Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.
Part 6
-- Konrad, sagte der Fremde, bist Du es?
-- Konrad ist mein Name; wer aber ist der, der danach fragt?
-- Kennst Du mich nicht? flüsterte der Fremde.
-- Mein Gott, ist es möglich -- Sie, Herr Graf -- allein hier im Walde?
-- Still, mein Freund, ich habe mit Dir zu reden.
-- Mit mir? fragte Konrad verwundert.
-- Ich bin nur deshalb gekommen. Ich wollte Dich in Deiner Wohnung aufsuchen. -- Wer ist jenes Mädchen, das bei meinem Anblicke floh?
-- Es ist ja Marie, meine Braut, Herr Graf. Ach, wie wird sie sich freuen, wenn sie Sie wiedersieht -- ich will sie holen!
-- Konrad, wenn Du mich liebst, so sorge, daß mich niemand erkennt, auch Marie nicht.
-- Um des Himmelswillen, Herr Graf, was ist Ihnen? Sie sind so bewegt -- ihr Gesicht ist bleich -- was ist vorgegangen?
-- Du sollst alles erfahren, doch zuvor sende Marien in das Dorf zurück, ich bedarf Deiner.
-- Marie soll allein zurückkehren?
-- Sende einen Mann aus dem Wirthshause als ihren Begleiter mit.
-- Was soll sie davon denken? wandte Konrad ein.
-- Mir fällt ein, daß Du sie begleiten kannst. Laß sie einen Augenblick in das Haus treten, dann kehre zurück, ich erwarte Dich hier, um Dir ein Geheimniß anzuvertrauen.
Ohne ein Wort zu entgegnen eilte Konrad zu seiner Braut, die zitternd an der Thür des Wirthshauses stand.
-- Marie, sagte er leise, gehe auf einige Augenblicke zu dem alten Kaspar hinein, dann hole ich Dich ab, und wir kehren zusammen nach Hause zurück.
-- Wer ist der Fremde? fragte ängstlich das bebende Mädchen.
-- Ich kann ihn Dir jetzt nicht nennen; doch fürchte nichts, die Unterredung, die er von mir wünscht, kann nur zu unserm Vortheile sein -- komm in das Haus!
Konrad ergriff Marien's Arm und zog sie sanft mit sich fort, wobei er ihre Befürchtungen durch freundliches Zureden zu verscheuchen suchte. Nachdem er sie der Obhut des alten Kaspar übergeben, der sie mit herzlicher Freude aufnahm, kehrte er auf den Platz zurück.
Der Graf hatte sich auf der Bank unter dem Fenster niedergelassen und hielt sinnend seinen Kopf in beiden Händen.
Graff hatte während des Gesprächs der beiden Männer Konrads Hut mit dem Bande von der leicht zu erreichenden Bank genommen und den Schläfer am Tische geweckt.
-- Eberhard, rief er leise, wache auf!
-- Was giebt es, rief dieser schlaftrunken.
-- Sieh diesen Hut!
-- Was soll der Hut?
-- Das Band, das ihn schmückt, ist von Marien, welche die einträgliche Meierei besitzt!
-- Wem gehört er?
-- Konrad, Deinem Nebenbuhler. Doch sei still, man nähert sich der Bank vor dem Hause.
In diesem Augenblicke, und während Eberhard den Hut zornig mit Füßen trat, näherte sich der Graf und ließ sich auf der Bank nieder. Einen Augenblick später erschien auch Konrad. Beide ahnten die Nähe der lauschenden Jäger nicht.
-- Herr Graf, begann Konrad, warum geben Sie sich die Mühe zu mir zu kommen, anstatt mich auf das Schloß rufen zu lassen?
-- Konrad, sagte bewegt der Graf, indem er dessen Hände ergriff, Du bist glücklich, sehr glücklich, denn Du kannst das Mädchen Deiner Liebe zu Deiner Gattin machen.
-- Ja, Herr Graf, flüsterte freudig der junge Mann, ehe der Herbst das Laub auf diesen Bäumen gelb färbt, soll Marie meine Frau sein -- noch im Laufe dieser Woche hätte ich um Ihre Erlaubniß nachgesucht, und nicht wahr, Sie hätten sie mir nicht verweigert.
-- Habe ich Dir nicht gesagt, Freund Konrad, als wir vor zwei Monaten am Wachtfeuer lagen und von unserer Heimath plauderten, daß wir an einem Tage vor den Altar treten würden?
-- O, ich weiß es noch, am andern Tage standen wir auf Vorposten -- --
-- Wo ich von den hinterlistigen Dänen niedergehauen worden wäre, fiel rasch der Graf ein, wenn Du nicht mit muthiger Todesverachtung mich gerettet hättest.
-- Das wollte ich nicht sagen, Herr Graf, -- was ich gethan, hätte jeder andere für seinen Major auch gethan.
-- Konrad, rief der Graf im Tone der Verzweiflung, Konrad, ich wolle, die dänischen Bayonette hätten mich durchbohrt, daß ich nie diese Berge wiedergesehen!
-- Mein Gott, was ist geschehen? Sie wollten mir ja erzählen -- --
-- Höre mich an, sagte seufzend der Graf, und urtheile selbst, ob mein Wunsch ein gerechter ist: man hat mich meiner Emma beraubt!
-- Wie, rief Konrad, der jungen Gräfin, von der Sie stets mit so großer Liebe sprachen, so oft wir uns sahen?
-- Und die ich bei meiner Rückkehr zum Altare zu führen gedachte. Während meiner Abwesenheit hat man über ihre Hand verfügt, die Familie hat bestimmt, daß sie den alten Baron von H. heirathen soll.
-- Unglaublich! rief Konrad.
-- Und dennoch wahr! seufzte der Graf.
-- Der Baron ist ja mindestens noch einmal so alt, als Sie, Herr Graf. Die junge Gräfin Emma kann den Greis nicht lieben!
-- Sie liebt nur mich, ich weiß es; ihre Familie aber will es, und das arme Mädchen muß gehorchen. Wie man mir gesagt, soll in einigen Tagen die Verlobung stattfinden.
-- In einigen Tagen schon?
-- Wahrscheinlich, um die Sache vor meiner Heimkehr abzumachen, die man so bald nicht vermuthet hat. Das Ganze ist das Werk des Barons, darum habe ich ihm geschrieben und ihn auf Degen gefordert.
-- Herr Graf, was haben Sie gethan! rief Konrad zurückfahrend.
-- Was meine Ehre erfordert! Diesen Abend neun Uhr findet das Duell in den Ruinen der nahen Abtei statt.
Graff, der am Fenster aufmerksam gelauscht, flüsterte seinem Genossen zu:
-- Der Ort ist gut gewählt, denn er eignet sich vortrefflich, jemandem ungestört den Hals zu brechen!
-- Aber haben Sie auch alles reiflich bedacht? wandte Konrad ein, dem das Geschick des Grafen tief zu Herzen ging -- erwägen Sie, daß schon Ihr Brief genügt, Sie anzuklagen und zu verurtheilen!
-- Ich trotze allem, antwortete finster der junge Graf, da ich an der Zukunft verzweifele.
-- Und wenn sich der Baron nun nicht stellt und Sie anklagt, einen Anschlag auf sein Leben ausgeübt zu haben?
-- Er wird sich stellen, denn er besitzt Muth.
-- Und wahrscheinlich auch Kaltblütigkeit, während Sie in der größten Aufregung sind. O mein Gott, wenn er Sie tödtete! rief Konrad.
-- Nein nein, fürchte nichts, ich kann mich auf meinen Arm verlassen!
-- Und wenn Sie den Baron tödten oder verwunden?
-- In diesem Falle, den ich fast voraussetze, zähle ich auf Dich. Höre mich an, fuhr rascher der Graf fort: Du kennst die Wohnung meines Freundes, des Oberförsters von G.?
-- Ich kenne sie -- eine halbe Stunde jenseits des Dorfes, am Walde --
-- Dorthin gehst Du, nachdem Du Deine Marie zu Hause geleitet. Du erzählst dem Oberförster mein Duell und bittest ihn um seine Pferde und seinen Wagen. Dann fährst Du nach dem Kreuzwege unterhalb dieses Gehölzes und erwartest mich.
-- Wie, Herr Graf, ich soll nicht an Ihrer Seite stehen, wenn Sie sich schlagen?
-- Nein, mein Brief kündet an, daß ich allein komme, und außerdem habe ich keinen, dem ich meine Flucht anvertrauen könnte. Bin ich einmal jenseits der Grenze, schiffe ich mich nach Amerika ein.
-- Aber haben Sie denn auch Geld zur Reise?
-- Ich habe alles vorbereitet, in meinem Gürtel befindet sich eine bedeutende Summe in Golde.
-- Und Ihr herrliches Gut, Herr Graf, mit den einträglichen Waldungen --?
-- Gehört schon lange nicht mehr mir, es ist verpfändet. Doch nun beeile Dich, sagte der Graf und stand auf, denn es ist acht Uhr und ich darf nicht auf mich warten lassen. Sei pünktlich und verschwiegen!
-- O mein Gott, rief Konrad, vermag denn nichts Ihren Entschluß zu ändern --?
-- Nichts in der Welt! antwortete fest der Graf. -- Du zögerst und überlegst -- sollte ich mich in Dir getäuscht haben? Willst Du mir den letzten Dienst nicht erweisen?
-- Sie wollen es, Herr Graf -- so sei es denn! Ich werde mich mit dem Gespanne an dem Kreuzwege einfinden. Gebe nur der Himmel, daß ich nicht lange auf Sie zu warten brauche!
-- Konrad, kann ich auf Deine Verschwiegenheit zählen?
-- Wie auf mein Bayonett in der Dänenschlacht!
-- Selbst Marie wird nichts erfahren, da sie mir herzlich zugethan ist?
-- Mein Wort darauf!
-- Auf Wiedersehen!
Der Graf schlug seinen Mantel um die Schultern, um ein Paar Degen zu verbergen, dann verschwand er im Walde. Konrad eilte so bestürzt in das Wirthshaus, daß er nicht an den Hut dachte, den er auf der Bank unter dem Fenster hatte liegen lassen.
Nach einigen Minuten trat der junge Mann wieder aus dem Hause; er führte Marien am Arme, die ihn mit Fragen über den fremden Mann bestürmte. Aber Konrad hielt sein Wort, er gab ausweichende Antworten und verschwieg, obwohl mit schwerem Herzen, seiner Braut den Namen des Grafen und dessen Absicht. Bald hatten sie das Dorf erreicht. An der Meierei schieden sie. Marie, obgleich sie den braven Character ihres Geliebten kannte, mit sorglichem Herzen, und Konrad, den das Schicksal seines Gutsherrn kümmerte, mit klopfender Brust, denn er glaubte, zu seiner Rettung nicht früh genug auf dem Kreuzwege einzutreffen.
Als die beiden jungen Leute den Waldplatz verlassen, traten Graff und Eberhard aus dem Wirthshause. Sie wünschten dem alten Kaspar laut eine gute Nacht und verschwanden im Walde. Der Greis schloß die Thür seines Häuschens.
4.
Neun Uhr war vorüber, als die Nachtstille, welche über dem Dorfe ausgebreitet lag, durch Musik und Vivatgeschrei unterbrochen wurde. Die jungen Burschen und Mädchen zogen von der Schenke aus nach der Wohnung Valentins, um dem neuen Ortsrichter ihre Huldigungen darzubringen. In bunter Gruppe machten sie unter den Fenstern Halt, während die Musikbande mit Hörnern, Trompeten und Klarinetten einen schmetternden Marsch ausführte. Was sich dem Zuge nicht angeschlossen hatte, erschien jetzt auf dem Platze, um theils die Musik, theils die Rede des Richters zu hören, der sich in der Kirche schon als ein guter Redner bewährt hatte.
Auch Marie, die ihren Konrad noch einmal zu sehen hoffte, trat in demselben Augenblicke zu einer Gruppe junger Mädchen, als Valentin mit stolzer Miene aus dem Hause kam, einen großen Stein bestieg, der an der weißen Mauer lag, und laut und vernehmlich zu reden begann, daß der ganze Platz wiederhallte.
Die unruhige Braut hörte wenig von den begeisterten Worten des zum Ortsrichter verwandelten Schulmeisters, ihre Gedanken beschäftigten sich nur mit Konrad und dem geheimnißvollen Fremden im Walde. Ueberall, wo nur Männer standen, spähte sie mit den Blicken; sie traf wohl in dem hellen Mondenscheine manches Gesicht, das ihr freundlich zulächelte, doch nicht das Gesicht dessen, den sie liebte.
Die Rede war zu Ende und die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch. Marie, deren Angst mit jeder Minute sich vergrößerte, obgleich sie sich keinen Grund dafür angeben konnte, entfernte sich unbemerkt von den jungen Mädchen und wollte eben in die Thür ihres Hauses treten, als die Musik plötzlich schwieg und die Menge sich neugierig nach dem Orte drängte, wo der Richter seine Rede gehalten hatte. Bestürzt blieb sie stehen und lauschte, ihr war, als ob sie eine Unglücksbotschaft von Konrad hören müßte. Diese Ahnung schien in Erfüllung gehen zu sollen, denn sie erkannte aus dem Gemurmel deutlich Röschens Stimme, die sie noch bei der Tante in dem benachbarten Dorfe wähnte. Mit ungeheurer Anstrengung faßte sie allen ihren Muth zusammen und drängte sich durch den dichten Haufen, bis sie an die Hausthür des Richters gelangte.
Hier stand Röschen bleich und athemlos vor Valentin und versuchte zu reden, Angst und Erschöpfung aber erstickten das Wort im Munde.
-- Was giebt's? Was ist geschehen? hörte man Männer und Frauen rufen, indem sich alle immer näher herandrängten.
-- Röschen, Röschen, stammelte Marie, indem sie die bis zum Tode erschöpfte Freundin unterstützte -- um Gotteswillen, was treibt Dich hieher? Ist ein Unglück geschehen?
-- Ruhe! gebot der Richter. Was führt Dich zu mir, mein Kind?
Nach einigen Minuten hatte sich Konrad's Schwester soweit erholt, daß sie zu Worte kommen konnte.
-- Länger als ich dachte, sprach sie in abgebrochenen Sätzen, hielt mich ein Geschäft bei meiner Tante auf -- es war Nacht, als ich bei den Ruinen der Abtei vorüberging -- da höre ich plötzlich Schritte -- die Angst befällt mich -- aber ich setze meinen Weg fort -- ich trete um die Biegung der verfallenen Mauer -- da sehe ich im Mondenscheine, wie sich ein Mann gegen zwei Räuber vertheidigt -- vor Angst und Schrecken verberge ich mich hinter einem Felsen, der am Wege steht -- ich lausche zitternd -- das Geräusch der Kämpfenden entfernt sich -- aber der Wind, der sich aufmacht, treibt mir den Hut eines der Mörder zu -- ich raffe ihn auf -- und stürze dem Dorfe zu -- hier ist der Hut!
Mit zitternder Hand reichte sie Marien, die ihr zunächst stand, den Hut, den sie bisher unter der Schürze verborgen gehalten hatte. Doch kaum hat diese einen Blick darauf geworfen, als sie vor Schrecken zur Bildsäule erstarrt -- sie erkennt an der Schleife das rothe Band, das sie diesen Abend als einen Beweis ihrer Liebe um Konrads Hut gewunden -- es war der seinige.
Starr sah sie auf das verhängnißvolle Zeichen, bis der Richter sich seiner bemächtigte. Konrad's ausweichende, unbestimmte Antworten, sein verschlossenes Wesen, das er nach der Unterredung mit dem Fremden im Walde beobachtete, -- alles stand plötzlich vor ihrer Seele, sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß der Mann, den sie liebte, Theil an dem begangenen Verbrechen genommen habe -- und Röschen, seine eigene Schwester mußte ihn verrathen.
-- Also in den Ruinen der Abtei hast Du gesehen, daß ein Mensch von Raubmördern angefallen wurde? fragte der Richter.
-- Ja, antwortete Röschen, die sich wieder erholt hatte, ich habe es deutlich gesehen, und jener Hut muß einem der Mörder gehören.
-- Freunde, rief Valentin, der den Hut betrachtet, es unterliegt keinem Zweifel, daß in der Nähe unsers Dorfes ein Raubmord stattgefunden, denn dieser Hut ist feucht von Blut. Geht in Eure Häuser und holt was Ihr an Waffen besitzt -- dann seid in fünf Minuten wieder hier, wir wollen ausziehen und den ganzen Wald durchsuchen -- ich als Richter stelle mich an Eure Spitze!
Die Bauern zerstoben nach allen Seiten, um der Aufforderung Valentins nachzukommen; die Frauen und Mädchen gingen erschreckt ihren Häusern zu. Auf allen Plätzen und Gassen des Dorfes hörte man ein dumpfes Murmeln und selbst Vermuthungen über die Thäter wurden ausgesprochen, die freilich nur auf berüchtigte Personen fielen.
Marie war die einzige, die Konrad in Verdacht hatte, denn sie nur allein hatte seinen Hut wiedererkannt. Aber mit männlichem Muthe verschloß sie diesen Verdacht in ihrer Brust, obgleich der Schmerz um die Verirrung des geliebten Mannes sie zu zersprengen drohete.
-- Marie, fragte Röschen, indem sie den Arm der Freundin ergriff -- wo ist mein Bruder Konrad?
-- Ich weiß es nicht! stammelte die Arme.
-- War er nicht mit hier?
-- Ich habe ihn in der Menge nicht gesehen.
-- Du zitterst, Marie; bist noch mehr erschreckt, als ich --? Fürchtest Du vielleicht --?
-- O nein, antwortete rasch Marie, ich fürchte nichts -- Deine Erzählung hat mich so mit Angst und Schrecken erfüllt, daß ich kaum zu reden vermag -- das ist alles.
-- Gieb Dich nur zufrieden, sagte unbefangen das muntere Röschen, man wird den Missethätern schon auf die Spur kommen, daß sie weiter keinen Schaden anrichten können. Ich freue mich, daß ich das ganze Dorf versammelt fand, und daß der Richter gleich aufbrechen kann. Sieh, dort kommt schon ein Trupp junger Leute, und dort wieder einer -- o, daß sie die Bösewichter doch fingen!
Unter diesem Gespräche hatten sie Mariens Thür erreicht.
-- Gute Nacht, Röschen, sagte die unglückliche Braut.
-- Gute Nacht, Marie! Und was sage ich meinem Bruder?
-- Ich wünschte, daß er ruhiger schlafen möge, als ich! Gute Nacht.
Marie trat in ihr Haus und schloß die Thür. In ihrem Stübchen, wo sie allein war, brachen die lange zurückgehaltenen Thränen hervor, sie sank auf einen Stuhl und begann bitterlich zu weinen.
Die ersten Donnerschläge des heranziehenden Gewitters ließen sich vernehmen und starke Blitze erhellten auf Augenblicke das ganze Zimmer. Auf dem Platze vor des Richters Hause war es wieder lebendig geworden, denn mehr als fünfzig Männer, mit Gewehren, Aexten und Stangen bewaffnet, hatten sich zur Durchsuchung des Waldes eingefunden.
In dem Augenblicke, als der mit einem langen Säbel bewaffnete Ortsrichter aus seinem Hause trat, vermehrte sich der kriegerische Trupp noch um zwei Köpfe -- Graff, der Eberhard am Arme führte, fragte nach dem Zwecke der Versammlung, obgleich er ihn im Dorfe schon vernommen hatte. Valentin, der sich über die Ankunft der beiden waffenkundigen Männer freute, da er nichts weniger als muthig war, berichtete kurz den Vorfall.
-- Wir begleiten Euch, Freunde, rief Graff. Die Gegend muß gelichtet werden von diesem Gesindel! Fort zu der Abtei!
Als Valentin von dem Hute sprach, den einer der Räuber verloren haben sollte, mußte sich Eberhard auf seinen Freund Graff stützen, er vermochte sich kaum noch aufrecht zu erhalten.
-- Memme, flüsterte der Jäger ihm zu, willst Du uns verrathen? Nimm Dich zusammen, der Hut mit dem rothen Bande wälzt allen Verdacht auf Konrad, und Du kannst die Meierei noch erhalten, denn einen überführten Räuber wird die züchtige Marie nicht heirathen!
-- Du hast Recht! antwortete Eberhard, dessen Hoffnung auf Mariens Besitz die Wendung der Dinge neu belebt hatte. Ich folge Ihnen, Vetter, rief er den abziehenden Bauern nach, ich will nur mein Gewehr holen, das in Ihrem Hause steht!
Nach einigen Minuten schritten die beiden Jäger an Mariens Fenster vorüber.
Bei dem Leuchten eines Blitzes sahen sie das bleiche Gesicht des armen Mädchens, das weinend über den leer gewordenen Dorfplatz blickte.
-- Hast Du sie gesehen? flüsterte Graff.
-- Wie es scheint, wartet sie auf Konrad, antwortete der Förster.
-- Ich zweifle, daß er kommen wird.
-- Und wenn er kommt? fragte zitternd Eberhard.
-- Wird sie ihn diesen Abend zum letzten Male empfangen haben.
Als der Zug den Wald erreichte, brach das schwere Gewitter mit einer Gewalt los, daß die Bäume in lichten Flammen zu stehen schienen und die Berge von den kurz aufeinander folgenden Donnerschlägen wiederhallten.
Marie saß die ganze Nacht am Fenster und weinte.
5.
Ein heiterer Morgen stieg aus dem Nebelschooße der Nacht, Flur und Wald, erquickt durch den Gewitterregen, sandten einen balsamischen Duft in das Lichtmeer, das in glänzenden Strahlen über der Landschaft wogte. Die bekümmerte Marie, bleich und mit rothgeweinten Augen, verließ ihr Haus und ging durch den duftenden Garten einer dichten Laube zu, die am äußersten Ende desselben lag. Langsam ließ sie sich auf der Holzbank nieder und stützte ihr brennendes Köpfchen in die hohle Hand, während die Augen sich starr auf den freundlichen Kirchthurm richteten, der jenseits des Gartenzaunes hinter einer Gruppe Linden emporragte.
Marie hing mit warmer, treuer Liebe an dem Manne, von dessen Verbrechen sie die deutlichsten, unläugbarsten Beweise gehabt. Was kann ihn dazu bewogen haben? hatte sie sich tausendmal während der schlaflos verbrachten Nacht gefragt. Sie gab sich seine Armuth als einen Grund an, seinen Ehrgeiz, ein kleines Vermögen ihr zuzubringen -- aber stets verwarf sie ihn wieder, wenn sie daran dachte, daß sie selbst eine gut gehaltene Meierei besäße, von deren Ertrage ihr künftiger Gatte leben könne. Nein, rief sie aus, die Liebe zu mir hat ihn nicht zum Verbrecher gemacht, er muß eine andere Veranlassung gehabt haben. Hätte er mich wahrhaft geliebt, so mußte er seine Ehre rein und makellos erhalten, da sie jetzt schon die meinige ist. Konrad, Du hast Deine Marie verrathen!
Seufzend senkte sie das bleiche Gesicht auf die wogende Brust herab und das trübe Auge richtete sich auf den mit gelben Kiessand bestreuten Boden, wo Konrad ihr gestern Nachmittag mit einem Stocke den Plan der Schlacht gezeichnet hatte, in der er dem jungen Grafen Rudolph das Leben gerettet.
Unwillkührlich einen Schrei ausstoßend, legte sie beide Hände vor die Augen, als der Gedanke in ihr aufstieg: wäre er doch eines ehrenvollen Todes gestorben! -- das arme Mädchen liebte Konrad noch, selbst als einen Verbrecher.
Ein Geräusch von Schritten weckte die Sinnende. Sie schlug die Augen auf und sah Röschen, die heiter und froh durch die Wege des Gartens der Laube zueilte.
-- Sie kennt das Verbrechen des Bruders nicht, flüsterte sie vor sich hin -- wenn es von mir allein abhängt, soll sie es nie erfahren -- ja, ja, weder sie noch sonst ein Mensch in der Welt!
-- Guten Morgen, Marie! rief Konrad's Schwester schon aus, noch ehe sie die schattige Laube erreicht hatte. Man sagte mir, Du wärst in den Garten gegangen, um nachzusehen, ob der Sturm dieser Nacht keinen Schaden angerichtet und nun finde ich Dich träumend in der Laube -- was hast Du denn? Ist ein kleiner Streit zwischen Dir und Konrad vorgefallen? Schon gestern Abend kamst Du mir niedergeschlagen vor -- heute sehe ich, daß Du wirklich traurig bist, und meinen Bruder vermisse ich auch -- --
-- Röschen, fragte Marie mit ängstlicher Neugierde -- glaubtest Du Deinen Bruder hier zu finden?
-- Ei freilich! Wo denn sonst?
-- Hast Du ihn diesen Morgen noch nicht gesehen?
-- Nein, er ist diese Nacht nicht zu Hause gewesen!
Erbleichend wandte sich Marie ab, Röschen brachte ihr einen neuen Beweis von Konrad's Verbrechen.
-- Laß Dich das nicht erschrecken, fuhr Röschen unbefangen und theilnehmend fort -- er hat gestern Abend uns sagen lassen, daß wir nicht auf ihn warten sollten, da ihn ein wichtiges Geschäft von Hause fern halte. Diesen Morgen nun, dachte ich, würde sein erster Weg zu Dir sein, und das ist auch ganz in der Ordnung, denn die Braut geht der Schwester vor.
Mit den letzten Worten hatte sich Röschen an Marien's Seite gesetzt und begann ihr in das trübe Auge zu sehen.
-- Ich weiß nicht, wo Dein Bruder ist, antwortete Marie, ihre Bewegung verbergend -- vielleicht drängt es ihn nicht so sehr mich zu sehen, als Du glaubst. Er ist im Kriege gewesen, unter rohen Soldaten -- er hat schlechte Beispiele vor Augen gehabt -- dies alles kann das Herz eines braven Menschen schon verderben.
-- Wie, rief Röschen entrüstet, Du hältst meinen Bruder für ungetreu? Nein, Marie, so tief ist mein Bruder nicht gesunken, selbst wenn er im Kriege unter lauter schlechten Menschen gewesen wäre! Doch sei nur ruhig, er wird und muß kommen, ich kenne ihn besser und setze durchaus kein Mißtrauen in ihn. Auch unser neuer Ortsrichter wundert sich, daß er diese Nacht nicht mit ausgezogen ist, die Räuber zu verfolgen.
-- Nun, was hat man entdeckt? fragte eifrig Marie.
-- Nichts! An dem Orte, den ich bezeichnet, hat man eine Menge Laub und abgebrochener Zweige gefunden -- das ist alles. Daß übrigens eine Rauferei dort stattgefunden, ist klar -- aber von Blutspuren war nichts zu sehen, es ist wahrscheinlich nur eine einfache Plünderung gewesen.
-- Röschen, ist das nicht genug? Einen Straßenraub bestraft das Gesetz mit dem Tode -- und wenn auch nicht, so ist die Schande mindestens dasselbe.
-- Ei, das will ich meinen, Marie! Der Ortsrichter will auch durchaus einen hängen lassen. Diesen Morgen ganz früh war er schon bei mir und plagte mich mit verschiednen Fragen. Unter andern: ob ich nicht in der Angst einen Busch für Räuber angesehen hätte? O nein, Herr Valentin, meine Augen sind nur zu gut, ich habe ganz deutlich gesehen, was ich berichtet. Aber denke Dir, noch deutlicher habe ich die ganze Geschichte im Traume gesehen. Mir hat die ganze Nacht hindurch nur von Räubern geträumt -- Marie, Marie, rief sie plötzlich, indem sie mit dem Finger nach einem Hügel deutete, der sich dicht am Gartenzaune erhob -- sieh' dorthin -- habe ich nicht Recht gehabt?
Beide Mädchen blickten schweigend nach dem bezeichneten Orte: Röschen mit Verwunderung, Marie mit Entsetzen, denn sie sahen Konrad mit verschränkten Armen und gesenktem Haupte den Fußpfad herabkommen, der von dem Hügel zu einer kleinen Thür in dem Gartenzaune führte, die in der Regel geöffnet war, da sie den Knechten und Mägden einen nähern Weg in das Feld bot.