Part 12
Hoch entwickelt ist der Gartenbau, der Erfurt zur ersten Gartenstadt Deutschlands macht und Blumen und Gemüse von außerordentlichen Massen liefert. Der Anfang des Erfurter Gemüsebaues stand in Verbindung mit der Landkultur im Dreienbrunnen zwischen Erfurt und Hochheim. Die Quellen entspringen dem Fuße des Steigers und bewässern das Land, und durch viele Gräben (Klingen) leitete man das befruchtende Naß. Hier wurde schon im Mittelalter die an den Wasserläufen wild wachsende Kresse gesammelt, die später gärtnerisch gezogen lange Zeit den wichtigsten Versandartikel der Erfurter Gärtnereien bildete. Bis zum ~XVI.~ Jahrhundert beschränkte man sich lediglich auf Waid-, Obst- und Gemüsebau, erst in der zweiten Hälfte des ~XVII.~ Jahrhunderts wandte man sich dem Anbau von Handelspflanzen zu, aber erst in neuer Zeit hat die Blumen- und Samenkultur den Aufschwung genommen, der Erfurt an die erste Stelle gerückt hat. Für Palmen und Gräser aus allen Weltteilen gibt es große Trocken- und Färbeanlagen, und die Gärtnerei von Schmidt hält am Kap der guten Hoffnung eine besondere Farm für Pflanzenkulturen. In den großen Gewächshäusern gedeihen viele Tausende von Kamelien, Primeln, Cyclamen, Palmen, Syringen u. s. w. Beim Beginn des Sommers werden die Gewächshäuser entleert und ihr Inhalt auf die Felder verteilt. Da sieht man ein Hektar Land nur mit Rosen bedeckt, etwa 20 Hektar mit Immortellen, deren Trocknung in großen Kästen geschieht (Abb. 98), und 20 Hektar mit Stiefmütterchen, deren Samenlese in Abb. 99 veranschaulicht wird. Dabei gibt es in Erfurt etwa 20 andere große Firmen, die jede ihre besonderen Kulturen besitzt: Clematis, Fuchsien, Palmen, Zwiebelgewächse oder Zwergblumenkohl. Für den Samenhandel liefert Erfurt nur einen Teil des zum Verkauf bestimmten Samens. Die Benarysche Gärtnerei besitzt dafür in außereuropäischen Ländern große Samenzüchtereien. In ihren Erfurter Züchtereien finden sich ganze Hektaren mit Astern in allen Formen und Farben bedeckt, Stiefmütterchen u. s. f., auf Holzgestellen 100000 Levkoypflanzen in Töpfen und in einem Gewächshause 30000 Primeln. Das sind gewaltige Zahlen, die einen Anhalt zur Beurteilung der Erfurter Gärtnerei geben. Auch die Industrie ist bedeutend und ernährt die Hälfte von Erfurts Bevölkerung; in der Schuhwarenherstellung sind allein 2500 Arbeiter beschäftigt. Unweit der Stadt liegt das Dorf Ilversgehofen (6650 Einw.) mit einem Steinsalzbergwerk, dessen Salzlager 24 ~m~ Mächtigkeit hat.
[Sidenote: Ilmplatte.]
In dem ganzen Gebiete zwischen Gera und Ilm bis zu einer Linie Erfurt-Weimar herrscht mit wenigen Ausnahmen Buntsandstein und Muschelkalk vor. Wir bezeichnen dies Gebiet als westliche Ilmplatte, die in Zusammenhang steht mit der östlichen Ilmplatte, dem Gebiet zwischen Ilm und Saale; beide südlich bis an den Fuß des Gebirgs reichend. Bei Rudolstadt, im oberen Teile des Schaalbachthales, liegt das Dörfchen Keilhau mit der bekannten von Fröbel 1807 gegründeten Erziehungsanstalt in schön bewaldeter Umgebung, am Fuße des von einem Turm gekrönten 476 ~m~ hohen Steiger, eines Muschelkalkberges. Nördlich der Straße Rudolstadt-Stadtilm breitet sich das Schöne Feld aus, eine wald- und wasserlose Muschelkalkfläche. Im Remdathale liegt das weimarische Stadt-Remda (1200 Einw.), in einem Nebenthal der Remda oder Rinne das rudolstädtische Städtchen Teichel (500 Einw.). Die Muschelkalkhöhen der Ilmplatte streichen meist westöstlich in einer Mittelhöhe von 400-500 ~m~ (am höchsten im 585 ~m~ hohen Siegerberg bei Stadtilm), in kräftiger Entwickelung und vielfach von Thälern zerschnitten zum Saalthale abfallend.
[Sidenote: Stadtilm. Kranichfeld.]
[Sidenote: Blankenhain.]
Im freundlichen Ilmthale liegt das rudolstädtische Städtchen Stadtilm (3100 Einw.), mit schöner in den ältesten Teilen aus dem ~XII.~ Jahrhunderte stammender, einst der Jungfrau Maria geweihter Kirche. Die »höchste Brücke in Thüringen« verbindet beide Türme miteinander. Bis zum Städtchen Kranichfeld (1850 Einw., davon 1050 meiningisch, 800 weimarisch) reicht die Bahnverbindung von Weimar her, die über Berka und Tannroda führt und von Berka noch einen Zweig nach Blankenhain sendet. Die Besitzverhältnisse in Kranichfeld springen in buntester Weise durcheinander. Die Häuser derselben Straße gehören zu den obengenannten Staaten und die Staatsangehörigkeit hat man durch verschiedenfarbige Hausnummerschilder kenntlich gemacht. Die Grenzen gehen aber manchmal mitten durch ein Haus hindurch, was oft zu den ergötzlichsten Zuständen führen kann. Tannroda (1000 Einw.) und Blankenhain (2900 Einw.) sind weimarische Sommerfrischen und liegen mit Berka auf einer Buntsandsteinscholle, die großenteils mit schönen Nadelwäldern bedeckt ist. Berka an der Ilm (1850 Einw.) ist ein stiller Badeort in windgeschützter Lage. Beim Dorfe Buchfart befinden sich in der Felswand des linken Ilmufers Höhlen, Burg Buchfart genannt, die wohl noch aus heidnischer Zeit stammen, mit einem in den Muschelkalk gearbeiteten Weg, durchschnittlich 15 ~m~ über der Thalsohle, der am äußeren Rande durch Mauerwerk geschützt war. Bei Mellingen (1050 Einw.) biegt die Ilm rechtwinklig um und nimmt den Madelbach auf, in dessen flacher Thalung das Städtchen Magdala (800 Einw.) liegt. Der untere Teil der östlichen Ilmplatte zeigt einförmigen Charakter, auf Buntsandstein teilweis Keuper und Diluvialablagerungen tragend und von einigen kleinen Thälern nur wenig eingeschnitten. In einem kleinen meiningischen Gebietsteile liegt das Dorf Vierzehnheiligen mit einer Wallfahrtskirche, vom Herzog Wilhelm von Weimar als Sühne nach dem sächsischen Bruderkrieg 1464 errichtet. Auf den benachbarten Fluren kam 1806 die Schlacht bei Jena zur Entscheidung.
[Sidenote: Weimar.]
An einer nochmaligen nach Nordost gerichteten Umbiegung der Ilm liegt Weimar (27000 Einw.), die Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen. Von alters her schon Grafen- und Fürstensitz, hat die Stadt unter dem Schutz kunstsinniger Herzöge sich weiter entwickelt und ist heute zu einer stillen und vornehmen Residenz geworden (Abb. 100 bis 102).
Am Anfang des ~XI.~ Jahrhunderts ~Wimmare~ (= Weidenbach) genannt, begann für den Ort im ~XII.~ Jahrhundert eine Zeit der Blüte, die sich trotz aller Wechsel erhalten hatte und andauerte, als 1554 Weimar Hauptstadt des neuen Herzogtums Weimar wurde. Zur selben Zeit kam die Renaissance in Deutschland zu voller Entfaltung, und mit reger Bau- und Kunstthätigkeit wurde der künstlerische Sinn auch ins Volk getragen. 1552 erhielt Lukas Cranach seine staatliche Bestallung und schuf die herrlichen Altargemälde für die Stadtkirche, malte auch Luther als Junker Jörg (Abb. 102), welches Bild sich im Großherzoglichen Museum befindet. Nach dem dreißigjährigen Kriege war wie überall unfruchtbare Stille und Öde eingetreten. Erst mit dem ~XVIII.~ Jahrhundert kommt frischeres Leben mit dem Neubau der Schlösser zu Weimar und Ettersburg, sowie der Anlage von Gärten. Von hehrem Glanze aber war Weimar umflossen, als Anna Amalia, die geistvolle Wittwe des zwanzigjährig gestorbenen Herzogs Ernst August Konstantin, von 1758 bis 1775 die Regentschaft führte. Sie hatte 1772 Wieland als Prinzenerzieher berufen, und nun begann die klassische Zeit für Weimar. Der geniale Karl August, der von 1775 bis 1828 regierte, versammelte an seinem Hofe die edelsten Geister Deutschlands, so daß Weimar zum Mittelpunkte für Kunst und Wissenschaft wurde.
[Sidenote: Weimars klassische Zeit.]
Am 7. November 1775 kam Goethe nach Weimar, wo er der Freund des Fürsten und Minister wurde und bis zu seinem am 22. März 1832 erfolgten Tode blieb. Auf seine Empfehlung kam Herder als Generalsuperintendent hierher. Schiller zog von Jena 1801 nach Weimar, wo er 1805 starb. Auch in der bildenden Kunst war eine Änderung eingetreten, da das Rokoko dem Einfacheren und Bescheideneren der klassischen hellenisierenden Richtung wich. Mit offenem Sinn wurde auch für die Verschönerung der Natur viel gethan; so begann 1784 die Anlage und Gestaltung des großen Parkes unter Mitwirkung von Goethe und Bertuch. Hier steht Goethes Gartenhäuschen (Abb. 104), während sein Wohnhaus in der Stadt (Abb. 105), das der Dichter über 40 Jahre lang bewohnte, jetzt in ziemlich derselben Ausstattung, die es zu Lebzeiten Goethes gehabt, zum Goethe-Nationalmuseum umgewandelt ist. Ein freundliches Haus mit grünen Fensterläden (Abb. 106) war seit 1802 das Wohnhaus Schillers.
Nachdem Karl August die Regierung übernommen hatte, lebte die Herzogin Anna Amalia ganz der Litteratur, der Malerei und Musik, wie das bekannte Bild ihres Abendkreises (Abb. 107) trefflich schildert. Nach einer Reihe von Jahren waren die Tollheiten der Sturm- und Drangperiode, die der junge Fürst und der junge Goethe miteinander vollbrachten, langsam verflogen, die Freundschaft blieb aber eine dauernde bis zu den spätesten Jahren, war doch der Dichter auch der Staatsmann, der seinem Fürsten immerdar ein guter Berater war (Abb. 108). Vom Ilmflüßchen, das am Schlosse Karlsburg vorüberfließt, sang Schiller die zierlichen Verse:
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle, Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.
An Stelle der alten Burg wurde im ~XV.~ Jahrhundert das Schloß erbaut, nach dem Umbau von 1651 bis 1654 unter Wilhelm ~IV.~ erst Wilhelmsburg genannt, brannte jedoch 1774 ab. An seine Stelle und mit Benützung seiner Umfassungsmauern wurde von 1789 bis 1803 das großherzogliche Residenzschloß gebaut, die Karlsburg, nach französischem Muster und mit seinen drei Flügeln einen rechtwinkligen Hof einschließend.
Unter der Regierung des Großherzogs Karl Alexander und seiner kunstsinnigen Gemahlin Sophie wurden die klassischen Überlieferungen aufs treueste weiter gepflegt, und Stadt und Land Weimar nahm einen erneuten Aufschwung. Nächst der großartigen Erneuerung der Wartburg wurde 1863-1869 das Museum in italienischer Renaissance erbaut und Preller herbeigezogen, dessen berühmte Odysseebilder einen dauernden Schmuck des Hauses bilden. Im Jahre 1860 wurde die Kunstschule gegründet. In Erinnerung an die berühmteste Zeit Weimars wurden die Denkmäler von Herder 1850 auf dem Platze vor der Stadtkirche (Abb. 109), von Goethe und Schiller (Abb. 110), nach Rietschels Modell 1857 vor dem Theater errichtet, und von Wieland (Abb. 111) 1857 vor dem ehemaligen Frauenthore.
Mit großer Sorgsamkeit sind Häuser wie Zimmer unserer Dichter in treu erhaltenem Zustande der Gegenwart überkommen. Alle diese Stätten haben jetzt ihren Mittelpunkt in dem von der Großherzogin Sophie gestifteten Goethe-Schiller-Archiv, das wie ein weißes Schloß von der Anhöhe am rechten Ilmufer auf die Stadt herabschaut. In hellen freundlichen Hallen sind in Schränken die kostbaren Handschriften von Schiller und Goethe, aber auch von vielen neueren Dichtern aufbewahrt.
In dem entfernteren Teile des herrlichen Parkes erhebt sich das 1724 bis 1734 erbaute Schloß Belvedere (Abb. 112), von Herzog Ernst August im Stil jener kleinen französischen Schloßgebäude erbaut, wie sie seit der zweiten Hälfte des ~XVII.~ Jahrhunderts an den Fürstenhöfen Deutschlands nachgeahmt wurden. Zwischen diesem Lustschloß und dem schon früher genannten Mellingen liegt das Dorf Taubach, dessen Kalktuffe bekannt sind als Fundort von Geräten aus der älteren Steinzeit nebst Tierresten, deren gemeinsames Vorkommen beweist, daß zu gleicher Zeit mit den großen diluvialen Säugetieren Menschen lebten.
Flußabwärts liegt inmitten schöner Gartenanlagen Schloß und Dorf Tiefurt (= tiefe Furt). Der Ort wurde schon im ~XIII.~ Jahrhundert erwähnt. Das Schloß (Abb. 113), ein einfacher von prächtigem Garten umgebener Bau, ist berühmt durch den Sommeraufenthalt der Herzogin Anna Amalia, an den sich viele und heitere Erinnerungen aus Weimars Glanzzeit knüpfen. Die Erlebnisse der Tiefurter Tafelrunde wurden im »Tiefurter Journal« niedergelegt, das nur handschriftlich hergestellt wurde. Hier und in Ettersburg wurde Liebhabertheater gespielt, wobei verschnittenes Buschwerk die Kulissen, Bäume, Wiesen und Quellen die schönste natürliche Dekoration abgaben, nach Goethes Worten:
In engen Hütten und im reichen Saal, Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Thal, Am lichten Zelt, aus Teppichen der Pracht und unter dem Gewölb der hohen Nacht.
[Sidenote: Apolda.]
Abseits der Ilm, am Herressener Bach, dehnt sich Apolda (20800 Einw.) aus, die bedeutendste Fabrikstadt des weimarischen Landes. Schon im ~XVI.~ und ~XVII.~ Jahrhundert wurde hier die Herstellung von wollenen Strick- und Wirkwaren betrieben, die heute 6000 Menschen beschäftigt und eine Jahresproduktion von 15 Mill. Mark liefert. Das Bachthal wird von der Eisenbahn auf einem 22 ~m~ hohen, 910 ~m~ langen Viadukt überschritten. Unweit der Mündung der Ilm, die nach 125 ~km~ langem Laufe sich bei Großheringen in die Saale ergießt, liegt wie ein grünes Schmuckkästchen Stadtsulza (2300 Einw.), dicht neben Bergsulza und Dorfsulza, umrahmt von Wald und Weinbergen (Abb. 114). Sulza ist ein besuchtes Solbad mit reichen Solquellen.
[Sidenote: Thüringisches Becken.]
Nördlich von Weimar erhebt sich der breite schön bewaldete Muschelkalkrücken des Ettersberges, im höchsten Punkte zu 481 ~m~ ansteigend, an seinem Nordfuß das Dorf und Schloß Ettersburg, wo Goethe mit seinen Genossen wie in Tiefurt manche Kurzweil trieb. Weit nach Westen und Norden dehnt sich das Thüringische Becken (oft als Thüringische Hochebene bezeichnet) aus, die fruchtbare Kornkammer Mitteldeutschlands, zwischen den Horstgebirgen des Thüringerwalds und des Harzes, von denen die aufgebogenen Ränder des Beckens durch im Mittel 10 ~km~ breite Landstreifen getrennt sind, die für den westöstlichen Verkehr Wichtigkeit haben. Zwischen den Vorlandstreifen erhebt sich eine große Muschelkalkplatte, in die das jüngste Glied der Trias, der Keuper, beckenförmig eingesenkt ist. Der Zusammenhang des eingelagerten Keuperbeckens erlitt eine Störung durch von Nordwest nach Südost streichende Verwerfungsspalten, längs deren Bruchlinien auf der einen Seite ganze Landschollen in die Tiefe sanken, anderseits ältere Gesteinsschichten eine Aufrichtung erfuhren und Höhenzüge im früher zusammenhängenden Keuperbecken bildeten. In langen Zeiträumen wurden diese Höhenzüge von den sie bedeckenden Keuperschichten durch Abtragung entblößt und trennten nun als Querriegel von Muschelkalk das Keuperbecken in mehrere parallele Mulden, die weiterhin von Flüssen durchbrochen und nun zu einem großen Keuperbecken umgestaltet wurden.
[Sidenote: Geologische Verhältnisse des Thüringischen Beckens.]
Den ältesten Bestandteil der Trias bildet der Buntsandstein, der in seiner lockeren Beschaffenheit den abtragenden Kräften wenig Widerstand entgegensetzt und deshalb fast überall sanft gerundete Formen zeigt. Der Ackerbau hat hier durch Abschwemmung viel zu leiden und ist noch am günstigsten für Kartoffeln. Die Buntsandsteinwände am rechten Wipperufer lassen in ihrer Steilheit die Einlagerung festeren Muschelkalks erkennen. Der Muschelkalk hat ein festeres Gefüge und bildet im Thüringischen Becken noch heute die höchsten Erhebungen, die sich durch eigenartige Formen von ihrer Umgebung abheben. Sie sind durch kammartige scharfe Höhen und steile Böschungen ausgezeichnet, während die Flüsse tiefe Thäler in das Gestein nagen und oft senkrechte über 100 ~m~ hohe Uferwände haben, die entweder mit dichtem Gestrüpp bewachsen sind oder durch leuchtende Farben ihrer kahlen Gehänge der Landschaft einen eigenartigen Reiz verleihen. Für den Landbau ist der Muschelkalk wegen der schweren Verwitterung seines Gesteins, dessen geneigte Schichten der Abschwemmung sehr ausgesetzt sind, und wegen seiner Wasserarmut schlecht geeignet. In flachen Mulden finden sich häufig thonige und lettige Schichten, die zwar Feuchtigkeit genug haben, aber undurchlässig sind und einen zähen, schwer zu bearbeitenden Boden liefern. Der Keuper ist aus weichen Gesteinen zusammengesetzt: bunte Mergel, weiche Sandsteine, mit stockförmigen Einlagerungen von Gips- und Thonschichten durchsetzt, und bildet fast überall einen sehr fruchtbaren Boden. Bei der geringen Neigung der Schichten und ihrer Weichheit gibt es keine Abschwemmung, aber überall tiefe Ackerkrume, und die Oberflächenformen bieten in ihren sanften breit hingelagerten Hügeln einförmige Landschaftsformen, die nur durch die grünen Thäler ihrer Flüsse und Bäche angenehme Unterbrechung erfahren. Außerordentlich wichtig sind noch diejenigen Schichten, die in neuester Zeit entstanden und noch entstehen: Diluvium und Alluvium. Viele breite Flußthäler sowie einige Punkte der Hainleite und die Nordabhänge dieses Höhenzuges, die Flanken des Kyffhäusers, die wellenförmigen Erhebungen des Nordvorlandes sind bedeckt von diluvialen Löß- und Lehmlagern (Löß ist magerer Thonboden, frei von abschlämmbarem Sande; Lehm ist kalkfreier Thon, mit 15 bis 30 vom Hundert Quarzsand vermischt). Diese Bedeckungen bilden die fruchtbarsten Fluren und Thalböden des Thüringischen Beckens.
[Sidenote: Mühlhausen.]
Der größte Teil des Beckens entwässert zur Unstrut (d. h. Große Strut = sumpfiges Ried- und Gestrüppland), die als der eigentliche Hauptfluß Thüringens anzusehen ist, obwohl sie nur ein Nebenfluß der Saale ist, in die sie bei Naumburg nach 185 ~km~ langem Laufe mündet. Die Quelle der Unstrut liegt bei Kefferhausen unweit des Städtchens Dingelstädt (3600 Einw.) auf dem Eichsfelde. Einer der wichtigsten Plätze ist hier die ehemalige Reichsstadt Mühlhausen (30100 Einw.), ein alter Handelsplatz und früher berühmt wegen ihres Waidbaues (Abb. 115). In den Bauernkriegen hatte sie viel zu leiden; der Wiedertäufer Thomas Münzer wurde nebst anderen Führern hier hingerichtet. Von ihren vielen Kirchen sind die hervorragendsten die gotischen Marien- (Obermarkt-) und St. Blasii- (Untermarkt-) Kirchen, beide aus dem ~XIV.~ Jahrhundert. In der Industrie sind 65 vom Hundert der Bevölkerung thätig, besonders wichtig ist Textilindustrie. In Mühlhausen war früher, wie schon der Name andeutet, ein schwunghafter Mühlenbetrieb vorhanden, doch wurden im Laufe der Zeit viele Mühlen in Wollspinnereien umgewandelt. Die Wollindustrie wird seit dem ~XV.~ Jahrhundert betrieben. Von der schön bewaldeten Muschelkalkhöhe des Hainich fließt der Unstrut ein reiches Wassernetz zu, das die Fruchtbarkeit noch erhöht und den Anbau von Küchen- und Handelsgewächsen begünstigt, wie bei dem preußischen Flecken Großengottern (2300 Einw.). Vom Hainich läuft der Grenze zwischen gothaischem und preußischem Gebiete entlang dem Muschelkalkzug der Haartberge (richtiger Hart = Waldhöhe), bis zu 363 ~m~ ansteigend, aber nur noch wenig bewaldet, deren Fortsetzung östlich des Tonnabaches die ebenfalls aus Muschelkalk bestehende schön bewaldete Fahnersche Höhe ist, im höchsten Punkte 410 ~m~ messend. Ihre Ausläufer nach Südost leiten hinüber zum Steigerwald (345 ~m~) bei Erfurt, und zu den Höhen bei Berka und Kranichfeld, wo die Muschelkalkmasse des Kirchheimer Bergs bis zu 513 ~m~ ansteigt.
[Sidenote: Langensalza. Tennstedt. Kölleda.]
Westlich von Erfurt entspringt die Nesse, deren grünes Wiesenthal von fruchtbaren Feldern begrenzt wird. Bei Bufleben ist die Saline Ernsthalle seit 1828 in Betrieb. Eine Zweigbahn führt durchs Nessethal nach Friedrichswerth (im Volksmunde noch Erf genannt), das seinen Namen von dem im ~XVII.~ Jahrhundert vom Herzog Friedrich ~I.~ von Gotha erbauten Schlosse hat, und dann im Thal des Biberbachs aufwärts bis Großenbehringen. Bei dem kleinen gothaischen Flecken finden sich die umfangreichen Überreste einer vorhistorischen Burg. Im Unstrutthale abwärts von Mühlhausen liegen die Gemüseanlagen des preußischen Städtchens Thamsbrück (1000 Einw.). An der Salza liegt die Stadt Langensalza (11500 Einw.), mit Schwefelbad und lebhafter Industrie. Zwischen hier und dem an der Unstrut liegenden Dorfe Merxleben wurde 1866 die Schlacht von Langensalza geschlagen. Von Eisenach durchs Nessethal und über Großenbehringen nach Langensalza führte schon in alter Zeit eine wichtige Handelsstraße, die hier mit der Casseler Straße sich vereinte, um dann über Tennstedt, Weißensee und Kölleda nach Eckartsberga zu ziehen. Am Tonnabache liegen das Dorf Burgtonna (800 Einw.) und der Flecken Gräfentonna (1900 Einw.) mit Kalktuff- und Gipsbrüchen. Das alte Schloß der Grafen von Gleichen dient jetzt als Zuchthaus; der Ort wird schon 845 urkundlich erwähnt.
In der weiteren Umgebung Erfurts sind im fruchtbaren Gelände noch große ländliche Ortschaften vorhanden, u. a. die Dörfer Elxleben (1250 Einw.) und Walschleben (1600 Einw.). Von Döllstädt (800 Einw.), einer der ältesten gothaischen Orte, führt eine Zweigbahn über Herbsleben (2350 Einw.), einem gothaischen Marktflecken in fruchtbarer Lage an der Unstrut, nach dem preußischen Städtchen Tennstedt (2900 Einw.), mit einem kleinen Schwefelbad. Oberhalb ihrer Mündung in die Unstrut liegt an der Gera das Städtchen Gebesee (2150 Einw.); an der Bahnkreuzung das Dorf Straußfurt (1100 Einw.). An der schmalen Gera liegen der weimarische Flecken Haßleben (1250 Einw.) und der gothaische Flecken Werningshausen (800 Einw.), wo Handelspflanzen gebaut werden. Von Süden fließt der Gera die Gramme zu, in deren Gebiet die dicht bei einander gelegenen Dörfer auf gute Bodenbeschaffenheit weisen. Vieselbach (1200 Einw.) und Großrudestedt (1050 Einw.) sind weimarisch. In der Nähe von Udestedt (900 Einw.) steht ein alter Turm als letzter Rest des ehemaligen Klosterhofes Barkhausen, der dem Kloster Georgenthal gehörte. Östlich von Großrudestedt liegt Schloßvippach (1200 Einw.), ein weimarischer Flecken mit altem Schloß, und das Städtchen Neumark (500 Einw.). Von den Höhen des Ettersberges fließen der Scherkonde eine große Zahl von Quellbächen zu. Hier liegt die Stadt Buttelstedt (900 Einw.), früher wichtig als Haltepunkt an der großen Handelsstraße Erfurt-Eckartsberga. An diesem Straßenzuge liegt auch Buttstädt (2600 Einw.), eine alte Stadt mit Pferdemärkten, durch Eisenbahn verbunden mit Großheringen und Rastenberg, Weimar und Sömmerda. An letztgenannter Strecke liegt das preußische Kölleda (3500 Einw.), ein Ackerstädtchen mit Anbau von Handelspflanzen.
[Sidenote: Sömmerda.]