Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.
Part 8
Plötzlich erhob der junge Mann sein Haupt, der Stolz gab ihm Fassung und verscheuchte auf einen Augenblick den Schmerz der Liebe.
-- Marie, sagte er fest, Du willst, daß ich Dein Haus verlasse, damit mich der Richter hier nicht finde -- meine Ehre als Soldat erfordert es, daß ich nicht einen Schritt weiche, bevor ich Aufklärung erlangt habe, daß ich mich rechtfertigen kann. Was hast Du gegen mich?
-- Konrad, Du willst mich noch täuschen?! rief Marie erschüttert, welche des jungen Mannes Stolz für Verstocktheit hielt.
-- Marie, ich verlange bei Deiner und meiner Ehre, daß Du in Gegenwart des Herrn Grafen, meines Majors und Gutsherrn, offen und frei erklärst, was Du mir zur Last legst!
-- Wo warst Du diese Nacht? fragte sie mit abgewandten Blicken und indem sie mit ängstlich klopfendem Herzen auf die Antwort lauschte.
-- Ich war bei dem Freunde des Herrn Grafen, dem Oberförster von G.
-- Und zwar in einer Angelegenheit für mich, fuhr der Graf fort, die ich nur meinem Freunde und Lebensretter anvertrauen konnte.
Marie erhob ihr Haupt und sah die beiden Männer an, als ob die Worte des Grafen sie ihres Verstandes beraubt hätten -- das trübe Auge schien aus seinen Höhlen hervortreten zu wollen und die Brust der Lebenskraft beraubt zu sein.
-- Schwester, sagte freundlich der Graf, verbanne Schmerz und Eifersucht, denn Konrad liebt Dich mit der ganzen Kraft seines guten Herzens. Wenn er fehlte, so trage ich die Schuld, denn ich war jener Mann, der ihn gestern Abend suchte, um einen Dienst von ihm zu fordern, der ihn die ganze Nacht aus dem Dorfe entfernte. Ich nahm ihm das Versprechen ab, ein tiefes Schweigen, auch gegen Dich, zu beobachten, und Konrad, mein treuer Soldat, hat Wort gehalten -- ich verbürge mit meinem gräflichen Ehrenworte, daß Dein Bräutigam bis zum Morgen in meinem Dienste gewesen ist!
Mit einem durchdringenden Schrei der Verzweiflung sank die arme Marie ohnmächtig zu Boden. Konrad stürzte herbei und umschloß die bleiche Braut mit beiden Armen, als ob er ihr neue Lebenskraft einhauchen wollte.
-- Mein Gott, rief der Graf, was ist hier geschehen? Hat die Eifersucht dem armen Mädchen den Verstand geraubt?
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und der Ortsrichter Valentin, von seinem Neffen Eberhard gefolgt, trat ein. Eine tiefe Stille des Staunens und Schreckens herrschte einen Augenblick in dem Gemache. Marie lag immer noch leblos in Konrad's Armen.
-- Was seh' ich? rief endlich Valentin -- dieser Mensch ist immer noch hier? Und Sie, Herr Graf, fügte er mit einer Verbeugung hinzu, sollten Sie noch nicht wissen -- --
-- Unverschämter, rief Eberhard, Du wagst es noch, dieses Haus zu betreten? Entferne Dich, ehe die Gerechtigkeit die Hand nach Dir ausstreckt!
Jetzt war Konrad seiner Sinne kaum noch mächtig.
-- Ha, Elender, rief er mit zornblitzenden Augen, also Du hast den Fuß während meiner kurzen Abwesenheit in dieses Haus gesetzt? Jetzt erkläre ich mir alles --!
-- Hinweg, befahl Eberhard, Marie ist meine Frau!
-- Deine Frau?
-- Der Ehecontract ist unterzeichnet und gerichtlich vollzogen -- hinweg, ich bin hier Herr im Hause.
Leise ließ Konrad, als ob ihn die Kraft verließe, die ohnmächtige Marie neben dem Stuhle nieder, er selbst mußte sich an dem Tische halten, um nicht zu Boden zu sinken.
-- Herr Graf, wisperte der Ortsrichter und zog ein Papier aus der Tasche -- hier ist der gerichtlich bestätigte Ehecontract -- Sie wissen, die Civilehe -- --
Der Graf schob das Papier abwehrend mit der Hand zurück, dann trat er zu Marien, die in diesem Augenblicke sich wieder zu regen begann. Es war ihr deutlich anzusehen, daß die feste Kraft des Geistes die Schwäche des Körpers zu besiegen strebte.
-- Marie, sagte er ernst, wie mir scheint, bist Du das Opfer eines nichtswürdigen Verrathes geworden -- bei dem Gotte, der die Schurken bestraft, fordere ich Dich auf, mir Licht zu geben in dieser fürchterlichen Verwirrung.
Mariens Blicke suchten den armen Konrad, der wie die Bildsäule des Schmerzes und der Verzweiflung an dem Tische stand. Als sie ihn gefunden, erhob sich das junge Mädchen mit der größten Anstrengung und trat mit schwankenden Schritten zu ihm.
-- Konrad, flüsterte sie, was ich that, geschah aus Liebe zu Dir -- Du weißt ja, wie ich Dich liebe! Und nimmer, nimmer werde ich Dich vergessen -- doch meide diesen Ort -- Du hast mich glücklich in der Liebe zu Dir gesehen -- mein Elend und meine Verzweiflung sollst Du nicht sehen -- denn ich bin die Frau des Försters Eberhard.
-- Konrad, rief entschlossen der Graf -- die Braut hast Du verloren, doch einen Freund gewonnen, der mit allem, was ihm zu Gebote steht, für Dein Glück sorgen wird. Und liebst Du diesen Freund, so folge ihm jetzt, an seinem Arme sollst Du den Ort Deines Unglücks verlassen und sein Schloß betreten, das Du so lange als Deine Heimath betrachten kannst, bis es mir gelungen ist, einen nichtswürdigen Verrath zu entlarven! Folge mir!
Bei den letzten Worten trat er zu Konrad und drückte den Willen- und Gedankenlosen mit großer Bewegung an seine Brust. Dann ergriff er seinen Arm und wollte ihn aus dem Zimmer führen.
-- Konrad! Konrad! schrie verzweiflungsvoll Marie, indem sie ihre Hände nach ihm ausstreckte.
Der junge Mann warf noch einen Blick zurück, dann ließ er sich schweigend von dem Grafen fortziehen.
Nach zwei Minuten hörten die in dem Zimmer bestürzt Zurückgebliebenen das Gerassel des Wagens, der die beiden Freunde nach dem Schlosse brachte.
-- Herr Valentin, sagte Marie mit fester Stimme und alle ihre Kraft zusammennehmend -- nach dem Gesetze bin ich die Frau Ihres Neffen.
-- Kein Mensch kann etwas dagegen haben, antwortete der Richter -- Sie haben meinem Eberhard das Wort gegeben und das Gesetz hat es bestätigt.
-- Das Gesetz, fuhr Marie fort; nicht aber die Kirche!
-- Das thut nichts; ist dem Gesetze Genüge geschehen, so ist es nach unsern aufgeklärten Begriffen genug.
-- Aber nicht nach den meinigen. Hören Sie deshalb meinen Willen!
-- Was wollen Sie denn, liebe Mündel? fragte mit Ironie der Richter.
-- Ich will, sagte Marie mit Würde, daß man mich so lange als unverheirathet betrachtet, bis der Priester dem contractlich abgeschlossenen Ehebunde die kirchliche Weihe ertheilt. So lange bleibe ich allein im vollen Besitze aller meiner Rechte und meines Vermögens.
-- Und wann wird der Priester sein Geschäft vollziehen? fragte Eberhard.
-- Dann, wenn ich mich dazu vorbereitet haben werde -- vielleicht nächsten Sonntag.
-- Marie, sagte der Jäger mit Galanterie, zwar ist dieser Aufschub ein Unglück für mein Herz, ich füge mich aber und harre!
-- Sie begreifen wohl, daß mir bis dahin die Einsamkeit wünschenswerth ist -- --
-- Das heißt mit andern Worten -- fiel rasch und ärgerlich der Richter ein -- wir sollen uns entfernen?
-- Vetter! sagte mahnend der Neffe, dem bei der Unterredung nicht ganz wohl zu Muthe war.
-- Gut, schöne Mündel, eigensinnige Marie, wir gehen. Heute ist es Montag -- es bleiben uns also noch fünf Tage Zeit, um Vorbereitungen zu einer glänzenden Hochzeit zu treffen.
-- Treffen Sie keine Vorbereitungen, Herr Valentin!
-- Und warum nicht?
-- Weil eine stille Feier den Umständen angemessen ist.
-- Aber das Haus meines Neffen, das so reizend am Saume des Waldes liegt, werden Sie doch beziehen.
-- Ich werde thun, was als Gattin meine Pflicht ist!
Marie grüßte und ging in ihr Schlafzimmer, dessen Thür sich in dem Stübchen öffnete.
Vetter und Neffe verließen das Haus und theilten sich unterwegs ihre Besorgnisse wegen Mariens Absichten mit.
-- Der Contract ist nach allen Formen richtig abgeschlossen -- meinte der Richter -- will Deine Frau die eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllen, wird sie das Gesetz schon dazu anhalten.
Der Abend fand Eberhard und Graff in dem Wirthshause wieder beisammen, wo sie auf das völlige Gelingen ihres Planes eine Flasche um die andere leerten und die Civilehe hoch leben ließen.
7.
Während Marie einsam in ihrem Stübchen weinte und sich von aller Welt absonderte, bewohnte Konrad ein Zimmer auf dem Schlosse seines Gutsherrn. Röschen, der die Besorgung der kleinen Wirthschaft ihres Bruders allein oblag, besuchte ihn jeden Tag und berichtete, was man im Dorfe über den Vorfall sprach.
-- O mein Gott, rief er aus, hätte mich Marie auf die schändlichste Art von der Welt betrogen, ich würde mich zu trösten wissen und sie mit Verachtung bestrafen, wie sie es in diesem Falle verdiente -- so aber ist sie selbst ein Opfer ihrer Liebe zu mir geworden und ich habe ein treues Mädchen verloren!
Der Graf, dem das Geschick des armen Konrad tief zu Herzen ging, hatte vergebens sich bemüht, ihn zu einem Antrage auf gerichtliche Untersuchung und Aufhebung des erzwungenen Ehecontracts zu bewegen; er hatte sich aber stets entschieden dagegen ausgesprochen, da er Marien nicht in eine Untersuchung verwickeln wollte. Im Grunde des Herzens hoffte er indeß, Marie selbst würde Schritte thun, ihre Freiheit wieder zu erlangen, und in dieser Voraussetzung, die mit jedem Tage mehr zur Gewißheit wurde, lebte er wie ein Einsiedler unthätig im Schlosse; als er aber von Röschen hörte, daß am Sonntage die kirchliche Trauung stattfinden sollte, schwand sein letzter Hoffnungsstrahl, er kündigte dem Grafen an, daß er nach Amerika auswandern würde. Obgleich der Umstand, daß Konrads Hut in den Ruinen gefunden sei, den Grafen ein vorbereitetes Bubenstück ahnen ließ, so stand er dennoch von einer gerichtlichen Untersuchung ab und fügte sich Konrads dringendem Wunsche, zumal da jede Vermuthung des Thäters ihm fehlte. Heimlich aber hatte er dennoch bei dem Landrathe Anzeige von dem Angriffe auf seine Person gemacht und auf genaue Vigilirung in der Gegend angetragen.
Denselben Sonntag, den Valentin zur Trauung seines Neffen mit Marien erwartete, hatte auch der Baron zur Verbindung seiner Mündel Emma mit dem jungen Grafen festgesetzt und es wurden die Vorbereitungen dazu auf das Eifrigste betrieben. Dies gab dem gräflichen Bräutigam Veranlassung, öfter den Edelhof des Barons zu besuchen und seinen Freund Konrad sich selbst zu überlassen, der am folgenden Tage die Gegend und das Land meiden wollte. Er fürchtete des Grafen Zureden, deshalb faßte er den festen Entschluß, heimlich seine Reise anzutreten.
Der Donnerstag hatte sein Ziel erreicht und die Nacht lag auf der Erde, als Konrad das Schloß verließ und langsam dem Dorfe zuging. Er wollte von seiner Schwester Abschied nehmen. Unbekümmert um den Weg, den er eingeschlagen, stand er plötzlich still und faßte seine Umgebung in's Auge -- er befand sich an Mariens Gartenthür, neben welcher die Laube lag, wo er im Frühling Abschied von ihr genommen, als er in den Krieg zog. Unwillkührlich trat er an den Zaun und sah sinnend durch die Blätter, die ein leichter Abendwind von Zeit zu Zeit leise rauschen ließ.
Plötzlich glaubte er Schritte zu vernehmen -- er verdoppelte seine Aufmerksamkeit -- er hatte sich nicht getäuscht -- die Schritte kamen näher und knisterten zuletzt leise im Sande der Laube.
-- O mein Gott, dachte Konrad, wenn es Marie wäre!
Er hatte Mühe, bei diesem Gedanken den Ausbruch seiner Bewegung zu verhindern. Mit angehaltenem Athem blieb er stehen und sah starr nach der dunkeln Laube, von der ihn nur die Blätter des Zaunes trennten. Noch war er unschlüssig, ob er bleiben oder gehen sollte, als ein lautes Weinen an sein Ohr schlug. Ein Laut genügte, um ihn Mariens Stimme erkennen zu lassen. Auch dem jungen Manne traten die Thränen in die Augen und die kaum erlangte Fassung verscheuchte der heftigste Schmerz um das geliebte Mädchen.
-- Die Kraft verläßt mich -- hörte er Marien mit sich selbst reden -- ich kann des Försters Frau nicht werden -- und Konrad flieht mich -- er unternimmt nichts für sein Mädchen, giebt es dem Schmerze und der Verzweiflung preis -- o mein Gott, mein Gott!
-- Marie! Marie! rief Konrad unwillkührlich und sank zitternd auf die Knie in das bethaute Gras nieder.
-- Himmel! rief die Stimme in der Laube -- wer ruft mich?
-- Marie, nur ein Wort, ehe ich von Dir scheide!
-- Konrad, Du kommst zu mir, zu dem Mädchen, das Du hassen solltest, denn es hielt Dich fähig, ein Verbrechen zu begehen --?
Als ob ihn eine unsichtbare Gewalt dazu antriebe, raffte sich der junge Mann empor, riß die Gartenthür auf und stürzte in die Laube, in der Marie weinend am Boden lag.
-- Konrad, rief sie ihm entgegen, ich bin ein elendes, unglückliches Geschöpf! Kannst Du mir verzeihen? Wirst Du mich nicht hassen?
-- Nein, Marie, ich beklage Dich und liebe Dich immer noch mit der ganzen Kraft meines Herzens.
Sanft zog er das bebende Mädchen empor und drückte einen innigen, langen Kuß auf ihre glühende Stirn.
-- Marie, Dein Schicksal betrübt mich mehr, als das meinige, denn Du mußt den Jugendfreund vergessen, und die Liebe, welche das Glück Deines Lebens machen sollte, wird Dir zur bittersten Qual.
-- Konrad! Konrad!
-- Sieh, fuhr Konrad fort, indem er seinen Arm um ihren Hals schlang -- ich bin glücklicher, als Du, denn mein Herz ist frei, es kann Dir treu bleiben und Dich lieben -- mich fesselt kein anderes Band, ich kann meinen letzten Seufzer zu Dir senden, ich kann sterben mit Deinem Namen auf den Lippen -- darum weine nicht über mich -- ich bin ja weniger zu beklagen, als Du!
Mit bebenden Armen klammerte sich Marie an Konrad und hielt ihn krampfhaft einige Minuten umschlungen.
-- Jetzt fasse Dich, sagte Konrad, ich scheide, um Dir die Erfüllung Deiner Pflicht nicht zu erschweren.
-- O mein Gott, laß mich sterben, denn das Leben macht mich elend!
-- Komm, Marie, in Dein Haus, ehe uns ein Späherauge belauscht -- ich begleite Dich bis zur Schwelle, dann lebe wohl!
Langsam gingen beide durch den vom Sternenlichte erhellten Garten. Als sie an der Thür des Hauses waren, drückte Konrad schweigend den letzten Kuß auf Mariens Lippen, entwand sich ihren Armen und eilte in die Nacht hinaus. Ohne eine bestimmte Absicht zu haben, folgte er dem Fußwege, den er betreten, sein Kopf glühte in Fieberhitze, und je mehr er sich von Mariens Wohnung entfernte, je mehr steigerte sich sein Schmerz zum Lebensüberdruß.
Wohl eine Viertelstunde war er durch Gebüsche und Felder geirrt, als ihm plötzlich eine weite Fläche entgegenblinkte. Es war der Teich, dessen Wasser Philipp's Mühle trieb. Mit einem unheimlichen Lächeln blieb er stehen und sah auf den ruhigen Spiegel des schilfbedeckten Weihers. Der Abend war still, nichts regte sich in der schweigenden Natur, das ferne monotone Geklapper der Mühle, deren erleuchtetes Fenster wie ein Stern flimmerte, war das einzige Geräusch, das an das Ohr des unglücklichen Konrad schlug.
-- Nein, flüsterte er endlich vor sich hin -- ich will die Last des Lebens wenigstens hier nicht von mir werfen, daß Marie sich meinen Tod nicht zum Vorwurf machen kann, sie ist ja schon unglücklich genug. Fort, rief er aus, indem er abwehrend die Hände gegen den Weiher streckte -- fort, daß mich der Dämon nicht erfaßt -- überall wüthet der Krieg, er nehme mich als sein Opfer, dann sterbe ich einen Tod, den die öffentliche Meinung nicht zum Verbrechen stempelt!
Rasch wandte er dem Ufer den Rücken und eilte einem Gehölze zu, dessen Umrisse sich von dem gelben Stoppelfelde in phantastischen Gestalten absonderten. Das Feld war durchschritten und Konrad stand an einer lebendigen Hecke, die ein freundliches Jägerhaus umschloß. Aus einem Fenster des Erdgeschosses, das bis zur Hälfte von den Blättern und Ranken des Zaunes bedeckt ward, schimmerte ihm ein Licht entgegen.
-- Himmel, flüsterte Konrad überrascht -- ist das nicht das Haus des Försters Eberhard, des Mannes der unglücklichen Marie? Führt mich der Zufall hierher, oder hat mich die Hand des Schicksals geleitet? Ha, Bube, rief er aus und drohete mit der geballten Faust dem Fenster zu -- Du bist der Teufel, der zwei Menschen unglücklich macht, Du trägst die Schuld, daß Marie weint und ich von Verzweiflung getrieben die Welt durchirren muß! Herr Gott im Himmel, hast Du mich hierhergeführt, daß ich Mariens Bande brechen soll, o so gieb mir ein Zeichen und mache mich zum Werkzeuge Deiner Vorsehung!
Ein lautes Klopfen an des Hauses Thür, die sich auf der entgegengesetzten Seite befand, gab dem jungen Manne Antwort auf diese Frage, die ihm die Verzweiflung erpreßt. Lauschend blieb er stehen.
-- Wer klopft? fragte Eberhard's Stimme in dem Hause.
-- Ich -- Graff! war die Antwort an der Thür.
-- Wer es auch sei, ich öffne um diese Stunde nicht!
-- Eberhard, öffne die Thür!
-- Komm morgen wieder!
-- Oeffne, ich muß Dich sprechen in Deinem Interesse!
Das Gespräch schwieg. Statt seiner hörte Konrad das Oeffnen der Thüren und Schritte im Innern des Hauses. Von einer Ahnung getrieben, als ob er ein wichtiges für sein Leben entscheidendes Geheimniß entdecken würde, bog er leise die Zweige und Blätter zurück und steckte den Kopf durch eine Oeffnung des Zaunes, daß er durch das Fenster das beleuchtete Zimmer völlig übersehen konnte. Kaum hatte er diese Stellung eingenommen, als er Eberhard und Graff durch die Thür eintreten sah. Eberhard trug einen schlichten Hausrock, Graff war mit Gewehr und Hirschfänger bewaffnet.
Konrad hörte deutlich folgendes Gespräch, das sich zwischen den beiden Jägern entspann.
-- Nun, sagte Graff eintretend, Du bist wohl in Deinem Glücke so übermüthig geworden, daß Du den Freund und Genossen im Hofe warten läßt, als ob er Dein Treibjunge wäre? Ich dächte, wenn ich komme, müßten alle Thüren offen stehen!
-- Was willst Du? Was führt Dich zu mir? fragte verdrießlich der Revierförster.
-- Unsere Sicherheit, und mehr noch ein gutes Geschäft.
-- Ein gutes Geschäft -- was soll das heißen?
-- Du weißt doch, daß der junge Graf Rudolph die Gräfin Emma von Linden heirathet und daß die Braut dem Bräutigam ein beträchtliches Vermögen zubringt?
-- Nun? fragte Eberhard.
-- Nun, Herr Compagnon, habe ich diesen Nachmittag in Erfahrung gebracht, daß der Graf diese Nacht das Schloß des Barons von H. verläßt und zwanzigtausend Thaler in Golde mit sich führt -- dieses Sümmchen soll der Braut den Weg in das Haus des Gemahls bahnen -- er will vor der Hochzeit noch einige Wechsel damit einfangen, damit man ihn nicht fängt.
-- Was kümmert das mich? sagte Eberhard gleichgültig.
-- Gegen Mitternacht wird er in seinem Jagdwagen allein nach Hause zurückkehren -- sein Weg führt ihn an den Steinbrüchen vorbei --
-- Himmel, rief der Förster, solltest Du vielleicht noch einmal auf den Gedanken kommen -- --
-- Ah, verstehst Du mich endlich? rief Graff mit heiserm Lachen -- Nicht wahr, es wäre doch jammerschade, wenn die schöne Summe mit in den Steinbrüchen begraben würde. Das Geschäft ist von doppeltem Nutzen: wir entledigen uns eines gefährlichen Menschen, der unsere Püffe in den Ruinen der Abtei nicht vergessen kann, und werden auf einmal reich -- Du freilich sitzest schon in der Wolle, denn Du heirathest ein niedliches Mädchen und eine eben so niedliche Meierei -- aber ich mit meiner Fratze kann an Heirathen nicht denken, ich muß auf ein anderes Mittel sinnen, mir ein Vermögen zu erwerben -- und siehe da, meinem Scharfsinn ist es gelungen -- Du bist mein Freund, Eberhard, Du sollst von diesem Geschäfte den dritten Theil erhalten, mehr gebrauchst Du nicht, um für einen wohlhabenden Mann zu gelten -- ich lade Dich hiermit feierlichst dazu ein.
Dem Lauscher am Fenster erstarrte das Blut in den Adern, ihm war, als ob ein Traum seine Sinne umnebelte. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote stand, behauptete er seine Stellung, um den Ausgang des Gesprächs zu erfahren, denn so viel war ihm trotz seines Zustandes klar, daß eine bloße Anzeige ohne Beweise nicht nur ohne Nutzen, sondern selbst von Nachtheil für ihn sein könnte. Der Gedanke, Marie ist durch die Civilehe an einen Raubmörder gekettet, gab ihm Kraft zur Ausdauer.
-- Ich folge Dir nicht, hörte er Eberhard sprechen. Du hast mich einmal zu einem Verbrechen verleitet, aber nie wird es wieder geschehen!
-- Beim Himmel, rief Graff, die Civilehe scheint Dein Gewissen sehr zart gemacht zu haben!
-- Nicht die Ehe, sondern das geraubte Geld -- dort liegt es im Schranke -- ich mag es nicht berühren! Könnte ich mit der Zurückgabe desselben meine Ruhe wieder erkaufen, ich würde mich ohne Bedauern davon trennen. O, daß ich Deinen Worten Gehör gegeben habe! Fliehe, Du bist der Teufel, der mein Leben vergiftet!
-- Sieh, mein Bürschchen, wie klug Du redest! Das Geld verachtest Du jetzt, weil Du ein reiches Mädchen geheirathet hast -- wie aber, mein wackerer Freund, wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, durch die Zurücklassung des Hutes in den Ruinen den Bräutigam Marien's zu verdächtigen, daß sie ihm den Abschied geben und aus Angst Dich heirathen mußte -- wie aber, frage ich, stände es jetzt mit Dir? Glaubst Du denn, daß Marie den Konrad hätte fahren lassen, nur um Dir den Vorzug zu geben? Hätte mein Scharfsinn das Netz nicht gewebt, Du hättest sicher den Vogel nicht gefangen, der Dich stolz und Dein Gewissen zart macht -- Du säßest jetzt im Schuldgefängnisse und sähest durch die Eisenstäbe Deines Fensters, wie andere Leute sich des Lebens freuen.
-- Laß' mich Graff, ich will künftig als rechtlicher Mann leben!
-- Ha, ha, ha! lachte der Jäger -- glaubst Du denn, daß man nach Belieben aufhören kann, wenn man einmal angefangen hat -- das wäre sehr bequem -- Nein, mein Junge, ich brauche Dich, und Du mußt mitgehen, oder -- --
-- Oder? wiederholte Eberhard.
-- Oder ich beweise Dir, sagte der Jäger in einem drohenden Tone -- daß Du mir Gehorsam schuldig bist!
-- Mensch, rief der Förster, laß mich in Ruhe!
-- Wenn Du Deine Pflicht gegen mich erfüllt hast!
-- So nimm das Geld aus dem Schranke und geh'!
-- Wie, den Freund willst Du mit Geld abkaufen?
-- Du bist nicht mein Freund, ich schäme mich Deiner!
-- Nicht Dein Freund? Oho, wer bin ich denn? fragte Graff mit wutherstickter Stimme.
-- Mein Teufel bist Du!
-- Aber doch Dein guter Teufel?
-- Geh' aus meinem Hause! rief Eberhard, den die Ironie des Jägers fast zur Verzweiflung brachte.
-- Höre noch ein Wort, Freund Eberhard, ehe Du mich aus Deinem Hause jagst: Bist Du mit dem Schlage elf Uhr nicht in dem Wirthshause des alten Kaspar, um mich zu begleiten, so gehe ich morgen früh zu Marien und entdecke ihr das süße, unschuldige Geheimniß ihres Mannes -- hast Du gehört?
-- Allmächtiger Gott, das wolltest Du thun? Graff, nimm jenes Geld aus dem Schranke, es fehlt kein Thaler daran -- nimm es, aber laß' mich in Ruhe! Geh, geh, Du fürchterlicher Mensch!
-- Ohne Dich keinen Schritt!
-- Bedenke, daß wir ein neues Verbrechen auf unsere Seele laden!
-- Eins oder zwei -- das ist ganz gleich! Feigling, lachte der Jäger, Du fürchtest Dich, ein kluger Mann zu sein?
-- Du lachst noch? fragte Eberhard mit Schaudern.
-- Ja, ich lache Freund, um Dir meine Achtung zu beweisen! Noch einmal wähle: willst Du zu dem =Rendez-vous= kommen, oder soll ich gehen -- Du weißt wohin?
-- Mensch, ist das Dein Ernst?
-- Bei meiner Jägerehre, die ich nie verletzte!
-- Noch einmal, Graff --!
-- Nicht ein Wort -- ja, oder nein?
Eine Pause trat ein. Die beiden Jäger in dem Zimmer standen sich einander gegenüber, Konrad am Fenster wagte nicht zu athmen, obgleich ihm ein unnennbares Gefühl die Brust zersprengen wollte.
-- Gut, ich komme! sagte endlich Eberhard. Aber nur unter einer Bedingung.
-- Nenne sie!
-- Daß kein Blut vergossen wird.
-- Narr, ein halbes Geschäft ist keins. Wenn uns der Graf nun erkennt? Sieh', ich bin auf Deinen Vortheil bedacht: ich mache mich aus dem Staube, so bald ich das Geld habe, das kannst Du nicht, Du mußt bei Deiner Frau bleiben -- mir ist es ganz gleich, ob der Graf mit heiler Haut davon kommt oder nicht -- Dir, dem Zurückbleibenden, muß alles daran liegen, die Zeugen bei Seite zu schaffen -- also sei gescheit und folge mir!
-- O furchtbar, furchtbar! Ich soll einen Mord auf mein Gewissen laden!