Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.
Part 9
-- Nein, das sollst Du nicht, das Außerwesentliche ist meine Sache -- Du nimmst nur das Geld! Also Schlag elf Uhr an dem Wirthshause -- auf der Bank, wo wir den verhängnißvollen Hut mit dem rothen Bande eroberten. Auf Wiedersehen, Kamerad!
Jetzt zog sich Konrad behutsam aus der Hecke zurück, sandte einen Blick des Dankes zum Himmel empor und lief mit einer solchen Schnelle den Weg über das Stoppelfeld zurück, daß er nach kaum zehn Minuten keuchend an Philipp's Mühle stand. Er traf den jungen Müller auf der Bank unter der Linde, wo er einem kleinen Kreise Zuhörer die Scene schilderte, wie Konrad das Leben des Gutsherrn gerettet hatte.
-- Willkommen, Konrad! riefen alle, als sie ihn erkannten, und umringten ihn freudig, denn sie wußten um sein hartes, unverdientes Schicksal und beklagten ihn von Herzen.
-- Philipp, flüsterte der Angekommene, ich muß Dich allein sprechen!
-- Mein Gott, Konrad, Du bist außer Athem -- was ist geschehen?
-- Noch nichts; doch komm auf einen Augenblick in Dein Haus.
Die beiden jungen Leute verschwanden in der Mühle. Die Zurückgebliebenen unter der Linde äußerten laut ihre Befürchtungen, sie schlossen aus Konrads hastiger Ankunft, Mariens Verlust habe ihm den Verstand zerstört.
Die Uhr im Dorfe schlug zehn und der kleine Kreis der Nachbarn wollte sich eben trennen, als Konrad und Philipp eilig aus der Mühle traten. Letzterer trug die Uniform seines Regiments, einen alten Säbel an der Seite und ein Jagdgewehr auf der Schulter.
-- Wohin? riefen die Leute erstaunt.
-- Zum Appell! war die Antwort der eilenden Männer, die im nächsten Augenblicke schon in dem Dunkel verschwunden waren. Auf einem Platze im Dorfe trennten sie sich wieder, Konrad, um seine Uniform und Waffen anzulegen, Philipp, um den dritten Kameraden zu holen.
Röschen empfing den Bruder mit einem lauten Freudengeschrei. Dieser grüßte kaum und stürzte in seine Kammer. Die Schwester folgte ihm.
-- Konrad, rief Röschen, deren Freude sich in Schreck verwandelt hatte -- Du willst doch nicht wieder in den Krieg ziehen, daß Du die Uniform hervorsuchst?
-- In den Krieg, war die rasche, freudige Antwort -- in den Krieg, um mir meine Marie wieder zu erobern!
Röschen brach in ein lautes Schluchzen aus, denn sie glaubte, der Bruder sei wahnsinnig geworden.
-- Bruder, ich lasse Dich nicht von der Stelle!
-- Warum nicht? fragte Konrad lächelnd, indem er den Soldatenrock anzog.
-- Wie Du glühst -- Du bist krank!
-- Du irrst, Schwester, ich war in meinem Leben nicht so gesund, als eben jetzt.
-- Aber wo willst Du hin?
-- In den Krieg!
-- Konrad, Konrad, was soll ich glauben? Diese Antwort, -- Deine funkelnden Blicke --!
Der junge Mann prüfte indeß den Inhalt einer Jagdtasche. Als er den nöthigen Schießbedarf darin vorgefunden, warf er sie über die Schulter, ergriff ein Gewehr, das an der Wand hing, und trat dann ruhig und freundlich zu seiner Schwester.
-- Röschen, sagte er sanft, Du weinst und zweifelst vielleicht an meinem Verstande, weil ich von Dingen rede, die Dir sonderbar erscheinen; aber sei außer Sorge, der Gang, den ich jetzt zu machen gedenke, rettet unserm jungen Grafen das Leben, mir die schwer gekränkte Ehre und Marien die Freiheit. Begreifst Du nun meine plötzliche Umwandelung, liebe Schwester?
-- Aber so erkläre mir doch --!
-- Soll ich meinen Zweck nicht verfehlen, so laß mich ziehen -- bald kehre ich zurück und Du wirst alles erfahren.
-- Willst Du allein fort? fragte Röschen besorgt.
-- Komm zurück in das Zimmer und Du wirst sehen, wer mich begleitet.
In demselben Augenblicke, als die Geschwister aus der Kammer eintraten, öffnete sich die Thür, die auf die Hausflur führte, und Philipp und ein anderer junger Mann in Uniform und bewaffnet erschienen auf der Schwelle.
-- Willkommen, Christian! rief Konrad, beiden die Hand reichend. Siehst Du, wandte er sich zu Röschen, da stehen meine Begleiter -- hast Du nun noch Angst? Jetzt bleibe wach, bis wir zurückkehren und sorge für ein gutes Frühstück, denn vor Mitternacht wird unser Geschäft nicht beendet sein. Doch laß kein Wort von unserm Ausmarsche laut werden, sonst ist alles verloren.
-- Und Marie wird frei? fragte Röschen noch einmal.
-- Frei, antwortete Konrad, um meine Frau zu werden. Adieu, Röschen!
Vorsichtig verließen die drei Soldaten das Haus und das Dorf. Röschen ging zur Küche, schürte Feuer an und begann das ihr aufgetragene Mahl zu bereiten.
8.
Der Jäger Graff hatte wahr gesprochen: Graf Rudolph bestieg in der That im Edelhofe des Barons gegen Mitternacht seinen Wagen, um nach seinem Schlosse zurückzukehren. Nur führte er nicht die Summe Gold mit sich, nach der Graff sich sehnte, die Kunde davon war nichts als ein Domestiken-Geschwätz, das dem wilden Waidmann durch einen Jäger des Barons in der Waldschenke zu Ohren gebracht worden. Der junge Graf, obgleich beglückt durch die Liebe eines schönen, reichen Mädchens, befand sich nicht in der heitersten Laune, Konrad's Unglück, zu dem er willenlos den Grund gelegt, ging ihm tief zu Herzen und erfüllte ihn um so mehr mit Mißmuth und innigem Bedauern, als er nicht im Stande war, durch irgend ein Mittel das Geschehene auszugleichen. Er hatte seiner Braut die Unglücksgeschichte mitgetheilt und diese hatte ihm unter Thränen den Vorschlag gemacht, dem armen Konrad ein kleines Gut als Eigenthum zu überweisen, das sie in der Gegend von B. besaß und durch einen Verwalter bewirthschaften ließ. Rudolph war freudig auf diesen Vorschlag eingegangen, daß er aber dem braven Manne mit der Verleihung der Glücksgüter nicht auch das Glück und die Ruhe des Herzens zurückgeben konnte, deren Verlust er noch vor Kurzem so schmerzlich empfunden, trübte die Freude, die ihm die Umgestaltung seines Geschickes bereitete.
Die Wächter der nahen Dörfer riefen die Mitternachtsstunde und ihre Hörner erklangen hell durch die stille Nacht, als der Graf die weißen Mündungen der Steinbrüche erblickte, an denen eine kurze Strecke seines Weges vorbeiführte. Das Passiren dieses Weges war völlig gefahrlos, da die Abgründe sich in einer Entfernung von mehr als hundert Schritten öffneten und selbst in der größten Dunkelheit sich durch einen weißen Schimmer des Gesteins zu erkennen gaben. Hinter den Steinbrüchen zu beiden Seiten liefen ziemlich hohe Bergrücken hin, welche ein langes, schmales Thal bildeten, das eine Biegung machte, um sich ostwärts fortzusetzen, der Weg aber zum Schlosse schied sich in dieser Biegung und führte südwärts durch einen tiefen Hohlweg wieder in das freie Feld.
Peter, der Kutscher, des Weges kundig, hieb lustig in die Pferde, daß der leichte offene Wagen wie ein Pfeil durch das Thal schwirrte. Als er an die Stelle kam, wo er in den Hohlweg einbiegen mußte, fuhr er vorsichtig etwas langsamer; doch kaum hatte er das tiefe Gleis erreicht, als aus einem an dem Abhange stehenden Haselbusche ein Schuß fiel und dem armen Burschen die Hand verwundete, mit der er die Peitsche schwang. In demselben Augenblicke stürzte ein Mann den Pferden in die Zügel.
Der Graf, seit seinem letzten Anfalle vorsichtig geworden, holte rasch ein Pistol aus der Wagentasche hervor, legte an, ein zweiter Schuß knallte durch das Thal und der Mann, der die sich bäumenden Pferde hielt, stürzte mit einem lauten Schrei zusammen. Die Hufe der scheu gewordenen Pferde zermalmten den tödtlich verwundeten Räuber. Peter behielt indeß so viel Geistesgegenwart, daß er mit der gesunden Hand die Zügel kräftig erfaßte und das Durchgehen der Rosse verhinderte.
Noch stand der Graf aufrecht im Wagen und hielt das abgeschossene Pistol in der Hand, als er von hinten mit einem Hirschfänger angegriffen wurde -- ein zweiter Räuber hatte den Wagen erstiegen. Ohne ein Wort zu reden, vertheidigte sich der Angegriffene mit dem umgekehrten Pistol und es entspann sich ein Kampf in dem Wagen, der sich sicher zu Gunsten des stärkeren Banditen entschieden, wenn nicht ein paar kräftige Fäuste den Nichtswürdigen bei den Haaren ergriffen und ihn rücklings von dem Sitze herab in den Hohlweg geschleudert hätten. Unten standen noch zwei Männer und nahmen den wuthknirschenden Räuber mit ihren Gewehrkolben in Empfang.
Der Graf, in der Meinung, er habe den Angreifenden durch einen Schlag seiner Waffe kampfunfähig gemacht, suchte nach einem zweiten Pistol, das er aber nicht gleich erfassen konnte, da es aus der zerrissenen Tasche auf den Boden des Wagens gefallen war.
-- Zurück, rief er emsig suchend, oder meine Kugel zerschmettert Euch Banditen den Schädel!
-- Herr Graf, rief Konrad's Stimme, die Banditen können nicht mehr zurück, der eine ist todt, der andere geknebelt!
-- Himmel -- Kinder, wer seid Ihr?
Die drei Männer in ihrer Uniform mit den blinkenden Knöpfen traten heran, und der Mond, der in diesem Augenblicke hinter einer Wolke hervortrat, beschien ihre muthigen Gesichter.
-- Soldaten Ihres Bataillons, antworteten sie und streckten dem Grafen die Arme entgegen, um ihm aussteigen zu helfen.
-- Konrad, Philipp, Christian! rief fast weinend der Gerettete und schloß einen nach dem andern in seine Arme.
-- Nun, rief Peter, wollt Ihr mir denn nicht auch helfen? Ich bin am Arme verwundet --!
Rasch sprang Christian zu den Pferden und Konrad und Philipp nahmen den Kutscher in Empfang.
-- Wo bist Du verwundet? fragte theilnehmend der Graf.
-- Am rechten Arme; es scheint jedoch nur ein Streifschuß zu sein, denn ich fühle keine Schmerzen.
Graf Rudolph zog sein Taschentuch hervor und verband den Arm des Kutschers, der glücklicher Weise nur leicht gestreift war.
-- Wo sind die Räuber? fragte er dann.
-- Hier ist der gefährlichste! rief Konrad und schleppte mit Philipps Hülfe den geknebelten Graff herbei, der wie ein zusammengerollter Igel am Boden lag. Es ist derselbe, der in den Ruinen der Abtei schon einmal die räuberische Hand nach Ihnen ausstreckte, derselbe, der meinen Hut mit dem rothen Bande stahl und ihn an dem Orte seines Verbrechens zurückließ, um den Verdacht auf mich zu wälzen -- derselbe, der zwanzigtausend Thaler in Ihrem Wagen vermuthet und Sie morden und berauben wollte, um als ein reicher Mann sich aus dem Staube zu machen -- ist es nicht so, Herr Graff? Jetzt theilen Sie doch mit Ihrem Kameraden -- dort liegt er!
-- Ich wollte, ich hätte mit ihm getheilt! murmelte der Geknebelte.
-- Wer ist der Andere? fragte der Graf und trat zu dem Todten.
-- Sehen Sie ihn an, sagte Philipp, er ist noch zu erkennen.
-- Himmel, mein eigener Revierförster! O über den treuen Diener! Konrad, Du hast mir Dein Leben, Dein Glück geopfert -- über der Leiche dieses Bösewichts gebe ich Dir Deine Marie zurück -- Gott sei gelobet, der alles so gefügt!
-- Herr Graf, rief Konrad jauchzend, Marie liebt mich noch, ich kann wieder glücklich werden!
-- Wie Du es verdienst, mein braver, guter Konrad! -- Kinder, wandte sich der Graf jetzt zu den Soldaten und freudige Rührung machte seine Stimme schwanken -- Kinder, ich lade Euch zu meiner Hochzeit ein, die nächsten Sonntag auf dem Edelhofe des Barons gefeiert wird -- werdet Ihr mich zu der Kirche begleiten und den Ehrenplatz an der Festtafel einnehmen?
-- Herr Graf! riefen Philipp und Christian überrascht.
-- Ihr müßt erscheinen, wenn Ihr mir meine Freude nicht stören wollt!
-- Wir sind Bauern, sagte Philipp, wir passen nicht in vornehme Gesellschaft.
-- Philipp, wo wäre ich und meine Hochzeit, wenn Ihr nicht gewesen wäret?
-- Herr Graf, fiel Konrad ein, wenn Sie meine Kameraden einladen, was bleibt mir dann?
-- Freund, rief der Graf, ist Deine Hochzeit nicht die meine? Oder soll Marie Deine Frau nicht werden?
-- Ja, sie wird meine Frau! aber nicht durch eine Civilehe!
-- Nun, Konrad, wir haben Unglückstage zusammen verlebt, wir wollen auch den höchsten Festtag unseres Lebens zusammen begehen, und unsere Kameraden sind unsere gemeinschaftlichen Gäste!
Jetzt warfen die jungen Leute den todten Revierförster in den Wagen, und banden dann den grimmigen Graff mit den Händen an die Hinterachse, daß er nur die Füße zum Gehen bewegen konnte. Peter bestieg seinen Sitz wieder und fuhr langsam dem Dorfe zu. Der Graf und die Soldaten folgten zu Fuß.
Ein weißer Wolkenstreif im Osten kündete den jungen Tag an, als der Zug vor dem Hause des Ortsrichters anhielt.
* * * * *
Wir übergehen den Schmerz des Richters Valentin -- nicht über den Tod seines Neffen, sondern über das Geld, das er für ihn in der Stadt bezahlt, und über den Verlust der fetten Wiese; wir übergehen aber auch die Seligkeit Mariens, als der Graf mit dem Ortsrichter in ihr Zimmer trat und Letzterer ihr den Ehecontract mit der Anzeige zurückgab, sie sei frei und könne dem Manne ihrer Liebe die Hand reichen -- wir berichten nur noch, daß Konrad und Marie denselben Tag in Gegenwart des jungen Grafen und des Richters Valentin einen neuen Contract für Zeit und Ewigkeit schlossen und daß am nächsten Sonntage in der mit Blumen und Kränzen geschmückten Dorfkirche unter dem Gesange der andächtigen Gemeinde zwei Brautpaare die Weihe des Priesters erhielten -- es waren der Graf Rudolph und Emma, geführt von den adelichen Verwandten, und Konrad und Marie, begleitet von Röschen, Philipp und Christian.
Graff ward dem Arme der Gerechtigkeit übergeben und Eberhard in einem Winkel des Kirchhofs dem Schooße der Erde.
Acht Tage später hielt ein Reisewagen vor Mariens Meierei -- er war bestimmt, das junge Ehepaar nach dem Gute zu führen, das die Gräfin dem Retter ihres Gatten als Eigenthum überwiesen hatte.
Zu spät!
Novelle von August Schrader.
1.
Zwischen den hohen mit ehrwürdigen Eichen geschmückten Bergrücken des Teutoburger Waldes hat der Schöpfer ein kleines Thal ausgebreitet, in welchem die Natur mit ihren Reizen förmlich zu kokettiren scheint. Wohin das Auge blickt, gewahrt man nur sanft ablaufende Wiesen, von einem rauschenden Bächlein durchschnitten, dessen Ufer mit Haselgesträuch und schlanken Rüstern so dicht bewachsen sind, daß das Moosbette desselben von einem herrlichen Laubdache überschattet wird. Kein Felsen, keine Mauer, kein alter Thurm unterbricht die Lieblichkeit und Anmuth dieser Landschaft -- nirgends zeigt sich etwas wildes oder verfallenes, überall Reiz und üppiges Gedeihen, junges Leben und zauberische Fülle. Die Frömmigkeit eines Einsiedlers oder der Schmerz eines unglücklichen, verlassenen Liebenden würde hier kein Asyl finden, denn wie kann man im Angesichte einer lachenden Natur, die durch duftende Blumen und würzige Früchte zu den Freuden des Lebens einladet, beten oder weinen? Dieses Thal ist vom Himmel mit einem solchen Segen überschüttet, daß man vergebens nach einem unfruchtbaren Landstriche späht, selbst die Wege sind mit fettem Grase und duftenden Blumen bewachsen. Wohin soll man sich wenden, um einsam zu weinen, wenn alles grünt und lacht, wenn aus den Zweigen auf den Schwingen einer balsamischen Luft der Gesang munterer Vögel herniedersäuselt und zur Freude auffordert? Man würde das trübe Auge vergebens durch die Landschaft schweifen lassen, einem Bilde des Todes zu begegnen; überall sprießt das Leben, selbst auf dem Friedhofe, der von einer blühenden Weißdornhecke umgeben ist und mehr Apfelbäume als Grabsteine zählt. Doch nein! der Schmerz ist ein Kind aller Länder, er trifft seine Beute im stolzen Pallaste, wie in der Hütte auf blühender Flur.
Es war im Jahre 1839 gegen das Ende des Monats Mai, als ein junger Mann, mit Reisetasche und Wanderstab ausgerüstet, dieses herrliche Thal betrat. Die Fruchtbäume und Hagedornhecken standen in voller Blüthenpracht, die grünen Wege deckte ein frisch gefallener Blüthenschnee und verhüllte den blauen Veilchenflor, der lieblich duftete unter seiner süßen Bürde. Langsam schritt er dahin, das Bild der Jugend und Poesie wollüstig einsaugend, als plötzlich auch die Liebe auftrat, dem Ganzen die Weihe der Vollendung aufzudrücken. Aus einer Baumgruppe, die vor dem jungen Wanderer lag, klang ihm nämlich eine Mädchenstimme entgegen, welche an Anmuth und Frische mit der ihn umgebenden Natur wetteiferte; lieblich wie die Töne einer Nachtigall, und ohne sich der Wirkung bewußt zu sein, mischte sich der Gesang in das große Concert des Universum, und wahrlich, es war nicht der schlechteste Ton in der himmlischen Harmonie! Entzückt stand der Jüngling einige Minuten still und lauschte mit angehaltenem Athem.
Plötzlich trat aus einem Seitenwege ein schönes Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren hervor. In der linken Hand trug sie ein kleines Fischnetz und in der rechten ein hölzernes Gefäß, worin die gefangenen Forellen so laut plätscherten, daß mitunter das Wasser über den Rand spritzte. Bei dem Anblicke des jungen Reisenden schwieg die Jungfrau und eine hohe Röthe überzog ihr liebliches Gesicht. Dieser setzte sich auf einem am Wege stehenden Baumstamme nieder und ließ die holde Fischerin in kurzer Entfernung an sich vorübergehen. Hatte ihn die Stimme entzückt, so that es die Gestalt noch mehr. In der ganzen Erscheinung war der Frühling mit seinen Veilchen und Rosen ausgedrückt, die Frische des jungen Morgens strahlte auf ihren Wangen und Unschuld und kindliche Fröhlichkeit auf der weißen Stirn. Eine Schnur milchweißer Zähne, eingerahmt von ein paar Purpurlippen, wurden sichtbar, als sie kaum vernehmbar und fast ängstlich grüßte; lange blonde Haare, zu natürlichen Locken geformt, entquollen rebellisch dem kleinen Sammtmützchen, das bei dem Ziehen des Netzes verschoben, schalkhaft auf einer Seite hing. Ein niedliches schwarzes Mieder umschloß den schlanken, zarten Leib, der eher einer Juno, als einer Bewohnerin dieses Thales anzugehören schien. Weder ein Ohrgehänge noch ein Halsband war zu bemerken, nicht einmal eine Rose oder ein Strauß Veilchen schmückten den züchtig verhüllten Busen und dennoch erschien das Mädchen dem entzückten Beschauer so schön, daß er eine Fee zu sehen und sich in dem Lande der Wunder zu befinden wähnte.
Als die Erscheinung hinter der nächsten Baumgruppe verschwunden war, erklang der Gesang wieder, der jetzt durch nichts mehr gehemmt, laut durch das üppige Thal ertönte. Wie von einer Zaubermacht geleitet, erhob sich der junge Mann und schlug willenlos den Weg ein, den ihm der Gesang des lieblichen Mädchens bezeichnete. Aus den Baumstämmen hervortretend, sah er die ländliche Hebe vor einer kleinen Wassermühle stillstehen, die wie das Nest eines Vogels unter den starken Zweigen einer gigantischen Eiche in kurzer Entfernung vor ihm lag. Mit der Behendigkeit der Jugend hing die Fischerin das Netz an einem Holzhaken neben der niedrigen von Mehlstaub weiß gefärbten Hausthür zum Trocknen auf und die gefangenen Fische nahm sie aus dem kleinen Behälter, um ihnen einen größeren, ebenfalls mit Wasser gefüllten anzuweisen, der im Hofe stand. Dann ergriff sie einen Rechen, trat zu dem plätschernden Mühlrade, und zog das Kraut an das Ufer, das sich während ihrer Abwesenheit vor einem im Wasser angebrachten Holzgitter aufgehäuft hatte.
Als sie diese Arbeit vollendet, war auch der junge Mann vor der Mühle angelangt. Er wollte reden, aber ein unerklärliches Etwas band ihm die Zunge, daß er keines Wortes mächtig war. Die hübsche Müllerin -- denn die Mühle war das Eigenthum ihrer Mutter -- schien von dem Benehmen des Fremden überrascht zu sein, verwundert sah sie ihn einen Augenblick an, dann entfernte sie sich mit einer Miene, als ob sie sagen wollte: ist der Mensch nicht bei Sinnen? An der Thür eines kleinen Gartens, der mit Sallat und einigen Frühlingsblumen bepflanzt war, blieb sie stehen und ordnete die auf dem Zaune zum Trocknen ausgebreitete Wäsche. Diesmal faßte sich der Fremde ein Herz und trat ihr mit den Worten näher:
-- Wenn ich nicht irre, bin ich von dem Wege nach D. abgekommen?
-- Ja, sprach das Mädchen mit einer lieblichen Stimme, denn der Fußweg endet hier bei der Mühle meiner Mutter.
Eine neue Pause trat ein. Die Müllerin fuhr erröthend in ihrer Beschäftigung fort.
-- So muß ich wohl denselben Weg wieder zurückgehen, den ich gekommen bin? fragte endlich der junge Mann weiter.
-- Wenn Sie wieder auf die Straße nach D. wollen, giebt es kein anderes Mittel, antwortete lächelnd das Mädchen.
-- Sie tragen die Schuld, mein liebes Kind, daß ich jetzt einen Umweg zu machen habe. Ihr schöner Gesang verlockte mich und ich folgte.
Eine brennende Röthe überzog Gesicht und Hals der Müllerin; um diese zu verbergen, hob sie ein weißes Tuch, das sie eben in der Hand hielt, hoch vor sich empor, als ob sie den Zustand desselben prüfen wollte. Auch der junge Mann erröthete als er sie so sah, denn er glaubte sie verletzt zu haben.
-- Ich bin jedoch nicht böse darüber, fuhr er in der Angst seines Herzens fort. Wollen Sie mir indeß eine kleine Entschädigung dafür gewähren, so verehren sie mir einen Strauß von den Veilchen, die zu Ihren Füßen blühen.
Rasch hing sie das Tuch auf den Zaun zurück und kniete in das Gras nieder, um die verlangten Veilchen zu pflücken. Wie es aber schien, that sie es mehr, durch diese Beschäftigung ihre Verlegenheit zu verbergen, als dem Wunsche des Fremden zu entsprechen. Dieser war seiner Sinne kaum noch mächtig, und hätte ihn der niedere Gartenzaun nicht von der lieblichen Jungfrau getrennt, er wäre neben ihr niedergekniet, um einen Strauß von diesen sinnigen Blümchen für die reizende Fee des Thales zu pflücken. Die Schmeicheleien, die ein junger Mann von Bildung einem jungen liebenswürdigen Mädchen unter solchen Umständen zu machen pflegt, erstarben ihm im Munde, stumm folgte er mit den Blicken den Fingern des Mädchens, welche die Veilchen dicht bei der Wurzel aus dem grünen Rasenteppich holten und zu einem Strauße bildeten.
-- Marie! Marie! rief plötzlich eine Stimme aus dem Innern der Mühle.
-- Meine Mutter ruft! sprach das Mädchen, indem es sich rasch emporrichtete und mit zitternder Hand dem Fremden die Veilchen überreichte. Ohne ein Wort weiter zu sagen, flog sie wie ein Vogel durch den Hof und verschwand in der kleinen Thür. Mit einem Blicke, in dem deutlich zu lesen stand, was in seinem Herzen vorging, sah der Reisende dem Flüchtling nach und lauschte einige Minuten auf das eintönige Geklapper der Wassermühle, das mit dem Klopfen seines Herzens Takt hielt.
Als er über den Hof schritt, um den Fußweg wieder zu gewinnen, sah er das Gesicht eines jungen, rothbackigen Bauernburschen unter einer weißen Mütze aus dem Fenster des Häuschens blicken. Wäre er nicht zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, so hätte er in diesem Gesichte Unwillen, vielleicht auch Eifersucht lesen können; so aber drückte er den Veilchenstrauß an seine Lippen und setzte, das Bild des jungen Mädchens in seinem Herzen tragend, seufzend seinen Weg fort. Das lachende Thal schien ihm jetzt ein anderes zu sein, die Blumen und Blüthen waren farblos: Mariens Rosen auf den Wangen überstrahlten den Glanz der ganzen Schöpfung.
2.
Ein heißer Julitag lag brennend auf der Erde, wie ein dunkelblaues Tuch, von keinem Wölkchen getrübt, spannte sich der Horizont über das Thal, dessen frisches Rasengrün verschwunden und in eine falbe Farbe umgewandelt war. Kein Lüftchen milderte die drückende Hitze, die Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, aber keine Veränderung der Atmosphäre gab Hoffnung auf Labung. Wir erblicken unsern Wanderer auf demselben Baumstamme wieder, auf dem er einst saß, als der Frühling mit seinem Hauche das Thal durchwehete, als Blumen und Blüthen einen erquickenden Duft verbreiteten, und ein holdes Mädchen den Fußsteig einschlug, der sich hier von dem Hauptwege scheidet. Die Sonne hatte sein Gesicht gebräunt, große Schweißtropfen perlten auf seiner hohen, jugendlichen Stirn und ein längst verdorrter Veilchenstrauß, mit einem weißen Bändchen befestigt, schmückte die weiße geöffnete Weste, die aus einem grauen, leinenen Staubhemde hervorsah.
Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht, als er noch einmal sorgfältig mit einem Tuche sein Gesicht von Schweiß und Staub säuberte, dann erhob er sich rasch, als ob plötzlich ein Entschluß in ihm zur Reife gediehen sei, warf die Reisetasche über seine Schultern, und schlug den Fußweg zur Mühle ein.