Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 6

Chapter 63,392 wordsPublic domain

Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in Amerika, wieder zur Sprache.

[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]

Zweites Kapitel:

_Die moderne Arbeiterbewegung._

(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.

§ 10. Belgien.

Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893 schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700 Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit 46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen _Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen. Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26 Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221] die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223] im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte. -- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228] verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am 18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten "Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14 Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder hergestellt.[229]

[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]

[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200 000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch _Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p. 57.)]

[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von 75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die folgenden Jahre.]

[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident, _Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.]

[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.]

[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg. 4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891, und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)]

[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg. Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000 Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.]

[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)]

[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des Verfassungsrats.]

[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich, Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p. 429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)]

[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr einseitiger Beurteilung nahe liegt.]

[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)]

[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen, Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.]

[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg. Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu (bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14. streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten (am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am 17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.]

[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000 betragen haben.]

[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen; bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am 19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z., 19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La Louvière.)]

[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am 13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13. in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60 Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes; am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N. Z. Z., 18./4. 93.])]

[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16 Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der 21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.]

[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.]

[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu Ruhestörungen durch Ausständige.]

Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte; brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233] Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach, als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren; da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die liberale Welle trug.

[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20. April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z. unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt, den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu zwingen".]

[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von 1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse... und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit: denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16 Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.]

[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.]

[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.]

[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl. Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892 abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme, daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik, Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum ernst zu nehmen sein.]

[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.]

[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5. 93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z. 19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer, das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.]

[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).]

* * * * *

Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28 Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U. (suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer "Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901 verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte. Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16. April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253] wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit 82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu normalen Verhältnissen zurück.[266]

[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die Sozialisten sogar 32 Vertreter.]

[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196.]

[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.]

[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.]

[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.]

[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel, 30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4. 02).]

[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]

[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz. Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".]

[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen senden.]

[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen Garden" die Agitation betrieben.]

[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02); _Vandervelde_ a. a. O. p. 45.]

[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.]

[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).]

[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über 150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer "nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.]

[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a. O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.]

[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. haben nahezu volle Arbeitsruhe.]

[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen sich aus.]

[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz _Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl. _Vandervelde_ a. a. O.).]

[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000 Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.]

[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.]

[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.]

[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902 seitens _Vandervelde's_.]

[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4. 1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z. Z. 19./4. 02).]

[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht (N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck (N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).]

[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.]

[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.]

[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]

[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein. _Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von "vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").]

[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des 18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).]