Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 9

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[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17 000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden; _Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem Anarchismus zugewandt.]

[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]

[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt, der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9. 04).]

[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35, Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".]

[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287 ff.]

[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.]

[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch "fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade" ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart. vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".]

[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307); mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen, weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in Deutschland war.]

Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen, nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen" Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.

[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 134, 431 ff.]

[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland möglich?"]

Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen, die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz, die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]

[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr. _Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte, die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).]

[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_ erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).]

Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom _Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine _event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394] Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte, noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd; wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.

[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.]

[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.]

[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2. Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).]

[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.]

[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).]

[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).]

[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).]

[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts, 31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, p. VIII).]

[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734, 735.]

[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.]

[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.]

[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena "absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften" gestellt.]

[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_, a. a. O. Nr. 33.]

[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 928.]

[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch _Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p. 984).]

[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.]

Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere _Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich, daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im Massenstreik gipfeln müsse.

[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".]

Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene _ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16. Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. -- Diese Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom _Parteitag_ 1906 in _Mannheim_ bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch" miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]

[Fußnote 402: Dies führte natürlich zu unerfreulichen Auseinandersetzungen, z.B. zwischen dem Vorwärts und _Bernstein_ (vgl. "Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304; _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die "Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. _Elm_, _Frohme_ und _Lesche_ im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). -- _Bernstein_ klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O. und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. _Schmidt_, "Irrgänge der Massenstreiktaktik".]

[Fußnote 403: Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im Sande verlaufen war.]

[Fußnote 404: Die 6 _Bebel_'schen Sätze notierte sich, da kein Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, _Silberschmidt_; in der _Silberschmidt_'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor (die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls akzeptierte.]

[Fußnote 405: Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.]

[Fußnote 406: Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von _Bebel_ formuliert worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1. Juli 06). -- Nach _Bebel_ soll dieser Satz gelautet haben: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, _gegenwärtig_ den politischen Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden _müssen_, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen" (Vorwärts, 1. Juli 06).]

[Fußnote 407: Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik ausbrechen würde.]

[Fußnote 408: _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.), _Silberschmidt_ (ebenda, p. 301 ff.).]

[Fußnote 409: Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06 [Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).]

[Fußnote 410: Man stritt, ob die von _Bebel_ verteidigte Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z.B. die "Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die _Silberschmidt_'sche (dies behauptet z.B. die Karlsruher Volksstimme [vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni 06, Nr. 175); ob _Silberschmidt_ die _Bebel_'schen Thesen "sinngemäß" niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen oder können; ob _Molkenbuhr_ den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen "Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.]

[Fußnote 411: In Mannheim referierte wiederum _Bebel_ über den pol. M-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm _Legien_ das Korreferat (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).]

[Fußnote 412: Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".]

[Fußnote 413: So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.]

[Fußnote 414: Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution _Bebel_ mit Amendement _Bebel_ und _Legien_ und einem Teil des Amendements _Kautsky_ durch 386 gegen 5 Stimmen.]

Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl die Rede sein. Trotzdem war eine _Wandlung_ vor sich gegangen.[415] Es wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.

[Fußnote 415: Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (_Hoffmann_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.]

[Fußnote 416: In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so _Rob. Schmidt_, Prot. Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.]

Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene _Jenaer Resolution_ eine kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen "permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der Gewerkschaftsdevise 'kommt Zeit, kommt Rat'" blieb.[421] -- In dieser äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare", die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422] Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen, als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der Partei[429] geschöpft hatten.

[Fußnote 417: Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.]

[Fußnote 418: E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik". ("Einigkeit", 9. Dez. 05.)]

[Fußnote 419: _Michels_, a. a. O. p. 305.]

[Fußnote 420: Vgl. _Legien_ (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.); _David_, _Michels_ (a. a. O.) _Labriola_ (cit. bei _Michels_) und andere sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter zu.]

[Fußnote 421: _David_, "Rückblick auf Jena".]

[Fußnote 422: Vgl. z.B. die _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 14. Juli 06.]

[Fußnote 423: Vgl. _Bebel_, "Der Bremer Parteitag"; _Liebknecht_, Prot. Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"]

[Fußnote 424: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.]

[Fußnote 425: _Sächsische Arbeiterzeitung_, cit. im Vorwärts, 4. Juli 06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen _Bebel_'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.), ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des russischen Proletariats" verwiesen wurde.]

[Fußnote 426: Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach Deutschland hinüber zünden.]

[Fußnote 427: Z.B. Kurt _Eisner_ in der "Neuen Gesellschaft", cit. im Vorwärts, 12. Juli 06; _Stapfer_, "Wahlrechtsbewegung und Massenstreik".]

[Fußnote 428: Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).]

[Fußnote 429: Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf (vgl. die "_Einigkeit_", 2./9. 05); ähnlich auch z.B. _Nieuwenhuis_ (cit. bei _Michels_ a. a. O.) und Ed. _Berth_ (Notes Bibliographiques, Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).]

Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der _Februar-Konferenz_ und in der Verteidigung der _Bebelschen Thesen_[430] zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch _defensiver_, der Diskussion darüber nur _akademischer_ Charakter zugebilligt.[432] Es wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt gewesen wäre.[433] Diese _Interpretationswandlung_ aber wurde von den tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine "Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten" worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese aber bestanden

1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]