Theophano: Oper in drei Aufzügen
Part 2
Lass' mich die niedrigsten Werke verrichten! Nur aus Byzanz verbann mich nicht!
_Theophano_:
Was kann ich tun, da der Kaiser gesprochen?
_Eudokia_:
Dich liebt der Kaiser mehr als sein Leben. Leid' es nicht, daß ich fern vergehe. Sprich du ein Wort, ein einziges nur --
_Theophano_:
Warum nur sollt' ich?
_Eudokia_
(da Theophano lacht, mit flehend emporgehobenen Händen):
Lass' einen großen Dienst mich dir tun! Etwas gewaltiges, etwas, das niemand anders dir tut!
_Theophano_
(sie plötzlich bei den Händen fassend):
Etwas, das niemand anders mir tut? -- Schaffe ihn mir! Den blonden Waräger! Schaff' ihn zur Stunde hierher zu mir! Such' ihn und hol' ihn, wo du ihn findest; hol' ihn vom Sessel des Kaisers hinweg! Denn ich begehre ihn mit meiner Seele heißesten Gluten.
_Eudokia_ (aufstehend):
Ich schaff' ihn dir. (Ab.)
_Theophano_
(tritt an die große Tür links und schlägt ein Gong. Der Haushofmeister erscheint.)
_Haushofmeister_:
Was befiehlt die große Prinzessin?
_Theophano_:
Sklaven und Tänzer herbei! Ich fei're heut ein Fest.
_Haushofmeister_
(verbeugt sich und steht zögernd).
_Theophano_ (ungeduldig):
Was zögerst du?
_Haushofmeister_:
Herrin, bange Sorge treibt mich, zu reden. Es droht Gefahr.
_Theophano_:
Wem? Mir?
_Haushofmeister_:
Dem Kaiser.
_Theophano_:
Wie? Woher?
_Haushofmeister_:
Rings im Palaste wispert Verrat, und das Volk auf der Gasse draußen wartet, daß einer ihm das Zeichen gebe.
_Theophano_:
Sind sie des Psalmenbetens müde?
_Haushofmeister_:
Er ist der Kaiser nicht von Byzanz, er ist ein Priester. Schwerer dünkt dem Volk sein Joch als harte Fron. Soeben erließ er den Befehl, der in Byzanz für einen Monat Tanz, Lustbarkeit und weltlich Spiel verbietet, damit das Volk in stiller Buße für seine Sünden um Vergebung flehe.
_Theophano_:
Was sagst du? Das befahl er?
_Haushofmeister_:
Soeben hat er die Archonten versammelt und ihnen seinen kaiserlichen Willen kundgetan. Darum erschreckt es mich, daß du o Herrin, heut Abend hier ein Freudenfest befiehlst.
_Theophano_ (herrisch):
Tu, was ich dir sagte!
(Nimmt einen goldenen Reif von ihrem Arm und gibt ihn ihm):
Und sei bedankt! Heute will ich lustig sein. Morgen -- vielleicht -- -- -- -- -- Wie sagte er? -- -- (im Abgehen für sich): Draußen wartet das Volk, »daß einer ihm das Zeichen gebe« -- --
(Ab durch die Tür links.)
_Haushofmeister_
(klatscht in die Hände).
(Sklaven erscheinen, die auf seinen Befehl das Tor im Hintergrunde schließen und einen starken Querbalken davor legen. _Andere_ ziehen währenddessen die Vorhänge zu und entzünden Lichter in der Halle. _Tänzer_ und _Tänzerinnen_ kommen aus der mittleren Tür, stehen in Gruppen zusammen, schwatzen und versuchen Stellungen, Tanzschritte. Unterdrücktes Gelächter. Der Haushofmeister treibt sie allgemach in den Garten hinaus. Die beiden Neger, halb nackt, treten, bloße, breite Schwerter vor den Leib haltend, in den Gang und schließen ihn nach rückwärts ab. Haushofmeister und Sklaven verschwinden.)
_Eudokia_ (aus der mittleren Tür).
_Harald_
(hinter ihr, von ihr an der Hand gezogen; er ist befangen. Sie stehen wartend bis Theophano aus der Tür links erscheint.)
_Theophano_
(aus der Tür links).
_Eudokia_ (zu ihr hin):
Süßeste Herrin, dein Wunsch ist erfüllt.
_Theophano_
(ohne auf sie zu achten, Harald mit flammenden Blicken messend):
Wie ich ihn liebe, der meine Seele trunken macht?
_Eudokia_:
Süßeste Herrin, du hast mir versprochen --
_Theophano_:
Wie ich ihn liebe! Wie er schön ist!
_Eudokia_:
Süßeste Herrin, wirst du nun Gnade deiner treuesten Dienerin leih'n?
_Theophano_:
Ist das die Stunde für Sklavenwünsche, wenn die Herrin im Fieber glüht?
_Eudokia_:
Süßeste Herrin, ein Wort nur --
_Theophano_:
Kupplerin! Weiche! Sonst lass' ich dich peitschen.
_Eudokia_:
(taumelt empor, zur Tür links, wirft einen haßerfüllten, drohenden Blick zurück und verschwindet).
_Theophano_
(steht und schaut Harald unverwandt an).
_Harald_
(läßt sich zögernd auf ein Knie nieder).
_Theophano_ (schnell zu ihm hin):
Knie nicht, du Tor! -- Du süßer Tor! Du sollst in mir nicht die Prinzessin seh'n.
_Harald_ (leise):
Ich seh in dir das schönste Weib der Erde.
_Theophano_ (ebenso):
Harald!
(Ergreift ihn bei der Hand und führt ihn zur Marmorbank.)
_Harald_
(sitzt am äußersten Ende der Bank, nach dem Garten hin):
In jenen Klostermauern, da meine Jugend wuchs, sah ich mit Augen nur ernste Mönche, hört' ich mit Ohren nur Singen und Beten. Doch in mir lebte ein andres Leben; woher mir's gekommen, ich weiß es nicht. Brennende Sehnsucht lohte in mir nach Glanz und Pracht, nach rauschenden Festen, nach stürmischer Stunden süßer Gewalt. Und schöne Frauen schritten durch meine Träume, liebreich und hold, daß mir die Tränen entstürzten, wenn ich jählings erwacht. Dann kam die Stunde -- dann kam Byzanz: Und ich sah dich, Theophano! Du Strahlende, vor dir versinkt die Pracht Byzanz', Du einzig Schöne, mit dir will ich die purpurnen Feste feiern, die meine trunkene Seele sah.
_Theophano_:
Mit mir sollst du die purpurnen Feste feiern, die deine trunkene Seele sah.
_Harald_:
Theophano!
_Theophano_:
Harald!
(Sie umarmen sich. Dann reißt sie sich von ihm los, läuft die Stufen hinauf zum Pavillon. Sich von oben über ihn beugend):
Sünder! Böser Sünder! Was wird der Kaiser sagen, wenn er dich so erblickt?
_Harald_
(den Kopf rückwärts an die Rundung der Pavillonmauer gelehnt, zu ihr hinauf):
Der Kaiser? Lass' ihn beten zu seinen Heiligen! Ich, ich bete zu dir.
_Theophano_:
Zitterst du nicht, ihn tötlich zu kränken?
_Harald_:
Waräger zittern nie.
_Theophano_:
Er ist der Herr der Welt.
_Harald_:
Hab' er die Welt! Eins hat er nicht, nicht die köstliche Schwester, die mir sich neigt.
_Theophano_:
Höhnst du ihn noch?
_Harald_:
Ich lache sein.
_Theophano_:
Kannst du ermessen, wie edel heiliges Kaisergeblüt? Menschen leben im Staub der Erde, bäumen sich, strecken sich nach dem Erhabenen, fallen zurück ins klanglose Nichts. Purpurgeborne schreiten in Höhen, Kaiserthrone stehen erhaben an den Pforten des Himmelssaals, Kaiserblut ist Gotte verwandt.
_Harald_:
Wenn ich einst alt bin will ich wohl glauben an einen Himmel wie ihr -- vielleicht. Vielleicht auch kehr' ich zur Heimat zurück. Dort gibt's keinen Himmel, noch Engel und Psalmen. Odin tafelt beim Becherklang in Walhalls fröhlichen Räumen.
_Theophano_:
Hier oben ist Walhall. Komm herauf zu mir!
_Harald_
(aufstehend und sich an die Mauer lehnend):
Noch bin ich im Leben. Komm herab zu mir!
_Theophano_:
Helden müssen den Himmel stürmen.
_Harald_:
Sterbliche Weiber müssen sich neigen.
(Er steht am Fuße der Treppe, mit ausgebreiteten Armen.)
_Theophano_
(fliegt die Stufen herab in seine Arme).
_Beide_:
Höchste Wonne, im Sturm zu stehen, kühn den taumelnden Kopf gereckt! Höchste Wonne, in Liebe vergehen, Wenn die Flamme zum Leben erweckt
(Theophano rührt an den nächsten Vorhang. Alle Vorhänge fliegen mit eins zurück. Der nächtliche Garten liegt in magischer Beleuchtung. Tänzer und Tänzerinnen stehen als Götterstatuen in den Nischen der rückwärtigen Mauer: in der Mitte Aphrodite, rechts Apollo, links Dionysos. Die übrigen Tänzer und Tänzerinnen als verehrende Festversammlung davor liegend und knieend. Apollo steigt zu ihnen herab und führt sie an zu einem Tanz voll strenger Schönheit. Dann mischt sich Dionys dazwischen. Wilde rauschende Lust quillt auf. Theophano mischt sich in den Strudel der Tanzenden. Alle fallen, ihr huldigend, zu Boden. Sie allein tanzt weiter. Harald springt dazwischen, fängt Theophano auf und trägt sie zur großen verhangenen Tür links. In diesem Augenblicke wird der Vorhang von oben nach unten gerissen, fällt zur Erde und bauscht sich um die Füße des)
_Alexios_
(der totenbleich im Türrahmen steht. Hinter ihm)
_Bewaffnete_
(dazwischen)
_Eudokia_.
_Harald_
(lacht wild auf und preßt Theophano an sich):
Heissa! Schätzchen! Dein frommer Bruder kommt zur Hochzeit.
_Alexios_:
Reißt das doppelköpfige Tier entzwei!
_Bewaffnete_
(stürzen sich auf die beiden und reißen sie auseinander).
_Alexios_:
In Ketten ihn! Und in den tiefsten Kerker!
_Harald_ (wird abgeführt).
_Alexios_:
Theophano!
_Theophano_
(ohne ihn zu beachten, zu Eudokia):
Kleine Tochter des Philosophen, hast du dein Mütchen gekühlt?
_Alexios_:
In ihr Gemach! Wächter davor -- (Er wankt.) kein Mensch soll sie sprechen -- (Er will fallen.)
_Eudokia_
(springt vor und will ihn halten):
Angebeteter --
_Alexios_ (schleudert sie weg):
Rühr' mich nicht an! Verfluchte!
_Vorhang._
Dritter Aufzug.
Die Szene zeigt einen düsteren Saal, der sein Licht irgendwoher aus der Höhe bekommt. Eine breite Treppe steigt im Hintergrund auf, Straßeneingang. In der _rechten_ Seitenwand eine mächtige Bronzetür, erhöht, über zwei Stufen zu erreichen. Weiter zurück eine kleinere Tür. Links ebenfalls zwei Türen. Der Thronstuhl des Kaisers steht rechts vorn, überragt von einem holzgeschnitzten und buntbemalten Gekreuzigten.
Man hört draußen das dumpfe Branden der Volkserregung, aus der sich ab und zu ein heller Schrei losringt. _Der Henker_ mit zwei Gehilfen kommt aus der kleinen Tür rechts, bezeigt dem Gekreuzigten seine Verehrung und geht links vorn ab.
Ein _General_ mit mehreren Soldaten eben daher, ab durch die zweite Tür links. Indem er hinaus ist und die Türe offen läßt, drängen die _Frauen_ der Theophano herein, scheu, mit starrer Angst in den Zügen. Sie stellen sich rechts und links von der Tür auf.
_Archonten_ und _Generale_ aus der zweiten Tür rechts, von Soldaten gefolgt. Sie lauschen auf das Toben des Volkes und stecken die Köpfe zusammen.
_Erster Archont_:
Das Volk von Byzanz?
_Zweiter Archont_:
Ein Wort genügt!
(Auf den Wink eines Generals besetzen Soldaten die Treppe im Hintergrund. Eine silberne Glocke läutet lang und heftig von draußen. Die Flügel der Bronzetür fliegen auf.)
_Alexios_
(mit großem Gefolge tritt auf die Treppe heraus).
_Männerstimmen_:
Christus erhalte deinen Ruhm.
_Frauenstimmen_:
Christus erhalte deinen Ruhm noch lange im -- -- --
_Alexios_
(winkt ab. Die Männer verstummen, die Frauen plärren weiter):
Schweigt stille! Mein Ruhm ist nicht fein.
(Er steigt langsam die Treppe hernieder, indes alle niederfallen. Er neigt sich tief vor dem Bild des Gekreuzigten):
Gekreuzigter! Gequälter! Immer von neuem kreuzigt man dich! Wende dein schmerzgezeichnetes Antlitz bis ich gerichtet hab'.
(Er tritt auf die Erhöhung, auf der der Thronstuhl steht, läßt sich auf ihn nieder und winkt.)
_Theophano_
(aus der zweiten Tür links, gefolgt vom General und den Soldaten. Sie ist in ein ganz weißes Gewand gekleidet, ein weißer Schleier, zu beiden Seiten des Kopfes lang herabhängend, läßt nur ein längliches, viereckiges Stück ihres Gesichtes frei. Sie schreitet zwischen den Frauen hindurch, die bei ihrem Anblick zum Teil aufschluchzen. Sie weist sie mit einer herrischen Gebärde zur Ruhe, stellt sich, halb nach vorn gewendet, auf und wirft einen fragenden Blick zu den Archonten und Generälen hinüber. Die verneigen sich tief.)
_Alexios_
(der sich langsam erhoben hatte, sinkt, da sie ihn gar nicht beachtet, in seinen Sitz zurück und gibt ein zweites Zeichen).
_Harald_
(wird vom Henker und seinen Gehilfen hereingebracht. Er ist mit Ketten beladen, aber aufrecht, ein wildes Feuer in seinen Augen. Sobald er auftritt fährt sein Kopf nach dem Hintergrund herum, wo die Frauen stehen. Da er Theophano gewahrt, richtet er sich noch höher auf und grüßt sie mit seinem Blick. Dann schweift sein Auge über die Versammlung der Männer und bleibt schließlich hohnglühend auf Alexios haften).
_Harald_:
Wie groß und feierlich! Die Feste folgen sich, doch gleichen sie sich nicht.
_Alexios_:
Harald! Warägersohn! Aus niederem Stande aufgestiegen -- -- --
_Harald_:
Krieger waren die Ahnen alle!
_Alexios_ (sich gewaltsam beherrschend):
-- -- -- aus niederem Stande. Eines Kaisers Gunst und Gnade machte dich zum Gespielen des Sohnes.
_Harald_:
In langer, trauriger Klosterfron hab' ich es abgedient.
_Alexios_:
Ein unerhörtes Glück erhob dich zum Freunde des Kaisers -- -- --
_Harald_:
Und zum Geliebten der Schwester!
_Alexios_:
Rasender! denkst du daran: An meiner Gnade hängt dein Leben!
_Harald_ (lacht):
Gnade! Du Frömmler! Glaub' mir, ich kenn' dich! Eher vergehst du, eh' du verzeihst, was ich getan!
_Alexios_:
Was du getan! Mußt du mich mahnen? Ja, Unsel'ger, wisse, du stehst vorm Tode!
_Harald_:
Heia, der Tod! Wie ich ihn grüße! Jauchzend sind die Warägersöhne immer dem Tod entgegengestürmt! Glaubst du, daß ich ihn greinend empfange?
_Alexios_:
Harald, Unsel'ger!
_Harald_:
Nicht dein Himmel, nicht die Erlösung, selber der Tod ist jubelnde Lust!
_Alexios_:
Läst're nicht!
_Harald_ (in dämonischer Glut):
Wenn ich den tötlichen Streich empfange, strahlt in meinem Blick noch einmal auf des Lebens Flamme in heller Glut! Und im letzten Blitz des Denkens nehm ich mir das Weib, das mir Tod und Leben einet -- deiner Schwester Leib!
_Alexios_:
Halt ein! -- Verruchter!
_Harald_:
Einmal noch abwärts die schneeige Halde ihrer Schultern gleitet mein Blick, Einmal noch strahlt ihr heißes Auge meine wilden Wünsche zurück, Einmal noch zittert in meinen Armen --
_Alexios_:
Hör' auf! Hör' auf!
_Harald_:
-- -- -- ihrer Glieder geschmeidige Pracht, Einmal noch drängt sich in heißester Sehnsucht an mich ihr Leib mit zärtlicher Macht --
_Alexios_ (rasend):
Henker! Henker! Schnell! Tu' dein Amt!
_Harald_
(vom Henker und seinen Gehilfen rückwärts gerissen):
Ewig das Wort vor Augen dir steht in blutigem Schein -- deine Schwester ist mein!
_Theophano_
(die der Szene mit glühender Anteilnahme gefolgt ist, springt mit einem jubelnden Aufschrei vor, die Gehilfen des Henkers weichen zurück. Sie reißt dem Henker das Schwert aus der Hand, wirft es zu Boden, setzt den Fuß darauf und blickt mit wildem Triumph den Kaiser an. Ein Ruck geht durch die Archonten und Generale, die sich nunmehr schon auf die Seite der Theophano schieben):
Keines Henkers Schwert soll ihn berühren!
_Alexios_:
Theophano! Purpurgeborene!
(Zu den anderen):
Nein -- fort mit euch allen! Laßt uns allein! Was kümmert euch der Purpurgebornen Sache!
_Theophano_:
Nein -- bleibt alle hier! Was hier geschieht, geht alle an!
(an Haralds Halse):
Einziger du, der meine Seele trunken macht!
_Alexios_:
Soll ich die Zwillingsschwester, soll ich mein anderes Ich zerstören?
_Theophano_:
Dein _anderes_ Ich! Begreifst du das nun? Ein _anderes_ Ich ist deine Schwester! Heiße Sehnsucht wohnt in uns beiden, wandert durch unser Blut ohne Rast. Weiße Flamme ward sie in dir, die sich verehrend zum Himmel wendet. In rote Gluten bin ich getaucht! Der Erde Freuden begehr' ich mir! Nimm deinen Himmel, Laß uns das Leben! Laß uns das lebenbegehrende, jauchzende Kaiser-Byzanz!
(Jubelnder Zuruf der Archonten und Generale, die sich jetzt alle auf Seiten der Theophano schieben. Nur ein einziger Getreuer bleibt bei Alexios.)
_Alexios_:
Laß euch die Sünde und das Verderben! Führt sie zum Tode alle beide!
_Theophano_ (auflachend):
Wer soll uns führen?
_Alexios_:
Das Urteil ist gefällt! Ist niemand hier, es zu vollstrecken?
(Aufschreiend): So muß ich selbst -- -- --
(Alexios läuft die Stufen des Thrones herab, ergreift das am Boden liegende Schwert des Henkers und stürzt sich auf Harald. Alles schreit auf, nur Harald bleibt ruhig. Indem er Alexios furchtlos entgegensieht, hebt er ein wenig die gefesselten Hände. Da läßt Alexios das Schwert zu Boden fallen.)
_Alexios_:
Nein, ich kann nicht, ich darf nicht töten!
(Alexios schreitet zu der Christusfigur am Thronsessel und wirft sich vor ihr nieder):
Herr Jesus Christ, sei bedankt, daß du das Schwert mir schlugst aus der Hand! Herr Jesus Christ, nun führe mich du auf deinem Weg zum Frieden!
(Auf einen Wink Theophanos tritt jetzt der Henker herzu und entfesselt Harald. Der reckt die Arme hoch empor und tut einen Schritt auf den noch immer knieenden Alexios zu. Von Theophanos Hand wird er zurückgehalten. Alexios erhebt sich. Indem er sich der Versammlung zuwendet, nimmt er von seiner Brust den Ölzweig, das Geschenk des Abbas. Sein Blick, der zuerst die Anwesenden umfaßte, scheint nun ins Weite, Leere gerichtet. Ganz entrückt, visionär):
Ich wollt' am Throne steh'n, als ein Diener Christ's des Herrn. Lächelnden Frieden wollt' ich führen Durch die schauernden Gassen der Stadt. Die Stadt will meinen Frieden nicht -- -- -- Die Schwester selbst ist wider mich.
(Er läßt den Purpurmantel von den Schultern fallen und nimmt den Reifen von der Stirn):
Nehmt zurück, was ihr mir brachtet, dieser Welt Herr kann ich nicht sein!
(Langsam schreitet Alexios die Stufen des Thrones herab, durch die schweigende Versammlung dem Tor im Hintergrunde zu.)
_Ein Getreuer_
(sich ihm in den Weg werfend):
Erhabener, geh' nicht hinaus, sie werden dich töten! Schone den jungen, geheiligten Leib!
_Alexios_
(wehrt den Getreuen sanft ab und schreitet weiter, die Stufen hinauf zu dem großen Tor im Hintergrunde. Er stößt das große Tor auf. Man erblickt die tosende Volksmenge, deren Gebrüll beim Anblick des Kaisers mächtig anschwillt. Furchtlos steht Alexios da, bis das Geschrei schwächer wird und endlich nach Aufheben seiner Hände ganz verstummt. Da schreitet der Kaiser in die lautlose Menge hinein, die ihm unwillkürlich eine Gasse bildet. Wieder wächst das Gemurmel des Volkes. Plötzlich ertönt ein einzelner furchtbarer Aufschrei. Darauf Totenstille. Der Getreue, der dem Kaiser von der Höhe der Treppe nachgespäht hat, dreht sich um und erdolcht sich. Theophano ergreift Haralds Hand und schreitet mit ihm, hocherhobenen Hauptes, dem Thronsessel zu. Während sie sich mit Stirnreif und Purpurmantel bekleidet, fallen alle huldigend auf die Knie, erheben sich dann und brechen in den größten Jubel aus.)
_Ende_.
[Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt:
* Auf Seite 1 wurde nach Berlin ein Punkt hinzugefügt. * Auf Seite 37 wurde einmal Eudioka zu Eudokia korrigiert.]
End of Project Gutenberg's Theophano, by Otto Anthes and Paul Graener