Thüringen

Part 5

Chapter 52,985 wordsPublic domain

Wie wenig Bedeutung die auf der Hochfläche aufgesetzten Berge haben, die nur selten eine ausgiebige Formentwickelung zeigen, sieht man am westlich von Naila gelegenen Spitzberg, der auf einem Seitenaste des Hauptkammes sich zu 728 ~m~ erhebt, während nur etwa 4 ~km~ westlicher im Thiemitzwalde eine unbenannte Höhe zu 759 ~m~ vermessen ist. Der ganze südwestliche Teil des Gebiets entwässert zur Rodach, deren weit in das Schiefergebirge hinaufreichenden Zuflüsse sich bei Kronach vereinigen. Hier werden vom Oktober bis April die Holzreichtümer des Waldes flußabwärts geflößt und die dafür hergerichteten Wasserstraßen, die Floßbäche, haben deshalb an beiden Ufern häufig eine Holzeinfassung. Im oberen Teile der Thäler werden nun die Wasser zu großen Floßteichen aufgestaut, in denen sich die Stämme sammeln, um dann nach Öffnen der Wehre die stammtragenden Wogen zu Thale rauschen zu lassen. Dann eilen die Flößer den Bach entlang, mit ihren Floßhaken die Hölzer leitend und ihr Ansammeln zu vermeiden. An großen Stauwehren werden die abwärts geführten Stämme aufgefischt und an wasserreicheren Stellen zu Floßböden zusammengefügt, um bis in den Main geführt zu werden. Die Rodach entspringt bei Rodacherbrunn auf der Höhe des Frankenwalds, während sich ihre Zuflüsse auf ein Gebiet von mindestens 25 ~km~ ausdehnen, die wichtigsten die wilde Rodach und der Tschirner Bach. Der obere Teil des wilden Rodachthals und seiner mit prachtvollen Edeltannen bewachsenen Nebenthäler ist merkwürdig durch die vielen Einzelhöfe seiner meist auf Hochflächen oder oberen Thalmulden erbauten Ansiedelungen. Nur Schwarzenbach am Wald (1500 Einw.) ist ein geschlossener Marktflecken, wo Schiefer, Serpentin und Marmor gebrochen wird. Wallenfels (1650 Einw.) im unteren Rodachthale ist ein katholischer Marktflecken, dessen Bewohner entweder in den Wetz- und Schleifsteinbrüchen oder als Flößer arbeiten. Östlich des Orts erhebt sich in dunklem Nadelwaldschmuck die Döbra, 597 ~m~ hoch (nicht zu verwechseln mit dem oben erwähnten 794 ~m~ hohen Döbraberg). Den Höhen nördlich liegen benachbart der bayerische Marktflecken Nordhalben (1700 Einw.), dessen katholische Bevölkerung in Schieferbrüchen oder Sägemühlen thätig ist, und das südlichste reußische Dorf Titschendorf. Hierher wanderte der evangelisch gewordene Volksteil Nordhalbens aus, als er hart bedrängt wurde, so daß Titschendorf zur Glaubenskolonie geworden war. Die Poststraße führt von Lobenstein über Nordhalben herab ins Rodachthal, wo sie Steinwiesen (1400 Einw.), ein bayrisches Flößerdorf, berührt, um dann nach Zeyern und Rodach hinabzuführen. Die Haßlach (richtiger Haslach = Haselwasser) entspringt etwa 2 ~km~ oberhalb des gleichnamigen Dorfes und in ihrem Thale läuft dann die Eisenbahn Probstzella-Stockheim. Sie vereinigt sich mit der Rodach bei Kronach, nachdem sie ihre bedeutendsten Zuflüsse aufgenommen hat, die Kremnitz aus dem Frankenwalde, die Tettau aus dem Schiefergebiete des südöstlichen Thüringer Waldes. Die bayerische Stadt Kronach (4250 Einw.) gehört dem Frankenwalde nicht mehr an, sondern der südwestdeutschen Triasmulde. Hier, wie im benachbarten Bezirk Lichtenfels wird überall die Korbflechterei als Hausindustrie betrieben. Kronach ist Geburtsort des Malers Lukas Cranach. Über der Stadt erhebt sich auf einem Sandsteinfels 378 ~m~ hoch die alte Bergfeste Rosenberg, die niemals bezwungen wurde, auch im dreißigjährigen Kriege leistete sie tapferen Widerstand. Die Meereshöhe des Flusses beträgt bei Kronach noch 303 ~m~, östlich erhebt sich der Kreuzberg bis 458 ~m~, die wichtigste Aussichtskuppe ist jedoch die Radspitze, 679 ~m~ hoch, von wo aus die Blicke über Coburg bis zum Staffelberge schweifen und bei klarem Wetter bis zu den blauen Kuppen der Rhön, nördlich aber die Gesamtheit des dunklen Frankenwalds umfassen.

So schön der Waldbestand im südlichen Frankenwald ist, so sehr zeigt die nördliche Abdachung eine etwas eintönige Landschaft auf breiten Rücken. Der Wald ist hier nicht überall gut gepflegt, die Felder oft mit langen Steinhalden an den Rändern versehen, die Thalränder aber meist gut bewaldet. Von den Hohlebrunnwiesen, 601 ~m~ hoch, unter dem aussichtsreichen Lobensteiner Kulm (728 ~m~ hoch) kommt die Thüringische Moschwitz herab, die Grenze zwischen Bayern und Reuß jüngere Linie bildend. An der aus den Lemnitzer Wiesenmulden herabkommenden Lemnitz liegt die ehemalige Residenz des Fürsten von Reuß-Lobenstein, die Stadt Lobenstein (2900 Einw.), überragt vom 30 ~m~ hohen Wartturm, die Reste einer alten Burg. Die Stadt hat als Badeort Wichtigkeit, da sie Stahlquellen besitzt und durch die Eisenbahnverbindung nach Blankenstein und über Remptendorf nach Ziegenrück dem Verkehr näher gerückt ist. Auf dem nördlichen durchschnittlich 500 ~m~ hohen Gelände liegt an der Friesa der Flecken Ebersdorf (800 Einw.), eine besuchte Sommerfrische mit evangelischer »Brüdergemeine«. Das Schloß war früher Residenz der Fürsten von Reuß-Ebersdorf-Lobenstein, jetzt Amtsgebäude.

[Sidenote: Leuchtenberg.]

Wie die ausgespreizten Finger einer Hand vereinen sich die forellenreichen Quellbäche der Sormitz, die herniederrauschen durch frischen Fichtenwald, bei dem freundlich gelegenen reußischen Flecken Wurzbach (1900 Einw.). Hier werden die aus den benachbarten Schieferbrüchen geholten Platten zu Schiefertafeln verarbeitet. Eine schöne Poststraße führt abwärts, vorüber an vielen Hämmern, die jetzt aber nur noch Sägewerke sind, nur die Heinrichshütte ist das einzige noch im Frankenwald bestehende Eisenwerk. Früher bestanden hier Silbergruben nebst Schmelzen. Schädlich für die Fischzucht sind die roten, schwefelsaure Thonerde enthaltenden Niederschläge, die aus den Schieferhalden von Schmiedebach herrühren. Im unteren Sormitzthal leuchtet aus der grünen Umgebung weiß schimmernd das rudolstädtische Städtchen Leuchtenberg (1280 Einw.), das aber nur noch 302 ~m~ hoch liegt und als Sommerfrische besucht wird (Abb. 37). Über der Stadt erhebt sich auf dem 100 ~m~ hohen Schloßberge die Friedensburg, eine unregelmäßige Anlage aus dem ~XV.~ und ~XVII.~ Jahrhundert.

[Sidenote: Ludwigstadt. Probstzella.]

Nördlich des Rennsteigs, unweit des Dörfchens Brennersgrün, erhebt sich der fichtenbewachsene Wetzstein (785 ~m~), der höchste Berg des Frankenwaldes. Westlich davon rinnen die Quelladern der Loquitz, die sich nach einem außerordentlich gewundenen Laufe bei Eichicht in die Saale ergießt. Am oberen Flußlauf ist das bayerische Ludwigstadt (1700 Einw.) die bedeutendste Siedelung. Auf dem nördlichen Hange gelegen, hat der Marktflecken zu Bayern erst engere Verkehrsbeziehungen erhalten durch die Eisenbahn, die hier Süd und Nord miteinander verbindet. In der Nähe gibt es viele Schieferbrüche, deren Ausbeute zu Tafeln, Dachschiefern und Wetzsteinen verarbeitet wird. An der Einmündung der Zopte liegt der meiningische Flecken Probstzella (1200 Einw.), mit Porzellan- und Holzwarenindustrie. Probstzella (des Probstes Zelle) verdankt seine Entstehung einer Kapelle, die das Saalfelder Peterskloster hier für die zerstreut wohnenden Wäldler erbauen ließ. In der Nähe bestehen große Schieferbrüche, besonders am Bocksberg (Schieferbruch Selig) und am Kolditzberg sowie bei Kleinneundorf. Im ehemaligen Eisenhammer Gottesgabe ist heute eine Steinschleiferei thätig, wo Thonschiefer zu verschiedenartigsten Gebrauchsgegenständen verarbeitet wird. Bei Hockeroda mündet die Sormitz in die Loquitz; der Hockerodaer Hammer ist jetzt eine Holzstofffabrik.

[Sidenote: Lehesten. Schieferindustrie.]

Von Ludwigstadt führt eine Zweigbahn zum meiningischen Städtchen Lehesten (2000 Einw.), dem Hauptsitz der thüringischen Schieferindustrie und der größten Schieferbrüche des europäischen Festlands überhaupt, die einen Jahresumsatz von über 2½ Mill. Mark erzielen bei einer Produktion von 42000 Tonnen (je zu 1000 ~kg~). Der thüringische Schiefer ist in Bezug auf Güte und Schönheit unerreicht und deckt mit seinen Tafeln die Dächer vieler Gebäude in allen Weltteilen. Eine Masse von Arbeit ist nötig, ehe der Schiefer zum fertigen Gebrauche vorliegt. Am gesuchtesten ist der Dach- und Tafelschiefer von glänzend blauschwarzer Farbe, der sich noch durch Leichtigkeit, Feinheit, Reinheit und Dauerhaftigkeit auszeichnet. Von den Tafeln kommen die größten unter Hobelmaschinen und ersetzen dann die Marmorplatten bei Billards u. s. f. In ungeheuerer Anzahl wurden früher die kleinen Schiefertafeln für Schulzwecke hergestellt, doch ist die Herstellung wegen der geringeren Nachfrage zurückgegangen. Das Bearbeiten der Tafeln erfolgt vielfach als Hausindustrie, und in manchem ärmlichen Dörfchen des Gebirges sind viele fleißige Hände thätig bis hinab zu den Kinderhänden, die hier nur durch dauernde Arbeit das Wort: »Viel Kinder viel Segen« wahr machen können. Die Tafelindustrie ist in Lehesten und Gräfenthal am stärksten, neuerdings auch in den bayerischen Bezirken Kronach und Stockheim. Die Konkurrenz der Aufkäufer und Großhändler hat die Wirkung gehabt, daß hier wie fast in allen hausindustriellen Gebieten die Preise bis zum äußersten herabgedrückt sind. Wöchentlich kann eine Familie etwa ein Schock Tafeln liefern, wofür 18 bis 20 Mark bezahlt werden; an Kosten für Schiefer gehen aber fast drei Viertel davon ab, so daß für die ganze Arbeit von 14 bis 18 Stunden täglich noch nicht eine Mark bleibt; das Holz ist als kostenlos zu berechnen, da man so viel »findet«, als man braucht. In neuester Zeit wird aber auch viel Schweizer Schiefer verarbeitet, der einschließlich der Fracht noch billiger ist als der an Ort und Stelle gebrochene. Die billige Hausindustrie ist hier immer noch erfolgreich in Wettbewerb mit den gut eingerichteten Tafelfabriken Rheinlands und Westfalens, sie hat aber den amerikanischen Markt verloren, da dort aus eigenem Schiefer jetzt Tafeln hergestellt werden.

[Sidenote: Griffelindustrie.]

In besonderen Brüchen wird der Griffelschiefer gebrochen, der die zahllosen Schieferstifte liefert. Die Griffelindustrie war früher in Sonneberg stark vertreten, ist jetzt aber mehr in den schieferreichen Gebieten bei Steinach, Lehesten und Gräfenthal vorhanden. Der in den Brüchen gewonnene Stein muß leicht spaltbar und weich sein, weshalb er möglichst feucht gehalten und vor Wind und Sonnenstrahlen behütet wird. Auch beim Griffelmachen müssen alle Familienmitglieder mithelfen: der Vater bricht den Stein, sägt und zerspaltet ihn; das Runden, Aussuchen, Bemalen oder Bekleben und Spitzen besorgen Frau und Kinder. Eine Griffelmacherfamilie fertigt wöchentlich 12000 bis 15000 Griffel, von deren Verkaufspreis die Lebensführung abhängig ist. Aber auch hier kam rücksichtsloseste Konkurrenz zwischen den privaten Griffelmachern und den Genossenschaften, so daß trotz aller Mühe der Preis für das Tausend bis eine Mark und darunter sank. Eine andere Schieferart liefert den harten hellfarbigen Wetzschiefer, woraus die Wetzsteine hergestellt werden. Die größten Schieferbrüche sind der herzogliche Schieferbruch mit 600 Arbeitern, und der Oertelsche Schieferbruch mit etwa 1000 Arbeitern, durch eine 3 ~km~ lange Zahnradbahn mit dem Bahnhof Lehesten verbunden. Diese Betriebe gehören geologisch zum Kulm oder unteren Karbonformation, in der Thonschiefer vorherrschen, während in der oberen Karbonformation die Grauwacken überwiegen. Oft durchsetzen Grünsteine die meist steil aufgerichteten Schieferlager, so im malerischen Höllenthal (unteres Selbitzthal), am Lobensteiner Kulm, im Thale der wilden Rodach und anderwärts, aber auch Granit, wie am Hainberg (704 ~m~) bei Schmiedebach unweit von Lehesten.

[Sidenote: Erdgeschichte des Frankenwaldes.]

Es sind im Frankenwald dieselben Kräfte thätig gewesen, die das obere Gebiet des Osterländischen Stufenlandes geformt haben und die sich noch weiter äußerten im Schiefergebiete des südöstlichen Thüringerwaldes. Durch den von Südost wirkenden Druck wurden auch hier die älteren Schichten zusammengeschoben und emporgehoben zu mächtigen Faltungen, welche die streifenartige Anordnung der Formationen bedingen. Im ganzen Schiefergebirge des Thüringerwalds, des Frankenwalds und des Osterländischen Stufenlands, sowie im Fichtelgebirge sehen wir nur noch einen Teil des alten Hochgebirges, das von Südwesten nach Nordosten sich quer durch Mitteleuropa erstreckt. Im Thüringerwald kreuzte sich mit diesem nordöstlichen Faltensystem ein nahezu senkrecht darauf stehendes nordwestliches, die zusammen den verwickelten geologischen und Oberflächenbau unseres Gebietes hervorgerufen haben. Gegen Ende der Steinkohlenzeit stiegen diese Mitteldeutschen Alpen wahrscheinlich zu ihrer größten Höhe empor, woran sich dann wieder die Periode des Verfalls anschloß. Abtragung durch Wasser, das an der Zertrümmerung und Wegschaffung der Gesteinsmassen arbeitet; ferner Senkungen und Spaltenbildungen, womit wohl die gewaltigen Ausbrüche von Eruptivgesteinen im Unterrotliegenden in ursächlichem Zusammenhange stehen. Das Endresultat war eine annähernde Einebnung der Mitteldeutschen Alpen, zumeist durch Ablagerungen des Rotliegenden, die von den Wässern in die Vertiefungen getragen wurden. Später drang das Meer weit in das bisherige Festland ein, hobelte die noch bestehenden Höhen ab und brachte die Ablagerungen des Zechsteins, der Triasformation (Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), des Jura und der Kreide. Viele dieser Schichten haben damals das alte Gebirge des Thüringerwalds überdeckt, sind aber bis auf geringe Reste der Zerstörung anheimgefallen. Der aus Südwesten wirkende gewaltige Druck bewirkte nun neben Faltungen auch vielfache Zerreißungen. Ausgedehnte Landschollen sanken in tiefere Lagen, und in ursprünglicher Höhe blieben nur wenige »Horste« stehen, zu beiden Seiten des großen Thüringischen Senkungsfeldes (der Triasmulde) als wichtigste Landformen die Horstgebirge des Thüringerwalds und des Harzes. Von geringerer Bedeutung sind die Horste des Kyffhäusers, des sogenannten kleinen Thüringerwalds bei Schleusingen und die Görsdorfer Scholle bei Eisfeld. Durch bedeutende teils durch Verwerfungen und Absenkungen erfolgte Verschiebungen kam der heutige Thüringerwald in eine höhere Lage als die beiderseits anstoßenden Senkungsfelder. Weiter folgten dann noch starke atmosphärische Abtragungen, die meist die jüngeren Ablagerungen angriffen und häufig bis auf das alte Gebirge zurückgingen, die aber auch Veranlassung haben zu den heutigen weichen Umrißlinien des Gebirges, wodurch die thüringische Landschaft so reizvoll wirkt.

~VII.~

[Sidenote: Südöstlicher Thüringerwald.]

Wir wandern aus dem Frankenwald hinüber in den benachbarten Thüringerwald, aber dem Auge bleibt die Scheidegrenze verborgen, da sie nicht von der Natur sehr sichtbar vorgezeichnet wurde. Über uns rauschen immer noch die dunklen Fichten und Tannen, und wo wir hinausblicken aus dem Wald, da vermeinen wir die gleichen fernen Höhen und nahen Thäler schon irgendwo gesehen zu haben, die uns jetzt in die Erscheinung treten.

Dieser südöstliche Teil des Thüringerwaldes ist meist von kambrischem Schiefergebirge gebildet und gleicht daher auch in seinen Oberflächenformen sehr dem benachbarten Frankenwalde. Auch hier ragen die Gipfelhöhen aus der Hauptmasse des Gebirges nicht allzu kräftig empor, wenngleich sich das Gebirge schon etwas verschmälert und dadurch den Anfang zur Ausbildung eines Gebirgskammes macht, der aber erst im Nordwesten völlig ausgebildet erscheint.

[Sidenote: Kohlen.]

Der südöstliche Teil des Thüringerwaldes reicht von der Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach in einer Kammlänge von 38 ~km~ und einer mittleren Breite von 20 ~km~ bis zur Schwalbenhauptwiese, also etwa bis zu einer Linie, die man von Amt Gehren nach Gießhübel und Unterneubrunn zieht. Der Rennsteig, der auf der Höhe des Gebirgs entlang führt, mißt von der Bahn Probstzella-Hochstadt bis zur Schwalbenhauptwiese 44 ~km~. Die Hauptmasse besteht aus kambrischen Schiefern, denen auf der Linie Mengersgereuth-Steinach im Südwesten bis Saalfeld im Nordosten ein Silurband von wechselnder Breite und ein schmaler Devonzug aufliegen. Im Süden des Rennsteigs reicht dieses Devonband über Ludwigstadt bis Lehesten und ist wichtig wegen ockerhaltigen Schichten und Knotenkalk. Daran schließt sich ein Silurstreifen, der eine kambrische Scholle umschließt. Weiter nach Südosten folgen die mächtigen Schichtenmassen der Kulmschiefer, in der Umgegend von Stockheim zu beiden Seiten des Haßlachthales von Rotliegendem überlagert. Der Silur ist wegen seines Gehaltes an Eisen und Griffelschiefern wichtig, im Kulm befinden sich die großen Dachschieferbrüche. Die jüngere (produktive) Steinkohle kam im Thüringerwalde nicht zur Entwickelung, dagegen gibt es zahlreiche, wenn auch minder ergiebige Kohlenflötze im Rotliegenden, bei Stockheim, Eisfeld, Manebach und Kammerberg, Schmalkalden, Tambach, Thal u. s. f. Im Westen unseres Gebiets stößt Kambrium an das Rotliegende und die Porphyrite der Bogenlinie Amtgehren-Schleusegrund, noch im Westen der Schleuse zungenartig hinübergreifend über Frauenwald bis zum Adlersberg und Schmiedefeld ins Gebiet der Porphyrite und Quarzporphyre.

Die durch die Thäler der Loquitz und Haßlach und über den Kamm des Gebirges führende Eisenbahn von Saalfeld über Probstzella und Stockheim nach Lichtenfels ist nicht nur eine bedeutende Verbindungslinie zwischen Nord und Süd geworden, eine Konkurrenzbahn für die früher allein wichtige Hauptbahn Leipzig-Hof, sondern hat auch in manche Thäler regeres Leben gebracht, besonders durch die Zweigbahnen Schwarza-Paulinzella-Arnstadt, Probstzella-Wallendorf und Ludwigstadt-Lehesten. In Ludwigstadt übersetzt die Bahn den im Trogenbachthal liegenden Ortsteil auf einem 200 ~m~ langen, auf fünf mächtigen, 26 ~m~ hohen Steinpfeilern ruhenden eisernen Viadukt, steigt dann 1 : 40 an und überschreitet die Kammlinie des Gebirges, also die Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein, mittels eines 7-13 ~m~ tiefen und 1400 ~m~ langen Einschnittes in einer Höhe von 594 ~m~ über dem Meere. Der bayerische Flecken Rothenkirchen (750 Einw.) liegt nur noch 410 ~m~ hoch und treibt Flachshandel. Beim bayerischen Dorfe Stockheim (800 Einw.) und dem benachbarten meiningischen Flecken Neuhaus (1200 Einw.), beide im Gebiete des Rotliegenden, gibt es die ergiebigsten Steinkohlengruben Thüringens. Die Produktion auf den meiningischen Gruben betrug 1896 für Heiz- und Schmiedekohlen 325000 Centner im Werte von 106000 Mark. Im Tettauthale, das hoch vom Kamm herabkommt und bei Pressig ins Haßlachthal mündet, herrscht reges, gewerbliches Leben. Der meiningische Flecken Heinersdorf (1400 Einw.) und das bayrische Dorf Tettau mit Porzellanfabrik und der Glasfabrik Alexandershütte sind die wichtigsten Plätze in dem grünen Thale. Landschaftlich wichtiger ist das westliche, benachbarte Gebiet, das seine Zuflüsse in der Steinach (steinige Ache = steiniges Wasser) sammelt, die aus den Quellen des Bernhardsthaler Teiches am Rennsteige entsteht und die über Unter-Lauscha bis Köppelsdorf ein Waldthal durchströmt, das mit seinen Nebengründen (Höritzgrund u. a.) herrliche Naturbilder bietet und durch Mühlen- und Hammerwerke belebt ist. Die Steinach ist durch Anlage von Sammelteichen dem Flößereibetriebe dienstbar gemacht, auch führt jetzt das Thal aufwärts eine Bahn bis Lauscha. Ein schon 1578 angelegter Floßgraben führt von Oberlind nach Neustadt an der Heide, und verbindet dadurch die Steinach mit der Röden und Itz.

[Sidenote: Lauscha. Steinach.]

Wir betreten hier eine Gebirgslandschaft, die bis zu den Kammhöhen hinauf vom Segen der Arbeit befruchtet wird und deshalb auf verhältnismäßig magerem Boden und trotz ausgedehntester Waldungen volksreiche Ortschaften aufweist. Im Osterländischen Stufenlande hat sich die Textilindustrie zur Großindustrie umgewandelt, daran schließt sich im Frankenwalde eine großartige Schieferindustrie, die vielfach noch hinübergreift in den Thüringerwald, wo sich dann Porzellan- und Glasindustrie anschließen, um im Südwesten in der Eisenindustrie ihren Abschluß zu finden. Am Rennsteig oben liegt das mit Neuhaus fast zusammenstoßende sperlingslose Dorf Igelshieb (800 Einw.), mit 838 ~m~ Meereshöhe das höchst gelegene Dorf Thüringens, auf waldumrahmter Hochfläche in lang gestreckter Häuserreihe. Die Häuser sind mit Schiefer oder wetterdunklen Brettern beschlagen, die Bewohner arbeiten in der Glasfabrikation. In der oberen Thalmulde liegt das meiningische Dorf Lauscha (4400 Einw.) mit durch eigentümliche Mundart, Tracht und Sitte charakterisierter Bevölkerung, die sich durch Fleiß und Erfindungsgabe ebenso auszeichnet wie durch Lebensfreudigkeit und Spottlustigkeit. Hier »in der Lausche« war der Ursprung der thüringischen Glasindustrie, hier gründeten 1595 Greiner aus Schwaben und Müller aus Böhmen (deren Namen noch heute zahlreiche Familien tragen), die erste Glashütte, die zum Vorbilde für alle anderen derartigen Anstalten wurde. In den in Lauscha bestehenden drei Glashütten werden die verschiedenartigsten Gegenstände gefertigt: künstliche Menschenaugen, Glasaugen für ausgestopfte Tiere und Puppen, Glasblumen und -früchte, Perlen, Spielwaren. Auch werden Glasspinnerei und Porzellanmalerei getrieben. Schon 1867 wurde hier eine Gasfabrik errichtet zur Speisung der Lampengebläse für die Glasbläser in Lauscha sowie der höher gelegenen Dörfer Ernstthal, Igelshieb und Neuhaus. Weiter abwärts im engen Thal liegt der meiningische Markt Steinach (5300 Einw.) mit Schiefer- und Griffelbrüchen, sowie einer Glashütte. Auf der Höhe zwischen dem Steinacher Hüttengrund und dem Tettauthal bauen sich in langer Reihe die Häuser des Fleckens Judenbach (2000 Einw.) auf, dessen Bewohner Spielwaren herstellen oder in den Porzellanfabriken Hütten-Steinach (960 Einw.) arbeiten. Judenbach war früher eine wichtige Haltestelle an der großen Handelsstraße von Nürnberg nach dem Norden, und es gediehen hier Fuhrbetrieb und Geleitswesen.

[Sidenote: Sonneberg. Sonneberger Spielwarenindustrie.]