Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 7

Chapter 73,000 wordsPublic domain

So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte: die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht; insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U. ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er "zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893 getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.

[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.]

[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.]

[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. 47.]

[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl. _Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_

[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z. Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. 02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.]

[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05], welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a. a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. 02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte (Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02; _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; _Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)]

[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4., demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z. 14./4).]

[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.]

[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten vor.]

Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann" erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.

[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 193.]

[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]

[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a. a. O.]

Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]

[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.]

§ 11. Schweden.

Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert, sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch "Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung" hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte, resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte "bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest "durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen "Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.

[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.]

[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen 19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z. 24./5.).]

[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]

[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.]

[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.]

[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 624.]

[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom 10.-13. April.]

[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.]

[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]

[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000 Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am 12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw. gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).]

[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.]

[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht gekommen" sei.]

[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.]

[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 ff.]

Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000 Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen weit übertraf".

[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.]

[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.]

[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-, Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig (vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig" (_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg (_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am 15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester", Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter, Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.); diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).]

[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; _Bourdeau_, p. 431.]

Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai auch wieder aufgenommen.[306]

[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422.]

[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken, Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und N. Z. Z. 16./5.).]

[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg. 15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg. Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).]

[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg. 17./5.).]

[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl. Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).]

[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.]

[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420; _Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden (Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein (vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).]

[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".]

[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).]

Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte: ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]

[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.]

[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende, sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_, "Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel").]

[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.]

Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken des Klassenstreiks vorläufig fallen.

[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423) nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen (Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed. Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.]

[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker").]

[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen Wahlrechtskampf").]

[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).]

[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz. Mh. Mai 04, p. 410).]

[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p. 623, 624.]

[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.]

§ 12. Österreich.