Thüringen

Part 10

Chapter 103,156 wordsPublic domain

Nach Klima und Höhenlage ist die Pflanzenwelt Thüringens eine wechselnde, aber überall wohlgepflegte. In den geschützten Thälern der Saale und Unstrut gedeiht der Wein, dessen Anbau schon seit dem ~XIV.~ Jahrhundert bekannt ist. Früher wurde er im Grabfeldgau gebaut, Rebenhügel grünten bei Kronach und Coburg, bei Erfurt, Arnstadt, Gotha und Eisenach, selbst in der Hainleite, am Kyffhäuser und am Frauenberge bei Sondershausen. Der Weinbau reicht nur bis zu einer Höhe von 350 ~m~. In den unteren Gefilden Thüringens wiegt der Acker- und Gartenbau vor, dessen Bodenfläche im Kreise Erfurt, wo die weltberühmten Blumen- und Gemüseanlagen liegen, 81 vom Hundert der Gesamtanbaufläche beträgt, in Sachsen-Weimar 55 vom Hundert, im Gebirge aber noch weiter zurückgeht, so daß in Ziegenrück nur noch 46, in Schleusingen 24 vom Hundert der Gesamtfläche dem Acker- und Gartenbau dient. Die Thalgründe sind meist mit ausgedehnten Wiesen bedeckt, im Gebirge sind sie nur als Waldwiesen oder Hochwiesen vorhanden. Von der Gesamtfläche sind im reußischen Lande 17, in Ziegenrück 12 vom Hundert der Gesamtfläche Wiesen. Hiermit hängt eine kräftige Viehzucht zusammen, besonders im östlichen Thüringen, wo im Altenburger Ostkreise, im weimarischen Kreise Neustadt und in Reuß jüngerer Linie auf 1000 Bewohner 500-600 Stück Rindvieh kommen, während auf dem höchsten Teil des Gebirges dieses Verhältnis nur 100-300 Stück Rinder aufweist. Die in alten Zeiten blühende Pferdezucht ist erheblich zurückgegangen, da fast nur für landwirtschaftliche Zwecke gezüchtet wird. Am erheblichsten ist sie im oberen Unstrutthal, im Westen des weimarischen Kreises und in der Oberherrschaft von Schwarzburg-Sondershausen, wo auf 1000 Bewohner 75-100 Pferde kommen; am geringsten ist das Verhältnis in der Sondershäuser Unterherrschaft und auf der Höhe des Frankenwalds und des Thüringerwalds einschließlich der preußischen Kreise Suhl und Schmalkalden, wo auf 1000 Bewohner nur 6-25 Pferde kommen. Bedeutend ist die Zucht der Schweine, von denen auf je 1000 Bewohner 400-600 berechnet sind, aber wiederum mit Ausnahme des höchsten Gebirges, wo die Zahl auf 200-100 heruntergeht.

[Sidenote: Ackerbau.]

Von Kulturpflanzen der Stufe unter 350 ~m~ sei noch der Tabak erwähnt, der im Werrathal gebaut wird, dessen Jahresproduktion sich aber nur auf 106000 Mark beläuft. Außer Getreide gedeihen noch Hülsenfrüchte, Ölpflanzen, Flachs, Hopfen, Anis, Koriander, Klee und Kartoffeln. Obstreich sind die Thäler der Saale und Unstrut, Gemüse gedeiht in vorzüglichster Art bei Erfurt und Naumburg. Durch große Fruchtbarkeit ausgezeichnet sind die Keuperlandschaften in Coburg, Meiningen und im Thüringischen Becken, und die Landschaften des aus der Eiszeit stammenden Geschiebelehms im Altenburger Ostkreise. Der Muschelkalk zeigt meist trockenen steinigen Boden; wo er thonige Bestandteile hat, ist er für den Feldbau günstig. Das vorwiegend aus Muschelkalk bestehende Eichsfeld gehört zu den ärmlichsten Bezirken. Der Buntsandstein bildet, wie schon oben erwähnt worden, besonders auf der südlichen Saalplatte das Holzland, und ist für Ackerbau weniger geeignet, am besten noch für Kartoffeln. Fruchtbar sind aber die auf Buntsandstein lagernden Anschwemmungen in den Thälern der Wipper, Helme und Unstrut, der vielgepriesenen »Goldenen Aue«. Auch die auf Muschelkalkuntergrund vorhandene Lößbedeckung der Querfurter Platte gehört zu den fruchtbaren Landschaften.

Der lohnende Anbau von Getreide hört in einer Höhe von etwa 600 ~m~ auf. Zuerst schwindet nach der Höhe zu der Weizen, nach ihm die Gerste, während Roggen und Hafer noch über diese Höhe hinaus sich verbreiten. In kühlen regenreichen Sommern erreicht das Getreide in der Höhe des Rennsteigs oft die Reife nicht und wird dann als Grünfutter verbraucht. Die Roggenernte ist durchschnittlich in der Merseburger Gegend Mitte und Ende Juli, in Ilmenau Anfang August, in Gehlberg Anfang bis Mitte September. In den höchsten Gegenden steht oft noch Mitte Oktober der Hafer auf dem Felde. Ölpflanzen und Hülsenfrüchte reichen nur bis 500 ~m~ Höhe, nur der Flachs und die Kartoffeln steigen weiter empor, so daß die Kartoffel manchmal noch zwischen 700 und 800 ~m~ gut gedeiht. Das Wachstum der Feldpflanzen ist im allgemeinen nach der größeren Erhebung des Geländes arm und dürftig. Sehr anschaulich wirkt nach dieser Hinsicht der Vergleich einiger Blütezeiten. Die Traubenkirsche blüht in Leutenberg durchschnittlich am 8. Mai, in Coburg am 12. Mai, in Ohrdruf am 17. Mai, in Oberhof am 30. Mai; die Apfelblüte tritt in Leutenberg am 9. Mai ein, in Coburg am 14. Mai, in Ohrdruf am 21. Mai, in Oberhof am 5. Juni; Syringen blühen zuerst in Leutenberg am 15. Mai, in Coburg am 19. Mai, in Ohrdruf am 24. Mai und in Oberhof am 8. Juni. Auf der Höhe des Frankenwaldes werden in warmen Jahren die Kirschen noch reif bis zur Höhe von 700 ~m~, doch ist das Fleisch der Frucht geringer entwickelt als der Stein. Andere Obstsorten gedeihen nur gut bis zur Höhe von 500 ~m~, ebenso die Gurken und die feineren Gemüse. In den geschützten Lagen des Saalthales kommen auch zartere Obstsorten und prächtige Walnußbäume fort, ebenso im unteren Werrathal und im Gebiete zwischen Langensalza und Naumburg.

[Sidenote: Wald.]

Das Gebirge ist in seiner ganzen Ausdehnung reich bewaldet und verdient deshalb den Namen »Wald« vollauf. Früher wurde der Bestand einzelner Gegenden stark gelichtet, da das Holz als Brennmaterial für Verhüttung der Erze diente. Trotzdem sind von der Gesamtfläche des Gebirges noch 74 vom Hundert mit Wald bestanden, wovon fast ¾ Staatswaldungen sind, was für die Erhaltung und Pflege der oft herrlichen Bestände von großer Wichtigkeit ist. Dabei durchkreuzen zahlreiche gute Wege die großen Wälder, daß man nicht mit Unrecht von Thüringen als dem »Garten Deutschlands« spricht. Der Charakterbaum des Waldes ist die Fichte, Tannen und Kiefern kommen seltener vor, letztere zumeist auf Sandsteinboden. Auch die höchsten Erhebungen des Gebirges reichen nicht über die Baumgrenze hinaus, Schneekopf und Beerberg sind bis zum Gipfel mit Nadelwald geschmückt, und auch auf dem freier gelegenen Inselsberg wachsen Buchen und Zwergkiefern. Im ganzen südöstlichen Thüringerwald und im Frankenwald überwiegen Nadelwälder, die für das Schiefergebirge bedeutsam sind. Die in niederen Gebieten vorkommenden Ahorne, Birken, Eschen und Linden reichen nicht weit in die Höhe, am weitesten noch die Eiche, die aber auch schon bei 550 ~m~ verschwindet. Von den geschlossene Bestände bildenden Laubbäumen geht die Buche am höchsten, erreicht jedoch in Höhen über 800 ~m~ keine volle Entwickelung. Im Holzbetrieb werden neuerdings fast gar keine Laubbäume nachgepflanzt, sondern Fichten, deren Holz sich schnell auswächst und um so schneller marktfähig wird. Buchenbestände kommen inselartig häufig vor, wo sie dann hellfarbig aus der dunklen Nadelwaldumgebung hervorleuchten, im Schwarzathal, im Schleusegrund, im Gerathal und anderwärts. Der nordwestliche Thüringerwald trägt auf Rotliegendem und Porphyr meist prächtige Buchenwälder, am Gebirgsfuße umsäumt vom Nadelwald, der auf dem Buntsandstein aus Kiefern besteht. Im Walde wachsen in großer Menge Heidelbeeren und Preißelbeeren, die eine wichtige Einnahmequelle für die ärmere Bevölkerung bilden, ebenso Pilze, und im Unterholz Weißdorn und Haselsträucher, auch schön gefiederte Farne. Belebt ist der Wald von zahlreichen Singvögeln; von wildem Geflügel sind Auer- und Birkhühner zu nennen. Rotwild und Wildschweine werden in den fürstlichen Wäldern gehegt.

~XI.~

[Sidenote: Volkstum und Sprache.]

Die Bewohner Thüringens bilden eine Art Stammeseinheit, verbunden durch eine fast tausendjährige Geschichte, durch Sitten und Gebräuche, Sagen und Lieder. Vorherrschend sind die Bewohner von Mittelgröße, körperlich am besten entwickelt in den Gebieten der Landwirtschaft, während hoch im Waldgebirge zwar die natürlichen Bedingungen die gleichen sind, aber durch das Vorwiegen der industriellen Thätigkeit stark beeinträchtigt werden. Abgesehen von örtlichen Sprachverschiedenheiten (z. B. Ruhla, Brotterode und Steinbach) wird nördlich des Gebirges meist die thüringische Mundart gesprochen, im größten Teil des Südens die fränkische (vgl. S. 90), im Osten des Osterländischen Stufenlandes fließt der Dialekt in das Meißnische hinüber, das im Königreich Sachsen vorherrschend ist. Aus dem thüringischen »Blümchen« wird in Franken ein »Blümle«, aus »Nalgen« (Nelken) ein »Nagele«, dabei haben viele Ortschaften noch ihre ganz besonderen Spracheigenheiten. Im Altenburgischen hat sich eine besondere Mundart ausgebildet. Im Norden greift das Thüringische am weitesten aus, dort zieht die Sprachgrenze ungefähr vom Eichsfeld bis zum Südharz und zur Saale. Nordwärts davon herrscht bereits das Niederdeutsche.

[Sidenote: Körperliche Verhältnisse der Bevölkerung.]

Im allgemeinen ist der Thüringer fröhlichen Gemüts und geistig geweckt, in letzter Hinsicht überragt meist den Flachländer der Wäldler, soweit ihn der Schnapsgenuß nicht etwa heruntergebracht hat. Im Durchschnitt ist die Bevölkerung von mittlerer Größe und schmächtigen Formen. Das flache Land ist dabei begünstigt, während durch die ärmliche Lebensführung im Gebirge, besonders in Gebieten der Hausindustrie die körperliche Entwickelung sehr leidet. Dasselbe gilt in den meisten Fällen auch für das weibliche Geschlecht, das in der Kinderzeit noch frisch blüht, dann aber durch Arbeit, mangelhafte Ernährung und zu frühes Mutterwerden schnell altert. Begünstigt wird die geistige Regsamkeit durch die vielfältige Industrie, die ab und zu neue Dinge bringen muß, und der Verkehr mit Fremden, der im Gebirge naturgemäß bedeutender ist als in der Niederung. Auf dem Gebirge artet manchmal der Frohsinn in Leichtsinn und Genußsucht aus, der Grundzug bleibt aber auch hier fröhliche Genügsamkeit und Ehrlichkeit, so daß der Wanderer selbst in den ärmlichsten Waldgebieten nie von Bettlern belästigt wird.

Beim »Wäldler« wie beim »Ländler« -- bei dem Gebirgsbewohner wie bei dem Bauer der Ebene -- ist in kirchlichen Dingen trotz mancher Gleichgültigkeit bei der Mehrheit doch noch eine religiöse Gesinnung vorhanden, wenn sie auch in neuerer Zeit etwas verblaßt. Aber der Bauer ist durch seinen Beruf fast immer an seine Abhängigkeit von einer unsichtbaren höheren Macht erinnert, die sich ihm fühlbarer macht als etwa dem Fabrikarbeiter der Stadt. Allen Freuden und Leiden gegenüber bleibt der Bauer gelassen, gemäß dem alten thüringischen Sprichwort: »Duck' dich und laß vorübergahn, das Wetter will sein'n Fortgang ha'n«, und dadurch entgeht er oft allem Spott und aller Schadenfreude. Ein Rest von Aberglauben ist da und dort noch vorhanden; für das abergläubische Thun braucht der Bauer den Gesamtnamen »Sympathie«, und das »Büßen« und »Versprechen« wird noch viel geübt.

[Sidenote: Geistige Verhältnisse der Bevölkerung.]

Der Schulunterricht wird überall schon deswegen geschätzt, weil der Gebildete im Leben besser sein Fortkommen findet. Beim Landvolk ist der eheliche Friede meist bewahrt, wenn auch häufig die Neigung nicht als Ehestifterin gilt, und trotzdem »raucht es in allen Küchen«. Die Frau ist auf dem flachen Lande vielfach durch Lebhaftigkeit und Entschiedenheit dem gleichgültigeren Manne geistig überlegen. In der Mehrzahl der Landdörfer herrscht jetzt ein fortschreitender Geschäftsbetrieb in Bezug auf Ackerbau und Viehzucht. Mit dem Wachsen der Wohlhabenheit wird auch hier der Sinn für das Schöne geweckt, leider nicht durch Wiederaufnahme des Alten, sondern mit Nachahmung von städtischer Kunst, oft mit einem Anflug von Lächerlichkeit. Für Witz und Spott ist der Bauer im hohen Grade empfänglich, auch zeigt er im Verkehr mit anderen Leuten gefällige und liebenswürdige Seiten. Viele der im Gebrauch befindlichen Sprichwörter und Redensarten beschränken sich nicht auf Thüringen, sondern sind in ganz Mitteldeutschland und östlich bis weit nach Schlesien hinein nachweisbar. Es fehlen aber auch die Schattenseiten nicht: Geiz und Habsucht einen sich oft mit der Lust am Horchen und Klatschen und mit der in Handelsangelegenheiten häufig angewandten Übervorteilung, deren Wurzel in der sog. Bauernpfiffigkeit beruht. Bei Unglück und Not kommt aber der gute Kern wieder zum Vorschein, da heißt es Hilfe schaffen und sich gegenseitig unterstützen, was gern und ausgiebig gethan wird.

[Sidenote: Sitten und Gebräuche.]

Bezeichnend für die thüringische Auffassung ist die Zusammenstellung von Kirche und Schenke, Gottesdienst und Wirtshausbesuch, Andacht und Tanzbelustigung, die hier keine Gegensätze bilden, sondern ein Feiern im Sinne des Ruhens von der Arbeit. Infolgedessen ist es selbstverständlich, daß Konzert, Bratwurstessen und Tanzvergnügen zu jedem kirchlichen Gelegenheitsfest die Ergänzung bilden. Die vier Dinge: Bier, Wurst, Musik und Tanz dürfen bei keinem Feste fehlen. Für die Städte sind die Schützenfeste, hier Vogelschießen benannt, stets eine Reihe von lustigen Tagen. An manchen Plätzen haben sich Ortsfeste herausgebildet, so die Brunnenfeste in verschiedenen Badeorten, das Kirschenfest in Naumburg, dessen Beziehung zu den Hussiten nur Sage ist, da es erst seit 1450 als Sommerfest gefeiert wird. Für die Dörfer sind die Ortsjahrmärkte, vor allem aber die Kirchweih oder die Kirmeß (Kirmse) der Inbegriff alles Vergnügens, im Altenburgischen mit dem lieblichen Namen »Landfressen« bezeichnet. Kirchweih und Fastnacht werden oft drei Tage hintereinander gefeiert. Ähnlich ist es bei den Hochzeitsfeiern, bei denen städtische Äußerlichkeiten viel gelten. Vor dem Hochzeitshause ist dann eine Ehrenpforte errichtet. Zieht die Braut aus ihrem Dorfe hinweg, so thront sie mit Spinnrad und Rocken hoch oben auf den mit Hausrat, besonders Betten, gefüllten und von geschmückten Pferden gezogenen Wagen. Bei der Ausfahrt aus dem Dorfe sowie bei der Einfahrt in die fremden Dörfer oder Fluren wird sie durch ein vorgehaltenes Seil gehemmt und muß sich mit klingender Münze auslösen. Diese Sitte besteht jedoch auch in manchen Gegenden Schlesiens und wird überhaupt vielfach gegen Fremde angewendet, z. B. bei der Besichtigung von Neubauten. Bei Todesfällen und noch mehr bei Leichenbegängnissen hört man lautes Wehklagen, das gewissen Gewohnheiten folgt. Aber auch bei wirklichem Schmerz um einen Toten vergißt sich der Bauer des Flachlandes niemals selbst, um bei Erbschaften seinen Vorteil wahrzunehmen.

Die Liebe zur Natur offenbart sich in vielen Gebräuchen, und an Sonn- und Festtagen wandert der Thalbewohner hinauf zur Höhe. Am Pfingstfeste werden häufig Maien (grüne Waldbäume) errichtet, im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald werden dann die Brunnen bekränzt und mit buntem Papierflitter ausgeputzt; später im Jahre werden Johannis- und Oktoberfeuer entzündet. Bis hoch ins Gebirge hinauf sind die Fenstersimse der Häuser mit Blumen geschmückt, die in Töpfen gezogen werden, besonders beliebt sind Aurikeln, Nelken und Rosmarin. Auch der ärmste Mann hat gefangene Vögel in kleinen Holzbauern neben seinen Fenstern aufgehängt: Stieglitze, Zeisige, Hänflinge, Finken und Kreuzschnäbel.

[Sidenote: Nahrung, Sagen und Volkstrachten.]

So manche Festbräuche klingen an längst vergangene Zeiten an. Es ist wohl etwas weit gegangen, die Schlachtschüsselmahlzeiten (»Schlachtfeste«) des Winters mit dem Julfest in Verbindung zu bringen, wo der Hertha das wilde Schwein als Opfertier gewidmet wurde. Beim beginnenden Frühling, also zum Osterfest, das an das alte Feste der Ostara, der Göttin des neu strahlenden Lichtes, anknüpft, werden deshalb hie und da Osterfeuer entzündet. An den Ostarakult erinnern die Namen mancher Höhen als Osterstein und der Gebrauch des Osterwassers. Im ehemaligen slavischen Wohngebiete erinnerte an das altgermanische Frühlingstotenfest das Lied:

Wir alle, wir alle kommen 'raus und tragen heute den Tod hinaus, Komm' Frühling, wieder mit ins Dorf, Willkommen, lieber Frühling.

Auch der Inhalt dieser Reime ist weit bis nach Schlesien hinüber bekannt gewesen, wo noch vor vier Jahrzehnten, unter dem Gesange eines ähnlichen Liedes eine Strohpuppe im Umzuge geprügelt und dann in den Fluß geworfen wurde (das sog. Todaustreiben).

Die Nahrung ist nach den verschiedenen Abstufungen von der Wohlhabenheit bis zur dürftigsten Armut eine sehr verschiedene. Der Flachländer ist vor dem Gebirgsbewohner auch hier wieder sehr bevorzugt, da im Gebirge auf dem Küchenzettel die Kartoffel den ersten Rang einnimmt. Für viele Industrieplätze gilt der Satz:

Kartoffeln in der Früh, Zum Mittag in der Brüh, Des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit.

Da gibt es höchstens des Sonntags einmal Fleisch, niemals dürfen auf dem Sonntagstische aber die Klöße (Hütes) fehlen, aus rohen Kartoffeln bereitet. Predigt nun der Geistliche im Vormittagsgottesdienst zu lange, so daß die Frauen zur Bereitung der Speisen zu spät nach Hause kommen, dann nennt man ihn wohl auch »Kloßverderber«. Die bei Festlichkeiten unentbehrliche Wurst wird auf dem Rost gebraten. Am Martinstage steht der Gänsebraten in hohen Ehren und zu Weihnachten werden überall Schlachtfeste gefeiert. So bringt die Kost besonderer Tage Abwechselung in das Einerlei der Wochentagsgerichte und mit der Verbesserung der Tafelfreude auch eine Verbesserung der Stimmung.

Viele Sagen sind im Volksmunde noch vorhanden, denen vielfach ein tief sittlicher Sinn zu Grunde liegt. Alle unheimliche Macht des Bösen, die dem Menschen feindlich entgegentritt, wird durch das Kreuz und den Namen Gottes gebrochen. Manche Sagen lassen noch einen heidnischen Kern erkennen oder knüpfen an das Entstehen oder Vergehen der Burgen und Schlösser an. Da gibt es Verzauberungen und Verwünschungen, und manch Berg und Wald, Kloster und Burg, Quelle und Fluß sind umrankt von Mären und Sagen. Vielfach klingt Erwartung und Freude an Reichtum, Ehre und Gold hinein, und wo der Mensch am ärmlichsten sein Dasein fristet, kommt die verklärende Sage, um ihn über die rauhe Wirklichkeit hinwegzutäuschen.

Die Trachten, die früher im deutschen Volksleben so reizvoll wirkten, sind auch in Thüringen fast verschwunden und im großen Kulturbrei aufgelöst. Nur hie und da sind noch schwache Reste vorhanden, zumeist beim weiblichen Geschlecht. Die großknöpfigen Röcke, die dreieckigen Hüte, die Kniehosen und Schnallenschuhe der Männer sind fast nirgends mehr zu finden, ebensowenig die großen Tuchmäntel und die runden Haarkämme der Frauen. Die mit weißer Leinwand unterlegten, auch im Sommer getragenen Pelzhauben der Frauen Brotterodes sind ebenso verschwunden, wie die gesichtsverhüllenden weißen Schleier, die nur Augen, Nase und Mund frei ließen. In der ersten Hälfte des ~XIX.~ Jahrhunderts trugen wohlhabende Bürgerfrauen im Rudolstädtischen feine blaue Tuchmäntel mit Goldbortenkragen, sowie auf dem Kopfe ellenhohe von Gold strotzende Grenadiermützen, die hinten mächtige Büsche kostbarer Bänder wehen ließen.

Ganz müssen mir hier die Kleiderarten des Mittelalters unberücksichtigt lassen, die im allgemeinen wenig mit Volkstrachten, die für einzelne Landesteile bezeichnend sind, zu thun hatten; so z. B. im ~XVI.~ Jahrhundert die silbernen Gürtel der Kreuzburger mit daranhängenden, klingenden Glöcklein, und die dicken baumwollenen Wämser mit hölzernen Schilden oder Brusteisen, um die Pfeilschüsse abzuwehren. Der überall in Deutschland verbotene Kleideraufwand scheint auch in den Thüringischen Landen verbreitet gewesen zu sein, denn 1420 verbot der Rat der Stadt Erfurt den übermäßigen Gebrauch von Gold, Silber und seidenen Kleidern, und zur Hochzeit durfte keine Krämerin oder Dienstmagd Perlen zum Kranze oder Haarband tragen.

[Sidenote: Volkstrachten.]

Der blauleinene Kittel der Männer ist nicht als Tracht aufzufassen, da er bei Landbauern und Fuhrleuten bis nach Frankreich verbreitet ist. Die Frauen halten insofern an alter Überlieferung fest, als sie bei festlichen Gelegenheiten eine große Zahl von Röcken übereinander tragen, meist von dunkler Farbe und vorn mit einer großen Schürze verhängt. Der Kopf ist turbanartig mit einem schwarzen Kopftuche umwunden, wie in Friedrichroda, oder trägt hohe Mütze mit lang herabfallenden Bändern, wie in Brotterode; dazu kommt noch der durch ganz Thüringen verbreitete aus Kattun gefertigte Kindermantel (Abb. 75-78). In Ruhla war früher üblich, um das nach hinten gekämmte mit rund gewundenen Zöpfen festgehaltene Haar bunte Tücher zu schlingen; die Ärmel sind vielfach im oberen Teile in Stufen geteilt und in enge Fältchen gelegt. Oft hat die Kegelhaube oder Bandmütze Einlagen von bunter Perlenstickerei oder ist mit großen Schleifen oder Federbüschen geziert, bei den Bräuten oben mit einer Flitterkrone geschmückt.

In Hötzelsroda bei Eisenach trägt man ebenfalls das turbanartige Kopftuch oder auch große dunkle Hauben, in der Form den niederländischen nicht unähnlich. Auch hier ist der Ärmel im oberen Teile stark gefältelt, und über die Schulter fällt ein mit Band besetzter Kragen. Die Kleider sind dunkel und nur die Schürzen bringen eine etwas lebhaftere Färbung hinein. Abb. 79 zeigt einen Kirchgang, wozu die blumengeschmückten Bänderhauben mit den großen Seidenschleifen, die Spitzkappe und der dunkle Radmantel zur Geltung kommen. In Öchsen bei Vacha gibt sich die Mädchentracht in einigen Resten ans Alte anklingend: die Halsketten, das buntfarbige Brusttuch, das dunkle Mieder und die kurzen Hemdärmel (Abb. 80) sind bezeichnend, während Röcke und Schürzen ziemlich neue Formen zeigen. Belangreicher ist die Tracht der Burschen mit den langen Westen, die mit ihren langen Knopfreihen bis ans bunte Halstuch reichen, den knopfbesetzten Jacken oder langen Röcken und den weißen Hosen, die entweder lang oder als Kniehose getragen werden. Im letzten Falle ist der Unterschenkel von einem wollenen Wadenstrumpf bedeckt, und an den Füßen prangen die niederen Schuhe mit den großen Schnallen.