Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 5
Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von _Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein, um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week, during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded, nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der "physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl, das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren. Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158] vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.
[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636. --_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer "political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am 16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf dem großen Birminghamer Meeting 1838.]
[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.]
[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung werden.]
[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".]
[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 43).]
[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.]
[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.]
Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber, als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche" wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev. Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839), bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent, "a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats (z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds, dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den "voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165] Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen: war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung für den national holiday war vorläufig beendet.
[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr die Rede.]
[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.]
[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham; vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.]
[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.]
[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.]
[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p. 126-130).]
[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground" (cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).]
[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse, entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p. 129-145).]
[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".]
[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 146).]
[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p. 641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47, 48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).]
[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades" angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).]
Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen. Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer, liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden, zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats zurückfielen".[177]
[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.]
[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.]
[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol. Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a. O. p. 48.]
[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a. O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren Chartistenminorität.]
[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]
[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.]
Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5. August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire, Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180] gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen, (woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187] und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder aufgenommen.[189]
[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den 12. Mai als Beginn (p. 427).]
[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150 Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000 Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)]
[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton, Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren ließen" (_Brentano_, a. a. O.).]
[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug. in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O. p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)]
[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.]
[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl. _Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).]
[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.]
[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen 59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 231).]
[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p. 249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.]
[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]
Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.
[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.]
Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]
[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_ ["Enquête" p. 186]).]
§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich.
Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme, jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer, pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194]
[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p. 20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl. Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten. -- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str. "wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str. war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.]
[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396 ff.]
[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck "grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst _Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber auch hiermit keinen Anklang.
[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.]
[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive" (1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en France (1852-1902)", p. 23.]
[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).]
In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik" (Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199]
[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W. _Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.]
[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.]
Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.
Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868 lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204] Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis, daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]
[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.]
[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im internationalen Verbande", p. 239.]
[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76.]
[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.]
[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21 ff.).]
[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft". Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl. _Pouget_, Enquête, p. 39).]
Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille), dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt; aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.
[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.]
Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation, teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]
[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).]