Thüringen

Part 3

Chapter 33,261 wordsPublic domain

Unsere Abbildungen 18 und 19 zeigen die Veränderungen des Stadtbildes in 300 Jahren, für welche die Hochschule von erheblicher Bedeutung wurde. Die Universität, von Johann Friedrich dem Großmütigen gestiftet, wurde 1558 eingeweiht und erfreut sich noch heute einer dauernden Blüte, obwohl sie am Ende des ~XVIII.~ Jahrhunderts einen dreimal größeren Studentenbesuch hatte; die Bibliothek umfaßt 220000 Bände. An vielen Häusern erzählen uns kleine Gedenktafeln von den Geistesgrößen, die da gewohnt und gelehrt haben. Arndt, Schelling, Fichte, Goethe, der oft hier weilte, und vor allem Schiller, der 1789 als Professor der Philosophie und Geschichte nach Jena berufen wurde und hier 10 Jahre blieb. Im ehemaligen Schillerschen Garten erhebt sich jetzt die neue Sternwarte und eine Büste des Dichters, daneben steht auf einem Granitblock die Inschrift: Hier schrieb Schiller den Wallenstein 1798. Die Stadt- oder Michaeliskirche, 1301 eine Niederlassung des Cistercienser-Nonnenklosters in Roda, ist eine der größten Kirchen Thüringens. Ein mit der Studentenschaft in enger Verbindung stehendes Haus ist der Burgkeller (Abb. 20), um 1546 in derber Hochrenaissance erbaut. In die fröhliche Studentenzeit zurück führt die Bezeichnung der sieben Wunder Jenas: ~ara~ (Durchgang unter dem Altar der Stadtkirche), ~caput~ (der Schnapphans an der Rathausuhr), ~draco~ (von Studenten im ~XVII.~ Jahrhundert zum Scherz zusammengestelltes skelettartiges Gebilde), ~mons~ (der Hausberg), ~pons~ (die Camsdorfer Brücke), ~vulpecula turris~ (der Fuchsturm), ~Weigeliana domus~ (das Weigelsche Haus in der Johannisgasse, jetzt abgebrochen). Als die jugendlichen Kämpfer der Musenstadt aus den Freiheitskriegen zu ihren Studien zurückkehrten, gründeten sie zu warmer Pflege der Vaterlandsliebe die Burschenschaft, die ihnen in den nächsten Jahren so viele Verfolgungen bringen sollte. Zur Erinnerung daran wurde 1883 das Burschenschaftsdenkmal (Abb. 21) errichtet, ein Student in der Tracht von 1817, Fahne und Schwert haltend, ein schönes Marmorwerk von Donndorf. Industriell bedeutend ist die optische Werkstatt von Zeiß, die einschließlich der Glashütte über 1000 Arbeiter beschäftigt und eine der ersten Anstalten dieser Art in Deutschland ist.

Von der Höhe des Forstes genießt man den besten Überblick über die Landschaft: die Kalkhöhen des Jenzig, Hausbergs, der Kernberge, durch scharfe Thäler voneinander getrennt; die weißbiergesegneten Dörfer Ziegenhain, Lichtenhain (Abb. 22) und Wöllnitz; nach dem kleinen Dorfkirchlein von Wenigenjena, wo sich Schiller mit seiner Lotte trauen ließ. Im Walde, wo sternförmig eine Anzahl Schneißen zusammengehen, hat man ein anmutiges Bild der alten Saalefesten, durch je eine Waldstraße erblickt man die Kunitzburg, den Fuchsturm (der letzte Rest der drei Hausbergburgen, Abb. 23) die Lobedaburg, die Leuchtenburg bei Kahla. Steil ragen die Muschelkalkberge stufenweise über die Waldflächen des Sandsteins. Trotz ihrer Pflanzenarmut sind sie von malerischem Reiz, wenn sie sonnenbestrahlt in leuchtenden Farben prangen.

[Sidenote: Roda. Eisenberg.]

Oberhalb des weimarischen Städtchens Lobeda (900 Einw.) zieht rechtwinklig zum Saalthale das Thal der Roda aufwärts, an deren Ufer die altenburgische Stadt Roda (3700 Einw.) liegt, eine stille Sommerfrische; weiter östlich setzt sich das untere Rodathal im lieblichen Zeitzgrund fort. Beide in die Sandsteinplatte eingewaschene Thäler werden von der Eisenbahn benutzt, die dann über die 340 ~m~ hohe Wasserscheide und vorüber an dem an Sandsteinbrüchen reichen Kraftsdorf nach dem Elsterthale führt. Von hier aus südlich herrscht, abgesehen von den Muschelkalkschollen bei Kahla und Saalfeld, Sandstein vor bis an den Saalfeld-Pößnecker Zechsteingürtel. Im Gegensatze zu den steilen Formen des Muschelkalkes zeigt der Sandstein sanfte abgerundete Formen und ist ausgezeichnet durch große Fichten- und Kiefernbestände, die nördlich fast bis zur altenburgischen Stadt Eisenberg (8000 Einw.) reichen. Eisenberg liegt auf einem Sandsteinkegel, hat ein altes Schloß (Christiansburg) und lebhafte Industrie. Eine Zweigbahn führt ins Thal der Rauda bis Krossen; aufwärts ist das Raudathal ein hübsches Waldthal, wegen zahlreicher Wassermühlen auch Mühlthal genannt, und führt bis zu den Sommerfrischen Klosterlausnitz (1600 Einw.) und Hermsdorf (2200 Einw.). Südlich von Roda führt das Thal des roten Hofbaches nach dem kleinen Lustschlosse »Fröhliche Wiederkunft«; westlich davon bei Hummelshain steht in prachtvoller Waldumrahmung ein neues Schloß (Abb. 24) des Herzogs von Altenburg.

[Sidenote: Kahla. Orlamünde.]

Die altenburgische Stadt Kahla (4400 Einw.) war früher stark befestigt und hat heute bedeutende Porzellanfabrikation, die 800 Arbeiter beschäftigt. Der Dohlenstein mit den Schutthalden zweier Bergrutsche (Abb. 25) und der 400 ~m~ hohe Kegel der Leuchtenburg sind getrennte Muschelkalkinseln an der rechten Thalflanke. Die Leuchtenburg ist wohl ursprünglich im ~IX.~ Jahrhundert als Schutzburg gebaut, später oft zerstört und wieder aufgebaut worden und bildet heute ein stolzes Wahrzeichen der mittleren Saalgegend. Hoch auf dem Sandsteinrande gegenüber der Orlamündung liegt das altenburgische Städtchen Orlamünde (1400 Einw.). Innerhalb der Ruinen der alten Stadtbefestigung steht die Kemnate, der letzte Rest der alten Grafenburg, wo einst das Geschlecht der im ~XVI.~ Jahrhundert erloschenen Grafen von Orlamünde hauste. An dieses Geschlecht knüpft sich die Sage von der weißen Frau an, der Gräfin Kunigunde, die in verblendeter Liebe zum schönen Burggrafen Albrecht von Nürnberg ihre beiden Kinder tötete und wegen ihrer Schuld selbst nach dem Tode keine Ruhe finden konnte, sondern da und dort als »weiße Frau« erschien. Die Orla mündete in alter Zeit bei Saalfeld in die Saale, ehe jener Nebenfluß, der jetzt den Unterlauf der Orla bildet, rückwärts einschneidend die Veranlassung gab, daß die Orla nun von Pößneck nach Orlamünde durchbrach und in der Richtung nach Saalfeld die Thalwasserscheide von Könitz gebildet wurde.

Das soeben beschriebene Gebiet des aus Buntsandstein bestehenden Südteiles der Saaleplatte bildet ungefähr den Westkreis des Herzogtums Altenburg, das »Altenburger Holzland«, das 44 vom Hundert seiner Fläche mit Wald, meistens Nadelwald, bewachsen hat. Das Klima ist hier rauher als im altenburgischen Ostkreise, dem Holzwuchse aber nicht ungünstig. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt hier vom Walde, d. h. von der Zubereitung von Hölzern für gewerbliche Zwecke und von der Herstellung allerlei Holzgerätschaften, besonders in Klosterlausnitz. Dieses »Holzland« hat nur 46 vom Hundert seiner Fläche Äcker und Gärten, und nur sieben vom Hundert Wiesen, die sich meist auf die flachen Thalungen beschränken.

[Sidenote: Rudolstadt.]

Aus grüner Saalaue erhebt sich Rudolstadt (12000 Einw.), die freundliche Hauptstadt des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt (Abb. 26). Die Stadt wird urkundlich zuerst im Jahre 800 als Eigentum des Klosters Hersfeld erwähnt, 1227 als Besitz des Grafen von Orlamünde; 1335 kam sie an die Grafen von Schwarzburg. Sie wird überragt vom Residenzschloß Heidecksburg, das sich weithin sichtbar auf dem 50 ~m~ hohen Vorberge des hinter dem Schloß noch weiter ansteigenden Hainberges erhebt, der die Saale vom Wüstenbach trennt. Schon im ~XVIII.~ Jahrhundert blühten hier verschiedene Industriezweige, besonders Porzellanherstellung und Glockengießerei, die ganz Thüringen mit Glocken versorgte und wo Schiller seine Studien für die »Glocke« gemacht haben soll. Schiller kam zuerst 1787 nach Rudolstadt und nahm 1788 seinen Sommeraufenthalt im benachbarten Dorfe Volkstedt (1570 Einw.). Abends war er meist in Rudolstadt bei der ihm befreundeten Frau von Lengefeld, deren Tochter Charlotte er später als Gattin heimführte. Am rechten Saalufer gegenüber Volkstedt erhebt sich ein Fels, an dessen Wand zu Ehren des Dichters seine Büste angebracht wurde, seitdem ist diese »Schillerhöhe« (Abb. 27) ein viel besuchter Platz geworden.

[Sidenote: Saalfeld.]

In geringer, nur einige Kilometer betragender Entfernung von Rudolstadt mündet bei Schwarza (1300 Einw.) die klare ehemals goldführende Schwarza in die Saale. In freundlicher Thalweite liegt an den Ufern der Saale die meiningische Stadt Saalfeld (10000 Einw.), eine der ältesten Städte Thüringens (Abb. 28) und einst im Schutze der Sorbenburg entstanden (Abb. 29). Sie war der befestigte Mittelpunkt des alten Orlagaus und lange Zeit von gemischter thüringischer und sorbischer Bevölkerung bewohnt. Ein lebhafter Marktverkehr blühte, begünstigt vom Flußverkehr und dem benachbarten Bergwerksbetrieb, obwohl spätere Jahrhunderte wiederholte Zerstörungen brachten. Der Erzbischof Anno von Köln gründete hier 1071 eine Benediktinerabtei, an deren Stelle in der zweiten Hälfte des ~XVII.~ Jahrhunderts das herzogliche Schloß gebaut wurde. Das Franziskanerkloster nahm 1578 bis 1579 die Universität auf, als Professoren und Studenten wegen einer schweren Seuche aus Jena flüchteten. Malerisch schaut mit seinen Ziergiebeln das aus dem ~XIV.~ Jahrhundert stammende Schlößchen Kitzerstein ins Flußthal herab. Die benachbarte Sorbenburg oder Hohenschwarm ist wohl im ~X.~ oder ~XI.~ Jahrhundert erbaut worden, wurde aber seit dem ~XVI.~ Jahrhundert zur Ruine, die mit ihren beiden Türmen ein sehr wirkungsvolles Bild gibt. Der Befestigungskranz der Stadt wurde in der zweiten Hälfte des ~XV.~ Jahrhunderts begonnen, entspricht im übrigen jedoch den Anlagen des ~XV.~ und ~XVI.~ Jahrhunderts. Aus dem ~XVI.~ Jahrhundert stammt auch das schöne mit Treppenturm, Giebeln und Dachtürmen geschmückte Rathaus, eine Verschmelzung von Spätgotik mit Frührenaissance. Wie überall trat auch hier infolge des dreißigjährigen Krieges ein betrübender Niedergang ein, und erst im ~XIX.~ Jahrhundert kam die Zeit eines erneuten Aufschwunges und reger Industriethätigkeit. Nördlich von Saalfeld erhebt sich der 482 ~m~ hohe Muschelkalkkegel des Kulm, von dessen 19 ~m~ hohem Aussichtsturm sich eine weite Rundsicht erschließt, im Norden bis zum Fuchsturm bei Jena, im Westen bis zur dunklen Kuppe des Kickelhahnes bei Ilmenau, nach Osten bis Ranis und Hummelshain. Der ganze sich von hier aus nach Osten ausdehnende Höhenzug heißt die Heide, eine Sandsteinplatte von durchschnittlich 400 ~m~ Höhe und durch Flußläufe in ein Hügelland aufgelöst.

Einen außerordentlich lehrreichen Aufschluß des Geländes sieht man oberhalb Saalfelds bei Obernitz: stark verbogene devonische Schichten, deren von der alten Meeresbrandung zerstörte Oberfläche beinahe wagerecht von Zechstein überlagert ist. Die Schichtenbiegungen der devonischen Kalke und Schiefer stammen aus der Zeit der oberen Steinkohle. Damals bildeten diese Falten die hohen und langen Gebirgsketten der mitteldeutschen Alpen, von denen jetzt nur noch das Fundament vorhanden ist. Über die eingeebnete Faltenruine sind die Zechsteinkalke hingebreitet. Der ausgedehnte Zechsteingürtel, der fast den ganzen Rand des Thüringerwaldes begleitet, erscheint hier in erheblicher Breite und streicht über Pößneck bis gegen Gera, die nördliche Sandsteinplatte trennend von der südlich auftretenden unteren Karbonformation, die sich meist aus Schiefern und Grauwacken zusammensetzt. Der Zechstein, eine vorherrschende Kalkablagerung, hat seinen Namen von den Zechen, den Häuschen der Bergleute, was schon darauf hinweist, daß in seinem Gebiete ein lebhafter Bergbau betrieben wird, in der Gegend von Saalfeld bis Ranis schon von alters her. Am wichtigsten sind die Eisenwerke von Kamsdorf, Unter-Wellenborn und Röblitz. Der Zechsteingürtel bildet hier eine Senke, die schon früh verkehrswichtig war und die auch den Weg vorschrieb für die Eisenbahn Saalfeld-Weida.

[Sidenote: Pößneck.]

Der rudolstädtische Marktflecken Könitz (800 Einw.) wird von einem im ~XVI.~ Jahrhundert erbauten Schlosse überragt, ehemals eine Besitzung der deutschen Könige. Das Städtchen Ranis (2000 Einw.) gehört zum preußischen Kreise Ziegenrück und liegt zu Füßen der alten malerischen Burg Ranis. Ein wichtiger Industrieplatz ist die meiningische Stadt Pößneck (11000 Einw.) geworden, nach dieser Richtung hin »die Krone der meiningischen Städte« genannt (Abb. 30). Schon seit dem Mittelalter blüht hier die Tuch- und Lederfabrikation, denen in neuerer Zeit noch Flanellherstellung (jährlicher Umsatz zwölf Millionen Mark), besonders aber Porzellanfabriken (darunter eine mit 800 Arbeitern) und Schokoladefabrikation (die etwa 1000 Arbeiter beschäftigt) zugesellt wurden. Die alte Stadtkirche stammt aus dem ~XIV.~, das mit zierlicher Freitreppe versehene gotische Rathaus (Abb. 31) aus dem ~XV.~ Jahrhundert. Beachtenswert sind in nächster Nähe der Stadt die mit Fichten bestandenen wallartigen Höhen der Altenburg und der Haselberge, Dolomitriffe, die nun aus der gesunkenen Zechsteinumgebung aufragen (s. Abb. 30).

[Sidenote: Neustadt. Triptis.]

Von Wichtigkeit ist auch die weimarische Kreisstadt Neustadt an der Orla (6000 Einw.), mit hübschem, später durch Anbauten entstellten Rathaus aus dem Anfange des ~XV.~ Jahrhunderts. Südlich der Stadt liegt das Dörfchen Arnshaugk mit einem Schlosse, das an der Stelle des alten Stammsitzes der Ende des ~XIII.~ Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen Arnshaugk erbaut ist. An der oberen Orla liegt das weimarische Städtchen Triptis (2250 Einw.), wo eine Bahn nach der auch als Sommerfrische besuchten weimarischen Stadt Auma (2500 Einw.) und dann über Ziegenrück nach Blankenstein läuft. Triptis liegt 368 ~m~ hoch über dem Meere; in ähnlicher Höhe überschreitet die nach Nordosten führende Bahn die Wasserscheide zwischen Saale und Elster.

[Sidenote: Saaleoberlauf.]

Von waldigen Bergen umrahmt, mündet bei Eichicht (450 Einw.) die Loquitz in die Saale, die hier ihren Oberlauf beginnt. Die Landschaft zeigt hier völlig veränderte Formen, da der Fluß in außerordentlich zahlreichen Krümmungen sich nun in das Schiefergebirge sein Bett gegraben hat. Steile Wände bilden die Thalränder, oft ragen die dunklen Felsen aus dem Nadelwald hervor und engen den Fluß ein, so daß fast nirgends Raum für eine Straße bleibt. Nur an wenigen Stellen wird der Fluß von Brücken überschritten, da im engen Thale auch keine Orte erbaut werden konnten. Nur an der Mündung des Drebabaches winden sich die schmalen Häuserzeilen der preußischen Kreisstadt Ziegenrück (1200 Einw.) empor, überragt vom alten Schlosse. Die Holzausbeute der weit ausgedehnten Wälder wird hier gesammelt und dann nach Camburg oder Kösen verflößt. Beachtenswert sind bei Ziegenrück wie bei Saalfeld altdiluviale Schotterlager mit oligozänen Quarzgeröllen, auf Höhenstufen liegend, die sich 115-130 ~m~ über dem heutigen Wasserspiegel befinden. Von dieser Höhe also hat sich der Fluß die Thalrinne ausgenagt, in der er heute fließt. Eine neue dem rechten Ufer folgende Straße führt nach dem Luftkurort Walsburg, gegenüber der Mündung des Wiesenthales.

[Sidenote: Alter Bergbau.]

Ein Seitenstück zu Schwarzburg in Bezug auf landschaftliche Schönheit bietet Schloß Burgk, das hoch auf einer bewaldeten von der Saale umspülten Felshöhe thront. Das Schloß erhielt seine jetzige Gestalt erst im ~XV.~ Jahrhundert, während die frühere Burg weiter südlich und näher dem Flusse lag. Am Flusse liegt der Burgkhammer, früher ein bedeutendes Eisenwerk, heute eine Sägemühle, zu der durch den Schloßberg von einer der oberen Saalwindungen ein Kanal geleitet ist. Viele Ortsnamen mit der Endung »hammer« deuten auf alten Bergbau hin. Am frühesten, etwa bis zum ~XIII.~ oder ~XIV.~ Jahrhundert, dürfte eine Bergbauthätigkeit in den Seifenarbeiten auf Gold und Zinn gewesen sein, also die im Erdreich vorhandenen Metallteilchen durch Wasser zu gewinnen. Dann gab es überall in Thüringen eine Blütezeit des Bergbaues, der aber zu Beginn des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. An der oberen Saale wurden Stahlhütten betrieben und allein im Bergwerksgebiete des reußischen Landes waren über vierhundert Gruben im Abbau, dabei 319 auf Eisen, die übrigen auf Gold, Silber, Antimon, Kupfer, Blei und Alaun. Die Saale hat hier überall den Charakter eines in das Schiefergebirge eingeschnittenen Plateauflusses, der den größeren Rheinzuflüssen ähnelt und auch hohe landschaftliche Schönheiten aufweist, außer der Umgebung von Burgk besonders erwähnenswert die Abstürze des Heinrichsteins bei Gottliebsthal. Auch wo die Zuflüsse in engen Thälern rauschen, geben sie für größere Siedelungen keinen Raum, aber sie zerschneiden die Stufenplatten des Geländes, das dadurch einen reich gegliederten reizvollen Anblick bietet. Wir finden deshalb im ganzen Südosten Thüringens die meisten Orte auf der Höhe gelegen, im Gegensatze zum westlichen Thüringerwald, wo das Gebirge als Kamm ausgebildet ist und die Ortschaften meist in den anmutigen Thälern gebaut sind.

[Sidenote: Hirschberg.]

Das zu Reuß jüngere Linie gehörige Saalburg (860 Einw.) ist ein von Obstgärten umgebenes ärmliches Städtchen, in dessen Nähe Marmor gebrochen wird, der zur Silurformation gehört. Zusammenhängend mit der alten Stadtbefestigung sind die Ruinen einer im ~XI.~ Jahrhundert gegen die Sorben erbauten Burg. Saalburg war eine Hauptstation an der alten Frankenstraße Nürnberg-Leipzig, deshalb auch militärisch wichtig und von vielen Kriegszügen berührt. In der Nähe findet sich das Saalburger Eisloch, eine echte Eishöhle, im kleinen Bleiloch an den Bleibergen. Bei Saaldorf liegt in wildreichem Nadelwald das Jagdschloß Weidmannsheil; unweit davon überschreitet eine feste Brücke die Saale bei Gottliebsthal, gleich wie Haueisen aus einer Zeche entstanden. Auch der weiter oberhalb am Flusse liegende Lemnitzhammer ist heute kein Eisenwerk mehr, sondern liefert nur hölzerne Gebrauchsgegenstände. Bei dem kleinen Dorfe Blankenstein erreicht der Rennsteig, der auf der Höhe des Thüringerwaldes und Frankenwaldes entlang zieht, sein östliches Ende. Unterhalb des Dorfes mündet bei 411 ~m~ Höhe über dem Meere die Selbitz in die Saale. An den größten Flußkrümmungen bestehen jetzt immer öfter Thalweiten größerer Ausdehnung, die mit Wiesen bedeckt sind. Während das preußische Dorf Blankenberg mit seinem Schlosse noch auf der Höhe thront, reichen die Häuser des preußischen Dorfes Sparnberg schon bis an die Ufer herunter. Auch das reußische Städtchen Hirschberg (1800 Einw.) reicht bis ins Thal der Saale hinab. Auf einem Felskegel erhebt sich das Schloß, ehemals eine gegen die Sorben errichtete Befestigung. Von Blankenstein aus bildet die Saale die Grenze gegen Bayern, von der Mündung des Tann- oder Töpenerbaches verläuft das obere Saalthal nur in bayerischem Gebiete, an den Fichtenabhängen des Leuchtholzes noch einmal tief eingebettet, dann aber in flacherer Thalmulde, die von den Kuppen des umgebenden Tafellandes um nur 120 ~m~ überragt wird.

[Sidenote: Hof.]

Auf dieser Hochfläche liegt in 473 ~m~ Höhe (der Bahnhof liegt 505 ~m~ hoch) die bayerische Stadt Hof (27600 Einw.), die ein Mittelpunkt für Industrie und Verkehr geworden ist. Schon früh war sie der Hauptort des Regnitzlandes, erwachsen aus einem zum Schutze gegen die Slaven angelegten Hofe (~Regnizi~, Regnitzhof). In den Hussitenkriegen, im dreißigjährigen Kriege und in den Kämpfen am Anfange des ~XIX.~ Jahrhunderts wurde viel Wohlstand vernichtet, die Stadt blieb aber lebensfähig und erholte sich so bedeutend, daß ihre Einwohnerzahl in den letzten dreißig Jahren sich fast verdreifachte. Schon im ~XVI.~ Jahrhundert entwickelte sich die Gewebeindustrie, die Hof zum Hauptplatz der oberfränkischen Woll- und Baumwollindustrie gemacht hat. Die Spinnereien haben etwa 200000 Spindeln, die Webereien 1900 Stühle im Betrieb. Wichtige Straßenzüge laufen hier zusammen, Verbindungen von Nord nach Süd mit Abzweigungen nach Westen (Franken) und Osten (Böhmen), die ihren Ausdruck auch in der Anlage von Eisenbahnen gefunden haben. Am obersten Saallaufe sind noch erwähnenswert der Flecken Oberkotzau (2100 Einw.) am Einflusse der Schwesnitz, das Städtchen Schwarzenbach (3900 Einw.), schon in offenem Hügellande liegend, und der Flecken Zell (650 Einw.). Nur wenige Kilometer oberhalb Zell entspringt die Saale in einer Meereshöhe von 728 ~m~ an der Südwestflanke des Waldsteins (878 ~m~ hoch), der mit seinem Granitwall die nördlichste Umrahmung des Fichtelgebirgmassivs bildet und auf seinen Höhen prächtigen Fichtenwald trägt.

~V.~

[Sidenote: Osterland.]

Von der Saale nach Osten zeigt die Landschaft eine mannigfaltigere Gliederung. Grüne Flußthäler haben volkreiche Orte entstehen lassen, die um so mehr Industrie treiben, je bequemer sie an den Hauptadern des großen Verkehrs liegen. Die Wälder bedecken nicht mehr unabsehbare weite Flächen, sondern sind in dem abgestuften Gelände eingeschränkt und machen großen Feldern Raum, die ihre fruchtbarsten Gebiete in den größten Thälern haben.

Ungefähr ein Dreieck mit den Spitzen Saalfeld, Hof und Altenburg schließt das Osterländische oder Vogtländische Stufenland ein, das sich nach Norden zum oben beschriebenen Saalfeld-Neustädter Zechsteingürtel, sowie nach Osten zum Elsterthale hin langsam abdacht. Es ist das alte Grenzgebiet gegen das Königreich Sachsen hin und zeigt von den altpaläozoischen Schichten aufwärts bis zum Kulm eine bedeutende Faltung, vorzugsweise in der Richtung von Südwest nach Nordost. Das ganze Gebiet ist eine plateauartige Hügellandschaft, zerschnitten von einer großen Zahl weit verzweigter Thäler, die nur in den tiefen Einschnitten der Elster, Göltzsch und Weida einen gebirgigen Eindruck hervorrufen. Der Haupterhebungssattel dieses ostthüringischen Gebietes ist ein Kambriumstreifen, der sich in einer Breite von 8-11 ~km~ von Südwest nach Nordost erstreckt, hier aber unter das Rotliegende des Erzgebirgischen Beckens untertaucht, nach Südwesten sich aber fortsetzt bis zur oberen Saale. Parallel zu diesem Hauptsattel steigt der weiter im Südosten gelegene Erzgebirgische Hauptsattel, und zwischen beiden liegt die etwa 11 ~km~ breite Vogtländische Hauptmulde, in welcher besonders devonische Ablagerungen vorhanden sind. Auch sie taucht nach Nordosten unter das Erzgebirgische Becken unter, ist jedoch südwestlich noch weiter zu verfolgen. Nordwestlich aber vom Ostthüringischen Hauptsattel liegt die Ostthüringische Hauptmulde, wo die tiefsten Schichten dem sich breit ausdehnenden Oberkulm angehören. Nordwärts wird diese Mulde von dem am Rande des Thüringischen Beckens ausstreichenden Zechstein und Buntsandstein überdeckt. Nordöstlich von Ziegenrück bestehen zahlreiche flache Mulden, in denen sich Wasser ansammelt, da der Boden durch Thonschichten undurchlässig ist. Daher erfreut sich das Auge hier an Hunderten von hell schimmernden Teichen, die mit ihrer teilweisen Waldumrandung der Landschaft einen um so größeren Reiz verleihen, als Thüringen und besonders sein Gebirgsland sonst arm an stehenden Gewässern ist. Merkwürdig sind auf der Strecke Burgk-Schleiz-Zeulenroda-Weida-Ronneburg-Altenburg Diabasdurchbrüche, die der Landwirtschaft nicht nutzbar sind, wenn sie mitten im urbar gemachten Boden vorkommen, und meist mit Eichen, Buchen und anderem Laubholz bewachsen sind. Im Nordosten von Gera nach den Flußthälern der Sprotte und Schnauder hin verliert sich allmählich das alte Gebirge, und es beginnt der fruchtbare Ackerboden des altenburgischen Ostkreises, der dann hinüberleitet in die Tieflandschaften der Sächsisch-Thüringischen Bucht.

[Sidenote: Schleiz.]