Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 17
Je mehr Widerstand die Gegner leisten, um so mehr Ausharrungsvermögen ist auf Seite der Arbeiter erforderlich. Also ist ein defensiver, friedlicher Demonstrationsstreik für Teilziele, von mäßigem Umfang und kurzer Dauer am relativ leichtesten,[767] der revolutionäre Pressionsstreik aber am schwersten durchführbar. Letzterer verlangt auf Seiten der Arbeiter ein so ungeheures Maß von Organisation, materiellen Mitteln, Disziplin, Opferwilligkeit und eine so ungeheure Beteiligung, oder er setzt auf Seiten der bürgerlichen Gesellschaft eine so schwache Regierung, eine so jämmerliche, zusammengeschrumpfte Bourgeoispartei, ein so vollkommen unzuverlässiges Heer voraus, daß er, sobald er möglich wäre, auch schon unnötig würde. Denn dann wären ja wirklich die Voraussetzungen des Sozialismus vorhanden, und es dürfte weder die einzige,[768] noch gerade die beste Art sein, das neue Arbeitssystem durch Proklamierung eines allgemeinen Ferienurlaubs einzuführen.[769]
[Fußnote 767: Vgl. z.B. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 734, 735; _Block_; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
[Fußnote 768: _Friedeberg_ ("Weltansch." und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des "Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation seiner Grundlagen.]
[Fußnote 769: Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z.B. W. _Liebknecht_ (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24; Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); _Vliegen_ ("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196); _Aveling_, _Plechanoff_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); _David_, "Die Eroberung der politischen Macht"; _Düwell_, p. 233; _Greulich_, "Wo wollen wir hin"? p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon _Atwood_ (vgl. _Tildsley_, p. 48, 49); anderer Meinung z.B. die Redaktion von "_De Nieuwe Tijd_" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne, zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. _Liebknecht_ verwirft ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können, brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der Erfolg eines Kl-streiks, am wenigsten der eines revolutionären Kl-streiks garantiert!]
§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks.
Der Erfolg des Klassenstreiks, -- mit Ausnahme des reinen Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner Ziele erstrebt, -- besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt also in erster Linie von deren _objektiver Realisierbarkeit_ ab.
Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie _Bernstein_, _Jaurès_, _Roland-Holst_ usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte, so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt, die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor des Innenlebens immer wesentlicher" (_Friedeberg_); danach ließe sich also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der "Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog. "_historische Psychismus_", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen die Übertreibung des _historischen Materialismus_ anzusehen sein. -- Nicht ganz so weit, wie _Friedeberg_, geht _Thesing_: der Wille des Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen Generalstreik, verleugne.[774]
[Fußnote 770: Vgl. _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug. 05, Art. "Anarcho-Sozialismus".]
[Fußnote 771: "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt werden" (_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (_Stieda_, Art. "Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie die großen Kriege und Invasionen bewiesen (_Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 111 ff.).]
[Fußnote 772: Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen aufweisen. -- _Jaurès_ meint, in den gerade durch den Streik selbst isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.]
[Fußnote 773: Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e federata", wie _Thesing_ (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (_Kautsky_, "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde "stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."]
[Fußnote 774: Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei _Sombart_ ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.); _Sombart_ folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen "Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch nicht imstande,... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt sein würden (a. a. O. p. 141).]
Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des _Streikdrucks_ ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht, nach oben durch die _tatsächliche Macht_ des Proletariats begrenzt, also einerseits durch seine _politische Bedeutung_, die auf der "gewaltigen Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine _ökonomische Bedeutung_ (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776] seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht.
[Fußnote 775: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.]
[Fußnote 776: _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische Krisis".]
[Fußnote 777: _Hilferding_, a. a. O. Die ökonomische Macht des Proletariats wachse "organisch hervor... aus der Stellung und Funktion des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); _Thesing_, p. 334, nennt als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und Arbeitskraft.]
Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute. Handelt es sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft... an einem Tage zum Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur "für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783]
[Fußnote 778: Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z.B. _Werner_, Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich _Eckstein_, p. 363; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337, usw.]
[Fußnote 779: _Henry George_ soll gesagt haben: "wollte einmal die produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei _Grosch_). Die Absicht, durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z.B. _Bernstein_: "Der Streik als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).]
[Fußnote 780: Es waren z.B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit. bei _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.]
[Fußnote 781: Wie _Grosch_, p. 14, 15 annimmt.]
[Fußnote 782: _Hilferding_, a. a. O. p. 141.]
[Fußnote 783: _Kautsky_ ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht. -- Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem gewissen Umfang weiterarbeiten.]
Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die Beteiligung des _gesamten_ Proletariats am Klassenstreik praktisch überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und Indifferente wirken kann.[788]
[Fußnote 784: Z.B. die Staatsarbeiter (vgl. _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. _Kampffmeyer_, p. 874 ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 112 ff.; _Parvus_, "Staatsstreik und politischer Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z.B. meist auch die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).]
[Fußnote 785: In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen. --_Cohnstaedt_ ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen würden; das bezweifelt _Düwell_ (p. 249), und wohl mit Recht; er meint, daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend mitmachen würden. -- Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"). Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke (Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen) ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).]
[Fußnote 786: _von Elm_ (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen; ähnlich _Luxemburg_ (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.]
[Fußnote 787: "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des deutschen Volkes" (v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein (vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 882; _Giesberts_, a. a. O. p. 35).]
[Fußnote 788: Vgl. _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Luxemburg_ (cit. von Wilhelm _Schröder_, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der Streik einer bewußten Minorität. Nach _Louis_, p. 299, braucht nur ein Teil des Proletariats organisiert zu sein. _Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat, das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.]
Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück. Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese _Streikflucht_ nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu. Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten Arbeit[789] stets zahlreiche _Ersatzkräfte_ zur Verfügung: vor allem die "_Reservearmee_". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das _Militär_, und zwar sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das _Bürgertum_ selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt.
[Fußnote 789: Die _notwendigste_ Arbeit ist keineswegs immer die _komplizierteste_; neue Arbeitskräfte lassen sich also oft unschwer anlernen.]
[Fußnote 790: Um die seitens der "Reservearmee" drohende Minderung des Streikdrucks zu paralysieren, wird möglichste Steigerung der gewerkschaftlichen Organisation gefordert (vgl. _Delory_, Congrès général... Paris 1899, p. 246 ff., vgl. auch v. _Reiswitz_, p. 32 ff.); übrigens kann dies event. durch den Bezug ausländischer Arbeitswilliger hinwiederum illusorisch gemacht werden (vgl. _Penzig_, p. 43).]
[Fußnote 791: So fungierten die Soldaten als "Streikbrecher" beim Reisarbeiterstreik in Norditalien (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 38), beim Elektrizitätsarbeiterstreik in Paris (vgl. _Kulemann_, "Das Streikrecht in öffentlichen Betrieben"). 1903 verwendete man sie in Holland zur Aufrechterhaltung des Verkehrs (_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").]
[Fußnote 792: Man verwendet z.B. Eisenbahntruppen oder die Angehörigen der sog. Militärapprovisionierung (_Eckstein_, p. 359).]
[Fußnote 793: Die Militarisation bringt den Arbeiter in einen wahrhaft tragischen Konflikt; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Vergehen der überdies meist aussichtslosen Meuterei (_Eckstein_, p. 360) und dem "Verrat" der eigenen Sache. -- Eine Militarisation fand z.B. in Ungarn beim Eisenbahnerstreik statt.]
[Fußnote 794: _Eckstein_, p. 359: der Kleinbetrieb werde diese Gelegenheit gern benutzen, durch Produktionsanspannung seine Existenz zu festigen.]
[Fußnote 795: Elektrische und andere Werke hat man in Streikzeiten schon durch Ingenieure, Studenten, technisches Personal aufrechterhalten (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197, 198; _Roland-Holst_, a. a. O.; _Grosch_).]
Da die Arbeitsruhe unter den heutigen Verhältnissen nie eine vollkommene, sondern höchstens eine relativ-allgemeine sein wird,[796] so kann sie auch nur einen beschränkten Effekt ausüben, und es ist daher ein Erfolg des Streiks regelmäßig nur dann zu erwarten, wenn die Aktion der Arbeiter durch Unterstützung seitens anderer Klassen verstärkt wird.[797] Daß eine solche möglich ist, hat die praktische Erfahrung erwiesen.[798] Aber diese "so notwendige psychologische Unterstützung bei anderen Gesellschaftsklassen"[799] hängt nicht nur von einer vorhergehenden Bearbeitung der öffentlichen Meinung ab,[800] nicht nur davon, daß die Forderung von anderen Klassen begriffen oder gar geteilt wird,[801] sondern sehr wesentlich von den Eigenschaften des Streiks. Je stärker dieser das bürgerliche Leben beeinträchtigt, je länger und häufiger diese Beeinträchtigung auftritt, um so geringer wird die Unterstützung ausfallen: denn wo "die moralische Aufwallung mit dem Interesse kollidiert, da wird sie nie zu einer kräftigen Aktion führen".[802]
[Fußnote 796: Es werde immer noch ganze Gegenden geben, "in denen man mit voller Kraft arbeitet und sogar die Produktion erhöht... In jeder Stadt ist die Produktion in gewissem Umfange im Gange zu erhalten" (_Vliegen_, a. a. O.).]
[Fußnote 797: Daß das Proletariat allein noch nicht über die zum Streikerfolg erforderliche Macht verfügt, geben selbst Sozialisten zu, z.B. _Heine_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315 ff.), _Düwell_, (p. 248 ff.), _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126); _Streltzow_, p. 136, zieht aus der russischen Streikpraxis den Schluß, daß ein Kl-str. nur dann Erfolg habe, "wenn alle freiheitlichen Elemente mit ihm sympathisieren und ihn aktiv unterstützen."]
[Fußnote 798: _Grosch_, wie auch _Vliegen_, nimmt an, daß alles, "was nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und... die ganze Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum Kl-str. stellen würden. -- _Bebel_ glaubt umgekehrt (vgl. Prot. Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen Sympathie fänden; ähnl. v. _Elm_ (ebenda, p. 331). --_Penzig_, p. 41, meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes Denkenden" für sich. -- Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen _Czernin_ ("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende nehmen.]
[Fußnote 799: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132 ff.; _ab-Yberg_, p. 9; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie"; _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33, 34.]
[Fußnote 800: Eine solche Bearbeitung verlangt _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff.; _David_ ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen, _Cohnstaedt_ (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und Staatshaupt gewonnen werden sollten.]
[Fußnote 801: _Resel_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; _Ellenbogen_, ebenda p. 54; _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 749; _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden. -- _Branting_ ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623) hielt einen weiteren Kl-str. in Schweden auch deshalb für inopportun, weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".]
[Fußnote 802: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" p. 34; _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik aufbringen werde.]
Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form, je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung.
Zweites Kapitel:
_Wert des Klassenstreiks._
§ 24.