Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 4

Chapter 42,998 wordsPublic domain

Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_ handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als _Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen.

[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.]

[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).]

[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl. Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).]

[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl. _Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.]

Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)

Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen; hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die "widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]

[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr. vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber auch beim reinen Kl-str. denkbar.]

Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]

[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a. a. O.).]

Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht, so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also ein indirekter Streikdruck lasten.

Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den Streik predigen.[118]

[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z. B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B. _Bourdeau_, p. 442.]

[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.]

[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416 ff.]

[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse, qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_, "Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, 27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".]

Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen, wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]

[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr. Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl. _Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 131).]

[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216).]

Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_.

Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder _Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine "verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet "systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124] "Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125] ist also völlig verwerflich.

[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf _Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.]

[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.]

[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_ ("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus aufstellt, nicht gehört".]

[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_").]

[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr. 283.]

Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen äußerst nahe.

Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127] Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1. Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als "würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem, neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher Klassenstreik ansehen.

[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl. _Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a. a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)]

[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der "öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893, p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).]

[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai 1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).]

[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.]

[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int. Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04, p. 53 ff.]

[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl. Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).]

[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln; Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53 ff.).]

[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.]

Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem Klassenstreik verbunden sein.[134]

[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu bieten.]

Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder eigenmächtige Steuerverweigerung.

[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing" und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr. M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105). Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um "durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).]

[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_) schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr. Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).]

_Zweiter Teil:_

Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.

Erstes Kapitel:

_Vorläufer._

§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.

Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn, aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den "sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der _Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140] Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]

[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9. 12. 05).]

[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).]

[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p. 3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet (vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.]

[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach." (_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap. II, p. 263, 264).]

[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p. 19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_, "Les grèves politiques", p. 425.]

Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14. Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte _Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]

[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.]

[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p. 240 ff., 410. --]

[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 Jahren", p. 507.]

Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits _Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]

[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en Belgique", p. 258.]

[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.]

[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a. O. p. 13.]

Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.

[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).]

[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.]

§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.

In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines "Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit der Antike verknüpft.

[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem "Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B. _Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124, 125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen" (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).]

[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 960.]