Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation

Part 12

Chapter 123,164 wordsPublic domain

Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums, oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die Bürgermeister von Mailand (_Barinetti_) und Turin (_Frola_) an den Ministerpräsidenten _Giolitti_ und erhielten von ihm die Zusicherung, daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als _Barinetti_ das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und forderte _Giolittis_ Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]

[Fußnote 545: _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.]

[Fußnote 546: Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p. 483, 484; _Bourdeau_, p. 434.]

[Fußnote 547: _Bömelburg_, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).]

[Fußnote 548: _Leimpeters_, "Zum G-str.", p. 883.]

[Fußnote 549: _Marazio_, p. 158.]

[Fußnote 550: Allg. Ztg. 20./9. 04.]

[Fußnote 551: Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den 21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und Heizer) noch einige Zeit.]

[Fußnote 552: _Bissolati_, a. a. O.]

Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553] Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war also reichlich teuer erkauft.

[Fußnote 553: _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 71; _Olberg_, p. 19, 24; _Bourdeau_, p. 433.]

[Fußnote 554: _Leimpeters_, p. 883; _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.]

Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559] _Giolitti_, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle Erfindung der "_Dienstobstruktion_", die am 26. Februar 1905 begann und erst am 5. März, nach _Giolittis_ Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (_Fortis_) entzog den Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz _Giolittis_ Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564] Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem. Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher gewährte Unterstützung.[566]

[Fußnote 555: Allg. Ztg. 26./9. 04.]

[Fußnote 556: _Bissolati_, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Marazio_, p. 168, sagt: "lo sciopero generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle argine".]

[Fußnote 557: Vgl. _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380; _Bissolati_, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; _Turati_, a. a. O.]

[Fußnote 558: _Turati_, a. a. O.; _Bissolati_, a. a. O.; _Bömelburg_, a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren, vgl. _Marazio_, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von 164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen, deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. _Olberg_, "Die ital. Wahlen").]

[Fußnote 559: _Marazio_, p. 160, 173, 174.]

[Fußnote 560: vgl. _Marazio_, p. 170; _Turati_, a. a. O.]

[Fußnote 561: Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; _Lerda_, "Ostruzionismo ferroviario e politica proletaria", p. 376.]

[Fußnote 562: _Marazio_, p. 177 ff.; _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380.]

[Fußnote 563: Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; _Marazio_, a. a. O.).]

[Fußnote 564: 1905 z.B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx. 17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907 (hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.]

[Fußnote 565: _Bourdeau_, p. 434.]

[Fußnote 566: _Turati_, a. a. O.]

In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568] gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es "vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern. -- Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904 nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575]

[Fußnote 567: _Leimpeters_, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.]

[Fußnote 568: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]

[Fußnote 569: _Turati_, a. a. O.]

[Fußnote 570: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]

[Fußnote 571: "Vorwärts", cit. bei v. _Reiswitz_, p. 78.]

[Fußnote 572: _Olberg_, "Die ital. Wahlen", p. 278.]

[Fußnote 573: _Olberg_, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.]

[Fußnote 574: Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500 Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei _Marazio_, p. 97).]

[Fußnote 575: Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen bewies z.B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908 ("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il lavoro", Genua, 10. März 1908).]

§ 17. Spanien.

So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578]

[Fußnote 576: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

[Fußnote 577: P. _Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.]

[Fußnote 578: Vgl. _Iglesias_ (Enquête). Die spanische Literatur war mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903 (_Roland-Holst_, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.]

Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der _Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902_ gewesen sein. Etwa 100 000 Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580] das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen, Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine Gefährdung des Koalitionsrechts.[582]

[Fußnote 579: Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.]

[Fußnote 580: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

[Fußnote 581: _Bebel_, a. a. O. p. 305; _Bourdeau_, p. 431.]

[Fußnote 582: Vgl. _Bourdeau_, p. 431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).]

Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?) veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen Kundgebungen anschlossen.[583]

[Fußnote 583: Juan A. _Melia_, "Der Sozialismus in Spanien".]

§ 18. Holland.

Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung zusammen. Domela _Nieuwenhuis_ übte mit seinen abenteuerlichen Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das holländische Proletariat aus[584] Gerade der Generalstreikidee dankte die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst das Fiasko des _Generalstreiks im April 1903_ gab "dem Glauben an die Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Stoß."[586]

[Fußnote 584: Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition des holländischen Proletariats (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").]

[Fußnote 585: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 194.]

[Fußnote 586: Dr. Gust. _Mayer_, "Der internationale Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu schlagen" (vgl. _Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen Aprilstreik.]

Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner am _29. Januar_ in einen _Sympathiestreik_, stellten aber zugleich auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592] deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner, beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den "Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern. Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den _Generalstreik_ für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60 000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam, wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14 Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte. Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.

[Fußnote 587: Vgl. über die holländische G-streikbewegung: _Gorter_ a. a. O.; _Roland-Holst_, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.; _van der Goes_, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu Utrecht"; _Vliegen_, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.]

[Fußnote 588: Insbesondere versprachen sie Anerkennung der Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.]

[Fußnote 589: Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern bedroht (vgl. _Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").]

[Fußnote 590: Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats", der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.]

[Fußnote 591: Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.]

[Fußnote 592: Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie _Troelstra_ (S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen Parteien hielten zur Regierung.]

[Fußnote 593: Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war schlecht besucht.]

[Fußnote 594: Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg überhaupt nicht 25%.]

[Fußnote 595: Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des Güterdurchgangsverkehrs an.]

[Fußnote 596: Nur einen Tag lang streikte das Personal der Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung des Verkehrs. Der am 6. April von 3000 Dockarbeitern in Rotterdam beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der Sperre, die 2000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und Eisenbahnmaterial.]

[Fußnote 597: Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher Bäckerstreik.]