Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 2

Chapter 23,103 wordsPublic domain

Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25] "Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die normalen Attribute des Klassenstreiks.

[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28. Mai 04.]

[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter! Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad _Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).]

[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden, Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch "Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz. Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).]

Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen Boden meiner Macht".[31]

[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31.]

[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]

[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.]

[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]

§ 3. Ziele des Klassenstreiks.

Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein, die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten; indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem die romanischen Sympathiestreiks.)

Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um Teilpostulate, wie um Endpostulate.

Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war, _politischen_ Charakter.

[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893 aufgetauchten Plan.]

[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.]

In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen "reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der _Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie, Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]

[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15; _Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot. Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?", p. 36.]

[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl. _Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß".]

[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38); _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".]

[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand", Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.]

[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193.]

[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).]

Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]

[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr. London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit. in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La "Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.]

[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05 große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).]

Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt, "Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43] sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.

[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394.]

[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft", zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.]

[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363; --_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.]

Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48] Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49] gerechnet.[50]

[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la questione dello sciopero generale."]

[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_, "Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40; _Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes françaises Paris 1899", p. 254, 255).]

[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.]

[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u. Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).]

[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 297.]

[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel (_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..." usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution in Barcelona", p. 7).]

§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.

Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.

Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße Ankündigung.

Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_ Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste, nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen, zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.

[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen" (_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).]

[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".]

[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen politischen Demonstration auferlegen".]

[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".]

[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am 10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!... Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des Sozialismus, Nov. 05, p. 521).]

[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und _Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.]

Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend _materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt werden.[57]

[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.]

Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik, der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte, meist kurze Dauer proklamiert werden.

Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]

[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.]

[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb. der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]

[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung: in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt (_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte, nicht zu beseitigen vermochten.]

[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.]

Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise in Rechnung gezogen wird.[63]

[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer" (_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.]

[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."]

Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der _wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]

[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.]

[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).]

[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes, als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten" (E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31, 32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß" gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats" interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).]

[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11, "Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch _Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.]

[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom 9. Jan. 04).]

[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von 1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_ [Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks (_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p. 307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261], _David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.]

Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_ werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das "erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht" entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte) ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende", "verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern", "Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz, als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-, Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen Verhältnisse gestatten würde.

[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.]

[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen "utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195).]

[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31.]

[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero generale").]

[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.]

[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".]

[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale"; die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode" (_Briand_, p. 15).]