Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 8
In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von 1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321] entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern 1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322] Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325] Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336] Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas _beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des österreichischen Volkes.
[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.]
[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts (_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).]
[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber angenommen.]
[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).]
[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred _Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").]
[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.]
[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 55, 71 ff., 97).]
[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.]
[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.]
[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl. "Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan. 1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest, doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter, unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).]
[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz. Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).]
[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.]
[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.]
[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9. (oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).]
[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.]
[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).]
[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl. Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).]
[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr. Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.]
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Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück. Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343] verdanken.
[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.]
[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).]
[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3. April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).]
[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).]
[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.]
[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7, ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).]
[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12 Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33, 38).]
§ 13. Deutschland.
In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_: Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften" Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen.
[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer Theorie und Taktik", p. 292.]
[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.]
[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische Gewerkschaftsbewegung vor.]
[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".]
[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".]
[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr. 183.]
1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351] ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte" Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_. Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des Generalstreikgauls".[358]
[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p. 35.]
[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).]
[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über "Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um "die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die... immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).]
[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05) forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.").]
[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.]
[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische Massenstreik" Nr. 33, p. 3.]
[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès d'Jéna", p. 281-307.]
[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p. 685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.]
[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a. O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"]
2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel. Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als _Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang 1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung, vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen gefördert haben.
[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland nicht notwendig gewesen.]
[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Cohnstaedt_, a. a. O.]
[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik" (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag") rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der _Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom 8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".]
3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die _internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam.
4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_ des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.
[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen übermäßige Bedeutung erlangt.]
_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen "ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst _Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft besondere Beachtung zu finden".[366]
[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.]
[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".]
[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept. 1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang (vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).]
[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.]
Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367] verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor, während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer 1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_ Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik".]
[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag", "Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4. Juli 06).]
[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".]
[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der _Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen Massenstreikdebatte.]
[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2. Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte: _Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_ verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl. auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.]
5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R. _Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die "Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach _Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems genötigt.[380]