Platz doch Wert wegen seiner Nachbarschaft zu den höchsten Erhebungen des Gebirges. Nach Westen zieht der Rennsteig nach einem »Plänkners Aussicht« genannten (973 ~m~) Punkt, der nach Süden ein entzückendes Landschaftsbild erschließt, in die gewerbfleißigen Thäler der Goldlauter und des Mühlwassers, tief zu Füßen in grüner Umrahmung die Stadt Suhl und als Begrenzung des schönen Bildes die Gleichberge, der Dolmar und die Kuppen der Rhön. Nur wenige Minuten steigt man hinüber zum höchsten Berg des Thüringerwalds, zum 983 ~m~ hohen Großen Beerberg, dessen flache Kuppe vermoort und durch Fichten verwachsen ist und deshalb nur einen Ausblick nach Norden, auf die Höhe des Schneekopfes und die walddunklen Schluchten des Schmücker Grabens und Steingrabens bietet. Nördlich des Hauptkammes erhebt sich der Schneekopf, 975 ~m~ hoch, dessen Aussichtsturm die Höhe des Beerberges noch um 12 ~m~ überragt und dadurch eine umfassende Rundsicht ermöglicht. Trotz der düsteren Waldumgebung offenbart sich hier die Formenschönheit des Gebirges in anmutigster Weise; man erfaßt ein hübsches Bild des großen Hauptkammes und seiner zahlreichen durch tiefe Waldthäler von ihm getrennter Nebenäste. In der Nähe sieht man in freundliche Thäler, nach Norden schweift der Blick in das Thüringer Becken und über Erfurt hinweg bis zu den Höhen des Kyffhäusers und zum Brocken, im Süden bis zum Steigerwald und Fränkischen Jura, im Osten zu den Höhen des Osterlandes, im Westen bis zur Rhön. Die Gipfeldecken des Beerberges und Schneekopfes werden von Porphyr gebildet, das in großen Decken auftretende Eruptivgestein des Mittelrotliegenden.
[Sidenote: Suhl.]
Wo die Bäche der Lauter und des Mühlwassers sich zur Hasel vereinen, dehnt sich die preußische Stadt Suhl (12000 Einw.) aus und schiebt bis in die Seitenthäler hinein ihre Schleifmühlen, Pochwerke, Eisenhämmer, Bohrschmieden und Gewehrfabriken. Am bedeutendsten ist hier die Waffenindustrie, deren Ruf schon vor Jahrhunderten durch alle Lande ging. Suhl (Abb. 47) ist die volkreichste Stadt am Südwestfuß des Thüringerwalds und ihre Gründung knüpfte wohl an die Aufschließung reicher Eisensteinlager, deren Verarbeitung wiederum durch das Vorhandensein zahlreicher Wasserkräfte befördert wurde. Urkundlich wurde die Stadt zuerst im ~X.~ Jahrhundert erwähnt, erlitt dann im dreißigjährigen Kriege unsägliche Plagen, wodurch von allen Feuerstätten nur der zehnte Teil übrig gelassen und mutwillig 800 Gebäude niedergebrannt wurden. Nördlich der Stadt erhebt sich der porphyrische Domberg (670 ~m~) mit dem vorspringenden Ottilienstein (523 ~m~; die Stadt liegt 425 ~m~ hoch), der in alter Zeit eine der heiligen Ottilie geweihte Kapelle trug. Die Spitze des Domberges krönt ein 20 ~m~ hoher Bismarckturm; am Fuße des Berges entspringt die Ottilienquelle, eine Kochsalzquelle, die für Badezwecke benützt wird.
[Sidenote: Steinbach-Hallenberg. Mehlis.]
Die Hasel nimmt bei Kloster Rohr die aus dem schönen Kanzlersgrund, wo aus bewaldeter Schlucht felsige Porphyrzacken aufragen und wo die Wässer bis hoch an den Rennsteig hinauf einschneiden, kommende Schwarza auf. Dieser ist schon aus dem Granitgebiet von Zella und Mehlis die Lichtenau zugeflossen. Zwischen beiden Thälern steigt die Porphyrkuppe des Ruppberges zu 866 ~m~ in die Höhe. Am oberen Knie verengt sich das Schwarzathal zum Schönauer Grunde, in dem die eisenverarbeitenden Dörfer Ober- und Unter-Schönau liegen, ersteres mit 1300 Einw. Unweit davon erheben sich die Porphyrfelsen der Hohen Möst (889 ~m~), einer der umfangreichsten Felsenbezirke Thüringens mit schöner Aussicht, unterhalb des 893 ~m~ hohen Donnershauk. Unter der malerischen Ruine Hallenburg (519 ~m~) liegt der preußische Flecken Steinbach-Hallenberg (3700 Einw.), seit Erbauung der Eisenbahn von Schmalkalden nach Zella-Mehlis unmittelbar am Verkehr beteiligt. Die Hauptthätigkeit ist hier die Nagelschmiederei, die als Handbetrieb freilich nur noch einen kärglichen Erwerb bringt. In Steinbach-Hallenberg und im Steinbacher Grunde sind insgesamt etwa 4000 Arbeiter in Schlosserei und als Nagelschmiede thätig. Die Burg ist im ~X.~ Jahrhundert erbaut worden, war später hennebergisch und dann kurhessisch, ist aber 1866 mit dem umliegenden Waldgebiet (Hessenwald) an den Herzog von Coburg und Gotha gekommen.
[Sidenote: Zella St. Blasii.]
In grünem Wiesenthale liegen schon im Gebiet des unteren Buntsandsteins die Dörfer Herges (Hallenberg) und Viernau (1400 Einw.), und bei der Einmündung der Lichtenau in die Schwarza das Dorf Schwarza (1300 Einw.). Im Lichtenauthal aufwärts liegt das Dorf Benshausen (1700 Einw.), ehemals berühmt durch bedeutenden Weinhandel, der länger als 200 Jahre blühte und durch den Frachtverkehr große Einnahmen brachte. Der Rote Bügel (oder die Rote Wand) wird von der Eisenbahn in 228 ~m~ langem Tunnel durchfahren, die dann nach Mehlis und Zella führt. Mehlis (4000 Einw.), seit 1894 Stadt, und die Stadt Zella St. Blasii (3800 Einw.) sind gothaisch und gleich Suhl hervorragend in der Herstellung von Schießwaffen. Ihre Lage im tiefen Thalkessel, umgeben von grünem Bergkranze, ist überaus malerisch, wenn auch der Lichtenauer Grund seit Anlage der Eisenbahn landschaftlich verloren hat. Zella entstand der Sage nach aus einer zum Kloster Reinhardsbrunn gehörigen Zelle, die der Graf von Nordeck aus den Mauertrümmern des auf dem Ruppberg zerstörten Raubschlosses zu einem Kloster ausbaute, das 1228 dem heiligen Blasius geweiht wurde. Um das Kloster siedelte sich dann allmählich die Ortschaft an. Im Granitgebiete von Zella, Mehlis und Suhl finden sich zahlreiche Gänge von Porphyr.
[Sidenote: Gehlberg.]
Einen ähnlichen Charakter wie die oberen Ilmzuflüsse haben auch die beiden Gerazuflüsse. Die wilde Gera hat ihre bedeutendsten Quellbäche im Schmücker Graben 886 ~m~ hoch und im Schneetiegel, die den Schneekopf westlich und östlich umschließen. Hier war früher ein günstiger Fundplatz für die Schneekopfkugeln (Porphyrkugeln), deren Inneres Achat, Amethystkrystalle oder Jaspis enthält. Die zahme Gera (auch weiße oder alte Gera genannt) entspringt in einer Höhe von 870 ~m~ am Sachsenstein. Beide Bäche umfließen eine Hochfläche, aus welcher in einer Höhe von 700 ~m~ auf grünen Matten das Dorf Gehlberg liegt, mit einer großen Hohlglashütte, die Thermometer, physikalische und chemische Instrumente liefert. In das Thal der wilden Gera tritt die Eisenbahn ein, die von Ritschenhausen über Suhl kommt und in dem 3038 ~m~ langen und 247 ~m~ unter der Brandleite in den harten Hornsteinporyhyr gebohrten Tunnel das Gebirge kreuzt, um weiter nach Arnstadt zu führen. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt 639 ~m~ über dem Meere und ist der höchste Punkt der Bahn, im Gerathal läuft sie zunächst in einem fast 1 ~km~ langen Einschnitt, tief unter den Buchen und Fichten des Bärenkopfes. Die wilde Gera verläßt das Gebirge oberhalb des gothaischen Dorfes Gräfenroda (2300 Einw.), nachdem sie den wildschönen Dörrberger Grund durchrauscht und sich tief in den Porphyr eingewaschen hat.
[Sidenote: Gräfenroda. Elgersburg.]