Part 11
Auch im Altenburgischen sind von der Tracht nur noch einige Reste vorhanden, und in entlegenen Dörfern sieht man zuweilen das ältere Geschlecht in der alten Gewandung (Abb. 81 u. 82). Bei der Männertracht sind die kleinen Hüte, das schwarzseidene Halstuch, die dunklen Tuchjacken oder langen Tuchröcke, die ledernen unter dem Knie zusammengebundenen Hosen und lange Stiefel noch gebräuchlich. Auffallender als beim Melcher ist die Tracht bei der Marje (Melchior und Marie, wie die Träger altenburgischer Tracht allgemein heißen). Der Kopf wird eng umschlossen von der Haube, die hinten ein Pappgestell trägt, um das Kantentuch in voller Breite zu entfalten. Der Brustlatz ist eine stoffüberzogene Pappe und steht in ärgster Feindschaft mit dem Teil des Körpers, den er bedeckt. Der eng gefältelte Rock umschließt panzerartig den Leib und läßt die Waden frei, darüber wird dann noch eine große Schürze mit langen Bändern getragen. Der Kopf einer Braut wurde mit dem Hormt geschmückt (Abb. 83), einem hohen Aufbau aus Pappe, mit rotem Damast überzogen und mit Goldplättchen behängt, die bei jedem Schritt aneinander klingen.
[Sidenote: Anlage der Wohnplätze.]
Unser Gebiet zeigt in seinem größten Teile, wo altgermanische Siedelungen bestehen, in seinen Ortschaften die fränkische Hausanlage. Das Wohnhaus steht mit dem Giebel der Straße zugewandt und ist meist von der Breitseite aus zugänglich. In der Mitte und im Nordwesten des Gebirges sind die Häuser meist mit Ziegeln oder Schindeln gedeckt und damit auch an den Wetterseiten verkleidet. Im Südosten, im Gebiete des Schiefergebirges, sind sie nicht nur mit Schiefer gedeckt, sondern oft auf allen Seiten bis zum Erdboden herab mit Schiefertafeln bekleidet, deren düstere Fläche hie und da durch hellfarbige Tafeln in Form irgend einer Zeichnung unterbrochen ist. Vielfach findet man im Erdgeschoß eine Laube oder offene Galerie an der Hälfte der Hauslangseite, oben verdacht, so daß bei schlechtem Wetter der Zugang zu den Thüren trocken bleibt. Hier werden Pferdegeschirre u. dergl. aufgehängt, manchmal auch das Brennholz aufgestapelt.
Einfach und eng sind die Wohnungen in den Industriegegenden, bei den Kleinfeuerarbeitern von Suhl und Schmalkalden, bei den Holzarbeitern bei Sonneberg, bei den Griffelarbeitern. Aus dem ursprünglichen einstöckigen Holzbau entwickelte sich später beim Bauernhause ein oberes Stockwerk aus Fachwerk mit Lehmfüllung. In neuerer Zeit wird das untere Stockwerk vielfach als Steinbau, das obere als Fachwerkbau ausgeführt. Die Hausthür führt in einen bis zur Rückwand durchgehenden Raum, an den auf der einen Seite der Wohnraum, auf der andern Seite die Kammern stoßen. Die übrigen Wirtschaftsräume, Ställe, Scheune, Schuppen, sind nur bei kleinem Besitz sämtlich hinter die Kammern unter demselben Dache angebaut. Bei den Hufenbauern stehen hier in der Regel nur die Pferde und Kühe. In den größeren Besitzungen sind für alle diese Wirtschaftsbedürfnisse besondere, wenn auch aneinander stehende Gebäude errichtet, die je nach dem verfügbaren Platze einen regelmäßigen oder unregelmäßigen Hofraum einschließen. Dieser Hof ist gegen die Straße durch Zaun oder Mauer und einem Thorweg mit Nebenthor abgeschlossen und hat einen etwa morgengroßen Hausgarten hinter sich, den die Verzäunung des Gehöftes mit einschließt (Abb. 84). Die gesamte Einrichtung ist nur auf das nächste Bedürfnis einer Familie beschränkt, weshalb auch nur eine Stube heizbar ist. In dieser Stube ist in unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptherde im Flur der Stubenherd oder der Ofen errichtet, worin im Winter gekocht wird. Im Sommer wird auf dem Herd im Flur gekocht, und während des ganzen Jahres hier solche Arbeiten verrichtet, die Kessel und größere Gefäße erfordern oder Dampf und Geruch verbreiten, wie Waschen, Backen und dergleichen.
[Sidenote: Dorfanlage.]
Viele Bauten weichen aber von der Grundform des fränkischen Hauses ab, die Industrie brachte ein dichteres Zusammenwohnen und eine je nach den Bedürfnissen enge Bauweise, oft mit geschlossenen Gassenfronten. Der größte Teil des Thüringischen Gebiets zeigt in der Anlage des Wohnorts die volksmäßigen Gewanndörfer des Germanen. Gewann (von »giwinnan« = durch Arbeit gewinnen) bezeichnet einen Feldabschnitt. Waren die Gewannen urbar gemacht, so erhielt jede berechtigte Dorffamilie einen Anteil, dessen Fläche sich nach der Möglichkeit der Bearbeitung an einem Arbeitstage, auch Tagewerk oder Morgen genannt, richtete; jeder dieser Anteile hieß Morgen. Die Gesamtheit dieser zerstreuten Anteile bildete nebst Haus, Hof und Garten und dem Nutzungsrechte aus dem aus Wald oder Weideland bestehenden Marklande die Hufe. Neben diesem altgermanischen Dorfe findet sich eine andere Form in der Waldhufenkolonie, deren Verbreitung von Itz und Schwarza südöstlich bis über die Saale hinaus nachweisbar ist. Hier liegen die Hufen einander parallel in zusammenhängenden Streifen, fast senkrecht zur Dorfstraße.
Nördlich von dem zuletzt genannten Gebiet, westlich bis zur Saale reichend, war ehemals slavisches Siedelungsgebiet, in dem vorwiegend in der Zeit vom ~XII.~ bis ~XIV.~ Jahrhundert deutsche Kolonialdörfer gegründet wurden. Im slavischen Siedelungsgebiete war das slavische Runddorf (Rundling) die ursprünglich gewählte Anlage. Um einen kreisrunden mit einem Teich versehenen Platz stehen die Gehöfte im Kreise herum, das Hauptthor dem Platze zugewandt. Nach der Außenseite erstrecken sich dann den Gehöften zunächst die Gärten und dann die Felder. Der Dorfplatz war meist nur von einer Seite aus zugänglich und die Hauptstraße führte abseits des Dorfes vorüber. Die vielen Ortsnamen mit der Endung »rode« weisen in ihren ersten Bestandteilen meist Personennamen auf (Friedrichroda u. s. w.) und deuten auf das Urbarmachen von Waldstellen, Roden. Die Ortsnamenendung »leben« (von ~leba~ oder ~leiba~ = das Übriggelassene, der Nachlaß) fällt in ihrer Verbreitung zusammen mit dem nördlichsten Vordringen der Thüringer.
[Sidenote: Volksdichte und Konfessionen.]
Die Volksdichte ist in Thüringen zwar in Abhängigkeit von der Bodenform und Höhenlage, aber doch vielfach beeinflußt durch die Industrie, die selbst in sonst dünner bevölkerten Landschaften oder Thälern eine Häufung der Bevölkerung veranlaßte. Im ganzen Thüringischen Gebiete wohnen fast 2½ Mill. Menschen, in den Thüringischen Staaten allein fast 1½ Mill., auf dem ~qkm~ 128. Die dünnste Bevölkerung hat Schwarzburg-Sondershausen mit 91 Menschen auf dem ~qkm~, es folgen dann Schwarzburg-Rudolstadt mit 94, Sachsen-Weimar mit 94, Sachsen-Meiningen mit 95, Sachsen-Coburg-Gotha mit 111, Sachsen-Altenburg mit 136, Reuß jüngere Linie mit 160, Reuß ältere Linie mit 213 Bewohnern auf 1 ~qkm~ (die Durchschnittszahl für das Deutsche Reich ist 97). Läßt man die Städte mit über 20000 Einw. aus der Berechnung, so ergibt sich für den größten Theil Thüringens nur eine Volksdichte von 75-100 auf den ~qkm~, höher stellt sich die Umgegend von Erfurt und der Industriestreifen südlich des Gebirges, wo 100-150, in der Umgegend von Sonneberg sogar 150-200 Menschen auf den ~qkm~ kommen. In den am dichtesten bewohnten Gebieten bei Naumburg und Weißenfels leben mehr als 200 Menschen auf dem ~qkm~. Dicht bevölkert ist der Fuß des Gebirges, der durch den schon früher erwähnten Städtekranz an der Gesteinsgrenze gekennzeichnet wird. Im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald wohnen deshalb fast ¾ seiner Bevölkerung in der Höhenlage von 400-700 ~m~, im Schwarzagebiete in 400-600 ~m~. Die Mehrzahl der Gesamtbevölkerung gehört der evangelischen Konfession an, nur in Erfurt sind 3/10 der Bevölkerung katholisch, ebenso im nordwestlichen Meiningen, dieses ehemals zur Abtei Fulda, Erfurt zum Bistum Mainz gehörig. Im bayerischen Anteil des Frankenwalds steigt die Zahl der Katholiken auf 5/10-7/10 der Gesamtbevölkerung; es sind dies früher zum Bistum Bamberg gehörige Gebiete. Das nördliche Eichsfeld, das Gebiet des alten Bistums Heiligenstadt, ist fast ganz katholisch, nur im Kreise Mühlhausen überwiegen die Evangelischen.
~XII.~
Am Fuße des Gebirges, wo aus dem Waldgebiete die Bäche hinaushüpfen ins freiere Land, ist wie eine Schmuckkette eine lange Reihe lieblicher Ortschaften und schmucker Städte erbaut, oft gegen den ebeneren Teil des Landes durch grüne Hügel abgeschlossen. Außerhalb dieser Linie zieht die große Verkehrsstraße von Ost nach West. Hier liegen die Vermittelungspunkte des Waldes mit dem flachen Lande und viele dieser lauschigen Plätze sind beliebte Sommerfrischen geworden.
[Sidenote: Nordvorland.]
Das nördliche Vorland des Thüringerwalds beschränkt sich geologisch nur auf die schon früher besprochene Zechsteinzone. In Bezug auf die Oberflächenform entwickelt sich das Vorland erst südöstlich des Erbstromes bis über Ohrdruf hinaus, wo die Muschelkalkplatte von Gossel und Crawinkel bis an den Fuß des Gebirges reicht. Muschelkalk und Buntsandstein treten dann aber in breitester Entwickelung auf und reichen mit wenigen Unterbrechungen fast bis Erfurt und Weimar, zwischen Ilm und Saale die Ilmplatte bildend, die in natürlichem Zusammenhange steht mit der Saalplatte. Nördlich davon dehnt sich das Thüringische Becken aus, dessen Mitte etwa durch das nur 124 ~m~ über dem Meere liegende Städtchen Sömmerda bezeichnet wird, weiter aber umrahmt ist von den nördlichen Grenzhöhen, die in großem Bogen vom Hainich über das Eichsfeld, den Dün, die Hainleite und die Finne reichen.
[Sidenote: Leina.]
[Sidenote: Hörselberge.]
Die südlich von Friedrichroda herabkommende Leina bildet den Oberlauf der Hörsel. Die Leina tritt bei Schönau vor dem Walde aus den Bergen, wo Landgraf Balthasar 1369 den kleinen Leinakanal abzweigte, um Gotha mit Wasser zu versorgen. Der Kanal mündet nordwestlich von Gotha in die Nesse, die sich bei Eisenach in die Hörsel ergießt. Da das Wasser des Kanals nicht ausreichte, wurde 1653 ein zweiter angelegt, der als Leinakanal bei Georgenthal von der Apfelstedt abzweigt und bei Emleben sich mit dem älteren Kanal vereinigt. Auf diese Weise ist eine Gabelteilung (Bifurkation) hergestellt worden, welche die Wasserscheide durchschneidet und die beiden Stromgebiete der Elbe und Weser miteinander verbindet. Die Hörsel mündet nach einem Laufe von 55 ~km~ bei Hörschel in die Werra. Östlich von Eisenach erhebt sich zwischen Hörsel und Nesse der 486 ~m~ hohe Muschelkalkwall der sagenreichen Hörselberge, mit der kleinen Venushöhle oder dem Hörselloch. Das Hörselthal bildet einen wichtigen Durchgangspunkt für den Verkehr von Westen, der nach Osten über Gotha und Erfurt nach Weimar und Leipzig seine Wege zog und jetzt von der Thüringischen Eisenbahn (1847 vollendet) durchfahren wird, die nach Norden und Süden zahlreiche Zweige aussendet. Die Lage Thüringens gibt die natürlichen Bedingungen für einen Durchgangsverkehr im Südteile des Thüringischen Beckens, und schon die alte Straße Frankfurt a. Main-Leipzig lief durch Hörsel- und Assethal nach Gotha, um dann über Buttstädt, Eckartsberga, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig zu führen. Seit dem ~XVI.~ Jahrhundert wurde diese »Hohestraße« die Hauptverbindung zwischen dem Rhein und dem Handelsmittelpunkt Leipzig; schon zu Anfang des ~XVII.~ Jahrhunderts bestand hier eine Postverbindung, die aber erst am Ende desselben Jahrhunderts in eine Fahrpost umgewandelt wurde.
[Sidenote: Waltershausen. Tenneberg.]
Von Wutha führt eine Zweigbahn bis Ruhla; von Fröttstädt nach Friedrichroda, die weitergeführt wurde über Ohrdruf nach Gräfenroda. Waltershausen (5600 Einw.), am Fuße des Burgbergs gelegen (Abb. 85), ist eine Hauptstätte für Puppen- und Spielwarenherstellung, die erst im Laufe des ~XIX.~ Jahrhunderts eingeführt wurde. Die Fertigstellung der Puppenbestandteile beschäftigt außerdem noch viele fleißige Hände in den benachbarten Gebirgsorten. Ein altes Gebäude ist die am Burgweg liegende Kemnate, aus dem ~XIV.~ Jahrhundert, einst ein Rittersitz, heute eine Spielwarenfabrik. Auf der Muschelkalkhöhe des Burgbergs erhebt sich Schloß Tenneberg (Abb. 86), etwa um 1591 errichtet, 1729 erneuert und umgebaut. Beim Austritt des Badewassers aus dem Gebirge liegt Schnepfenthal, die berühmte gothaische 1784 von Salzmann gegründete Erziehungsanstalt, in der u. a. einst der Geograph Karl Ritter Schüler war.
[Sidenote: Gotha.]
Gotha (31700 Einw.), die Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha, ist abwechselnd mit Coburg Residenz. Sie ist umgeben von schönen Gartenanlagen, die an Stelle der alten Festungswerke angelegt wurden, und weithin zerstreuten Landhäusern (Abb. 87 und 88). Gotha ist eine alte Stadt, schon im Jahre 930 von Mauern geschützt, und war beherrscht vom alten Schlosse Grimmenstein, auf dessen Ruinen später das Schloß Friedenstein gebaut wurde.
Der Name Grimmenstein erscheint zuerst seit 1316 unter Friedrich dem Gebissenen. Hierher flüchtete 1564 der vom Reich geächtete Ritter von Grumbach in seiner Eigenschaft als Unterthan und herzoglicher Rat, was für die Burg und Stadt Gotha die verderblichsten Folgen hatte. Zur Vollstreckung der Acht gegen Grumbach und seiner fürstlichen Beschützer belagerten die Truppen des Kurfürsten August die Burg, die nach der Eroberung vernichtet wurde, während in der Stadt Grumbach er und seine Genossen durch Hinrichtung einen schmachvollen Tod erleiden mußten.
Die Stadt hat bedeutende Sammlungen (im Schlosse Friedenstein eine Bibliothek von 210000 Bänden und 7000 Handschriften) und gemeinnützige Anstalten, ist eine wichtige Stätte des Buchhandels und bekannt durch ihre Wurst- und Schuhwaren. Östlich der Stadt erhebt sich der schmale Wall des Seebergs, dessen der Keuperformation angehörige Rhätsandsteine treffliche Bausteine liefern. Westlich steigt die Muschelkalkhöhe des Krahnbergs empor, von dessen Höhe man einen schönen Überblick des Thüringerwalds hat. Das Dorf Siebleben (2300 Einw.) wird von vielen Arbeitern bewohnt, die in gothaischen Fabriken thätig sind. Hier liegt Schloß Mönchshof, eine herzogliche Besitzung, und das Landhaus des 1895 verstorbenen Dichters Gustav Freytag (Abb. 89).
[Sidenote: Ohrdruf. Plaue. Arnstadt.]
An den Ufern der Ohra, 370 ~m~ hoch, liegt die gothaische Stadt Ohrdruf (6200 Einw.), ein märchenumwobener stiller Ort (Abb. 90), dessen Bewohner gewerbfleißig sind und am Flusse allein mehr als dreißig Mühlen aller Art errichtet haben. Hier baute 724 Bonifatius (Winfried), der Apostel der Deutschen, die erste christliche Kirche in den thüringischen Landen. Zwischen Wolfis (1900 Einw.), Crawinkel (1500 Einw.) und Gossel (800 Einw.) dehnt sich die kahle Muschelkalkplatte aus, über die früher die alte Waldstraße von Oberhof nach Erfurt führte, die Heimat der Hollandgänger, der Frachtfuhrleute, die Kienruß bis nach den Niederlanden führten und Kolonialwaren dafür mitbrachten. Bei Crawinkel steht quarzhaltiger Porphyr an, der zu Mühlsteinen gebrochen wird. Nach Osten sind mehrere Thäler in den Muschelkalk eingeschnitten, die ins Gerathal ausmünden. Frankenhain (900 Einw.) ist ein Hauptplatz für Pech- und Kienrußherstellung. Bei dem von einer alten Burgruine überragten Liebenstein verschwindet in der Sonnenhitze oft die wilde Gera im Geröll des Muschelkalks, während sie im Frühling als reißender Gebirgsbach zu Thal stürzt. Geschwenda (1600 Einw.), zu Schwarzburg-Sondershausen gehörig, hat Holzverarbeitung als Haupterwerbsquelle und die Geschwendaischen Blumenstöcke werden bis in die Gärtnereien von Erfurt und Bamberg verschickt.
Das sondershäusische Städtchen Plaue (1500 Einw.), ein stiller und alter Ort, ist überragt von der Ruine der 1324 erbauten Ehrenburg. Die Muschelkalkhöhen der Reinsberge wurden ehemals von der Reinsburg gekrönt, die Ende des ~XIII.~ Jahrhunderts von Rudolf von Habsburg fast dem Erdboden gleich gemacht wurde. Bei dem nahen Dörfchen Angelroda erhebt sich der schimmernde Muschelkalkberg des Weißensteins, südlich davon öffnet sich die zerklüftete Schlucht der Kammerlöcher. Das breite kahle Thal des Plaueschen Grundes führt hinab nach dem in lieblichem Hügellande gelegenen Arnstadt (13600 Einw.), der Hauptstadt der schwarzburg-sondershäusischen Oberherrschaft (Abb. 2 und 91), von fruchtbaren Obstgärten umsäumt. Urkundlich schon 704 erwähnt, ist die Stadt heute in Industrie und Handel wichtig; hier soll die Cervelatwurst zum erstenmale hergestellt worden sein. Im lindenbeschatteten Schloßgarten liegt die Ruine der Burg Neideck, die 1279 vom Grafen von Käfernburg erbaut wurde. Im ~VIII.~ Jahrhundert erstand wahrscheinlich die bei Oberndorf gelegene Käfernburg (Kevernburg), seit Ende des ~XVI.~ Jahrhunderts verfallen. Arnstadt hat ein schönes 1581 gebautes Rathaus und die herrliche Liebfrauenkirche, die Ende des ~XII.~ Jahrhunderts in romanischem Stil begonnen, seit dem ~XIV.~ Jahrhundert in gotischem Stil weiter ausgebaut und erst in neuester Zeit ausgestaltet wurde.
[Sidenote: Ichtershausen. Die drei Gleichen.]
Flußabwärts führt an der Saline Arnshall eine Zweigbahn bis Ichtershausen (2550 Einw.), einem gothaischen Flecken, der Nadel- und Stahlwarenfabrikation treibt, in denen 800 Arbeiter beschäftigt sind, die täglich mehr als 2 Mill. Nähnadeln liefern. Im ~XII.~ Jahrhundert bestand hier ein Cistercienser-Nonnenkloster, das der Reformation weichen mußte. Die Klosterkirche wurde 1525 in ein evangelisches Gotteshaus umgewandelt und die Nonnen mit dem fürstlichen Ruhegehalt von acht Gulden jährlich entschädigt. Das nördlich gelegene Molsdorf ist bekannt durch sein Schloß, das dem lebenslustigen Grafen Gotter gehörte, dem Freunde Friedrichs des Großen. Parallel vorgelagert der sich zwischen Ohrdruf und Arnstadt ausdehnenden Muschelkalkplatte erheben sich einige Keuperhöhen, von deren Kegeln die sagenumwobenen Drei Gleichen weit ins Land hinausleuchten. Die beiden Ruinen liegen auf preußischem, die dritte noch erhaltene Burg auf gothaischem Gebiet. Die eigentliche Burg Gleichen (Wanderslebener Schloß) stammt aus dem ~XI.~ Jahrhundert, kam Ende des ~XVI.~ Jahrhunderts zu Mainz, Ende des ~XVIII.~ Jahrhunderts an Erfurt und damit 1803 an Preußen. König Friedrich Wilhelm ~III.~ schenkte sie einem General, der mit seinem Kunstverständnis das schönste Gebäude abbrechen und am nördlichen Fuß des Berges einen Schafstall daraus bauen ließ.
Hier spielt die Sage des Grafen Ernst von Gleichen mit den zwei Frauen, der mit dem Kaiser Friedrich ~II.~ in den Kreuzzug gegen die Türken zieht und 1228 in Palästina gefangen wird. Melechsala, die schöne Tochter eines türkischen Emirs, entflieht mit ihm, und beide gelangen glücklich nach Thüringen, wo in »Freudeuthal«, dem Vorwerk der Burg Wandersleben, die Gräfin den Gemahl und seine Retterin empfängt, die nach ihrem Übertritt zum Christentum dem Grafen auch noch angetraut wurde. Alle drei sollen in Frieden und Einigkeit miteinander gehaust haben -- so glaubte man wenigstens lange Zeit, und in der Peterskirche zu Erfurt zeigte man den Grabstein, auf dem der Graf mit zwei Frauen, eine in türkischer Kleidung, dargestellt war. Dieser Grabstein stammt aus dem ~XIII.~ Jahrhundert, während die Sage erst im ~XVI.~ Jahrhundert entstanden war. Der Grabstein war das Abbild eines Grafen von Gleichen mit zwei christlichen Frauen, mit denen er aber nicht gleichzeitig, sondern nacheinander vermählt war.
Das Mühlberger Schloß, über deren Gemäuer sich ein 24 ~m~ hoher Thurm erhebt, ist die schönste der Ruinen, urkundlich zuerst Anfang des ~VIII.~ Jahrhunderts erwähnt. Die Wachsenburg ist die höchste der Burgen (414 ~m~) und bietet von ihren bewohnten Gebäuden eine weite Rundsicht. Im ~X.~ Jahrhundert wurde hier ein Kloster errichtet, wohl aber erst im ~XIV.~ Jahrhundert in eine Burg umgewandelt.
[Sidenote: Erfurt.]
Die »Gartenstadt« Erfurt (78200 Einw.), das alte Erpesfurt, ist einer der ältesten thüringischen Orte, schon im ~VIII.~ Jahrhundert von Bonifatius als ein alter Ort, als »eine Stadt der heidnischen Bauern« bezeichnet und zum Sitz des Bistums auserkoren. Die Stadt liegt fast in der Mitte Thüringens und ist dadurch schon frühzeitig zu Bedeutung gelangt, besonders vom ~XIII.~ bis zum ~XV.~ Jahrhundert, als es Mittelpunkt des Waidbaues war, und von 1392 an auch Sitz der ersten deutschen Universität, die 1816 aufgehoben wurde. Die Religionskriege des ~XVI.~ und ~XVII.~ Jahrhunderts bedingten den Rückgang der Stadt, die schon durch Verlegung des Bistums nach Mainz Einbuße erlitten hatte. 1802 kam Erfurt an Preußen und gelangte zu neuer Blüte, nachdem 1874 die Festungswerke gefallen waren. Erfurt ist Hauptort eines preußischen Regierungsbezirks und liegt am Grenzgebiete von Muschelkalk und Keuper im Diluvium, durchflossen von mehreren Armen der Gera. Das Städtebild mahnt heute noch mit zahlreichen Kirchen an die frühere Verbindung mit Mainz (Abb. 92 und 93, die Stadt mit den mittelalterlichen Befestigungen darstellend). Von den Kirchen ist am bedeutendsten der katholische Dom (Abb. 94) und die Severinskirche, beide im ~XIV.~ Jahrhundert erbaut.
1392 erfolgte die Gründung einer Universität, die zu hoher Blüte gelangte und aus welcher Ulrich von Hutten und Martin Luther hervorgingen. In späteren Jahren sank sie aber immer mehr und ging 1803 völlig ein. Der Erfurter Roland (Abb. 95) stammt aus dem Jahre 1591 und wurde an Stelle eines Kreuzes errichtet, das zwischen den Mauern auf dem Fischmarkte stand, früher der »Römer« oder »steinerne Mauer« genannt. Er ist eine 2 ~m~ hohe steinerne Figur und zeigt den Charakter der Spätrenaissance. Die Rolandsäulen, die weit über das nördliche und östliche Deutschland verbreitet sind, entsprechen überall den alten früher auf den Märkten stehenden Kreuzen und wurden damit die Wahrzeichen der Marktfreiheit und des Marktrechtes. Auf dem Fischmarkt erhebt sich das neue von 1869 bis 1875 erbaute Rathaus (Abb. 96), in dessen Treppenhaus und Wandelgängen Gemälde aus der Gleichen-, Tannhäuser- und Faustsage wie aus Luthers Leben von Professor Kämpffer angebracht sind. Den großen Festsaal schmücken die Bilder von Professor Janssen aus der Geschichte Erfurts, beginnend mit der Einführung des Christentums, ferner der Mitarbeit Erfurts bei der Zerstörung der Raubritterburgen, der Blütezeit der Universität, der Darstellung des »tollen Jahres« (Abb. 97), als 1509 der Volksunwille sich gegen den Übermut und die Verschwendung der Gemeindeverwaltung aufbäumte, die Unterwerfung Erfurts unter das Erzstift Mainz, und endlich, da die Stadt preußisch geworden war, der Besuch Friedrich Wilhelms ~III.~ und der Königin Luise in Erfurt.
[Sidenote: Erfurts Gartenbau.]