Thüringen

Part 2

Chapter 23,199 wordsPublic domain

Nach der Erbteilung von 1445 erhielt Wilhelm, Herzog von Sachsen, die Landgrafschaft Thüringen, die fränkischen Besitzungen sowie einige Ämter des Osterlandes. Nach Beendigung eines Bruderkrieges zwischen Wilhelm und Friedrich ~II.~, dem Sanftmütigen, raubte 1455 Kunz von Kaufungen aus dem Altenburger Schlosse die beiden Söhne Friedrichs ~II.~, Ernst und Albrecht, die späteren Stifter der beiden sächsischen Hauptlinien. 1485 erfolgte die Leipziger Teilung, wodurch Ernst Thüringen und die Kurwürde erhielt, Albrecht erhielt Meißen; in das Oster- und Pleißenland teilten sich beide. Seitdem blieb das sächsische Haus in die zwei Linien, die Ernestinische und Albertinische, getrennt. In die Regierungszeit Friedrich des Weisen (1486-1525) fällt das Wirken Luthers. Auf Friedrich folgte sein Bruder Johann der Beständige, als in die Gefilde Thüringens der Bauernkrieg Blut und Verderben brachte. Johann starb schon 1532, und nach seinem Tode führte Johann Friedrich mit seinem minderjährigen Bruder Johann Ernst anfangs gemeinsam die Regierung, entschädigte ihn aber im Torgauer Vertrage 1541 mit Geld und der Pflege Coburg. Nach dem für die Evangelischen unheilvollen Schmalkaldischen Kriege kam 1547 die Wittenberger Kapitulation zustande, worin Johann Friedrich seiner Herrscherwürde entsagte, 1552 aber wieder eingesetzt wurde und 1554 in der Naumburger Kapitulation einen großen Teil der früher an die Albertiner verlorenen Gebiete wieder zurückerhielt. Unter seinen drei Söhnen gingen die Wogen wieder hoch; Johann Friedrich der Mittlere kam mit dem wegen seiner Händel berüchtigten fränkischen Ritter Grumbach in unliebsame Freundschaft, weswegen er in die Reichsacht gethan wurde. Nach 28jähriger Gefangenschaft starb er. Immer wieder gab es Verzichtleistungen, Verpfändungen und Teilungen. Eine der wichtigsten Teilungen war die von 1572, in der die Grundgebiete der heutigen Herzogtümer Gotha und Weimar festgelegt wurden; auch bei den reußischen und schwarzburgischen Gebieten wurde damals der Grund zu den heutigen Besitzverhältnissen gelegt. Im Jahre 1638 wurde eine weimarische, eine eisenachische (die aber 1645 an Weimar kam) und eine gothaische Linie gegründet. Die Greuel des dreißigjährigen Krieges sind über Thüringen schwer dahingebraust und haben in vielen Orten neun Zehntel der Bevölkerung dahingerafft.

Als Glieder des 1805 gestifteten Rheinbundes nahmen die Herzogtümer die in ihren Landen gelegenen reichsritterschaftlichen Gebiete in Besitz. Als 1825 mit dem Tode Friedrichs ~III.~ die Linie Gotha-Altenburg ausstarb, gab es wieder Erbstreitigkeiten, die aber durch den Erbteilungsvertrag von 1826 geschlichtet wurden. Der Herzog von Hildburghausen überließ sein ganzes Land seinen Mitbewerbern, empfing aber dafür das Herzogtum Altenburg. Gotha wurde mit Coburg, Hildburghausen und Saalfeld mit Meiningen vereinigt, von kleineren Gebietstauschen abgesehen. Damit entstanden die drei noch heute blühenden Linien des sächsisch-Ernestinischen Hauses: Meiningen-Hildburghausen, Coburg-Gotha und Altenburg. Auch die schwarzburgischen Linien Rudolstadt und Sondershausen erlangten 1825 völlige Selbständigkeit.

Schon während der Landgrafenzeit hatte die Kirche in den thüringischen Landen ihre Besitzungen weiter ausgedehnt und befestigt. Im südlichen Teile griffen die Besitzungen der Abtei Hersfeld bis gegen Salzungen auf thüringisches Gebiet über. Das Erzbistum Mainz hatte Erfurt und das Eichsfeld im Besitz, an der Saale blühten die Bistümer Merseburg und Naumburg-Zeitz. Vom ~XII.~ bis ~XV.~ Jahrhundert waren eine große Zahl Stifter, Klöster und Ordenshäuser entstanden. Im Jahre 1803 kam Erfurt sowie das Eichsfeld an Preußen, ebenso die nördlichen thüringischen Besitzungen des Kurhauses Sachsen.

~IV.~

[Sidenote: Merseburg.]

Wir beginnen unsere Wanderung am Nordostpfeiler Thüringens, bei der alten auf hohem Uferrande gelegenen preußischen Kreisstadt Merseburg (18800 Einw.). Die Stadt lag dicht am slavischen Wohngebiete, erhob sich im ~X.~ Jahrhundert unter König Heinrichs, des »Städtegründers« Regierung hinter neuen Mauern und umschloß den Dom, der später Sitz des Bistums wurde, sowie die Pfalz den Hof zu vereinigen pflegte. Als Stifter Merseburgs kann Heinrich der Finkler angesehen werden, der als Markengründer so segensreich im Osten unseres Vaterlandes waltete. Otto ~I.~ gründete infolge eines Gelübdes das Domstift, das für Kultur und Verbreitung des Christentums im deutschen Osten von hoher Bedeutung war. Der alte Dom und das Schloß sind die Charaktergebäude Merseburgs, die flußwärts das Landschaftsbild beherrschen (Abb. 5). Die Turmbauten des Domes stammen noch aus dem ~XI.~ Jahrhundert, die anderen Bauteile meist aus dem ~XIII.~ Jahrhundert, das spätgotische Schiff aus dem Ende des ~XV.~ Jahrhunderts. Der Dom (Abb. 6) strebt nicht sehr in die Höhe, macht aber trotz seiner 1886 vollendeten Erneuerung einen altertümlichen Eindruck und besitzt einen außerordentlich stimmungsvollen Kreuzgang (Abb. 7). Im Chor befindet sich eine Metallplatte als Denkmal für den 1080 im Kampfe gegen Heinrich ~IV.~ gefallenen Gegenkönig Rudolf von Schwaben. Das Schloß umfaßt mit seinen drei Flügeln einen weiten viereckigen Hof von sehr malerischer Wirkung (Abb. 8). Der turmreiche Bau wurde 1483 bis 1561 errichtet, Ende des ~XVII.~ Jahrhunderts zum Teil erneuert und ist jetzt Regierungsgebäude. Im Schloßhofe stehen ein figurengeschmückter dreiseitiger Ziehbrunnen und der alte schwarze Käfig, worin der historische Merseburger Rabe gefüttert wird. Die Sage erzählt von einem dem Bischof Thilo von Throta gestohlenen Ringe, den ein Rabe bei geöffnetem Fenster aus des Bischofs Gemach getragen; von dem Verdacht, der auf einen der bischöflichen Diener gelenkt wurde, der unter der Folter ein Geständnis machte und darauf hingerichtet wurde; und wie dessen Unschuld an den Tag kam, als ein Schieferdecker bei Ausbesserung des Turmes den Ring im Rabenneste auffand. Die Stadt entwickelt sich neuerdings zu einem lebhaften Industrieplatze.

In dem Dreieck Halle-Weißenfels-Leipzig reicht die Sächsisch-Thüringische oder Leipziger Bucht des Norddeutschen Tieflandes bis nach Thüringen hinein, im äußersten Dreieckwinkel das Ausgangsthal der Saale einschließend und deshalb die beste Eingangspforte nach Thüringen bildend. Mit Ausnahme des Südwestens und Westens entwässert ganz Thüringen zur Saale, deren Nebenflüsse zur Linken ins Land hineingreifen wie ein aufgespannter Fächer. Die Saale ist also der bedeutendste Fluß Thüringens und bildet in der Thalstrecke Merseburg-Naumburg einen natürlichen Verbindungsweg zwischen Ost und West. Von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe hat sie eine Flußlänge von 450 ~km~ und ein Stromgebiet von 23776 Quadratkilometern.

[Sidenote: Lauchstädt. Weißenfels. Zeitz.]

In sanfter Abdachung gegen die Saale endet hier die Querfurter Platte (Thüringische Grenzplatte), deren Muschelkalk meist von Tertiärschichten oder Diluvialgebilden bedeckt ist und außer dem westlichen der Unstrut zugewandten Steilrande nur bei Mücheln und Branderoda zu Tage tritt. Die flach gebuchteten Thäler der Laucha und Geisel sind hier am dichtesten mit Siedelungen besetzt, und in beide Thäler führen jetzt Eisenbahnen. Dort sind Lauchstädt (2100 Einw.) und Schafstädt (2800 Einw.), hier Mücheln (1600 Einw.) die einzigen Städte. Lauchstädt hat eine seit 1710 gefaßte erdig-salinische Eisenquelle (11° ~C.~) und war früher Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Merseburg. Während seiner höchsten Blütezeit war es oft Sommeraufenthalt von Karl August von Weimar und Goethe, die auch den Vorstellungen der weimarischen Schauspielergesellschaft auf der kleinen Bühne (Abb. 9) beiwohnten. Hier ging zuerst in Anwesenheit Schillers am 19. März 1803 die »Braut von Messina« über die Bretter, deren Proben Goethe geleitet hatte. Südlich des Geiselthales erhebt sich der 159 ~m~ hohe Janushügel bei dem Dorfe Roßbach, wo 1757 Friedrich der Große die Franzosen schlug.

Östlich von Merseburg winden sich in grünen weit ausgedehnten Auen die Arme der Luppe und Elster, die unterhalb Merseburgs ihre Wasser der Saale zuführen. Das rechte Saalufer bleibt nun flach bis zum kleinen aufstrebenden Solbade Dürrenberg (250 Einw.), dessen Salzwerk der Zechsteinformation angehört. Auf der östlich sich ausbreitenden Ebene liegen das Dorf Schladebach, bekannt wegen seines 1748 ~m~ tiefen Bohrloches, und die Stadt Lützen (3700 Einw.), wo 1632 Gustav Adolf von Schweden fiel und wo 1813 bis zum Dorfe Großgörschen zwischen den Verbündeten und den Franzosen gekämpft wurde. Oberhalb Dürrenberg treten leichte Böschungen zu engerer Umrandung der Saale zusammen. Auf dem Hochrande des linken Ufers liegt der Eisenbahnknotenpunkt Korbetha. Malerisch am rechten Saalufer erbaut ist Weißenfels (26000 Einw.), das seinen Namen vom »weißen Fels« hat, dem hell schimmernden Sandstein, der hier die Uferränder bildet. Die preußische Stadt wird vom Schlosse Neu-Augustusburg (Abb. 10) überragt, das von 1680-1746 die Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels war. In der lebhaften Industrie nimmt die Herstellung von Schuhwaren einen bedeutenden Rang ein. Den ersten Anstoß zum Aufschwung der Stadt gaben aber die reichen Braunkohlenlager der weiteren Umgebung. Von hier aus dehnt sich ein weites Gebiet über Teuchern (5400 Einw.) bis Stößen (1250 Einw.), Osterfeld (1700 Einw.), Hohenmölsen (3000 Einw.) und Zeitz aus, das außerordentlich reich an Braunkohlengruben ist und wo sich infolgedessen eine Großindustrie in der Herstellung von Solaröl, Teer und Paraffin entwickelt hat, deren Bedeutung sich an der Anlage mehrerer Eisenbahnlinien erkennen läßt. Die jährliche Kohlenförderung im Regierungsbezirk Merseburg beschäftigt etwa 13000 Arbeiter und bringt acht Mill. Tonnen im Werte von 18 Mill. Mark. Die seit 1815 preußische Stadt Zeitz (24800 Einw.) erhebt sich auf den Buntsandsteinhöhen am Südufer der weißen Elster und ist eine außerordentlich betriebsame Fabrikstadt, in deren Umgebung viele Braunkohlenwerke im Betrieb sind. Das ehemalige Bistum bestand nur von 968-1028, in welchem Jahre es nach Naumburg verlegt und dann Naumburg-Zeitz genannt wurde. Das Schloß Moritzburg (an Stelle des bischöflichen im ~XVII.~ Jahrhundert erbaut) ist jetzt Armen- und Besserungsanstalt.

[Sidenote: Naumburg. Weinbau.]

Der schönste Teil des Saalethales ist sein mittlerer Teil von Naumburg bis Saalfeld, wo der Fluß im Muschelkalk und Buntsandstein sich ein geräumiges Bett gegraben hat. Schon oberhalb von Weißenfels mehren sich die alten Burgen, die von den Uferhöhen ins Thal hinunterleuchten und uns die Wichtigkeit dieses Flußstückes für den Verkehr erkennen lassen. Im allgemeinen sind die Orte am linken Ufer als Verteidigungsposten gegen die vordrängenden Slaven zu betrachten, während die Hauptpunkte am rechten Ufer zum Schutze der Straße dienten und zur Förderung der Slavenunterwerfung angelegt wurden. Am linken Ufer ist hoch oben Schloß Goseck erbaut, schon 899 eine Schutzburg gegen die Sorben, dann Sitz der sächsischen Pfalzgrafen. Im Jahre 1041 wurde Goseck in eine Benediktinerabtei umgewandelt und dort in Basilikenform eine kleine Kirche erbaut. Heute ist Goseck ein epheuumrankter Gutssitz, von dessen üppigen Gartenanlagen aus man herrliche Blicke ins Saalthal hat. Gegenüber am rechten Ufer erhebt sich der alte Turm der Schönburg (Sconinburg = schöne Burg), 1062 vom Landgrafen Ludwig dem Springer erbaut und später zum Hochstifte Naumburg gehörig. Als die Burgvögte sich aber dem Räuberhandwerk ergaben, wurde die Burg 1446 zerstört. Unweit mündet das Thal der Wethau, das bis zum Buntsandstein einschneidet und im unteren Teile kräftige Formen zeigt. Der Thalgrund ist mit Wiesen erfüllt, die Hänge mit einzelnen Baumgruppen geschmückt; im oberen Teile verflacht es sich und führt langsam zur Höhe von Eisenberg, einer welligen Fläche mit vorwiegendem Landbau; bewaldete Thalränder oder flache bewaldete Kuppen verleihen der Landschaft abwechslungsvollen Reiz.

An der Unstrutmündung erreicht die grüne Saalaue eine Breite von 1-2 ~km~. Hier liegt auf der Höhe der Muschelkalkplatte am rechten Saalufer Naumburg (21200 Einw.), einst der Sitz des von Zeitz hierher verlegten Bistums und ein Mittelpunkt für die Ausbreitung des Christentums nach dem Osten. 1534 kam es an Sachsen und 1815 nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses an Preußen. An die alte Zeit erinnert der schöne im ~XIII.~ Jahrhundert im romanisch-gotischen Übergangsstil erbaute Dom. An der Stelle des heutigen Oberlandsgerichts stand die vom Markgraf Eckard von Meißen zu Ausgang des ~X.~ Jahrhunderts gegründete Neue Burg (= Naumburg). Die Stadt (Abb. 11) hatte früher bedeutende Messen, erfreut sich jetzt lebhafter Industrie und treibt mit großem Erfolg Obst-, Gemüse- und Weinbau.

Von hier saalaufwärts bis in die Gegend von Jena und an der unteren Unstrut hat die Anlage von Weinbergen, die mit ihren kleinen Wachthäuschen hoch an den Muschelkalkwänden hinaufreichen, der Gegend ein besonderes Gepräge gegeben; der Ertrag wird meist zu Schaumweinen verarbeitet. Es sind dies solche Gebiete, die eine wirkliche mittlere Jahrestemperatur von 8-9°~C.~ haben, deren Sommerwärme aber noch beträchtlich erhöht wird durch ihre offene Lage nach Süden, wodurch eine außerordentlich wirksame Sonnenbestrahlung ermöglicht ist. Trotzdem haben die Weingelände der thüringischen Staaten und der Provinz Sachsen zusammen nur eine Ausdehnung von wenig mehr als zehn Quadratkilometern. Matthias Claudius, der »Wandsbecker Bote« und gemütvolle Volksschriftsteller, hatte freilich keine große Meinung vom Thüringer Rebensaft.

Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein, Ist's aber nicht; man kann dabei nicht singen, Dabei nicht fröhlich sein.

Die Chroniken des Mittelalters berichten vom Reifen der Trauben, viel häufiger aber vom Mißraten des Weins. Und doch war der Weinbau auf sonnenwarmen Geländen viel verbreiteter als heute, nicht allein im Camburgischen, sondern es grünten auch Rebengarten im Werrathale. Im ~XVI.~ Jahrhundert wurde in den Fluren von Saalfeld, Römhild und Meiningen Eigenbau gekeltert. Der Stadtrat von Pößneck verkaufte im Jahre 1464 etwa 2000 Eimer Landwein, und obwohl er die Kanne zu vier Pfennigen abgab, hatte er doch noch einen Gewinn von 472 Schock Groschen! Klöster, Städte und Fürsten pflegten den Weinbau in der Absicht auf Gewinn; Bürger und Bauern aber deshalb, weil sie kein besseres Getränk hatten und dabei mehr auf die Menge als auf den Geschmack achteten. Hier knüpft vielleicht das Sprichwort »Sauer macht lustig« an, sowie im ~XVII.~ Jahrhundert ein Kenner von den Meininger Weinbergen als von einer Gegend sprach, »wo weinend die Berge Naturweinessig erzeugen«.

[Sidenote: Schulpforta.]

Am Fuße des buchenbestandenen Knabenberges liegt wie ein schmuckes kleines Städtchen Schulpforta (Abb. 12), im Jahre 1137 als Cistercienserkloster St. Marien zur Pforte gegründet. Das Kloster hatte reiche Zuwendungen an Wald und Feld, Wiesen, Mühlen, Weinbergen und Geld, die Mönche mußten aber nach vier Jahrhunderten von dannen ziehen. 1543 wurde Pforta vom Herzog Moritz von Sachsen in eine Lehranstalt umgewandelt, aus welcher viele hervorragende Männer hervorgingen. In Erinnerung an Klopstock, der einst hier auf der Schulbank gesessen, schrieb Goethe:

An dem stillbegrenzten Orte Bilde dich, so wie's gebührt; Jüngling, öffne dir die Pforte, Die ins weite Leben führt!

Der Name Pforte wird aber auch auf die Furt (~vorte~) von Almerich (Alteburg) bezogen, nach der von Naumburg her eine durch zwei burgähnliche Anlagen geschützte Beistraße führte, um aus der linken Seite der Saale in den Königsweg (~strata regia~) einzumünden. Dieser Königsweg ist die alte Leipzig-Frankfurter Straße, die über Merseburg, Freyburg an der Unstrut, Erfurt und Eisenach führte. Erst im ~XV.~ Jahrhundert wurde die Straße über Kösen geführt, da die steinerne Brücke erst 1404 erbaut wurde und zur Gründungszeit des Klosters Pforta (1137) noch nicht bestand. Im ~XII.~ und ~XIII.~ Jahrhundert bewegte sich der Hauptverkehr von Naumburg auf der Buchstraße, die auf der Höhe bei Heiligenkreuz sich gabelte, um als oberländische oder Regensburger Straße über Eisenberg, Gera, Hof nach Regensburg zu führen, anderseits über Camburg im Saalthale aufwärts nach Saalfeld und über den Thüringerwald nach Nürnberg zu ziehen. Die Namen der Dörfer Flemmingen erinnern an die holländischen (vlämischen) Ansiedler, die in frühester Zeit zur Hebung des Landbaues, besonders der versumpften Thalflächen, herbeigerufen wurden.

[Sidenote: Kösen.]

An der Stelle einer alten Slavenniederlassung liegt in engem Thalkessel das preußische Städtchen Kösen (2800 Einw.), dessen 1686 entdeckte Salzquellen dem Muschelkalk entspringen. Sie sind seit 1731 im Betrieb, werden jetzt aber nur für Kurzwecke benützt, wodurch der Ort, der erst seit 1868 Stadt wurde, sich zum viel besuchten Solbade (Abb. 13) entwickelt hat. Wegen seiner Lage am engen Saaldurchbruche, dem Passe von Kösen oder der Kösener Pforte, war der Platz auch kriegsgeschichtlich von Bedeutung. Nächst der Fährstelle zur Katze (vom slav. ~kaza~ = wild, reißend) windet sich der Pfad hinauf zu der auf steilem Muschelkalkfels 85 ~m~ hoch über den Schlangenwindungen der Saale thronenden Rudelsburg (Abb. 14), einer aus dem ~XII.~ Jahrhundert stammenden Feste, die mit ihrer Vorburg Saaleck, wovon nur noch zwei Türme sichtbar sind, eine bedeutende Wacht- und Verteidigungsstätte am wendischen Grenzgebiete war. Im 30jährigen Kriege zerstört, wurde sie später zum Teil erneuert, so daß sie jetzt zu einer der schönsten und viel besuchtesten Ruinen Deutschlands gehört. Auf dem Platze innerhalb der äußersten Burgmauer erheben sich die Denkmäler für Kaiser Wilhelm ~I.~, für die im Kriege 1870/71 gefallenen Verbindungsstudenten und für Bismarck als Student. Geschichte und Sage haben um die alte Burg ihre Kränze geschlungen und durch die geborstenen Hallen wird noch lange das Lied tönen, das Franz Kugler hier oben dichtete:

»An der Saale hellem Strande Stehen Burgen stolz und kühn.«

[Sidenote: Dornburg.]

Bei Großheringen biegt das Saalthal in scharfem Winkel nach Süden um, und nun entwickeln sich ganz eigenartige Landschaftsbilder, ausgezeichnet durch die steil abfallenden Muschelkalkberge, die das Thal bis südlich von Jena umschließen. Das meiningische Städtchen Camburg (2800 Einw.) liegt in einer freundlichen Thalung, umkränzt von Wein- und Obstgeländen und überragt vom altersgrauen Matzturm. Hoch über dem Dorf Naschhausen schimmern von der Felskante drei weimarische Fürstenschlösser ins Thal, die Schlösser von Dornburg, während das Landstädtchen Dornburg (670 Einw.) hinter Gartenbäumen auf der Hochfläche versteckt liegt, 125 ~m~ über der Saale. Das nördliche Schloß ist die eigentliche Burg, an die sich die Geschichte Dornburgs anknüpft, und stammt in der Hauptsache aus dem Anfange des ~XVI.~ Jahrhunderts. Abb. 15 gibt eine Darstellung des Schlosses im Jahre 1631: Kroaten, die das Schloß geplündert und die Herzogin verwundet hatten, werden von herbeigeeilten Landleuten und Soldaten die Felsen hinabgejagt. Das mittlere oder neue Schloß wurde erst im ~XVIII.~ Jahrhundert an Stelle von 22 Privathäusern im Rokokostil errichtet. Das südliche Schloß ist das Stohmannsche oder kleine Schlößchen, im ~XVI.~ Jahrhundert in der Blütezeit der deutschen Renaissance entstanden. Über der Eingangsthür ist ein wohl erst anfangs des ~XVII.~ Jahrhunderts eingefügter lateinischer Spruch vorhanden, den Goethe mit den Worten übersetzte.

»Freudig trete herein, und froh entferne dich wieder! Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!«

Die drei Schlösser (Abb. 16), umgeben von üppigen Gärten, gewähren reizvolle Blicke ins Saalthal und in die Landschaft. Goethe hat hier oft geweilt, um Ruhe und Frieden zu suchen, und schilderte mit warmer Empfindung den Ausblick ins Thal:

»Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tief grünende Weinhügel; aufwärts an Mauergeländern üppige Reben.... Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sah ich ferner in einem anmutigen Thale so vieles, was, dem Bedürfnis des Menschen entsprechend, in allen Landen weit und breit sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen zieht; Wehr, Mühlen, Brücken folgen aufeinander; die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades. Büsche hie und da zerstreut, dort zu schattigen Bäumen zusammengezogen.«

[Sidenote: Tautenburg. Bürgel.]

Jenseits der blendenden Muschelkalkhöhen des Ostufers liegt ins Grün gebettet das rings von herrlichem Buchenwald umgebene Dorf Tautenburg, mit den Resten eines Bergschlosses, das einst der Sitz des Geschlechts der Schenken von Tautenburg war. Es steht nur noch der alte dachlose Bergfried, rings von Schutt umgeben, während das im ~XIV.~ Jahrhundert erbaute Schloß abgebrochen und aus seinen Steinen das Schloß Frauenprießnitz errichtet wurde. Vom Saalufer führt das Thal des Gleisbachs hinauf zum weimarischen Städtchen Bürgel (1650 Einw.), in dessen Nähe reiche Thonlager vorhanden sind, die das Material für die bekannten Bürgeler Töpferwaren liefern. Das benachbarte Thalbürgel, auch Kloster Bürgel genannt, ist berühmt wegen des 1133 gegründeten Benediktinermönchklosters, das aber 1525 aufgehoben wurde. Die Kirche, zum Teil Ruine des Klosters, wurde 1142 als romanische dreischiffige Pfeilerbasilika gebaut und erlitt später mehrere gotische Veränderungen.

[Sidenote: Jena.]

Weiter aufwärts im lieblichen Saalthale bauten seit 1170 die Mönche von St. Marien von der Pforte in Porstendorf (Bosindorf) die hochgeschätzten »Borsdorfer« Äpfel. Gegenüber von Kunitz, über dem die Mauerreste der Kunitzburg ins Thal blicken, bestand in Zwätzen eine Kommende des deutschen Ordens; jetzt ist die Komthurei in eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft umgewandelt. Weit liegt am linken Saaleufer die Stadt Jena (15500 Einw.) ausgebreitet, auf beiden Uferseiten bewacht von hellfarbigen Kalkbergen. Jena ist einer der hervorragendsten geistigen Mittelpunkte Thüringens, wo sich Nachklänge einer großen Vergangenheit einen mit den jugendfrohen Lebensäußerungen der Gegenwart, und ein eigentümlicher Liebreiz ist der Stadt geblieben trotz winkeliger Gassen und hochgiebliger Häuser (Abb. 17). Schon Goethe lobte den Ort in seinen »Lustigen von Weimar«:

»Donnerstag nach Belvedere, Freitag geht's nach Jena fort: Denn das ist, bei meiner Ehre, Doch ein allerliebster Ort!«