Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 13
[Fußnote 598: Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg. Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter, Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen sich dem G-streik 8000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter, ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. _Roland-Holst_ a. a. O.), und die Typographen an.]
[Fußnote 599: Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. _Bourdeau_, p. 432; _Vliegen_, a. a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg. Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der Güterverkehr, stockte vollständig.]
[Fußnote 600: Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.]
[Fußnote 601: Dies nimmt _Roland-Holst_ an.]
Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu erkennen.
[Fußnote 602: Vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p. 121.]
Die _Opfer des Streiks_ waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607] und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe" erholt haben.[608]
[Fußnote 603: Es kamen allerdings auch Versuche vor, den Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4. 03); andererseits verlangte z.B. eine Dockarbeiterversammlung in Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).]
[Fußnote 604: In den ersten Wochen waren fast 5000 Arbeiter ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis zum 21./4. bereits 1600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst der Selbstmord hat unter den 5000 Opfern dieses Kampfes gewütet" (_Troelstra_, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).]
[Fußnote 605: Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität, 9000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).]
[Fußnote 606: Vgl. _van der Goes_, a. a. O. p. 257.]
[Fußnote 607: Eine Ausnahme bilden die gut organisierten Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation... zerstört" (vgl. _Troelstra_ a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225; _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland").]
[Fußnote 608: Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den G-str. in Holland (cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.); _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.".]
Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen Sozialisten, so vor allem _Vliegen_, in der strikten Ablehnung jedes Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam vor.[612]
[Fußnote 609: Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. _Roland-Holst_, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot. Gwftskongr. Köln 05, p. 225.]
[Fußnote 610: Vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z.B. _Roland-Holst_, sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen persönlichen Opfern unterstützt haben.]
[Fußnote 611: Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).]
[Fußnote 612: Vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Streik auf dem 10. Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen", vgl. _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "_Die nieuwe tijd_" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.]
§ 19. Russland.
Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.
[Fußnote 613: Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres spärlichen Materials.]
Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903 in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung ergriff "epidemieartig" den ganzen _Süden_,[618] woselbst sie wegen der Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben soll.[620] Während der Dauer das Ausstands waren die Arbeiter auf der Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg" keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des "Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen solchen zu konstruieren.[624]
[Fußnote 614: Vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozd.", p. 35; ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.]
[Fußnote 615: Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (_Bourdeau_, p. 436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (_Streltzow_, "Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom. Forderungen statt (vgl. _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution").]
[Fußnote 616: In Odessa soll die Agitation der _Subatow_'schen Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).]
[Fußnote 617: Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; _Bourdeau_; _Roland-Holst_, "Gstr. u. Sozd."]
[Fußnote 618: Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50 000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000, in Jelisawetgrad 2000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend Personen gestreikt haben.]
[Fußnote 619: Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter, Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter), Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal), Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst Stiefelputzer.]
[Fußnote 620: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
[Fußnote 621: Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt zu haben scheint.]
[Fußnote 622: Bericht der Delegation, p. 25 ff.]
[Fußnote 623: Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr. Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen (Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation; _Roland-Holst_ "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).]
[Fußnote 624: Bericht der Delegation, p. 28.]
Ein ganz anderes Bild bietet die russische _Streikbewegung des Jahres 1905_, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag (22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate, während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150 Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint sich die Bewegung in _Russisch-Polen_ entwickelt zu haben,[627] wo der proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im _Gymnasialstreik_ fand.[628] -- Im Mai erfolgte eine neue Steigerung, die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete der _politisch-revolutionäre Ausstand vom 7._ bis _17. Oktober 1905_, der einzige wirklich _allrussische_ Streik. Zu diesem gaben die Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und asiatischen Rußlands.[631]
[Fußnote 625: Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000 Ausständige gewesen sein (_Bourdeau_, p. 436).]
[Fußnote 626: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen, Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v. _Wiese_, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des Proletariats", die _Bourdeau_ unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel von _Luxemburg_ erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der Arbeiterdeputiertenrat --"eine Vertretung der spezif. großindustriellen Arbeiterelite" -- die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil "ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. _Weber_, "Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).]
[Fußnote 627: Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4. Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau, Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.). Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April, p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl. Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).]
[Fußnote 628: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung der Gymnasien.]
[Fußnote 629: Im Sommer 1905 fand z.B. ein allgemein durchgeführter eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2000 Tote gekostet haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).]
[Fußnote 630: Im April 1905 hatte sich endlich der _all_russische Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung, die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev. M-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl. _Streltzow_, a. a. O.).]
[Fußnote 631: _Streltzow_, p. 133 ff.]
Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung gefunden zu haben.[636]
[Fußnote 632: Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert. Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. _Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland "aus den Angeln" gehoben, (vgl. _Lensch_, "Die Idylle im Sumpf"), den "Thron ins Wanken" gebracht (vgl. _Ellenbogen_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn doch etwas übers Ziel hinausschießen.]
[Fußnote 633: Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen Freiheiten; vgl. _Streltzow_, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von _Roland-Holst_ (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI) prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.]
[Fußnote 634: Vgl. _Streltzow_, a. a. O.]
[Fußnote 635: Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer, Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure, Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner, Dienstboten usw. (vgl. _Kropotkin_, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in Rußland"; _Streltzow_, a. a. O.).]
[Fußnote 636: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; _Streltzow_, a. a. O.; _Plechanow_ (cit. bei _Streltzow_) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die Unzulänglichkeit der Organisation". -- Semstwoleute, Staatsbeamte, Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter gegründet haben (_Streltzow_). In der Streikleitung seien bürgerliche Elemente, z.B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben (_Streltzow_). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr. 340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die _Roland-Holst_'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht wohl zu weit.]
Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
[Fußnote 637: Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher nichts Überraschendes. _Roland-Holst_ erachtete übrigens, trotz dieses sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214 ff.).]
[Fußnote 638: _Streltzow_: "Darin sind wohl alle namhaften russischen Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach _Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder Kräfte; der Streik war also parzelliert (_Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 105 ff.). -- Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (_Streltzow_, a. a. O.), der Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren" (_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen Arbeiter" bald unterworfen gehabt (_Katz_). Die Arbeiter aber hatten sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst isoliert (_Streltzow_, p. 135). --Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni 1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats" jetzt scheitern würde.]
[Fußnote 639: Dies scheint z.B. M. _Beer_ ("La grève générale, son histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl. Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu tun; ähnlich _Roland-Holst_ (a. a. O. und "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen warnen z.B. _Streltzow_ a. a. O. und _Bernstein_ a. a. O.]
(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.
§ 20.
Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem internationalen Kongreß in _London_ 1888 französischerseits gemachten diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "_Neue Internationale_" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren Projekten, schroffste Ablehnung.
[Fußnote 640: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 42).]
[Fußnote 641: Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G-str. die Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London, im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel "Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). -- Neuerdings erklären die Anarchisten übrigens den G-str. und die Gewerkschaft "als mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution" (vgl. die Resolution _Malatesta_ vom internat. Anarchistenkongr. in Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).]
Auf dem internationalen Kongreß in _Paris_ 1889 hatte _Tressaud_ den Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von _Liebknecht_ aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
[Fußnote 642: Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.]
Der folgende Kongreß, _Brüssel_ 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit plädierte der holländische Anarchist _Nieuwenhuis_, nur von den holländischen und einem Teil der englischen und französischen Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber sowohl dieser Vorschlag, wie auch _Nieuwenhuis'_ Plan der Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644] erfuhr das gleiche Schicksal.
[Fußnote 643: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.]
[Fußnote 644: Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.]