Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.
Part 7
Nach einer Minute war der junge Mann so nahe gekommen, daß Marie deutlich seine Kopfbedeckung wahrnehmen konnte -- er trug statt des Hutes eine Tuchmütze mit einem Lederschirme.
-- Es ist Konrad, sagte sie zitternd.
-- Was ihm nur begegnet sein mag? fragte Röschen. Er ist sonst stets so fröhlich, und diesen Morgen -- --
-- Röschen, willst Du mir gefällig sein?
-- Gern!
-- Ich vermuthe, Dein Bruder kommt zu dieser Laube -- wir wollen uns ein wenig zurückziehen, um ihn in seinem Nachsinnen nicht zu stören.
-- Ich wette, antwortete lächelnd Röschen, Ihr habt einen kleinen Streit gehabt -- --
-- Komm, liebe Freundin, komm!
Röschen ward in ihrer ersten Meinung bestärkt, deshalb ließ sie sich unter leisem Gelächter von Marien aus der Laube hinter einen nahen Fliederbusch ziehen, der sie dem Ankommenden völlig verbarg.
Kaum hatten die beiden Mädchen ihr Versteck erreicht, als Konrad die Gartenthür öffnete, langsam durch den Weg ging und sich in der halb dunkeln Laube niederließ.
-- Weiter kann ich nicht, murmelte er leise vor sich hin. O mein Gott, welch' eine schreckliche Nacht! und immer noch keine Nachricht -- ich habe mit meinem Wagen vergebens auf dem Kreuzwege gewartet. Diesen Morgen schon durchsuchte ich die Ruinen und den Wald -- nirgends eine Spur von meinem armen Grafen. Was wohl aus ihm geworden ist? Ob sie sich geschlagen haben? -- Fürchterliche Ungewißheit -- und niemandem darf ich mich mittheilen!
-- Verstehst Du, was er mit sich selbst redet? fragte bebend die arme Marie ihre Freundin.
-- Nein.
-- Er seufzt.
-- Vielleicht quält ihn sein Gewissen, sagte Konrad's Schwester mit einem leichten Lächeln.
-- Sein Gewissen? fuhr Marie erschreckt empor.
-- Still, er redet wieder!
-- Und Marie -- fuhr Konrad in seinem Selbstgespräche so laut fort, daß es die Mädchen deutlich verstehen konnten -- was wird die arme Marie über meine Abwesenheit denken? Schon gestern Abend ward sie traurig, als ich ihr keine genügende Antwort auf ihre Fragen geben konnte --!
Länger vermochte sich Röschen nicht zu halten; sie entwand sich der zurückhaltenden Hand der Freundin und stand mit zwei Sprüngen vor dem überraschten Konrad.
-- Du willst wissen, was Marie über Deine Abwesenheit denkt? rief sie laut.
-- Röschen!
-- Sie denkt, wie ich: daß es von einem Bräutigam, der nächstens Hochzeit zu machen gedenkt, durchaus nicht liebenswürdig ist, sich eine ganze Nacht zu entfernen, und niemand weiß, wohin!
In diesem Augenblicke trat auch die bleiche Braut heran und richtete schweigend ihre vorwurfsvollen Blicke auf den jungen Mann.
-- Marie, rief er aus, ich ward wider meinen Willen die ganze Nacht abgehalten -- kannst Du mir verzeihen?
-- Ich soll Dir verzeihen, Konrad? antwortete sie schmerzlich. Frage Dein Gewissen!
-- Röschen, Marie, fragte der junge Mann mit verstörten Blicken -- hat man ihn diesen Morgen im Dorfe gesehen?
-- Wen?
-- Unsern jungen Grafen Rudolph!
-- Nein. Doch was willst Du von dem Grafen? fragte Röschen erstaunt.
-- Ich muß ihn sehen, ihn sprechen, damit ich endlich aus dieser fürchterlichen Ungewißheit komme!
Marie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, denn sie glaubte, er wolle dem Grafen sein Verbrechen gestehen, daß ihm mit Centnerlast auf dem Herzen zu liegen schien. Auch Röschens Verdacht ward erweckt, je länger sie den Bruder ansah, es mußte doch wohl etwas mehr sein, das ihn quälte, als ein kleiner Liebeszwist.
-- Konrad, rief sie ängstlich, was ist denn geschehen -- Du bist ja ganz bestürzt?
-- Man hat mir ein Geheimniß anvertraut, das mir Sorgen macht --!
-- Ein Geheimniß? darf Deine Braut und Deine Schwester dieses Geheimniß nicht wissen?
-- Fragt mich nicht, ich bitte Euch -- denn ich kann es keinem in der Welt mittheilen!
-- O ich unglückliches Mädchen! schluchzte Marie und sank laut weinend auf die Bank in der Laube.
-- Marie, Marie! rief Konrad, eilte bestürzt zu dem weinenden Mädchen und wollte es durch freundliches Zureden beruhigen; dieses aber hielt ihn mit der Hand zurück und fuhr fort laut zu weinen.
-- O mein Gott, sagte Röschen mitleidig, die Angst wird sie noch krank machen!
-- Angst? O sage schnell, was macht ihr Angst?
-- Nun der Raubanfall in den Ruinen der Abtei.
-- Nicht möglich! rief Konrad und starrte die Schwester an. Röschen, weiß man schon darum?
Der junge Mann hatte diese Worte mit einer Angst gesprochen, daß Marien das Herz erbebte, denn sie waren das letzte vollgültige Zeugniß seiner Schuld.
-- Konrad, Konrad, fragte sie mit bebender Stimme, weißt Du um den Vorgang in den Ruinen?
Doch ohne sich um diese an ihn gerichteten Worte zu kümmern, ergriff er beide Hände seiner Schwester und rief in einem dringenden, bittenden Tone:
Röschen, wenn Dir mein Glück, meine Ruhe lieb ist, o so sage mir alles, was Du weißt -- sprich, sprich!
-- Nun ja; aber laß meine Hände los, Du drückst sie ja so fest zusammen, daß sie schmerzen.
-- Was weißt Du denn von den Ruinen?
-- Was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, daß ein fürchterlicher Kampf dort stattgefunden, wobei ein Mann am Boden lag -- dann lief ich in das Dorf und rief um Hülfe -- man eilte in die Abtei, aber man hat nichts gefunden.
-- Und das alles hast Du selbst gesehen?
-- Mein Gott, ja! Der Mann am Boden war in Uniform, denn seine Epaulettes blitzten im Mondenscheine.
-- Schweig, Mädchen, rief Konrad erschreckt -- um Gotteswillen, kein Wort mehr!
-- Warum denn?
-- Weil das Leben eines Menschen davon abhängt!
Marie war wieder auf die Bank gesunken und verfolgte mit starren Blicken jede Bewegung Konrad's, ihr Ohr verschlang jedes seiner Worte.
-- O mein Gott, murmelte der junge Mann vor sich hin -- wer mag der Ueberwundene sein? Ist er todt, oder noch am Leben? Und wo ist er? -- Wenn ich mich an seinen Gegner wende?
-- Mensch, rief Röschen erschreckt über das Wesen des Bruders -- was sinnst Du? Hast Du denn Deinen Verstand verloren?
-- Laß mich, ich muß Gewißheit haben, es koste was es wolle!
-- Wohin willst Du?
-- Ich kehre bald zurück -- jetzt laßt mich -- mir brennt der Boden unter meinen Füßen!
Wie ein Sinnverwirrter, der von seiner Umgebung nichts mehr weiß, stürzte der arme Konrad aus der Laube der Gartenthür zu, durch welche er eingetreten war. Doch ehe er sie erreicht hatte, trat keuchend der Ortsrichter Valentin ein.
-- Halt! rief er dem Flüchtigen zu und versperrte ihm den Weg einen Augenblick.
-- Ich kann nicht! rief Konrad.
-- Sie müssen warten, entgegnete der erhitzte Ortsrichter, ich habe mit Ihnen zu reden!
-- Was wollen Sie? reden Sie schnell!
-- Nur ein Wort! Kennen Sie diesen Hut? fragte Valentin, indem er den Hut mit dem rothen Bande unter seinem Rocke hervorholte und ihn Konrad zeigte.
-- Gewiß, er ist ja der meinige! war die rasche, unbefangene Antwort.
-- Wie, was? stotterte der Richter, Ihr, Dein Hut?
-- Nun ja! Das rothe Band, das ihn schmückt, hat mir Marie geschenkt -- warum fragen Sie? Was soll der Hut?
-- Und Du bekennst, daß er Dir gehört?
-- O mein Gott, ich vergaß meinen Weg! rief Konrad und wollte fort.
-- Halt! rief der Richter, indem er den Arm des Eilenden ergriff.
-- Hinweg! Hinweg! wiederholte der junge Mann und stürzte durch die Gartenthür in das Feld.
Das laute Weinen und Schluchzen der beiden Mädchen erfüllte jetzt die Laube und brachte den verblüfften Valentin wieder zur Besinnung.
-- Haltet ihn! Haltet ihn! schrie er mit seiner sonoren Stimme, daß der Garten wiederhallte. Haltet ihn, er ist verdächtig!
-- Wo ist mein Bruder? fragte Röschen.
-- Fort, über alle Berge! Ihr müßt zeugen, Kinder, was er selbst gestanden hat. Ha, meine Ahnung! Also ihm gehört der verhängnißvolle Hut. Jetzt will ich dem Herrn Landrath beweisen, daß ich ein geborener Ortsrichter bin. Die Landgensd'armen sollen satteln und den Flüchtling einholen!
-- Gerechter Gott! rief Röschen und stürzte dem Bruder nach, ohne sich weiter um die Zurückbleibenden zu kümmern.
-- Auf Wiedersehen, Jungfer Marie! sagte höhnisch der Richter. Sie haben einen braven Bräutigam!
Marie konnte nicht mehr weinen; aber die Blässe des Todes bedeckte ihr liebliches Gesicht und aus dem Auge strahlte ein unheimlicher Glanz.
-- Herr Valentin, sagte sie mit fester Stimme, ich muß mit Ihnen reden -- bleiben Sie!
-- Wenn ich den Missethäter gefänglich eingebracht! antwortete der Richter und wollte den Garten verlassen.
-- Nein, jetzt auf der Stelle!
-- Ah, sie ist klug, Jungfer, sie will mich hier noch halten, daß ihr wackerer Konrad erst entwischen kann -- o nein, so leicht läßt sich Valentin nicht fangen.
-- Sie müssen bleiben! sagte fest Marie und zog den Widerstrebenden mit Gewalt zur Laube.
-- Mädchen, soll ich auch gegen Dich das Gesetz in Anwendung bringen? Du vergreifst Dich an Deiner Obrigkeit? Wie mir scheint, weißt Du um das Bubenstück Deines Liebhabers?
Diese Worte des hartherzigen Alten, in dessen Brust sich eine teuflische Schadenfreude regte, öffneten die erstarrten Thränenschleusen des armen Mädchens wieder, laut weinend sank es auf die Knie und streckte beide Hände bittend empor.
-- Gnade! Gnade! rief sie aus -- rauben Sie mir die letzte Hoffnung nicht, welche dieser fürchterliche Augenblick in mir angefacht -- ich weiß nichts von dem Vorfalle in den Ruinen!
-- Nun, mein Kind, was gedenkst Du denn zu thun?
-- Ich will ihn vom Tode retten!
-- Doch nicht mit meiner Hülfe? Ich bin der Ortsrichter!
-- Hören Sie mich erst an!
-- Nein, nein, mein Amt verbietet es mir! Ein Verbrecher ist der Gegenstand meines glühendsten Hasses!
-- So haben Sie Mitleid mit Ihrer armen Mündel, der Sie Vater zu sein gelobt haben!
-- Ich lege die Stelle eines Vormunds nieder. Mit einem Mädchen, das einen Verbrecher liebt, mag ich nichts zu schaffen haben!
-- O mein Gott, sprechen Sie doch in einem so fürchterlichem Augenblicke nicht von Liebe!
-- Meinen Neffen, der ein braver Bursche ist, und Dich von Herzen liebt, hast Du verschmäht -- ja, ja, fügte der Richter grinsend hinzu, das glaube ich wohl, der ehrliche Konrad verdient in jeder Beziehung den Vorzug. Mädchen, die Schmach, die Du mir und ihm angethan, wird nie aus meinem Gedächtnisse verschwinden!
Als ob ihr plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, erhob sich Marie und sah unter Thränen lächelnd den Ortsrichter einen Augenblick an, der mit höhnenden Mienen das rothe Band an Konrad's Hute betrachtete. Das größte Opfer, das je die Liebe gebracht, wollte Marie bringen.
-- Herr Valentin, sagte sie in einem schmerzlich freudigen Tone -- Sie sagen, Ihr Neffe Eberhard liebt mich --
-- So sagte er mir gestern -- --
-- Hören Sie mich an, bis jetzt sind Sie der Einzige, der außer mir und Röschen das fürchterliche Geheimniß dieser Nacht kennt -- beobachten Sie ein ewiges Stillschweigen darüber und stellen jede Verfolgung gegen den unglücklichen Konrad ein, so daß er mit seinem schuldbeladenen Gewissen aus dem Lande fliehen kann und sein Andenken der Schande nicht anheim fällt -- so werde ich öffentlich bekennen, daß ich Ihren Neffen liebe und werde ihm meine Hand reichen. -- Nehmen Sie mein Leben -- ist Konrad gerettet, will ich gern sterben!
Valentin's Gerechtigkeitsliebe erhielt durch diesen Vorschlag der verzweifelnden Marie einen gewaltigen Stoß; nicht aus Mitleid mit dem blassen, schönen Mädchen, nicht um die Neigung seines Neffen zu befriedigen, sondern weil sein Geiz auf ein einträgliches Geschäft hoffte, ergriff er ihre Hand und führte sie zu der Bank.
-- Marie, sagte er in einem ruhigen Tone, es freut mich Ihretwegen, daß Sie endlich zur Erkenntniß gelangen und sich von diesem schlechten Menschen lossagen, der schon als Knabe kein gutes Gemüth verrieth. Damit Sie Ihre Ehre retten können und weil ich Ihr Vormund bin, will ich die Obrigkeit hintenansetzen und auf Ihren Vorschlag eingehen.
-- Sie wollen es? rief Marie.
-- Hier ist meine Hand. Da am Orte des Verbrechens sich nichts ergeben, glaube ich für die Bewahrung des Geheimnisses einstehen zu können.
-- Der Himmel lohne es Ihnen! sagte weinend das arme Mädchen.
-- Doch noch eine Bedingung habe ich zu stellen, fuhr der Richter nach einer Pause fort, in der er den wohlgepflegten, ausgedehnten Garten und das freundliche Wohnhaus betrachtet hatte.
-- Was wollen Sie noch? flüsterte Marie.
-- Nach dem neuen Gesetze ist die Civilehe in unserm Lande eingeführt und seit acht Tagen rechtsgültig -- ich verlange, daß Sie heute noch den Ehecontract mit meinem Neffen unterzeichnen, wie ich ihn Ihnen vorlege.
-- Mein Leben ist in Ihrer Hand, war die resignirte Antwort, ich füge mich allem, wenn Konrad vor Entehrung gesichert bleibt.
-- Daß er es bleibt, liegt eben so gut in meinem als in Ihrem Interesse -- jetzt folgen Sie mir in das Haus und fassen Sie sich, liebe Mündel, vergessen Sie die verflossene Nacht und den unwürdigen Konrad, der wahrscheinlich in Amerika sein Glück weiter versuchen wird -- wenigstens werde ich ihm den Rath ertheilen, wenn er es wagen sollte, sich wieder sehen zu lassen.
Am Arme des entzückten Ortsrichters betrat Marie, bis zum Tode erschöpft, ihr kleines Stübchen, wo sie in dumpfer Verzweiflung den Vormittag verbrachte.
Valentin, der kaum die Zeit erwarten konnte, seine Habsucht zu befriedigen, nahm sogleich mit seinem Neffen Eberhard Rücksprache, der ihm entgegenkam, als er sein Haus betreten wollte. Der junge Wüstling setzte den Vetter von seiner Wechselschuld in Kenntniß, und dieser versprach, sobald der Ehecontract unterzeichnet sei, die Summe nach der Stadt zu senden.
Um drei Uhr Nachmittags ward der Contract unterzeichnet, Marie ließ sich leiten wie ein willenloses Kind.
6.
Um dieselbe Zeit, als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet ward, erreichte Konrad, der um das Leben seines Gutsherrn in der größten Sorge war, den prächtigen Edelhof des Barons von H. Von diesem, als dem Gegner des Grafen, hoffte er Gewißheit über das Schicksal desselben zu erhalten, da man ihm auf dem Schlosse berichtet hatte, der junge Herr sei seit gestern Abend nicht sichtbar gewesen.
Durch einen Diener ließ er sich dem Baron melden.
-- Sie können eintreten, war die Antwort.
Mit klopfendem Herzen öffnete Konrad die hohe Flügelthür eines Pavillons, der von hohen Kastanien beschattet ward, und trat in einen geräumigen, kühlen Saal. Doch kaum hatte er einen Blick in denselben geworfen, als er einen lauten Freudenschrei ausstieß: der junge Graf Rudolph saß mit dem alten Baron in einem Sopha, seine Ankunft schien ein vertrauliches Gespräch der beiden Männer unterbrochen zu haben.
-- Konrad! Konrad! rief der Graf und stellte den Angekommenen dem Baron als seinen Lebensretter vor.
-- Herr Baron, sagte Konrad, ich habe nicht mehr nöthig, Sie mit einer Unterredung zu belästigen -- sie betraf den Herrn Grafen, meinen Major, über dessen Schicksal ich in Ungewißheit schwebte.
-- Bleibt, Kinder, und besprecht, was nöthig ist -- mich rufen Geschäfte zu meinem Haushofmeister, der schon den ganzen Tag vergebens nach mir verlangt hat -- bleibt und erleichtert Eure Herzen.
Mit diesen Worten verließ der Greis den Saal, nachdem er dem jungen Grafen freundlich die Hand gereicht.
-- Ach, Herr Graf, rief Konrad, ich vermag meine Freude nicht in Worten auszudrücken -- darf ich denn meinen Augen trauen? Sie -- an der Seite Ihres Gegners? Und keiner von Ihnen verwundet --!
-- Wer weiß, ob ich noch am Leben wäre, antwortete lächelnd der Graf, wenn der Baron um einige Minuten später auf dem Kampfplatze erschienen wäre!
-- Der Baron? rief Konrad erstaunt.
-- Kein anderer! Die beiden Banditen, welche ich unglücklicherweise nicht erkennen konnte, sind lebensgefährliche Bösewichter. Nachdem sie mich bestohlen hatten, wollten Sie mich auch noch ermorden. Ich vertheidigte mich aus allen Kräften, die Räuber aber warfen mich zu Boden und hätten sicher ihre Absicht erreicht, wenn der Baron, den blanken Degen in der Hand, nicht als Retter dazwischen getreten wäre.
-- Es lebe der brave Baron! rief Konrad, den die letzten Worte wie begeistert hatten.
-- Und nun denke Dir mein Erstaunen, fuhr der Graf fort, als er mir lächelnd die Hand reicht und in einem freundlichen Tone zu mir spricht: »Junger Brausekopf! Warum haben Sie mir Ihre Liebe verborgen gehalten? Emma, die Sie aus voller Seele liebt, hatte mehr Zutrauen zu mir; anstatt uns hier zu schlagen, begleiten Sie mich auf mein Schloß und beruhigen Sie die Braut, die wegen Ihrer in Sorgen ist.«
-- Gott sei Dank! Es lebe der brave Baron!
-- Ich wollte dem Verkünder dieses unerwarteten Glückes zu Füßen fallen, er aber breitete seine Arme aus und schloß mich an seine Brust. Jetzt, lieber Konrad, bin ich der glücklichste aller Menschen!
-- Das glaube ich wohl, antwortete lächelnd der junge Mann. Aber ich -- während Sie in dem Schlosse Ihrer Schönen waren, brachte ich unter Regen, Donner und Blitz auf dem Kreuzwege zu, wie wir verabredet hatten. Ich wartete die ganze Nacht und sandte alle Gebete, die mich einst meine alte Mutter gelehrt, zu dem zürnenden Himmel empor. Als der Morgen kam, durchirrte ich wie ein Verzweifelnder die Ruinen und den Wald -- ich fragte auf Ihrem Gute nach; doch nirgends fand ich eine Spur.
-- Armer, guter Konrad!
-- Endlich entschloß ich mich, Ihren Gegner um den Ausgang des Duells zu befragen, und, Gott sei Dank, er hat sich besser gestaltet, als wir beide hoffen konnten. Nun will ich aber eilen, um meine arme Marie zu beruhigen, die gestern Abend schon mit mir böse that, weil ich ihr wegen meiner Unterredung mit dem geheimnißvollen Fremden im Walde keine genügende Antwort geben konnte. Nicht wahr, Herr Graf, fügte Konrad lächelnd hinzu, jetzt kann ich meiner Braut unter dem Siegel der Verschwiegenheit das Geheimniß anvertrauen, um mich von allem etwaigen Verdachte zu reinigen?
-- O nein, lieber Konrad, rief fröhlich der Graf, nicht Dir, sondern mir ziemt es, Deine Schöne zu beruhigen und sie der verursachten Sorgen wegen um Verzeihung zu bitten.
-- Herr Graf, wo denken Sie hin!
-- Ich denke, daß Marie, meine hübsche Milchschwester, einen Besuch von mir wohl erwarten kann, und daß ich ihr offen den Bräutigam zurückbringe, den ich ihr so geheimnißvoll auf einige Zeit entführen mußte.
-- Dann habe ich nichts dagegen, Herr Graf, denn Sie bereiten meiner Marie eine Freude, die ihren Zorn wegen meines seltsamen Betragens schon besänftigen wird. Wann kann ich Sie in der Wohnung meiner Braut erwarten?
-- Erwarten? Wir betreten sie zusammen. Ich erwarte jeden Augenblick meinen Wagen, nach dem ich einen Boten gesendet habe -- Du fährst an meiner Seite vor die Thür Deiner Braut.
-- Nein, Herr Graf --!
-- Ich leide keinen Widerspruch, mein Vorsatz bleibt unabänderlich!
Konrad wollte noch weiter Einwendungen machen, der Graf aber schloß ihn in die Arme und erstickte ihm im wahren Sinne jedes Wort im Munde.
Die Mittagstafel des Barons war längst vorüber, deshalb mußte Konrad auf den Wunsch seines Gutsherrn in einem Seitenzimmer allein zu Tische gehen. Der junge Mann hatte seit dem vergangenen Abend nichts genossen, es läßt sich wohl denken, daß ihm die Einladung nicht unwillkommen war.
Gestärkt an Herz und Körper trat er in den Hof, als der erwartete Wagen endlich ankam. Der Graf befand sich noch im Schlosse, um Abschied von seiner Braut und dem Baron zu nehmen.
-- Konrad, rief der Kutscher, der ein Jugendfreund des jungen Mannes war und den Feldzug als Reitknecht des Grafen mitgemacht hatte -- es ist gut, daß ich Dich hier treffe.
-- Warum?
-- Deine Schwester war auf unserm Schlosse, gerade als ich abfahren wollte. Sie suchte Dich, weil Du gesagt hättest, Du wolltest zu dem Herrn Grafen. Ich sagte ihr, daß ich im Begriff stehe, ihn abzuholen, er sei auf dem Edelgute des Barons -- da antwortete sie: so wird mein Bruder auch dort sein -- dann gab sie mir diesen Brief für Dich und meinte, er würde Dich zur Rückkehr antreiben, wenn Du noch keine Lust dazu haben solltest -- hier ist er!
Konrad erkannte auf den ersten Blick Marien's Handschrift. Eine dunkele Ahnung durchbebte seine Brust, daß er nur mit zitternder Hand den Brief erbrechen konnte. Noch einmal schöpfte er Athem, dann las er: »Es gab nur ein Mittel, Dich zu retten, und Gott hat mir Kraft verliehen, es anzuwenden; es ist das größte, das letzte Opfer meiner Liebe zu Dir! Dafür verlange auch ich ein Opfer -- fliehe, wenn Du meine Zeilen gelesen, diese Gegend und kehre nie -- nie zurück!«
Der arme junge Mann wollte seinen Sinnen nicht trauen, der Inhalt des Briefes war ihm eben so räthselhaft als fürchterlich. Mit geisterbleichem Gesicht las er ihn noch einmal, aber es blieb derselbe Inhalt, dieselben Züge von Mariens Hand geschrieben. Als ob ihn ein Blitz gelähmt, stand er da und starrte auf das verhängnißvolle Papier.
In dieser Verfassung traf ihn der Graf, der fröhlich die Schloßtreppe herabkam und dem Wagen zueilte. -- Nun Konrad, rief er, nachdem er eingestiegen -- setze Dich mir zur Seite!
Der Angeredete vermochte nicht zu antworten. Mechanisch folgte er der Einladung.
-- Was hast Du da für ein Papier in der Hand? fragte der Graf, verwundert über den Zustand des jungen Mannes, indem der Wagen durch das Gitterthor des Schlosses in das Freie rollte.
Konrad überreichte den Brief ohne ein Wort zu sprechen.
-- Seltsam! sagte der Graf, nachdem er gelesen, und sah theilnehmend seinem Lebensretter in das trübe, starre Auge. -- Bist Du auch fest überzeugt, daß Mariens Hand diese Zeilen geschrieben?
-- Ja! war die leise, bebende Antwort.
-- Sie hat sich einen Scherz erlaubt, um Dich für Dein Ausbleiben ein wenig zu strafen.
-- Das Geheimnißvolle und der Ernst des Briefes, den meine Schwester dem Kutscher übergeben, lassen mich kaum auf einen Scherz schließen -- auch erinnere ich mich jetzt des sonderbaren Wesens meiner Braut, als ich diesen Morgen zu ihr in die Laube trat und bei der Nachricht von dem Raubanfalle auf Ihre Person mich schnell wieder entfernte.
-- So weiß man darum?
-- Röschen, die von ihrer Tante zurückkehrte, will den Kampf gesehen haben.
-- Hier liegt ein Mißverständniß zum Grunde, das wir bald aufklären wollen. Peter, rief der Graf dem Kutscher zu, fahre Galopp, in einer halben Stunde müssen wir im Dorfe sein. Du hältst vor Marien's Meierei an, nicht im Schlosse!
Peter befolgte augenblicklich den Befehl, er hieb mit seiner Peitsche auf die feurigen Rosse, daß sie einen Lauf begannen, als ob sie bei einem Wettrennen den Preis erringen wollten. Die beiden jungen Leute sprachen kein Wort mehr, ein jeder überließ sich seinen Gedanken.
Kaum war eine halbe Stunde verflossen, die dem armen Konrad wie eine Ewigkeit vorkam, als der Wagen die ersten Häuser des Dorfes erreichte, das von dem Edelhofe des Barons eine Meile entfernt lag. Noch einige Minuten, und die dampfenden Rosse standen vor Mariens Hause still. Der Graf richtete noch einige ermuthigende Worte an Konrad, dann traten sie in das reinliche Stübchen.
-- Himmel! rief Marie, die weinend und bleich in ihrem Stuhle saß und die Ankunft des Wagens nicht gehört zu haben schien -- Unglücklicher, was willst Du hier? Hast Du meinen Brief nicht erhalten?
-- Herr Graf, stammelte Konrad, Sie sehen, daß es traurige Wahrheit ist --!
-- Marie, sagte ernsthaft der Graf, was soll das bedeuten?
-- Meide diese Gegend! rief das Mädchen mit fliegender Brust -- fort, fort, ehe das Verderben hereinbricht!
-- Mädchen, redest Du im Wahnsinn? Gieb uns Aufklärung über Dein seltsames Benehmen.
Jetzt erst erkannte Marie den Grafen. Sie sah ihn einen Augenblick mit starren, ausdruckslosen Mienen an, dann sank sie laut weinend in den Stuhl und verhüllte das Gesicht mit ihrer Schürze.
Als ob Konrad wirklich ein Verbrechen begangen, stand er in der Mitte des Zimmers und hielt seine bebende Hand vor die Augen, aus denen ein Thränenstrom über die braunen Wangen herabrieselte. Der Graf war zu Marien getreten und suchte sie zum Reden zu bewegen.
-- Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thür -- fliehe, fliehe, ehe der Richter zurückkehrt!
-- Mein Gott, fragte der Graf, weshalb hat Konrad den Richter zu fürchten?
-- Weshalb? soll ich das Furchtbare wiederholen?