Part 14
Der Kyffhäuser sendet seine westlichen Ausläufer bis Auleben und Badra vor, wo der jüngere Zechsteingips unter den steil abbrechenden Schichten des unteren Buntsandsteins der Windleite verschwindet. Bei Badra steht Gips und der Hauptdolomit des Zechsteins an, der auch am Galgen- und Schlachtenberge bei Frankenhausen entwickelt ist. Vom Badraer Sattel schiebt sich ein kleiner Höhenzug nach Südosten und zwingt dort die Wipper, die Hainleite zu durchbrechen. Nördlich vom Kyffhäuser breiten sich die fruchtbaren auf Buntsandstein liegenden Diluvialablagerungen der Goldenen Aue aus. Am Anfang des ~XII.~ Jahrhunderts war das Helmethal von Nordhausen bis Artern noch ein sumpfiges wenig bewohntes Land, in das die Cistercienser vom Kloster Walkenried erst Kultur brachten. Die Mönche zogen Vlämen ins Land, die nach niederländischer Art urbar machten und eine Anzahl Ortschaften gründeten. In diesen vlämischen Kolonistendörfern (Horne, Ellre, Weydenhorst und die Orte mit der Endung »riet«) lagen die Bauernhöfe am Flusse entlang, an dem sich auch die einzige Fahrstraße hinzog; seitwärts von den Bauernhöfen am Eingang des Dorfes stand die Kirche. Hinter den Höfen schloß sich in langen Streifen, so breit wie das Gehöft, der Acker an. Die Form der Bauernhöfe war die fränkische. Die Entwässerung des oberen Riets (oder Rieds) geschah durch tiefe Gräben, neben denen hohe Dämme erbaut wurden. Querdämme schlossen die Gebiete der einzelnen Ortschaften ab. Im unteren Riet war längs des linken Ufers der kleinen Helme ein Flutgraben gezogen worden.
[Sidenote: Das Eichsfeld.]
Am Fuße der Rothenburg liegt das stille Städtchen Kelbra (2700 Einw.). Die Goldene Aue bietet eine für den Verkehr wichtige Niederung, die von der Eisenbahn Halle-Cassel benutzt wurde. Die Helme, die gewissermaßen Thüringen vom Harz scheidet, hat eine Länge von 84 ~km~ und ist einer der wichtigsten Nebenflüsse der Unstrut, da sie aus dem Harz viele wasserreiche Zuflüsse aufnimmt; ihr Ursprung ist auf der niederen Wasserscheide zwischen Elbe und Weser, westlich vom preußischen Dorfe Stöckey. Die Wipperquelle liegt in der Stadt Worbis am Südfuße der Ohmberge, nur wenig entfernt von den Quellen der Hahle und Leine. Nach Aufnahme der Ohne durchströmt die Wipper bei Sollstedt das Eichsfelder Thor, wo die Muschelkalkhöhen der Bleicherodaer Berge und der Hainleite nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind. Westlich von Worbis (2000 Einw., davon ¾ katholisch) dehnt sich bis zum Grabeneinbruch des Leinethales (oder der Göttinger Senke) das meist aus Buntsandstein bestehende Untere Eichsfeld aus, von einer mittleren Höhe von 380 ~m~. In den Thälern finden sich frische Wiesengründe, auf den Höhen sorgsam gepflegte Äcker, die neben Getreide und Kartoffeln auch Tabak, Flachs und Zuckerrüben tragen. Trotzdem sind aber bei einer verhältnismäßig dichten Bevölkerung und dem Mangel größerer gewerblicher Anlagen die Ortschaften ziemlich arm.
[Sidenote: Heiligenstadt.]
Der Hauptort des Eichsfeldes ist Heiligenstadt (6700 Einw., davon 5/6 katholisch), das schon 1227 vom Erzbischof von Mainz Stadtrechte erhielt. Seine drei Stadtkirchen sind im ~XIII.~ und ~XIV.~ Jahrhundert erbaut worden. Das obere Eichsfeld ist die vom Dün nach Westthüringen hinüberleitende Muschelkalkplatte, im Mittel etwa 450 ~m~ hoch und klimatisch ungünstiger als das untere Eichsfeld; der Warteberg steigt bis 512 ~m~ empor. Die steil abfallenden Wände sind vielfach von Thälern durchschnitten, so vom Lutterbach im Norden und dem Frieda- und Rosapp-(Roseppe-) Bache im Süden, und die halbinselartig geformten Randstücke der Muschelkalkplatte sind zumeist von schönen Buchenwäldern geschmückt. Westlich dieser Thäler erhebt sich auf einem Buntsandsteinsockel der vielfach von Bächen eingeschnittene Muschelkalkrücken der Goburg, im Hohenstein (566 ~m~) den höchsten Punkt des ganzen Eichsfelds tragend. Der Landbau ist auf dem Kalkboden nur dürftig, so daß viele arme Gebiete vorhanden sind, deren Bewohner dann Weberei treiben oder allsommerlich als Feldarbeiter nach der Provinz Sachsen gehen. Bei Küllstedt wird das obere Eichsfeld in 400 ~m~ Höhe von diesem Tunnel durchbrochen, durch den eine Bahnlinie führt, die Dingelstädt mit Eschwege verbindet.
[Sidenote: Treffurt. Creuzburg. Südvorland.]
Nach Südosten streckt sich vom oberen Eichsfeld der breite Muschelkalkrücken des Hainich, dessen Höhen mit prächtigen Buchenwäldern bewachsen sind und nirgends 500 ~m~ Höhe erreichen. Der Muschelkalk reicht hier südlich bis zur Hohleite (387 ~m~), den Hörselbergen und den Krahnbergen westlich von Gotha. An einigen Stellen lagern über den Triasschichten in unbedeutender Entwickelung Thone mit Sandstein und Kalkbänken, die dem Lias (Jura) zugehören, so auf der Hohleite und dem Moseberg (nordwestlich von Eisenach), am Seeberg (bei Gotha) und am Röhnberg (in der Nähe der drei Gleichen). Der Muschelkalk reicht westlich weit bis ins hessische Gebiet; in zahllosen Schlangenwindungen hat sich die Werra ihr tiefes Bett in den Muschelkalk eingesägt. Hier liegt das preußische Städtchen Treffurt (2000 Einw.), nördlich bewacht von der Burgruine Normannstein, südlich vom steil bis 501 ~m~ aufragenden Heldrastein. Das alte Creuzburg (1800 Einw.) ist weimarisch und war einst die Sommerhauptstadt der thüringischen Landgrafen. Die alte Verkehrsstraße zog früher über Creuzburg nach Frankfurt, seit Eröffnung der thüringischen Eisenbahn ist der Ort aber von allem Verkehr verlassen und ein stilles Landstädtchen geworden. Nahebei liegt das kleine Solbad Wilhelmglücksbrunn. Am Durchbruch der Werra liegt in anmutiger Gegend das Dorf Hörschel, urkundlich schon im ~X.~ Jahrhundert genannt, der westliche Endpunkt des Rennsteigs. In der Nähe des Dorfes Lauchröden ragen die Ruinen der Brandenburg empor.
~XIV.~
Das Eltethal ist im unteren Teile von beackerten Höhen eingefaßt, nimmt weiter oben das Gepräge eines stillen Waldthals an, dessen Sohle aber noch mit Feldern und Wiesen besetzt ist. Südlich des Dorfes Förtha erhebt sich die basaltreiche Pflasterkutte, nördlich die Stoppelkuppe, deren Basalte noch heute gebrochen werden. Der Zechsteingürtel, der hier das Eltethal überspringt und bis über Liebenstein hinaus sich fortsetzt, war früher für den Bergbau von Bedeutung, der bei Möhra, Kupfersuhl und Schweina auf Kupfer betrieben wurde und von dem noch heute so manche grün bewachsene Halde Zeugnis gibt. Nach der Gebirgsseite erstreckt sich das Rotliegende, und auf ihm wachsen die üppigen Buchenwälder, die bis zu den Höhen des Rennsteigs hinaufreichen. Dem Gebirgswall Thüringens ist hier ein welliges Südvorland vorgelagert, wo fast parallel mit der Hauptrichtung des Thüringerwalds die Werra in einem breiten offenen Thale nach Nordwesten zieht. Die Werra ist nach Größe und Namen der Quellfluß der Weser (Wisaraha, Wirraha = Westfluß); Weser und Werra sind nur verschiedene Namen für dasselbe Wort.
Im Nordosten des Südvorlandes breitet sich eine dicht bewaldete Buntsandsteinfläche aus, die nach Südwesten zur unbewaldeten und reizlosen Marisfelder Mulde einfällt. Diese Mulde wird im Südwesten von einem teilweis bewaldeten Muschelkalkplateau begrenzt, das Werra und Hasel durchbrochen haben. Ähnlich ist das Gelände im Südosten der Marisfelder Mulde bis auf die eigenartige Gegend des sogenannten »Kleinen Thüringerwalds«, wo Granit, Porphyr, Rotliegendes, Zechstein, Buntsandstein und Muschelkalk mit ihren verschiedenen Abtragungs- und Verwitterungsformen ein überaus lebendiges und buntfarbiges Landschaftsbild abgeben. Die im Graben der Marisfelder Mulde enthaltenen Keuperschichten zeigen, daß natürliche Abtragung die Oberfläche dieser Gegend um mindestens 460 ~m~ erniedrigt hat. Der südlich der Muschelkalkmauer gelegene Teil gehört bereits zum Grabfeld und besteht aus Keuper, der teilweis durch Diluvialbedeckung verhüllt ist und ausgedehnte wenig gegliederte Hochflächen bildet. Der vorherrschend weiche und thonige Boden wird von Kulturflächen eingenommen, der Wald tritt sehr zurück.
[Sidenote: Marksuhl. Möhra. Frauensee.]
Zwischen dem Markte Gerstungen (1550 Einw.) und dem weimarischen Städtchen Berka an der Werra (1050 Einw.) führt von der Werra das sonnige breite Thal der Suhle aufwärts. Das von der oberen Suhle und der oberen Elte umschlossene Gebiet war der alte Bergwerksgrund, der seinen Mittelpunkt im Dörfchen Eckardshausen hatte. Der Hauptort des Thales ist der Flecken Marksuhl (1000 Einw.), zuerst im ~XIII.~ Jahrhundert genannt und früher eine Haltestelle an der alten Bergstraße von Vacha nach Eisenach. Der Name Suhl bedeutet »sumpfige Gegend«, ist also von derselben Bedeutung wie der in derselben Richtung mit dem Suhlethal gelegene jetzt auch trockene Moorgrund, beide nur von einer niedrigen Wasserscheide getrennt. Im oberen Moorgrund liegt das Dorf Möhra, wo Luthers Eltern wohnten und wo ihm auf dem Kirchplatz ein Standbild errichtet wurde (Abb. 129). Die Buntsandsteinplatte innerhalb des Werraknies ist zum Teil mit Fichten- und Buchenwald bedeckt, während in den schmalen Thalgründen kleine Wiesen in hellem Grün leuchten. Bei Dönges ist der kleine Hautsee eingebettet, auf dessen Wassern eine schwimmende Insel ruht, deren Kiefern und Birken mit ihren Wurzeln den festen Zusammenhalt geben. Im Buchenwald versteckt liegt das weltabgeschiedene stille Dörfchen Frauensee, dessen rote Dächer sich im dunklen See spiegeln, eine ruhige Sommerfrische an der Stelle, wo im ~XII.~ Jahrhundert ein zum Stift Hersfeld gehöriges Cistercienser-Nonnenkloster gegründet wurde.
Wo die alten Hauptverkehrswege das Gebirge überschritten oder umgingen, wie im Werrathal, entwickelte sich eine dichtere Besiedelung. Im ~XIII.~ und ~XIV.~ Jahrhundert entstand eine Anzahl kleiner Städte, von denen es viele in den folgenden Jahren zu hoher Blüte brachten, die aber durch die Greuel des dreißigjährigen Krieges zerstört wurden. Im Werragebiete fielen fast neun Zehntel der Bevölkerung dem Kriege zum Opfer, und es waren zwei Jahrhunderte erforderlich, um die Lücken wieder zu ergänzen. Vom Goldbrunnen oberhalb des Ortes Wüstensachsen im Rhöngebirge rinnt die Ulster und mündet nach 49 ~km~ langem Lauf unterhalb Philippsthal in die Werra. Die weimarische Stadt Geisa (1500 Einw.) wird urkundlich schon im ~VIII.~ Jahrhundert erwähnt. Das Thal wird hier breiter und schöner und bildet die fruchtbarste Gegend des eisenachischen Oberlands, zu beiden Seiten von den schöngestaltigen Basaltkuppen der vorderen Rhön bewacht: Suchenberg (585 ~m~), Rockenstuhl (529 ~m~) und der Gipfelreihe vom Roßberg (689 ~m~) bis zum Ulsterberg (476 ~m~), meist Aussichtsberge mit umfassender Rundsicht. An der Einmündung der Öchse in die Werra liegt das im ~IX.~ Jahrhundert gegründete weimarische Städtchen Vacha (1500 Einw.), dem Vereinigungspunkte zahlreicher Straßen, die früher dem Ort lebhaften Verkehr brachten. Das Werrathal ist hier breit und sonnig, aber heiteren Gepräges und fruchtbarer Wiesengelände voll, von Bergen und grünen Wäldern umgrenzt. Südlich der Stadt erhebt sich der 627 ~m~ hohe mit Basaltblöcken bedeckte Öchsenberg, an dessen Ostfuße das stille waldumsäumte Öchsenthal hinaufsteigt bis zu der Höhe zwischen Bayerberg (706 ~m~) und Sachsenburg (707 ~m~). Dichter Buchenwald schmückt diese basaltischen Vorberge der Rhön; vom Turm des Bayerbergs hat man einen schönen Blick auf Thüringerwald und Rhön.
[Sidenote: Eisenachisches Oberland.]
[Sidenote: Ostheim.]
Am Fuße des Ellenbogen (813 ~m~) entspringt die Felda, die zuerst eine wellige Hochfläche durchströmt, unterhalb Kaltennordheim in ein enges Buntsandsteinthal tritt, das sich aber später erweitert, während der unterste Teil ein enges Felsenbett bildet. Die Quelle liegt 660 ~m~ hoch, die Mündung bei Dorndorf 230 ~m~. Bis zum weimarischen Markte Kaltennordheim (1650 Einw.), reicht die schmalspurige Felda-Eisenbahn. Das Eisenacher Oberland ist klimatisch nicht günstig gestellt, ein langdauernder Winter und kalte Winde mindern den Ertrag der Landwirtschaft. Das Gebiet trägt im allgemeinen den rauhen Charakter der Rhön. Ein Zeichen von wirtschaftlicher Schwäche ist die ziemlich lebhafte Auswanderung der Bevölkerung. Zwischen buchenbewaldeten Bergen liegt der Markt Dermbach (1150 Einw.), wo 600 Menschen mit Korkschneiderei beschäftigt sind. Im Feldathale wird in Schnitzerei und Drechslerei viel Hausindustrie getrieben, deren Hauptort Empfertshausen ist, von wo aus meist für Ruhla, aber auch für Eisenach, Fischbach, Cabarz und Waltershausen gearbeitet wird. Eine vom Staate unterstützte Fachschule sorgt für künstlerische Ausbildung. Das weimarische Lengsfeld (1200 Einw.) ist die einzige Stadt im Feldathale. In dem meiningischen Gebietsteil Dietlas wurde in einer Tiefe von 436 ~m~ Steinsalz erbohrt. Ein weimarischer Landesteil liegt, rings von bayerischem Gebiet umschlossen, an den Ostabhängen der Rhön bis über den Streubach hinaus. Der Hauptort ist hier Ostheim (2300 Einw.), eine alte Stadt, die 804 dem Stifte Fulda geschenkt wurde und deren alte Mauern und Türme noch großenteils stehen. In der Umgebung sind viele Mühlen, und es wird erheblicher Kirschenbau getrieben.
[Sidenote: Ostheim.]
Auf einer dicht bis zur Werra vortretenden Sandsteinkuppe liegt im Buchenschatten die Kraienburg, ein ehemaliger Wachtposten für den entlang der Werra ziehenden Handelsweg. Von den letzten Resten der aus dem ~XII.~ Jahrhundert stammenden Burg wurden die Säulen aus den romanischen Fenstern gebrochen und bei der Wiederherstellung der Wartburg zur Ausschmückung der offenen Halle im Burggärtlein benützt. Viele Mauersteine der Burg wurden in dem an der Werra liegenden Dorfe Tiefenort (1750 Einw.) zu Häusern verbaut. In der Nähe besteht ein Kalibergwerk. Überall im Südvorlande tauchen aus der Masse des Buntsandsteins und Muschelkalks kegelförmige Inseln von Basalt empor. Einer der schönsten Gipfel ist der Bleßberg (645 ~m~), von dessen schön bewaldeten Hängen das Arnbachthal zur Werra hinabführt. Hier liegt Salzungen (4400 Einw.), urkundlich schon im ~VIII.~ Jahrhundert erwähnt, im Grenzgebiete des alten Westergaus, von Henneberg und Franken. Das Salzwerk hat großen Reichtum an Sole, die in verschiedenen Quellen von 5 bis 27 vom Hundert Salzgehalt hat; der Jahresversand von Salz beläuft sich auf 125000 bis 150000 Metercentner. Als Badeort wird Salzungen jährlich von über 2000 Personen besucht. Der Salzunger See ist durch einen Erdfall entstanden (Abb. 130). Am Lindenberg bei Leimbach wurde eine Kohlensäurequelle erbohrt, die unter einer Druckspannung von 32 Atmosphären dem Boden entströmt und in einem Kohlensäurewerk verarbeitet wird. Gegenüber von Salzungen am rechten Werraufer stand ehemals Kloster Allendorf, heute nur noch im Namen erhalten, und die Burg Frankenstein, die schon 1330 im Verfall war und dem Geschlechte der Frankensteiner gehörte, die einst auch die Frankenburg bei Helmers, die Burg auf dem Mätilstein bei Eisenach, Altenstein und die Kraienburg besaßen.
[Sidenote: Meininger Oberland.]
Vom hohen Rain (701 ~m~) und der Stoffelskuppe (616 ~m~) rinnen die Quellwasser der Rosa hinab, in deren anmutigem Thale einst eine alte Heerstraße aufwärts führte. Oberhalb Roßdorf schimmern einige Waldteiche, über denen sich die aus Sandstein und Muschelkalk emporragenden Basaltköpfe aufbauen; hier kam es 1866 zum Kampfe zwischen Preußen und Bayern. Georgenzell war, wie schon der Name andeutet, ein Anfang des ~XIV.~ Jahrhunderts gegründetes Cistercienserkloster, das nur wenig länger als 200 Jahre bestand. Viel hatte diese Gegend zwischen Werra und Rhön im Bauernkriege und im dreißigjährigen Kriege zu leiden. Manch einsames Haus oder von Pflanzen überwucherte Mauerreste zeugen von verschwundenen menschlichen Siedelungen, und Flur- oder Forstnamen deuten auf eine bewegte Vergangenheit. Der Name der Kilianskuppe (510 ~m~) erinnert an den Heidenapostel Kilian, den Schutzheiligen Würzburgs, der hier 687 eine Kapelle errichtet haben soll, also 60 Jahre früher, als Winfried (Bonifatius) die kleine Kirche auf dem Altenstein gründete. Zwischen Rosa- und Schwarzbachthal dehnen sich die schönen Jagdgründe des weimarischen Zillbachs aus. Westlich der Zillbacher Waldungen liegt das im Bauernkriege gefallene Kloster Sinnershausen, ehemals ein besuchter Wallfahrtsort, heute ein von Hecken und Waldbäumen umgebener Gutshof.
[Sidenote: Wasungen.]
An der Mündung der Truse in die Werra liegt der Markt Frauenbreitungen, mit dem benachbarten Herrenbreitungen eine frühere Klostergründung. An der Mündung des Rosathals ist Wernshausen (1100 Einw.) erbaut. Ein freundliches Städtebild bietet Wasungen (2600 Einw.), urkundlich schon im ~IX.~ Jahrhundert erwähnt, der Mittelpunkt des seit dem ~XVII.~ Jahrhundert im Werrathale bestehenden Tabakbaues. Vom ~XI.~ bis ~XIII.~ Jahrhundert war hier die Hauptstadt der Grafen von Henneberg, die östlich über der Stadt eine Burg besaßen.
Zwischen den Thälern des Katzbachs und des Herpfbachs erhebt sich aus dem Muschelkalk die basaltische Große Geba, 751 ~m~ hoch, von deren Gipfelhaus sich eine Aussicht erschließt, die den Blick vom Kreuzberge der hohen Rhön noch an Schönheit übertrifft: den Thüringerwald von der Wartburg bis zum Fichtelgebirge, in dunkler Waldespracht breit hingelagert, westlich die Masse der Rhön und weiter nach Norden die hessischen Berge bis zum Meißner und dem Habichtswalde bei Cassel. Südlich des Herpfthals erhebt sich die Basaltkuppe des Hutsbergs (631 ~m~) mit der von Buchen umrauschten Ruine des Henneberger Schlosses. Von dem Ansehen, das die drei Burgen Henneberg, Hutsberg und Landsberg als Schirmburgen einst beim Volke genossen, zeugt noch das aus ihren Namen zusammengestellte Sprichwort: »Henne hüt's Land!« Durch einen schmalen Sattel ist der Hutsberg verbunden mit dem Muschelkalkkegel des Neubergs (637 ~m~). An der gegenüberliegenden Werraseite erhebt sich der Basaltkegel des Dolmar (740 ~m~), dessen Rundsicht bis zum Fichtelgebirge reicht und die des Inselbergs übertrifft. Auf dem Gipfel, der auf preußischem Gebiete liegt, steht ein Häuschen. Der Nordhang ist mit Buchen bestanden, der Muschelkalk des Südhanges ist für Ackerzwecke urbar gemacht. Hier liegt das Dorf Kühndorf, schon im ~VIII.~ Jahrhundert urkundlich erwähnt und einst der Sitz einer Komturei des Johanniterordens.
[Sidenote: Meiningen. Bauerbach. Grimmenthal.]
Am Ausgang der schön bewaldeten Haßfurtschlucht erhebt sich aus einem Muschelkalkhügel die turm- und zinnengekrönte Burg Landsberg (Abb. 131), 1836-1840 als mittelalterliche Burg an Stelle der im Bauernkriege zerstörten Burg Landeswehr erbaut. Weiter südlich auf dem Bergrand westlich der Werra liegt die Ruine Habichtsburg. Umgeben von einem Kranze mit üppigen Gärten besetzter stufenförmiger Kalkberge liegt an der Werra Meiningen (12900 Einw.), die Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen (Abb. 132). Meiningen wurde als Dorf schon im ~VII.~ Jahrhundert genannt und 1008 vom Kaiser Heinrich ~II.~ zur Stadt erhoben; 1542 kam es an die Grafen von Henneberg und nach deren Aussterben 1583 an die Ernestinische Linie von Sachsen. In dem Ende des ~XVII.~ Jahrhunderts erbauten Schlosse befindet sich eine Bibliothek von 45000 Bänden und andere Sammlungen. Das Hoftheater ist durch seine Musteraufführungen weithin berühmt, der herzogliche englische Garten ist eine der schönsten Anlagen. Auf dem neuen Gottesacker ruhen der thüringische Märchendichter Bechstein, der Komponist Zöllner und der Alpenbeschreiber Schaubach. Westlich reichen die Landhäuser Meiningens fast bis zu dem auf der Muschelkalkhochfläche liegenden Dorfe Dreißigacker, von 1796-1843 Sitz einer Forstschule, die von Bechstein gegründet und aus Waltershausen hierher verlegt worden war.
[Sidenote: Veßra. Hildburghausen.]
Südlicher zwischen den Thälern des Sülzbachs und des Harlesbachs am Fuße des 569 ~m~ hohen Heiligen Berges liegt die Ruine Henneberg, einst die Stammburg der Henneberger, deren schöner Bau im Bauernkriege in Trümmer sank. Am Ostfuße des Heiligen Berges liegt das Dörfchen Bauerbach, berühmt durch Schillers Aufenthalt, der nach seiner Flucht aus Stuttgart auf dem Gute der Frau von Wolzogen unter dem Namen »~Dr.~ Ritter« vom Dezember 1782 bis zum 20. Juli 1783 ein gastliches Obdach fand (Abb. 133). An der Haselmündung ist Grimmenthal Kreuzungspunkt der Werrabahn mit der Linie Ritschenhausen-Erfurt. Früher war Grimmenthal ein von jährlich 40000 Pilgern besuchter Wallfahrtsort, damals noch Grünthal geheißen. Oberhalb der Felsenge des Nadelöhrs bei Henfstädt, wo beim Bau der Eisenbahn dem Flusse ein neues Bett angewiesen wurde, schaut die Ruine Osterburg herab, in der Nähe des benachbarten meiningischen Städtchens Themar (2000 Einw.) Zwischen Hasel und Schleuse ragt der gesteinsbunte schon oben erwähnte Kleine Thüringerwald empor, im Schneeberg bis 687 ~m~ hoch ansteigend. An der Mündung der Schleuse in die Werra erhebt sich das Kloster Veßra (~Vescera~), dessen Namen früher das ganze Schleusethal führte, heute ein preußisches Kammergut. Gegründet wurde es 1130 und mit Prämonstratensern besetzt, die schöne Klosterkirche wird leider als Scheune benützt; sie war vor dem Bau der Egidienkapelle an der Schleusingischen Johanniskirche die Totengruft der Hennebergischen Grafen. Hildburghausen (6900 Einw.), ehemals Residenz, ist eine freundlich gelegene betriebsame Stadt an der Werra (Abb. 134), die urkundlich zuerst im ~XIII.~ Jahrhundert genannt wurde. Hildburghausen liegt 372 ~m~ hoch, Eisfeld 430 ~m~, die Werraquelle am Saarberge bei Siegmundsburg 708 ~m~, so daß der obere Flußteil ein ziemlich kräftiges Gefälle hat. Obwohl die Werra besonders von der rechten Seite viele wasserreiche Zuflüsse empfängt, ist sie doch innerhalb der Grenzen Thüringens nicht schiffbar, weil die Wassermassen dafür nicht ausreichen, obwohl es an Versuchen zur Schiffbarmachung schon vom ~XIII.~ Jahrhundert an nicht gefehlt hat. Geologisch belangreich sind die Tierfährten auf Platten des Buntsandsteins bei Heßberg unweit Hildburghausen. Es sind dies eigentümliche Fußstapfen, die mit dem Abdruck einer Hand Ähnlichkeit haben und von Froschsauriern (~Chirotherium~ = Handtier) herrühren. Schöne Sammelstücke befinden sich in Hildburghausen und im Kloster Banz bei Lichtenfels.
[Sidenote: Gleichberge.]
[Sidenote: Römhild.]