Part 3
Wenn Thomas sich darauf gefreut hatte, in stillen Kreuzgängen oder unter schattigen Bäumen nach Herzenslust zu wandeln und zu träumen, so hatte er sich gründlich geirrt. Zum Träumen war weder Raum noch Zeit. Denn obgleich der Lehrer ein braver Mann war und kein Tyrann, so galt doch auch von dieser Schule das Wort Luthers: »Die Kinder lernten mit großer Arbeit und unmäßigem Fleiß, doch mit wenigem Nutzen.« Nicht nur für die Kirche, auch für die Schule ist Luther ein großer Reformator gewesen. Hatten die Größeren ihre Aufgaben bewältigt, mußten sie mit den Kleinen üben, und Thomas plagte sich im Schweiße seines Angesichts, um in den harten Kopf des wilden Reiterleins einiges Licht zu bringen. Nicht immer konnte er den kleinen Bengel vor der langen Rute des Lehrers bewahren, doch machte er sich wenig aus den Schlägen, wenn sie nicht allzu derb kamen. Bei den Faustkämpfen mit den Burgbuben hatte es genug Beulen und Striemen gegeben! Bestand er allzu schlecht in seiner Lektion, sperrte man ihn wohl über Mittag, während die andern zum Essen gingen, in der Schulstube ein.
Da geschah aber nachmittags regelmäßig etwas Unerwartetes. Vielleicht krachte plötzlich eine Bank zusammen, die bisher noch ganz fest gewesen war, so daß alles, was darauf saß, zu Boden purzelte. Oder es zeigten sich Tintenkleckse, wo niemand sie vermutet hätte, wohl gar auf der Rückseite des Lehrers. Zuweilen hatte auch die ganze Schar Mühe, das Lachen zu verbeißen, wenn an irgend einer Stelle, die die kurzsichtigen Augen des Magisters nicht erreichten, ein lächerliches Bildchen angemalt oder ein Verslein hingeschmiert war, das ganz und gar nicht ins Kloster paßte, als zum Beispiel:
»Rück' an den Schweinebraten, Dazu die Hühner jung; Darauf mag baß geraten Ein frischer, kühler Trunk.«
Auch die damals übliche Strafe des Eselreitens mußte er oft erdulden. In einer Ecke der Schulstube stand der »+Asinus+«, das heißt, eine fast lebensgroße hölzerne Eselsfigur mit scharfkantigem Rücken und durch langen Gebrauch spiegelglatt geriebenen Seiten. Dieses ungefüge, rauchgeschwärzte Tier mußten faule, nichtsnutzige Schüler besteigen, und hatten schwere Mühe, sich darauf festzuhalten und zugleich die Tränen der Scham und des Schmerzes abzuwischen, die ihnen über die Wangen rollten. Purzelten sie herunter, gab es Hohngelächter und obendrein noch Schläge. Dietrich aber schwang sich gleichmütig und behende auf dies häßliche Reittier und trieb es, sobald der Lehrer den Rücken kehrte, durch allerlei komische Gebärden zum Laufen an. Das alles trug zwar dazu bei, die Schule in guter Laune zu erhalten, doch ward Dietrich mehr und mehr das schwarze Schaf in der kleinen Herde.
Im zweiten Jahre aber schien der frische Mut des Wildlings erschöpft. Er war trotz der schmalen Kost tüchtig gewachsen, trieb aber fast keinen Schabernack mehr, lernte, soviel er eben mußte, und ging still und mürrisch seines Weges. Nur dann und wann erinnerte noch ein toller Streich an seine wilde Natur. Freundschaft hatte er mit keinem geschlossen, außer mit Thomas, dem er so zugetan war, wie etwa ein kleiner gezähmter Bär seinem Herrn. Saß Thomas lesend unter einem Baum im Hofe, oder zur Winterszeit am Feuer der Schulstube, während die andern allerlei Kurzweil trieben, so geschah es manchmal, daß Dietrich sich zu seinen Füßen niederließ, das heiße Gesichtchen in seiner Kutte verbarg und nach einigem Seufzen und Stöhnen in bittere Tränen ausbrach. Ach, das arme Reiterlein hatte bitteres Heimweh nach der goldenen Freiheit und tief, tief im Herzen ein unbefriedigtes Sehnen nach Liebe und inniger Freundschaft!
Dann zog ihn Thomas an sich und sprach leise Worte zu ihm von JEsu, dem Heiland aller Welt, der auch den wilden Dietrich liebte, schützte und führte, der auch für ihn am Kreuz gestorben war und ihn ewig selig machen wollte. Er wunderte sich oft selbst, daß er zu dem Knaben ganz so sprechen konnte, wie Muhme Lene einst zu ihm geredet. Er wunderte sich auch, daß er, den man daheim so gering geachtet, hier nach und nach zu Ehren gekommen war. In der Schule ging's ihm gut; ja, der Lehrer nannte ihn nicht selten ein feines, gelehrtes Männchen. Auch beim Sangmeister war er wohl angeschrieben, und das Singen in der Kirche machte ihm Freude, wenn's nur nicht allzuviel gewesen wäre. Im Sommer ging's noch; aber im Winter war's wirklich kein Spaß, im dünnen Röcklein stundenlang, ja bis in die Nacht hinein, zu üben, bis der mehrstimmige Kunstgesang, der damals in den Niederlanden in hoher Blüte stand, fehlerlos von statten ging.
Auch während der vielen Gottesdienste froren die armen Jungen entsetzlich. Die Mönche sahen dann meist recht dick aus, als hätten sie sich unter den Kutten wohlverwahrt, wenn sie auch nicht kostbare Pelzmäntel hatten wie der Herr Abt und die andern hohen Würdenträger. Auch waren sie ja inwendig besser ausgepolstert als die armen Schüler. Dietrich, der zuzeiten heimliche Entdeckungsreisen machte, über Mauern kletternd und durch enge Guckfensterlein schlüpfend, war auch einmal in die Klosterküche geraten und hatte einen Blick getan auf die mächtigen Braten und das duftende Backwerk, das zum Anrichten bereit stand. Daß ihn einer der Köche erwischt, mit dem Holzlöffel tüchtig gedroschen und unsanft hinausgeworfen hatte, brauchte niemand zu wissen. Ja, bei solcher Kost ließ sich's schon leben!
Freilich gab's auch unter den Mönchen abgezehrte Gestalten mit unheimlich glänzenden Augen und hohlen Wangen. Das waren solche, denen es ein rechter Ernst war mit der Weltentsagung, und die durch Fasten, Wachen und Beten, ja durch allerlei selbstauferlegte Qualen Gott zu versöhnen trachteten. Wenn Thomas sie nachdenklich beobachtete, fiel ihm allerlei ein, was Muhme Lene ihm erzählt, er sah im Geist ihr friedliches Antlitz während der langen Krankheit und hörte ihren letzten Ruf: »Mein Heiland, mein Erlöser!« Aber er war noch jung, und die Zeit selbständigen Denkens war für ihn noch nicht gekommen.
Drei Jahre waren vergangen, seit Thomas und Dietrich in die Klosterschule getreten, da kam ein Herbst, der eine ganz ungewöhnlich reiche und schöne Aepfelernte brachte. Wie Purpur und Gold glänzten die Früchte in ungeheurer Menge zwischen dem dunkelgrünen Laub, während herrliches, sonniges Wetter das Reifen begünstigte. Da ward zur Freude der ganzen Schule ein voller Vakanztag angekündigt, an dem man hinausziehen und die Aepfelernte besorgen sollte. Da der Magister keine Lust hatte, an einem so lebhaften Vergnügen teilzunehmen, sondern einen wohlverdienten Ruhetag in seiner Kammer vorzog, ward die Aufsicht über die muntere Schar einigen Laienbrüdern anvertraut, die ein Auge zudrückten gegen manchen Unfug.
Ei, das war ein Jauchzen und Springen, ein Lachen und Jubeln in den weiten, von Mauern umgebenen Obstgärten! Auf hohen Leitern, auf schwankenden Aesten standen und saßen die jungen Gestalten, die schönsten Früchte sorgsam in Körbe sammelnd, die geringeren abschüttelnd, daß die Aufsammler manch derbe Kopfnuß bekamen. Aber ganz hoch oben in den Wipfeln hingen fast die schönsten! Es war schade, sie herabzuschütteln; aber wer sollte so hoch hinauf? Dietrich! Das Reiterlein! Ja, das verstand zu klettern! Wie ein Vogel wiegte es sich in den höchsten Zweigen, füllte das Körbchen und glitt damit hinab wie ein Eichkätzchen. Manchmal war's auch gar nicht herunter zu bringen, sondern saß lange droben, sehnsüchtig in die weite Welt hinausschauend. Am Mittag labte man sich an Brot, Wurst und Käse mit einem reichlichen Nachtisch von den besten Aepfeln. Es war eine angenehme Abwechslung von dem ewigen Hirsebrei und Habermus.
Nur gar zu früh neigte sich die Oktobersonne zum Untergang. Der Wagen mit den vollen Körben war schon abgefahren; die Pflücker aber trieben sich spielend, neckend, singend oder plaudernd unter den Bäumen umher, bis es die höchste Zeit zum Aufbruch war, wenn man das Abendgebet in der Kirche nicht versäumen wollte. Schnell ordnete sich der Zug. Den paarweise Wandelnden hätte niemand mehr die muntere Kurzweil angesehen, die sie eben noch getrieben.
Aber wie? Zuletzt nur einer? Wer fehlt da?
»Das Reiterlein!«
»Der Bengel sitzt wohl noch auf einem Baum und stopft sich übervoll? Dietrich! Nichtsnutz! Wildfang! Wo steckst du nur? Na warte, wenn du die Kirche versäumst!«
Keine Antwort.
»Nun, er findet schon den Weg; vielleicht ist er vorausgelaufen, um stibitzte Aepfel im Bettstroh zu verstecken!«
Aber Dietrich war nicht im Schlafsaal, nicht in der Schulstube, nicht in der Kirche; er war verschwunden. Erst am andern Morgen ward's dem Lehrer offenbart, und auch dieser hoffte noch, der Schelm habe sich irgendwo versteckt und befinde sich bei einem Haufen Aepfel ganz behaglich. Der gute Mann durchstreifte selbst die Gärten, die Höfe, die Felder, rufend und suchend, aber ganz umsonst. Ja, es blieb kein Zweifel, der Freiheitsdrang war ihm zu stark geworden, als er von den Baumwipfeln in die weite Welt guckte, und er war entflohen. Nachforschungen in der volkreichen Handelsstadt, wo täglich Scharen von Fremden zu den Toren ein- und wieder herausströmten, wo stündlich Schiffe den Hafen verließen, um in alle Welt zu ziehen, wären ganz vergeblich gewesen. Auch war Flucht aus dem Kloster zu jener Zeit nichts allzu Seltenes. Im Grunde war man froh, den Wildling los zu sein, der doch nur eine Last für die Bruderschaft geworden wäre.
Nur Thomas trauerte um den Flüchtling. Der dunkle Kopf, der sich beim Einschlafen an ihn geschmiegt, die frische Stimme, die ihn am Morgen geweckt, der dankbare Blick der schönen schwarzen Augen fehlte ihm allzusehr! Jetzt erst fühlte er, wie lieb ihm der Knabe gewesen, schloß auch mit keinem andern engere Freundschaft. Er war nun ins Jünglingsalter getreten, wo man weicher empfindet und gern träumt und schwärmt. Musik und Gesang, ja die ganze, den Sinnen schmeichelnde Art des Gottesdienstes, die Bilder, die Statuen, das geheimnisvolle Licht der ewigen Lampe, dies alles machte mehr und mehr Eindruck auf sein Gemüt. Wäre es doch vielleicht besser, sich von allen irdischen Banden loszureißen, alle Wünsche auszugeben und als frommer Bruder sein Leben im Kloster zu verbringen? Dann kamen wieder Zeiten ganz entgegengesetzter Gefühle. Er war nun fast der Gelehrteste in der Schule; nur drei oder vier machten ihm dann und wann den Rang streitig. Da regte sich der Ehrgeiz, von dem er bis jetzt nichts gewußt. Er wollte und mußte der Erste sein, und wenn er's einmal nicht war, konnte er dem, der ihn überholt, kaum ein freundlich Wort zusprechen. Es half ihm gar nichts, wenn er es dem Priester beichtete und dann lange vor dem Altar kniete, um die auferlegten Bußgebete zu sprechen. Sobald er wieder aufstand, kam's ihm schon in den Sinn, ob er wohl morgen seine Sache am besten machen würde, am aller-, allerbesten! Nun, wenn er nur erst unter den frommen Brüdern wohnte, würde das ganz von selbst anders werden.
Schneller als er gedacht verstrich die Schulzeit, und er war im Kloster. Hier aber erwartete ihn die bitterste Täuschung. Mit dem Studieren war's ganz vorbei, und die niedrigsten Dienste wurden ihm aufgetragen. Gänge und Säle fegen, Teller und Schüsseln waschen, Wasser vom Brunnen und Holz aus dem Schuppen schleppen, das war seine Arbeit, zu der er sich ungeschickt genug anstellte. Das Schlimmste aber war, daß es unter den frommen Brüdern ganz anders zuging, als er sich's vorgestellt. Statt brüderlicher Liebe herrschte nur zu oft Streit und Eifersucht, statt heiligen Ernstes leichtfertiger Scherz, statt Nüchternheit Völlerei, und ein Aufwand im Essen, der ihn oft anwiderte. Die bleichen, stillen, hohläugigen Brüder aber, die unbekümmert um dies alles ihren Weg gingen und ihrem Leibe auch die allernötigste Pflege versagten, gefielen ihm auch nicht, da er bald merkte, daß sie in geistlichem Hochmut geringschätzig auf die andern herabsahen.
Endlich mutete man ihm etwas zu, was ihm im Grunde zuwider war. Es ging ihm wie Doktor Luther; er mußte mit dem Sack auf dem Rücken von Haus zu Haus laufen, um Gaben für das Kloster zu betteln. Für das Kloster, das hinter seinen Mauern so unermeßlichen Reichtum barg! Aber das ging ihn ja nichts an; er hatte nur zu gehorchen.
Immerhin war's schön, wieder einmal unter Menschen zu kommen, die keine Kutten trugen, und die altbekannten Straßen wieder zu durchlaufen. Da war der Markt, wo er als Knabe Gemüse und Blumen verkauft; da war die Straße, wo der Goldschmied wohnte! Keine Macht der Welt hätte ihn dazu gebracht, in seinem Hause zu betteln; kaum wagte er zu den Fenstern emporzublicken. Es war alles recht still da oben; nur einmal erkannte er ein feines Köpfchen mit langen goldblonden Zöpfen. Das war das holde Mägdlein, das ihn damals geküßt. Unter den Säulen waren an Markttagen die Gold- und Silberwaren ausgebreitet wie ehemals; wenn aber der Goldschmied sich zeigte, wandte Thomas schnell das Gesicht ab. Dagegen beobachtete er oft zwei Knaben, ein paar Jahr älter als das Mägdlein, die sich spielend vor dem Hause umhertrieben oder beim Verkaufsplatz kleine Dienste taten. Einer blondhaarig, rotwangig und freundlich; der andere dunkel, feurig, mit unruhigen Augen. Wer mochten sie wohl sein?
Da die Stadt so groß, und der Bettelsack oft recht schwer war, mußte Thomas oft ein wenig ruhen auf dem Steinsitz vor einer Tür, oder auf einer Bank im Hofe. Da konnte es nicht fehlen, daß er manches Gespräch mit anhörte, das Nachbarn oder Gesellen miteinander führten. Zuweilen wurde dabei von Ketzern geredet, die hier und da in der Stadt aufgetaucht, meist aber bald auf geheimnisvolle Weise verschwunden waren. Der ärgste Ketzer schien ein Doktor Luther zu sein, der drunten im Sachsenland sein greuliches Wesen trieb. Auch im Kloster hatte man furchtbare Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen. Was aber ein Ketzer eigentlich sei, konnte sich Thomas nicht recht vorstellen, jedenfalls etwas ganz Erschreckliches. Daß die liebe, fromme Muhme Lene eine Ketzerin gewesen, ja daß der Vers, den er ihr aufs Grab gehängt, ein rechter Ketzervers gewesen war, das ahnte er nicht.
Als er etwa zwei Jahre im Kloster war, drängten sie ihn, das Mönchsgelübde abzulegen; doch konnte er sich nicht dazu entschließen und bat immer von neuem um Aufschub. Seinen Wunsch, Leutpriester zu werden, hatte er auf Rat des Lehrers geheim gehalten. »Wenn sie merken, daß du dir's wünschest, wird sicher nichts daraus«, hatte er gesagt. »Befiehl's Gott; Er wird's wohl machen!«
Endlich ward ihm der Bettelsack abgenommen; doch konnte er sich nicht recht darüber freuen, denn als er ihn zum letztenmal geschleppt, hatte er etwas gar zu Trauriges gesehen. Aus dem Hause des Goldschmieds hatte man einen Sarg herausgetragen, dem viele Trauernde nachfolgten. Der erste war der Goldschmied selber, gebeugt und ergraut, sein holdes Töchterchen an der Hand führend. O wie bitterlich weinte das arme Kind! Die zwei Knaben folgten in langen Trauermänteln. Ja, die liebe, schöne Frau, der er damals an der Kirchtür den Lilienstengel gereicht, war gestorben? War das nicht gar zu traurig?
Doch hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn man führte ihn in die Klosterbibliothek, die er bisher nur selten betreten, und sich über die vielen Bücher, aber noch mehr über den dicken Staub, der darauf lag, gewundert hatte. Diesen Staub einmal gründlich zu entfernen, und die Bücher in gute Ordnung zu bringen, trug man nun dem Jüngling auf. So war er auf lange Zeit beschäftigt und versorgt.
Mit gewaltigem Eifer machte er sich an die Riesenarbeit und wirbelte einen so dichten Nebel auf, daß die wenigen Brüder, die noch nach Büchern fragten, ihn beim Eintreten kaum erkennen konnten. Nach und nach aber fiel ihm ein, daß Bücher nicht nur zum Abstäuben auf der Welt sind; er schlug dann und wann eins auf und sammelte allerlei Gelehrsamkeit, ohne daß das Suchen und Fragen seines Herzens dadurch gestillt wurde. Endlich aber fand er hinter einer Reihe mit uraltem Staub bedeckter Folianten einige lose zusammenhängende, vergilbte Blätter. Es schien ein Teil eines Buches zu sein, das man zerrissen. Als Thomas die dicke Staubdecke entfernt und eine darinsitzende Spinne totgetreten hatte, las er auf dem ersten Blatt deutlich den Namen: »Johann Wessel.« Stehend begann er zu lesen, ließ sich aber bald auf einen Stoß Bücher nieder und las und las! O Wunder, es war, als spräche Muhme Lene zu ihm; als erzähle sie ihm von den Schwestern des gemeinsamen Lebens und dem guten Prediger Thomas von Kempen. So, wie diese Blätter redeten, mochte er wohl gepredigt haben. »Mein Heiland, mein Erlöser!« Das war der Grundton, der sich hindurchzog. Mehrmals studierte er die Blätter durch, verbarg sie aber dann jedesmal hinter einer Reihe Bücher, die niemals gebraucht wurden. Der Inhalt schien ihm fast allzu kühn. »Nicht die Werke, der Glaube allein macht selig!« Wie konnte dieser Wessel wagen, das zu behaupten? Und doch klang es ihm süß und einladend.
Der helle Klang des Glöckleins, das zum Mittagsmahl rief, erschreckte ihn fast. Schnell warf er die Blätter in einen Winkel und wollte hinauseilen, sich am Brunnen zu waschen. Da öffnete sich die Tür, und Bruder Ignatius, einer der strengen Asketen, der nur selten am Essen teilnahm, trat herein. Sich tief neigend, sprach Thomas: »Welches Buch wünschet Ihr, ehrwürdiger Vater, daß ich's Euch herabhole und reinige?« Aber die scharfen Augen des Mönches bemerkten eine Erregtheit im Antlitz und Wesen des Jünglings, und in demselben Augenblick sah er die gesäuberten Blätter am Boden liegen. Er hob sie auf, blickte hinein und schleuderte sie in den Kamin, wo der großen Kälte wegen einige Holzscheite loderten. Hätte Thomas sich zu einem Ausruf des Bedauerns hinreißen lassen, wär's sein Unglück gewesen; doch hatte er in der Klosterzucht schweigen gelernt, bediente den Pater aufs eifrigste und öffnete ihm zuletzt mit Ehrerbietung die Tür.
Als der Winter sich zu Ende neigte, hatten sich die frommen Brüder eines Tages zur Beratung im Kapitelsaal versammelt. Da ward auch berichtet, daß der alte Leutpriester eines Fischerdorfes unweit der Stadt gestorben sei. Die Stelle gehörte dem Kloster; aber wer würde Lust haben, sie anzutreten? Das Kirchlein war klein und schlecht, das Häuschen vernachlässigt, der Garten wüst, die Gemeinde arm und nicht allzu gut angeschrieben. Da erhob sich Pater Ignatius und sprach:
»Setzet Thomas, den Bauernsohn, darauf!«
»Ist's nicht schade um ihn? Er hat einen feinen Kopf«, wandte ein Bruder ein.
»Mir aber«, fuhr Ignatius gereizt fort, »ist eine Offenbarung geworden, daß er nicht für das Kloster taugt.«
Da bat man ihn alsbald, doch ja nicht zu zürnen. Was er spreche, sei sicher vom Himmel geredet. Thomas müsse ins Fischerdorf, er möge nun wollen oder nicht.
So gab man ihm die Priesterweihe, und er hielt mit großer Andacht seine erste Messe. Seine Freude über den Beruf tat er niemand kund als Schwester Grete. Man hatte sie, seit beide Eltern gestorben waren, in Roberts Hause wenig besser gehalten als eine Magd. Nun jubelte ihr treues Herz, daß sie dem Liebling den Haushalt führen sollte. Mit ihm besuchte sie noch einmal das Grab der guten Muhme; dann ward allerlei geringer, alter Hausrat, den niemand mehr mochte, auf den Wagen geladen, und die beiden hielten still und glücklich ihren Einzug ins Leutpriesterhäuschen.
4. Der Goldschmied und sein Haus.
Als Thomas bei seiner letzten Bettelfahrt den Leichenzug vor des Goldschmieds Hause gesehen, hatte er zwar den Tod der lieblichen Frau herzlich beklagt, aber doch von der Größe und Tiefe der Wunde, die Gott in des Mannes Herz geschlagen, keine Ahnung gehabt. Der Klosterzögling wußte ja nichts von der Liebe, die zwei Herzen so verbindet, daß sie eigentlich nur ~ein~ Herz sind. Wird dies Band zerrissen, so lernt sich der Zurückbleibende wohl nach langem, heißen Kampf in Gottes Willen ergeben, doch bleibt sein Herz zerbrochen. Ein Teil ist emporgeschwebt zu Gottes Herz, das andere irrt sehnend und suchend unter den Menschen umher, die es, ach! so selten verstehen.
Der einzige irdische Trost des einsamen Mannes war das lieblich heranwachsende Töchterlein Anna, das an Leib und Seele der Mutter ähnlich zu werden versprach. Am Lehnstuhl, und später am Lager der Mutter, hatte das wohlbegabte Mägdlein lesen und schreiben und noch mancherlei Schönes und Gutes gelernt. Jetzt führte es der Vater selbst weiter, so gut er vermochte, da er sich durchaus nicht von ihm trennen wollte, und die Klosterschulen, in denen man Mägdlein höherer Stände erzog, nicht leiden konnte. Ueberhaupt mißfiel dem tätigen, tief denkenden Manne das müßige Leben der Mönche und Nonnen aufs höchste.
Damit es aber der kleinen Anna auch nicht an leiblicher Pflege und Anleitung zu häuslichen Tugenden fehlen möge, hatte der wackere Mann schon vor mehreren Jahren, als sein liebes Weib anfing zu kränkeln, die Witwe eines seiner Gehilfen ins Haus genommen. Ihren einzigen Sohn Gottfried, einige Jahre älter als Annchen, durfte sie mitbringen. Freundlich, gehorsam, sanftmütig und dabei doch männlichen, ritterlichen Sinnes, ward er der lebhaften Kleinen ein williger Spielgefährte und wackerer Beschützer. Das war der hübsche blonde Junge, den Thomas unter den Säulen gesehen. Aber wer war wohl der hitzige Schwarzkopf mit den feurigen Augen? Den hatte der Goldschmied eines Tages mit heimgebracht, und nur wenige wußten, wo und wie er ihn aufgefunden. Um es genau zu berichten, muß man ein wenig weit ausholen.
Seit dem Jahre 1519 regierte der deutsche Kaiser Karl V. über die Niederlande, die vorher unter burgundischer Herrschaft gestanden, aber wegen ihrer vielen Freiheiten und Privilegien fast für einen Freistaat gegolten hatten. Karl V. aber ward nach seines Vaters, Philipp des Schönen, Tode Erbe der Niederlande und der österreichischen Hausmacht; von seiner Mutter aber erbte er Spanien und die neuentdeckten Länder Amerikas. Mit Recht sagte man daher, in seinem Reiche gehe die Sonne nicht unter. Karl war in den Niederlanden geboren, liebte das geistig hochstehende, gewerbfleißige und biedere Volk, und ward, wenigstens in der ersten Hälfte seiner Regierung, auch von ihm geliebt. Nur die ungeheuern Geldsummen, die er von diesen seinen reichsten Untertanen als Steuern forderte, erregten zuweilen den Unwillen der Bevölkerung. Damit dieser nun nicht in offene Empörung ausarten möchte, hielt der Kaiser stets eine Macht spanischer Soldaten unter Waffen, die dem unkriegerischen Handelsvolk gewaltigen Respekt einflößten.
Als der Goldschmied einst am Hafen auf und nieder ging, um allerlei Geschäfte abzutun, war eine große Menschenmenge versammelt, um der Abfahrt eines Schiffes zuzuschauen, das eine Schar spanischer Soldaten in ihre Heimat zurückbringen sollte. Als das Fahrzeug endlich mit geschwellten Segeln dahinglitt, die Menge sich zerstreute, und der Lärm aufhörte, vernahm der Goldschmied das laute, bitterliche Weinen eines Kindes. Er schaute um sich und sah auf einem Stein einen schwarzlockigen Knaben sitzen, dessen kleiner, zarter Körper von heftigem Schluchzen erbebte, während die Tränen zwischen den vorgehaltenen Händen herausdrangen. Das war mehr, als der brave Mann ertragen konnte.
»Was fehlt dir, armes Kind?« fragte er, die Hand auf den struppigen Schwarzkopf legend.
»Was geht's Euch an?« war die mürrische Antwort. »Ihr helft mir doch nicht!«
»Gern will ich dir helfen; nur mußt du mir erst dein Leid klagen. Hast du vielleicht Hunger?«
Der Junge richtete sich auf, schüttelte den Kopf und sprach: »Aus Hunger mach' ich mir nicht viel; hab' ihn schon oft gehabt. Aber dort«, fuhr er fort, nach dem dahineilenden Schiffe zeigend, »dort fährt sie ins Heimatland, und mich hat sie verlassen! Schon oft nannte sie mich eine Last, einen Kobold, einen kleinen Teufel!«
»Wer nannte dich so?«
»Nun, meine Mutter, die den Soldaten Brot und Fleisch verkauft und viel Wein einschenkt. Sie schickte mich in die Stadt zurück, um etwas zu holen, und als ich wiederkam, war das Schiff fort.«
»Wer ist denn dein Vater?«