Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 15

Chapter 153,007 wordsPublic domain

[Fußnote 679: Vgl. _Cohnstaedt_, "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?" p. 549; _Heine_, a. a. O.; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.); _Hue_, "Partei und Gewerkschaft". In England hielt man 1839 die Mitwirkung der Gewerkschaften für so ausschlaggebend, daß man schon wegen der ablehnenden Haltung der Trade-Unions den Plan des heiligen Monats zurückzog (vgl. _Gammage_, p. 154, 155; _Brentano_, a. a. O.). Ähnlich mußte die deutsche sozialdemokratische Partei vor dem gewerkschaftlichen Gegenwind die Segel streichen; umgekehrt mußte sich die Partei sowohl in Italien (1904), wie in Holland (1903), bei innerlicher Mißbilligung, dem gewerkschaftlichen Streikunternehmen anschließen.]

[Fußnote 680: Der Gewerkschaftstypus selbst ist natürlich auch von den allgemeinen Verhältnissen, den rechtlichen Zuständen, dem Charakter des Proletariats, der Stärke revolutionärer Strömungen und Gelegenheit zu deren anderweitigen Ableitung, bes. durch die Partei, abhängig. In den französischen und italienischen Arbeitersyndikaten z.B. soll die zeitweilige Blockpolitik der sozialistischen Parteien ein entschiedeneres Betonen revolutionärer Tendenzen, das Bestreben nach Verselbständigung und Unabhängigkeit, also auch die Generalstreiktendenzen, gefördert haben.]

Die Syndikate mit _föderalistischer_ Organisationsform, geringen Mitglieder- und Kassenbeständen und revolutionären (anarchistischen, antimilitaristischen, antiparlamentarischen) Tendenzen[681] erblicken ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung und Inszenierung des Generalstreiks; ihre ganze Taktik wird dermaßen von diesem Gedanken beherrscht, daß man sie mit Recht als "Generalstreik-Gewerkschaften" bezeichnet hat.[682]

[Fußnote 681: Dieser Art waren zuerst die _Bakunini_stischen Föderationen (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 194; _Umrath_, p. 13 ff.; _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft"); heute sind es großenteils die italienischen, spanischen, französischen Arbeitersyndikate, teilweise die holländischen, ausnahmsweise einige deutsche ("Freie Vereinigung", "Lokalisten") Gewerkschaften. Vgl. auch _Louis_, p. 297; _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'"; _Friedeberg_, "Weltansch."; _Griffuelhes_ ("Ein französischer Gewerkschafter über die Taktik der deutschen Zentralverbände", in der "Einigkeit", 11. Nov. 05).]

[Fußnote 682: So _Bernstein_ a. a. O.]

Die _zentralistischen_ Gewerkschaften hingegen, die sich durch ansehnlichere ökonomische Leistungsfähigkeit und durch nüchtern-praktische, sich auf das Erreichbare beschränkende Tendenzen auszeichnen,[683] lehnen den Klassenstreik im allgemeinen ab oder lassen ihn höchstens im Interesse ganz unentbehrlicher politischer Forderungen gelten.[684]

[Fußnote 683: So die deutschen Zentralverbände, die engl., österr., schwed., belg. Gewerkschaften; sie trachten, durch Tarifwerke auch die Berufsmassenstreiks einzuschränken.]

[Fußnote 684: Dabei handelt es sich vorwiegend am die Verteidigung politischer Rechte (vgl. _Braun_, "Das Ergebnis des Gewerkschaftskongresses"; Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, cit. in Soz. Prx. XV Nr. 2, Sp. 38).]

Eine _Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und Generalstreikpropaganda_ ist unverkennbar,[685] und der Protest der Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der revolutionären Gesinnung beurteilen wollte.

[Fußnote 685: Dies konstatiert z.B. _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. -- _Greulich_, ("Wo wollen wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".]

[Fußnote 686: Vgl. z.B. "_Weckruf_", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".]

Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne. Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende", "destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695] sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der Generalstreik einschleichen könnte.[697]

[Fußnote 687: So bezüglich der französischen Gewerkschaften _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch. Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.]

[Fußnote 688: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).]

[Fußnote 689: _Legien_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]

[Fußnote 690: Vgl. _Labriola_, a. a. O., p. 211; auch _Friedeberg_, a. a. O., setzt starke Organisation voraus.]

[Fußnote 691: Vgl. _Briand_, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.]

[Fußnote 692: Vgl. _Louis_, p. 308.]

[Fußnote 693: Vgl. _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 26); ähnl. _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 18. Vgl. bezgl. der französ. Landarbeiterorganisationen P. _Groß_, "Die Weinkrise und die Landarbeitergewerkschaften im Languedoc".]

[Fußnote 694: Korrespondenzblatt der Generalkommission... usw. (Citate in der Allg. Ztg. 19./4. 02, und in der Soz. Praxis XV. Nr. 2, Sp. 38); _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ders. "Die sozialdemokratische Partei u. d. Gewerkschaften". -- _Hue_, p. 292; _Bernstein_, "Pol. Massenstreik u. pol. Lage", p. 10.]

[Fußnote 695: Auf der 3. internationalen Konferenz der Sekretäre der Landesgewerkschaftsorganisationen am 9. und 10. Juli 03 in Dublin schlugen die französischen Gewerkschaftsvertreter vor, den andern Ländern die Taktik und die Prinzipien der französischen Arbeitersyndikate zur Kenntnis zu bringen. Die deutsche Gewerkschaftspresse nahm von dem entsprechenden Bericht der Conféd. gén. du Travail keine Notiz, nur die anarchistische "_Wahrheit_" publizierte ihn (unter dem Titel "Antimilitarismus und Generalstreik" als Beilage zu Nr. 11).]

[Fußnote 696: v. _Elm_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226.]

[Fußnote 697: Vgl. _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft", p. 642; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 221); _Rob. Schmidt_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 27). Die Zustimmung zum pol. M-str. wird leicht als Konzession an den Anarchismus aufgefaßt (vgl. die "_Einigkeit_" 1905, Nr. 41).]

Umgekehrt wird durch die Schwäche der Gewerkschaft auch die Generalstreiktendenz gestärkt. Je weniger eine Gewerkschaft auf reale Erfolge, auf zahlenmäßige Machtbeweise hindeuten kann, um so eher wird sie auf ein so einfaches und unter Umständen auch zugkräftiges Propagandamittel verfallen, um so weniger riskiert sie bei dessen Gebrauch.[698]

[Fußnote 698: Die belgischen Gewerkschaften sollen sich seinerzeit um so bereitwilliger am Kl-str. beteiligt haben, als sie nicht durch "übermäßig gefüllte Kassen in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt" gewesen seien (_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"). Das vielgeschmähte Ruhebedürfnis der deutschen Gewerkschaften, womit sie in Köln ihre Ablehnung des Kl-streiks motivierten (vgl. _Bömelburg_, Prot. p. 221), ist ein Beweis dafür, daß sie bereits etwas zu verlieren haben (so _Katz_, "Der politische Massenstreik"). Über die Behandlung des Kl-str.-Problems vom rein finanziellen Standpunkt aus, über die gewerkschaftliche "Versumpfung", klagen z.B. v. _Elm_ ("Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß", p. 568), _Kautsky_, ("Der Kongreß in Köln"), _Geithner_, ("Zur Taktik der Sozialdemokratie"), _Lensch_ ("Die Idylle im Sumpf"); vgl. auch _Braun_, "Der Kölner Gewerkschaftskongress". Die Annahme, die finanziellen Fortschritte der Gewerkschaften hätten die Generalstreikströmungen gestärkt (so _Düwell_, p. 248 ff.), ist also wohl zurückzuweisen.]

Auch _zwischen der gewerkschaftlichen Organisationsform und der Generalstreikpropaganda_ dürften _Wechselwirkungen_ bestehen. Einerseits stärkt die Generalstreikidee das Gefühl der individuellen Selbstherrlichkeit. Sie vermag daher im hohem Grade die "Sonderbündelei"[699] zu fördern. Andererseits bietet die föderalistische Organisationsform den günstigsten Boden für die Generalstreikpropaganda, da aparte und extravagante Ideen in lokalen Gruppen (bourse du travail, camera di lavoro usw.) überhaupt leicht Eingang finden. In einer zentralistischen Organisation hingegen werden neu auftauchende Tendenzen erst durch mehrere Instanzen durchgesiebt, wobei der persönliche Nimbus der neuen Propheten erheblich abgeblendet und eine kritische Beurteilung unter Berücksichtigung der allgemeinen Verhältnisse[700] ermöglicht wird. Die Argumente "fortschrittshungriger Ungeduld"[701] verlieren um so mehr an Überzeugungskraft, je umfangreicher die Verbände sind, je weiter also der Blick, je größer das Verantwortlichkeitsgefühl ihrer Leiter.

[Fußnote 699: Vgl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag", p. 8, 9.]

[Fußnote 700: Vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.]

[Fußnote 701: _Hue_, "Partei und Gewerkschaft".]

5. Auch die _Stellungnahme der Frauen_ wird als ein wichtiger allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es, daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden.

[Fußnote 702: Vgl. _Glas_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl. _Nieuwenhuis_ (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z.B. in Rotterdam (1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg. Ztg. 7./4. 03).]

Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch durch spezielle, _künstliche Faktoren_ vergrößern.[703] Als solche erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber auch die Mittel _spezieller Vorbereitung_ des Klassenstreiks: Propaganda und Agitation.

[Fußnote 703: Nach _Louis_ (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage des Klassenstreiks bieten. (?!)]

[Fußnote 704: Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol. M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen Verbänden (so _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; _Hue_, a. a. O.; _Ledebour_, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. _Elm_, a. a. O.; _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22; _Ströbel_, Vortrag über den pol. M.str. in einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts, 14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische Organisation, Aufklärung usw. (so _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 391; _Zietz_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins, theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit jedes einzelnen" (_Friedeberg_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26), sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und Antimilitarismus (vgl. "_Weckruf_", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E. Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. Dez. 05]; _Dejeante_, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337); _Sironi_, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta... usw., p. 387, gefordert.]

1. Die _Propaganda_ betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten, Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport" mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709] sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit, über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln" könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite davon gründlich geprüft worden wäre".[711]

[Fußnote 705: _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der Parteitag in Jena".]

[Fußnote 706: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?"; v. _Elm_, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226; _Timm_, ebenda p. 222, 223; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738, 739; _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. -- _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.]

[Fußnote 707: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.]

[Fußnote 708: v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 735; ders. "Partei und Gewerkschaft".]

[Fußnote 709: Vgl. Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195,196; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Olberg_ ("Der italienische Generalstreik") meint, der Gedanke sei "nicht so zart, daß er durch die Diskussion abgegriffen würde", und die Redner des Proletariats seien "nicht so dumm", ihre "Betriebsgeheimnisse" auszuplaudern. -- Freilich können die Gegner aber in der bloßen Diskussion schon eine Drohung erblicken und mit entsprechenden Gegenmaßregeln antworten (vgl. _Heine_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 316).]

[Fußnote 710: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"]

[Fußnote 711: _Heine_, a. a. O. p. 754. _Kolb_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 263, 264) fürchtet, die Arbeiter könnten sich in einem ungünstigen Moment zum Streik provozieren lassen.]

2. Die _Agitation_ betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, das Thema zu klären oder die gewonnenen Einsichten zu verbreiten, sondern die Arbeiter nachdrücklich zum Handeln aufzufordern. Teils geschieht dies _generell_: durch die Anweisung, _jede_ Gelegenheit zum Streik zu ergreifen und _jeden_ Streik zum Klassenstreik zu erweitern (Praxis der Anarchisten); teils _speziell_: durch planmäßige Bearbeitung der Massen bei einem sich bietenden äußern Anlaß (wie in Schweden usw.), wobei es wesentlich darauf ankommt, der Bewegung ein geeignetes, nämlich ein bestimmtes, einheitliches und einleuchtendes Ziel zu geben.[712]

[Fußnote 712: Je mehr Ziele zugleich auftreten, um so wahrscheinlicher ein Scheitern der Bewegung. Durch eine Verkoppelung der Wahlrechtsforderung mit dem Achtstunden-Postulat suchten seinerzeit die österr. Sozialisten die Beteiligung der Bergwerksarbeiter am geplanten Wahlrechtsstreik zu sichern, gaben aber, mit Rücksicht auf die allzu verschiedene Entwickelung der einzelnen Industrien und auf die allzu verschiedenen Erfordernisse eines ökonomischen und eines politischen Streiks, den Gedanken wieder auf (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, _Krejci_, p. 55; _Hueber_, p. 58; _Reumann_, p. 62). -- _Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis") warf den französischen Syndikalisten vor, daß sie die Arbeiter, die für so unbestimmte Forderungen, wie "Kommunismus", nicht in den Streik treten würden, durch vorgeschobene Augenblicksziele in einen Generalstreik verlocken und diesem dann eine revolutionäre Wendung geben möchten.]

Eine gewisse künstliche Förderung kann der Streikentschluß übrigens auch durch die Gegner erfahren;[713] doch spielt dies keine große Rolle.

[Fußnote 713: So sollen beim Lancashire-Streik 1842 die Unternehmer die Hände im Spiel gehabt haben. Beim ital. Eisenbahnerstreik 1905 sollen die Eisenbahngesellschaften hinter der Szene die Streiktendenzen gefördert haben, um die Verstaatlichung zu hindern (vgl. Soz. Prx. 14. Jahrg. Nr. 30; "Die Hilfe", 1905, Nr. 16. p. 2, polit. Notiz).]

Welchen unter den zahlreichen Faktoren kommt nun _ausschlaggebende Bedeutung_ zu? Die Möglichkeit unvorbereiteter Ausbrüche, wie die Vergeblichkeit künstlicher Inszenierungsversuche beweisen, daß die eigentlichen Triebfedern auf den _gegebenen_ Bedingungen, den _allgemeinen Verhältnissen_ beruhen. Haben doch überhaupt die großen Streiks "mehr den Charakter von Naturereignissen, als von bestimmten menschlichen Handlungen", weniger den "eines gewollten Mittels zu bestimmtem Zwecke, als den der unmittelbar gewollten Demonstration".[714] Sind sie aber in erster Linie "von der Entwicklung der Verhältnisse"[715] abhängig, so läßt sich eine wirksame Förderung oder Hinderung des Streikentschlusses allein von einer Beeinflussung dieser Verhältnisse erwarten.

[Fußnote 714: "Sie entspringen den Stimmungen der Masse, zuweilen dem Druck der Not und Entbehrung, öfter dem allmählich angehäuften Unwillen, verletztem Ehrgefühl, sittlicher Entrüstung". (_Tönnies_, Über den Ruhrstreik 1905, "Freies Wort", IV, p. 894).]

[Fußnote 715: Vgl. _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag".]

Aber der Streikentschluß ist doch _nicht ausschließlich_ vom historischen Moment,[716] von der _geschichtlichen Notwendigkeit_[717] abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen durch die _künstlichen Faktoren_ modifiziert werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht. Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich, ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen.

[Fußnote 716: _Legien_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).]

[Fußnote 717: _Luxemburg_, Vortrag über den pol. M-str. in einer von den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez. (vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).]

Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint deren _Beeinflussung_ zwecks Förderung oder Hinderung des Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders _wertlos_ aber erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen.

[Fußnote 718: Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (_Bebel_, "Der Bremer Parteitg."; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). --Vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; _Bömelburg_ (Prot. Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v. _Elm_, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; _Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05).]

§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks.

1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom _Ausharrungsvermögen der Arbeiter_ ab, und dieses selbst wird zunächst durch das Maß _materieller Mittel_, über die das Proletariat verfügen kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall, sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck (Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen hungern";[721]; würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden. Vor dem _Hunger_ verblassen alle noch so leuchtenden Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps. Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren, müssen die Zeche bezahlen.[725]

[Fußnote 719: Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str. sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über Generalstreiks und über politische M-streiks, z.B. von den internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.); ferner _Legien_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 30; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; _Grimm_, "Der politische Massenstreik"; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421; _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."]