Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation
Part 10
2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung; denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer, als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]
3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein würde.[443]
[Fußnote 430: Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand, _Legien_ usw.]
[Fußnote 431: v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag".]
[Fußnote 432: Z.B. Vorwärts, 14. Juli 06.]
[Fußnote 433: Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen (Vorwärts, 4. und 11. Juli).]
[Fußnote 434: Vgl. z.B. _Sächs. Arbeiterztg._, cit. im Vorwärts, 4. Juli 06.]
[Fußnote 435: Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "_Einigkeit_", 23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der "freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli, abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in ihrem Ärger die sechs "Thesen".]
[Fußnote 436: Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.]
[Fußnote 437: Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.]
[Fußnote 438: So nennt z.B. _David_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den "Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt; Geheimer Kriegsrat Dr. jur. _Romen_ ("Massenstreik und Revolution") erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu ernster Besorgnis; doch z.B. die _Norddeutsche Allgemeine Zeitung_ bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben, mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die "_Nation_" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige Beurteilung". Die _Frankf. Ztg._ (5./7. 06) sprach von "großen Worten", "Fiasko" und "leisem Rückzug".]
[Fußnote 439: Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei den christlichen Gewerkschaften.]
[Fußnote 440: Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten könne.]
[Fußnote 441: Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden war, geben z.B. _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften" p. 928, _Bebel_ und andere Redner am Mannheimer Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z.B. auch die _Düsseldorfer Volksztg._ (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der _Vorwärts_ (14./7. 06) zu.]
[Fußnote 442: Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder verschwunden sei (_Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte"; _Kautsky_; Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. _Elm_ ("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734) und _Bebel_ hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für Preußen paßten (vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; _David_, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als die preußische (_Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.; Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese Meinung (vgl. auch Leo _Arons_, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane Ablehnung des pol. M-streiks (z.B. das Bochumer "_Volksblatt_" und die Dortmunder "_Arbeiterztg_.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).]
[Fußnote 443: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; Rob. _Schmidt_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). -- Wie ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit. Streik liegen, zeigt der _Massenstreikversuch_ in _Hamburg_ vom 17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte, hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).]
In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen _Gradmesser für das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft_. Mehr und mehr muß die Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu Stande.[445]
[Fußnote 444: Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.]
[Fußnote 445: _Kautsky_ ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne der Parteiauffassung.]
Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.
[Fußnote 446: _Kolb_ ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die M-str.-Diskussion als "total überflüssig".]
(b) Geschichte des Generalstreiks.
§ 14. Frankreich.
Der _amerikanische Gewerkschaftskongreß_ von 1885 hatte beschlossen, am 1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen _Generalstreik_ zu inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der anarchistischen Führer in Chicago.
[Fußnote 447: Anfang der 1880er Jahre hatte _Most_ unter den deutschen und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden (vgl. Georg _Adler_, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2. Aufl. 1, p. 313, 314.)]
[Fußnote 448: _Bourdeau_, "Les grèves politiques" p. 428.]
[Fußnote 449: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen _Einfluß auf die Arbeiterbewegung_ auch in _Europa_ aus. Hier arbeiteten sie einerseits der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten besonders in den _romanischen Ländern_ festwurzelte.
[Fußnote 450: Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit. bei _Weill_, a. a. O. p. 275, Note).]
In _Frankreich_ wurde diese aus Amerika importierte Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des _Gewerkschaftswesens_ oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die "Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen _Guesdisten_ stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für den Generalstreik als Emanzipationsmittel. _Briand_, der sogenannte "Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452] entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892, zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453] Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck der kurz zuvor durch das Ministerium _Dupuy_ verfügten Schließung der Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip; immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454] Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die "Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte sich in die "_Confédération du Travail_" (C. T.), die sich zum Generalstreik bekannte[456] und ein "_Comité de la grève générale_" einsetzte.[457]
[Fußnote 451: _Weill_, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p. 405 ff.; Léon de _Seilhac_, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85, 194-196, 211, 219, 293; _Halévy_, "Essais sur le Mouvement ouvrier en France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; _Léon Blum_, "Les congrès ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141, 144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.]
[Fußnote 452: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution" p. 3, 4.]
[Fußnote 453: Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer und revolutionärer Zwecke (vgl. _Briand_, a. a. O. p. 6; _Blum_, a. a. O. p. 134 ff.; _Buisson_, "La grève générale", p. 37).]
[Fußnote 454: _Weill_, a. a. O. p. 282, 283.]
[Fußnote 455: _Blum_, a. a. O. p. 145 ff.]
[Fußnote 456: So z.B. in Tours 1896 (vgl. _Blum_, a. a. O. p. 159); schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden sein (vgl. Frh. von _Reiswitz_, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).]
[Fußnote 457: _Weill_, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités de la grève génerale" in Verbindung zu setzen (vgl. _Pouget_, [Enquête, p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z.B. der Fall gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl. _Weill_, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und Schrift zu sorgen.]
Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "_Fédération des Bourses du Travail_" eine weitere gewerkschaftliche Organisation, die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] -- Die gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur "_Confédération générale du Travail_" (C. G. T.), dem sogenannten Parti syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460] so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von _Pouget_ gepredigte "action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai 1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt" einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462]
[Fußnote 458: Unter _Pelloutiers_ Einfluß, und seit dem Regionalkongreß in Tours, (vgl. _Weill_, a. a. O. p. 275).]
[Fußnote 459: _Weill_, a. a. O. p. 405 ff.]
[Fußnote 460: _Blum_, a. a. O. p. 189.]
[Fußnote 461: Albert _Thomas_, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".]
[Fußnote 462: _Rappoport_, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p. 229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique" im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4. Morgenblatt).]
Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung der grève générale sind vielmehr _psychologische_ und _politische Gründe_ maßgebend.
[Fußnote 463: So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums (Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik angeschlossen, was, wenigstens nach _Briand_ (a. a. O. p. 11), der bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung (_Weill_, a. a. O. p. 406, und _Bourdeau_, a. a. O. p. 442). -- Etwas günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember 1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht worden (vgl. _Roland-Holst_, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p. 14, 42, 43).]
[Fußnote 464: _Delory_ (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).]
Vor allem stellen die _Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen eines Bruchteils der französischen Arbeiter_ dar. Die gewerkschaftliche Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine _anarchistische Minorität_ majorisiert werden, da letztere über eine größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468] Also nicht etwa das organisierte Proletariat schlechthin[469] hat in Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences", sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt werden sollen.
[Fußnote 465: Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik" [Beilage zu Nr. 11 der "_Wahrheit_"], p. 9), deren gewerkschaftliche Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. _Griffuelhes_ aus der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov. 05]).]
[Fußnote 466: Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200000 Arbeiter angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr. verfügen!!" (_Rappoport_, p. 233).]
[Fußnote 467: Z.B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. _Rappoport_ a. a. O.).]
[Fußnote 468: Frankf. Ztg. a. a. O.; _Rappoport_, a. a. O.; _Weill_, a. a. O. p. 411; _Deville_, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, 27. -- Vgl. auch _Lagardelle_ ("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische, klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt, untergehen".]
[Fußnote 469: Wie _Briand_, p. 16, behauptet.]
[Fußnote 470: _Weill_, p. 410, 411.]
Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch die Ausdehnung des "_gelben_" _Gewerkschaftswesens_ in Frankreich noch künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]
[Fußnote 471: W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni 07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist". -- Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 -- (der Senat wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam nie in die Kammer [vgl. _Weill_, p. 334]) -- soll die G-streiktendenzen gefördert haben (vgl. _Briand_, p. 12ff.).]
Hierzu gesellten sich nun noch _politische Enttäuschungen_. Die übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472] Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]
[Fußnote 472: _Thomas_, "Achtung!.. usw.".]
[Fußnote 473: _Weill_, p. 275, 405.]
Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der _sozialistischen Parteien_ Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den Generalstreik büßten die _Guesdisten_ Anfang der 1890er Jahre ihren Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die _Allemanisten_ traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]
[Fußnote 474: Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XXIII, 2).]
[Fußnote 475: _Weill_, p. 408.]
[Fußnote 476: Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-Tg. (vgl. _Blum_, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl. Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).]
[Fußnote 477: Die Allemanisten erkannten stets, z.B. auf ihren Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; _Blum_, p. 128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert _Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit genug (vgl. z.B. _Pouget_, [Enquête, p. 63 ff.)].]
Auch der sog. _Einigungskongreß_ von 1899 trug der syndikalistischen Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel und Wege zur Eroberung der Macht".
[Fußnote 478: _Briand_ hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale" (vgl. Vorwort zu _Briand_, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl. _Delory_ [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation socialistes françaises Paris" 1899, p. 395, 410.).]
_Jaurès_ nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen _Guesde_ der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]
[Fußnote 479: _Weill_, p. 408.]
[Fußnote 480: _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu (vgl. _Weill_, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).]
Auch die _geeinte Partei_ mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und Gewerkschaft.
[Fußnote 481: _Rappoport_, p. 231.]
* * * * *
Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der _Generalstreik in Marseille vom Jahre_ 1904.
In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z.B. die Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft mit Proklamierung des _Generalstreiks_ in Marseille und mit Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller Häfen des Mittelmeers zum _Solidaritätsstreik_.[485] Beide Ausstände nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere an.[487]