Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 16
[Fußnote 720: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien", p. 866, 867; _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie"; ders., "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196, 197; _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 209; _Axel Hirsch_, p. 197; _Grosch_, "Der Generalstreik", p. 15 ff.; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883; ders., Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749; _Eckstein_, p. 358, 359; _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 252, 253; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689. -- Anderer Ansicht sind z.B. _Louis_, p. 301 ff., und _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 28, 29.]
[Fußnote 721: Vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; ähnl. ebenda _Zietz_, p. 319, und v. _Elm_, p. 331.]
[Fußnote 722: Vgl. hierüber z.B. _Rob. Schmidt_ und _David_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 319, 328).]
[Fußnote 723: Vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", III; _Düwell_, p. 248 ff.; _Grosch_, p. 16, 17.]
[Fußnote 724: Vgl. z.B. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 153 ff.]
[Fußnote 725: Vgl. _David_, "Rückblick auf Jena".]
Zur Verhütung solcher Ausgänge sind natürlich um so größere Mittel erforderlich, je mehr der Streik sich zeitlich und räumlich ausdehnt; aber je mehr er sich ausdehnt, um so schwerer wird auch die Beschaffung dieser Mittel, um so weniger genügen die Gewerkschaftskassen,[726] um so geringer fällt der Zuschuß aus, den die Nichtstreikenden gewähren können. Der Klassenstreik wird also im allgemeinen hinter der Dauer eines gewöhnlichen Streiks zurückbleiben müssen.[727] Unter den heutigen Umständen dürften die Vorräte der Arbeiter und der ihnen kreditierenden Kleinhändler sogar schon nach einer Woche erschöpft sein.[728]
[Fußnote 726: Vgl. z.B. _Grosch_.]
[Fußnote 727: Vgl. _Reumann_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62; _Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Eckstein_, p. 358. Die Behauptung, der Klassenstreik werde die Regierung noch vor Erschöpfung der Arbeitervorräte zum Nachgeben zwingen (vgl. _Zietz_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326), ist unbegründet.]
[Fußnote 728: Vgl. _Leimpeters_, p. 883. "Die deutsche Arbeiterschaft ist nicht einmal im stande gewesen, 200 000 Bergleute auf einige Wochen mit Brot und Kartoffeln zu versorgen; wie soll das erst werden, wenn Millionen in Frage kommen?" ("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in der N. Z. Z.)]
Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des _Hungerproblems_ aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie undurchführbar. -- Die Schaffung eines einigermaßen genügenden Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des Gewerkschaftswesens voraus. --Verproviantierungsschwierigkeiten wären beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen. -- Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher stets in bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht wesentlich verbessern. -- Durch weitgehende Ausbildung des Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche, wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. -- Der einzige radikale Plan zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im kapitalistischen Staat unausführbar.
[Fußnote 729: Vgl. Henri _Quelch_, Enquête, p. 185.]
[Fußnote 730: Vorgeschlagen von _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 104 ff.; _Kampffmeyer_ a. a. O.; vgl. auch Friedrich _Naumann_, "Innere Wandlungen der Sozialdemokratie".]
[Fußnote 731: Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig aufzureiben" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte "jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders günstige Chancen bieten" (v. _Reiswitz_, a. a. O., p. 83) und die Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl. bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).]
[Fußnote 732: Vgl. v. _Elm_, a. a. O.; _David_, "Rückblick auf Jena"; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 104 ff.]
[Fußnote 733: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196.]
[Fußnote 734: Vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32.]
Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen _moralischen Qualitäten_ ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich, und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit" durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn "innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge... gehen unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung" erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit überlegen".[744]
[Fußnote 735: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders., "Der Streik als politisches Kampfmittel". -- Ebenso würde der Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt wird (vgl. z.B. _Plechanoff_, _Adler_, _Liebknecht_ auf dem int. Kongr. Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.]
[Fußnote 736: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Turati_, a. a. O. Auch _Bernstein_ ("Ist der politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.]
[Fußnote 737: _Eckstein_; _Turati_. Dies war z.B. beim belgischen und beim ital. Klassenstreik der Fall (vgl. N. Z. Z. 6./4. 02; Rdsch. Soz. Mh. Mai 1902, p. 392).]
[Fußnote 738: _Simmel_, "Soziologie der Über- und Unterordnung", p. 518 ff.]
[Fußnote 739: Vgl. _Lusnia_, "Unbewaffnete Revolution?", p. 564 ff.; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ähnl. auch _Deville_ (cit. bei _Weill_, p. 405), _Leimpeters_, p. 881, _Legien_, v. _Elm_ (Prot. Parteitg. Jena 05 p. 322), und zur Zeit des Chartismus z.B. _Stephens_ (vgl. _Tildsley_, p. 47, 48).]
[Fußnote 740: Der Kl-str. könne "affaiblir l'armée entre les mains de la classe capitaliste" (_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9 ff.).]
[Fußnote 741: "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_", p. 11 ff. Der Streik müsse allgemein sein, um die Kräfte des Gegners zu zersplittern, fordert z.B. _Parvus_, a. a. O.; vgl. ferner _Adler_, _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.); _Roland-Holst_, p. 88 ff.]
[Fußnote 742: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9 ff.]
[Fußnote 743: Die Armee sei "insuffisante pour faire face à un pareil danger" (_Briand_. p. 9 ff.), sei in solchen Fällen "zur Ohnmacht verurteilt" (so "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.; ähnl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694, 695). Durch häufige persönliche Berührungen zwischen Streikenden und Soldaten kann natürlich in letzteren das Gefühl der Interessengemeinschaft geweckt werden (_Parvus_, a. a. O.); doch ist es unwahrscheinlich, daß dies bei den heutigen militärischen Verhältnissen zu einer ernstlichen "Zersetzung der militärischen Disziplin" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 220 ff.) führen kann; die Disziplin müßte denn schon vorher sehr gelockert gewesen sein. Für Deutschland scheint dies völlig ausgeschlossen. Übrigens hat weder die Unzuverlässigkeit der belgischen Truppen (vgl. N. Z. Z. 26./3. 1893, Allg. Ztg. 3./5. 93), noch die des russischen Heeres die Ausständigen vor blutigen Zusammenstößen bewahrt.]
[Fußnote 744: _Eckstein_, p. 362; ähnl. _David_.]
Sofern freilich das Heer zu den Streikenden hielte, wären alle blutigen Zusammenstöße natürlich von vornherein ausgeschlossen. Daher die Bemühungen um Einführung des Milizsystems; daher die Versuche, durch allgemeine sozialistische, wie auch durch spezielle antimilitaristische[745] Propaganda einen Einfluß auf das Heer auszuüben.[746]
[Fußnote 745: Vgl. "_Weckruf_", 28. Mai 04; _Dejeante_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28); _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 29 ff.; "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.]
[Fußnote 746: v. _Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongress"; _Friedeberg_ a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem biete den Arbeitern beim Kl-str. größere Vorteile, wird z.B. durch die Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt -- 1902 forderten die sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N. Z. Z. April 1902).]
Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der Massen,[748] dann aber auch spezielle _Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung_ während des Streiks: wie Einrichtung eines Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] --Natürlich kann auch durch ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753]
[Fußnote 747: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der Staatsanwalt".]
[Fußnote 748: Dies fordert z.B. die Amsterdamer Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso _Zietz_, (Prot. Parteitag Jena 1905 p. 326); _Bernstein_, a. a. O., und viele andere, auch _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119] andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf, sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände arbeiten (vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Umrath_, p. 19, 20; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff., 732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 23; _Jaurès_, "Grève et Révolution"; _Roland-Holst_, p. 107 ff.; _Friedeberg_ a. a. O.).]
[Fußnote 749: Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei eingerichtet (vgl. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22). Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).]
[Fußnote 750: "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben, mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (_Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").]
[Fußnote 751: Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger Getränke abzustehen (vgl. _Tildsley_, p. 46). Beim belgischen Streik warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg." 16./4. 02; _Destrée und Vandervelde_, p. 259), der Branntweinausschank wurde eingeschränkt (_Destrée und Vandervelde_, p. 259): "à Verviers, les cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre (Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z. Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (_Olberg_, a. a. O.).]
[Fußnote 752: Vgl. _Leimpeters_, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes" p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.]
[Fußnote 753: Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.]
Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754]
[Fußnote 754: Vgl. _Jaurès_, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff.; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 107 ff.; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt, vgl. z.B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; _Luxemburg_, (Vorwärts, 8. Dez. 05); _Thesing_, p. 334.]
2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des Klassenstreiks aber noch von der _Widerstandskraft_ ihrer _Gegner_ ab.
Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt, ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln, resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit.
[Fußnote 755: _Streltzow_, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen Streikerfahrungen, daß ein Kl-str. ohne starke Organisationen nur möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt wird".]
Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die politischen Verhältnisse gerade liegen (z.B. zur Zeit eines unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise.
[Fußnote 756: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel": der pol. M-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte _Resel_ (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt, "wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im Parlament eine Konfusion eintreten wird".]
[Fußnote 757: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132.]
Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758]
[Fußnote 758: Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung" (_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (_Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; _Zietz_ [Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; _Thesing_, p. 534; vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.]
Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern würden.[763] -- Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung.
[Fußnote 759: _Block_ a. a. O.; _Zetkin_ (Prot. Parteitag Jena 05, p. 324); zur Defensive brauche das Proletariat über weniger Kräfte zu verfügen, als zur revolutionären Offensive.]
[Fußnote 760: So meint z.B. _Rob. Schmidt_, (Prot. Parteitag Jena 05, p. 332), der Ruhrstreik sei nur deshalb ohne Blutvergießen abgelaufen, weil es damals der Regierung nicht des Einsatzes wert gewesen wäre; "aber es würde ihr des Einsatzes wert sein, wenn es sich um so vitale Interessen der bürgerlichen Klasse handelte, wie das Wahlrecht".]
[Fußnote 761: "Da er den Herrschenden nicht so schrecklich, nicht als der letzte Schritt zur Revolution erscheinen wird" (_Block_; ähnl. _Adler_, Prot. Parteitag Wien 05, p. 128).]
[Fußnote 762: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik". Z.B. in England sollen sich 1848 250 000 Bürger als Spezialkonstabler in den Dienst der Regierung gestellt haben (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage" p. 11).]
[Fußnote 763: Vgl. _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" p. 33; _Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis", p. 115 ff.) verweist darauf, daß die Bürgerschaft infolge der Schieß-, Turn-, Sport- und Militärübungen wohl im Stande sein würde, eine energische Aktion auszuüben.]
[Fußnote 764: Vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Zum Parteitag", p. 780; ders., "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 781; _Luxemburg_ (Vorwärts, 8./12. 05).]
[Fußnote 765: _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik", p. 814 ff., meint, in Deutschland z.B. müsse jeder Klassenstreik "zur Entscheidungsschlacht" führen, "denn die herrschenden Klassen Deutschlands vertragen infolge der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse keinen Sieg des Proletariats, und sei es in welcher Frage immer". Weil aber das Proletariat zum Entscheidungskampf noch nicht stark genug sei, so müsse in Deutschland jeder Massenstreik vermieden werden. (Gewiß erscheint die Ablehnung eines pol. M-streiks für Deutschland durchaus gerechtfertigt; aber nicht deshalb, weil die "Herrschenden" daraus eine "Todesdrohung" hören würden, sondern weil ein pol. M-str. gerade in Deutschland infolge der politischen und militärischen Verhältnisse ganz bes. aussichtslos sein würde). In Österreich hält _Hilferding_ den Klassenstreik noch bei pol. Einzelforderungen für angebracht. Ähnl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag" p. 9; _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte". _Block_ billigt die _Hilferding_schen Ansichten über die Streikaussichten in Deutschland nur bezüglich des Pressionsstreiks. -- Als Pendant zu den _Hilferding_schen Ausführungen kann die in anderen Kreisen vertretene Ansicht gelten, daß "heutzutage jeder einzige Streik sozialdemokratisch organisierter Arbeiter ein politischer Streik" sei, weswegen man dem Streikunwesen energisch entgegenwirken müsse (vgl. v. _Reiswitz_, p. 58).]
[Fußnote 766: _Roland-Holst_, a. a. O. p. 686.]