Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Part 5

Chapter 53,767 wordsPublic domain

Mit den letzten Worten hatte Valentin seinen Rock von einem Nagel der Wand genommen, ihn angezogen und seine Mütze mit einem runden, schwarzen Hute vertauscht. Dann ergriff er einen gelben Rohrstock und schritt gravitätisch zur Thür hinaus. Der Jäger folgte und lächelte dabei, als ob er sagen wollte: ich wußte es wohl, daß der geizige Filz auf meinen Vorschlag eingeht.

-- Des Burschen Heirathsproject kommt mir gelegen, flüsterte der Richter vor sich hin, indem er über den Hof schritt -- es ist sogar ein Lieblingsgedanke von mir, denn ist Eberhard Mariens Mann und im Besitze ihres Vermögens, so wird man mir die Bewirthschaftung der Wiese nicht streitig machen, die ich seit fünf Jahren benutze, ich verlange sie von meinem Neffen als Kuppelpelz -- das Grundstück ist seine achthundert Thaler werth!

Nach einigen Minuten standen die beiden Männer an der Pforte, die in Mariens Hof führte. Valentin schritt voran. Die Hausflur war schon dunkel, da der letzte Schein des Tages nur durch ein einziges Fenster hereindringen konnte. Auf ein Klopfen an die Stubenthüre rief Mariens sanfte Stimme »herein!«

-- Sie ist zu Hause, flüsterte der Vetter dem Neffen zu, indem sie beide in das freundliche Zimmer traten, das nur noch schwach von Dämmerung erfüllt war.

Ueberrascht von dem Abendgruße der Männer fuhr Marie aus einem kleinen Lehnstuhle empor, in welchem sie träumend gesessen hatte. Der Besuch des Vetters schien keinen befremdenden Eindruck auf sie auszuüben, wohl aber der des Neffen, der ihr als ein leichtsinniger Mensch bekannt war.

-- Mein Gott, rief sie mit zitternder Stimme aus, was verschafft mir die Ehre dieses seltenen Besuches -- und diesen Abend, noch so spät?

-- Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend der Ortsrichter, indem er wie ein alter Bekannter des Hauses seinen Hut auf den Stock hing und beides an ein Uhrgehäuse lehnte, in welchem ein schwerfälliger Pendel seine langsamen Schwingungen machte.

-- Nehmen Sie Platz, flüsterte das junge Mädchen und schob zwei Stühle heran.

Die Männer folgten der Einladung. Marie setzte sich wieder in ihren Stuhl; doch schon in der nächsten Secunde erhob sie sich rasch wieder.

-- Es ist schon dunkel, rief sie aus, ich werde Licht holen!

Der Jäger ergriff ihre Hand und zog sie leise auf den Stuhl zurück.

-- Bleiben Sie, schöne Marie, sagte er so sanft, als es seine tiefe Stimme erlaubte, es ist noch Zeit genug, Licht zu holen -- berauben Sie uns jetzt Ihrer Gegenwart nicht.

-- Womit kann ich den Herren dienen? fragte sie in einem Tone, der deutlich den peinlichen Zustand verrieth, in den sie die Berührung des Jägers gesetzt hatte.

-- Marie, sagte der Richter, Sie wissen, daß große Umwege meine Sache nicht sind, ich steuere stets direct auf mein Ziel los. Und dies muß nach meiner Ansicht auch ein Mann, der die höchst wichtige und einflußreiche Würde eines Ortsrichters bekleidet. Ich habe keine leiblichen Kinder, meine ganze Familie besteht aus meiner kleinen Mündel und meinem Neffen, dem gräflichen Revierförster Eberhard. Um nun nach Pflicht und Gewissen für die Zukunft meiner Pflegebefohlenen zu sorgen, habe ich mich mit Gott zu dem gegenwärtigen Besuche entschlossen.

-- Und der Zweck dieses Besuches? fragte Marie kaum hörbar, da ihr die Angst die Brust zusammenschnürte.

-- Marie, sagte der Richter mit feierlicher Stimme, ich bin gekommen, um für meinen Neffen Eberhard um Ihre Hand zu werben.

-- Und ich, fügte der Jäger hinzu, um meine Bitte, die sich auf Achtung und Liebe gründet, mit der Werbung meines Vetters zu vereinigen.

Marie antwortete nicht, eine ängstliche Pause trat ein, und beide Theile segneten im Stillen den Umstand, daß das Zimmer dunkel war.

-- Nun, liebe Mündel, begann betonend der Ortsrichter wieder, was haben Sie auf unsern Antrag zu antworten? Nicht wahr, das hätten Sie wohl nicht erwartet?

-- Nein! antwortete Marie, und ihre Angst schien plötzlich verschwunden zu sein, denn sie sprach dieses Wort mit einer Unbefangenheit, die Valentin und Eberhard für eine freudige Zustimmung hielten.

-- Das habe ich mir gedacht! rief lachend der Richter, indem er seine großen Hände rieb, daß es laut rauschte. Nicht wahr, mein Eberhard ist ein schmucker Bursche?

-- Marie! rief Eberhard und wollte ihre Hand ergreifen.

-- Herr Vormund, sagte das junge Mädchen, indem es aufstand, Ihr Antrag schmeichelt meinem Herzen und meiner Eitelkeit, denn Sie denken mir eine Ehre zu, an die ich nimmer geglaubt hätte -- trotzdem aber kann ich Ihren Antrag nicht annehmen!

-- Warum? fragten beide Männer zugleich.

-- Weil mein Herz meine Hand schon versprochen hat! antwortete Marie in einem festen Tone.

-- So, rief der Richter erstaunt -- und ohne mein Wissen? Wer ist denn dieser heimliche Liebhaber?

-- Der Mann, den ich liebe, und dem ich meine Hand versprochen, ist Konrad, mein junger Nachbar.

Vetter und Neffe konnten ihrem neuen Erstaunen keine Worte verleihen, da ihnen eine Magd, die in diesem Augenblicke Licht in das Zimmer brachte, Schweigen auferlegte. Marie, deren liebliches Gesicht wie eine Rose im Frühlinge glühete, trat der Magd entgegen, nahm ihr das Licht ab und verabschiedete sie wieder durch ein Zeichen mit der Hand. Dasselbe Licht, das jetzt dem Jäger das reizende Mädchen zeigte, hatte Konrad durch das Fenster schimmern sehen, der leise seinen Gruß flüsternd vorüberging.

Als ob der Gruß des Geliebten, den Marie noch in weiter Ferne wähnte, eine wunderbare Kraft geäußert, stand sie mit freundlichen, aber entschlossenen Mienen vor den beiden Männern, die Blicke der Verlegenheit und des Aergers wechselten. Der Jäger nahm zuerst das Wort wieder.

-- Demnach hätte ich einen Korb erhalten? fragte er mit einem stechendem Blicke.

-- Es thut mir leid, antwortete das junge Mädchen mit einer kurzen Verbeugung -- Sie sehen aber, ich kann nicht anders.

-- Konrad? rief der Richter, indem er aufstand -- ist er nicht mit unserm jungen Grafen in den Krieg gezogen?

-- Derselbe, Herr Ortsrichter, und ich muß bekennen, daß ich ihm deshalb noch einmal so gut bin, denn es zeigt, daß er Muth und Vaterlandsliebe im Herzen trägt.

-- Konrad, sagte der Jäger verächtlich, ein sonderbarer Geschmack!

-- Mag sein, Herr Eberhard, aber ich liebe ihn!

-- Außerdem hat der Mensch nicht hundert Thaler im Vermögen! fügte der Richter hinzu.

-- Mag sein, Herr Valentin; aber ich liebe ihn und besitze eine Meierei, die uns beide ernährt.

-- Hören Sie, Marie, ich bin Ihr Vormund und freue mich über Ihren braven Charakter -- aber während Sie so fest an Ihrem Versprechen hangen, ist es ein leicht möglicher Fall, daß der arme Junge -- vielleicht ohne es zu wollen -- --

-- Mein Gott, rief Marie erschreckt -- was wollen Sie sagen? Wissen Sie vielleicht -- --?

-- Als Ortsrichter weiß ich Alles, mein Kind, und weiß auch, daß in dem Kriege gegen die furchtbaren Dänen viel Menschen gefallen sind, die eigentlich hätten zu Hause bleiben können.

Marie schwankte und sank in den Stuhl zurück.

-- Konrad, Konrad ist todt! rief sie schluchzend und bedeckte ihr Gesicht mit der weißen Schürze, die ihren schlanken Leib umschloß.

-- Das habe ich nicht gesagt! rief der Richter erschreckt.

-- Er ist nicht todt? fuhr Marie empor. Ist er verwundet?

-- Auch das habe ich nicht gesagt!

-- Nun, sagte sie mit fester Stimme und sah mit ihren thränenden Augen den verwirrten Valentin an, während Eberhard seinen Nebenbuhler um diese Thränen beneidete -- nun, Herr Richter, was wollen Sie denn sagen?

-- Ich will sagen, mein liebes Kind, daß alles geschehen kann, was man fürchtet, und daß es in Ihrem Alter sehr unklug gehandelt ist, wenn man daran denkt, sein Leben an das eines Soldaten im Kriege ketten zu wollen. Sehen Sie, unser junger Graf Rudolph ist diesen Morgen schon zurückgekehrt, folglich muß der Krieg aus sein, und wer zurückkehren kann, wird gewiß nicht säumen, zumal wenn er ein Bräutchen in der Heimath hat. Entweder hat ein solcher Soldat sein Liebchen vergessen und ein anderes gefunden, oder er hat sonst einen Grund, der ihn hindert -- --

Des Richters Rede ward durch das hastige Oeffnen der Thür unterbrochen. Aller Blicke wandten sich dahin.

Ein junges Mädchen stürzte in fröhlicher Hast herein, denn seine Blicke leuchteten vor Freude und Lust, wie die eines Boten, der gute Nachricht verkünden will.

-- Röschen, Röschen! rief Marie und stürzte der Freundin entgegen, die in diesem Augenblicke erstaunt den Besuch betrachtete. Röschen, wo ist Konrad?

-- Mein Bruder? fragte die Eingetretene verwundert. Weißt Du es schon?

-- Also hast Du Nachricht -- o erzähle, wo ist er, wie geht es ihm?

-- Du weißt noch nichts, meine Marie, sagte Röschen lächelnd, folge mir in meine Wohnung und Du sollst alles erfahren!

-- Nein, nein, berichte hier gleich, die Unruhe tödtet mich! Röschen, wenn Du mich liebst, fügte sie mit einem Seitenblicke auf die Männer hinzu, so theilst Du mir gleich Deine Nachrichten mit.

Röschen hatte den Blick verstanden, denn sie sagte betonend:

-- Nun denn, mein Bruder Konrad ist so eben angekommen!

-- Gott sei Dank! rief Marie und bedeckte den Mund, der diese Botschaft gesprochen, mit glühenden Freudenküssen. Herr Ortsrichter, wandte sie sich zu Valentin, was sagten Sie doch vorhin?

-- Ich sagte, stammelte der Alte, ich sagte, daß sich alles ereignen könne -- und hatte ich nicht Recht? Er ist angekommen, den wir noch im Kriege wähnten! Nun, Jungfer Mündel, wir wollen Ihre Freude des Wiedersehens nicht stören, gute Nacht! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Vormund bin! Gute Nacht!

Valentin ergriff Stock und Hut und verließ das Zimmer. Der Jäger grüßte kalt die beiden Mädchen und folgte seinem Vetter, der mit großen Schritten seinem Hause zueilte.

-- Was bedeutet das? fragte Röschen verwundert -- der Jäger Eberhard in Deiner Wohnung --?

-- Morgen, beste Freundin, sollst Du alles erfahren -- jetzt komm zu Konrad, daß ich ihn in der Heimath als sein treues Mädchen begrüßen kann. Komm, Röschen, komm!

Wie Rehe, die den Jäger ahnen, hüpften die beiden Mädchen über den mondbeleuchteten Dorfplatz dem gegenüberliegenden Hause zu, dessen weiße Mauer das milde Licht des Himmels wiederstrahlte.

In der dunkeln Thür öffneten sich zwei Arme und empfingen die bebende Marie, die Röschen mit Absicht vorangehen ließ.

-- Konrad!

-- Marie!

3.

Es war Sonntagabend. Ruhig und schwül lag er auf dem Dorfe, und der Horizont im Westen, wo gestern das heiterste Abendroth prangte, kündigte heute ein heranziehendes Gewitter an. Vor den Häusern saßen in ihrem Sonntagstaate Männer, Weiber und Kinder und unter den breiten Linden vor den Thüren hatten sich Gruppen junger Burschen und Mädchen versammelt, um zu plaudern und zu scherzen.

Wie die Menschen, schien auch die Natur den Tag des Herrn zu feiern, denn es lag eine ernste Stille über der ganzen Gegend ausgebreitet, die durch das Drückende der Luft noch vermehrt wurde.

Von dem Kirchthurme herab verkündete die Glocke die siebente Stunde, als zwei Jäger aus dem Dorfe traten und einen Fußpfad einschlugen, der über eine Wiese dem nahen Walde zuführte. Den einen von ihnen kennt der Leser bereits, es war Eberhard, des Ortsrichters Neffe. Der andere war ein kurzer, stämmiger Mann von ungefähr zwei und dreißig Jahren, mit breiten Schultern, kurzem Halse und einem dicken, runden Kopfe, den ein krauses, schwarzes Haar bedeckte. Sein Gesicht war voll und breit, mit Blatternarben besäet und von schmutzig rother Farbe. Seine Augen hatten mit denen eines Schweines große Aehnlichkeit, sie waren geschlitzt, grünlich grau und von starken buschigen Brauen bedeckt. Die Kleidung dieses Mannes war dieselbe Jägeruniform, die Eberhard trug.

Schweigend gingen sie über den Wiesenplan, der mit halb trockenen Heuhaufen bedeckt war und einen angenehmen Kräutergeruch verbreitete. Als sie die erste Eiche des beginnenden Waldes erreicht hatten, blieb Eberhard plötzlich stehen und sah nach dem Dorfe zurück, das nach und nach durch Bäume und Hecken den Blicken entschwunden war. Sein Gefährte sah ihn mit einem grinsenden Lächeln an.

-- Du wunderst Dich wohl über die Hochzeit, Eberhard, sagte er mit heiserer Stimme -- von der heute den ganzen Tag in unserm lieben Dörflein die Rede war? Ich muß Dir bekennen, daß ich mich auch ein wenig darüber gewundert habe.

-- Graff, antwortete der junge Jäger, wenn Du mich nicht ärgern willst, so sprich nicht davon -- ich denke an ganz andere Dinge!

-- Ah, ich verstehe, rief Graff, Du denkst an das Spiel!

-- An das Spiel! Womit soll ich spielen?

-- Nun, Du hattest doch vorgestern noch Geld?

-- Vorgestern und heute! sagte Eberhard mit gerunzelter Stirn -- dazwischen liegt ein ganzer Tag!

-- Was ist geschehen? fragte Graff, indem er den Arm seines Freundes ergriff, und ihn veranlaßte, langsam den Weg fortzusetzen.

-- Alles Geld, was Du vorgestern bei mir sahest, habe ich verspielt. Ich setzte hoch, weil ich viel gewinnen wollte.

-- Verspielt? lachte der dicke Jäger.

-- Ich habe diesen Monat ein besonderes Unglück!

-- Sage nicht Unglück, Eberhard, der Ausdruck ist falsch.

-- Was trägt denn die Schuld an meinem Verluste?

-- Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund! Wie kann ein gescheuter Mensch sich mit Spielern von Profession einlassen -- o wie dumm!

-- Wie, rief Eberhard, so bin ich wohl gar der Geprellte gewesen?

-- Das ist leicht möglich! gab Graff kalt zur Antwort.

-- Und Du hast mich nicht gewarnt?

-- Was Du da verlangst, Freund Eberhard! Jene sind so gut meine Freunde, als Du!

-- Also solche Freunde hast Du! rief der junge Jäger im Tone des Vorwurfs.

-- Auch solche, antwortete trocken der Freund, denn es ist mein Grundsatz, mit Leuten von allen Gesinnungen Bekanntschaft zu pflegen. Und außerdem hast Du ja häufiger Gelegenheit, Deine Revanche zu nehmen, als jene armen Teufel.

Die beiden Freunde hatten während dieses Gesprächs ein dichtes Haselgesträuch erreicht, das wie ein Bosquet rechts und links zur Seite stand. Einzelne Eichen ragten daraus empor und verhüllten die Aussicht auf das Firmament, so daß auf dem Waldwege schon starke Dämmerung herrschte. Nirgends regte sich ein Blatt in den Zweigen, nur dann und wann flatterte ein Vogel aus dem Dickicht auf, den die Schritte der Männer in seinem Verstecke erschreckt hatten.

-- Du sprichst von Revanche, Graff -- begann nach einer Pause der Revierförster wieder -- was nützt mir die Gelegenheit dazu, wenn mich auf Tritt und Schritt das Unglück verfolgt?

-- Es giebt verschiedene Branchen, sein Glück zu machen, muß es denn immer nur das Spiel sein? Eberhard, ich dürfte nicht in Deiner Haut stecken, oder es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht in kurzer Zeit ein reicher Mann wäre. Sieh' Dich nach einem reichen Mädchen um, Freund, es giebt ja so viel Bauerdirnen, die nur deshalb noch ledig sind, weil sie keinen Bauerjungen heirathen, sondern etwas höher hinauswollen.

-- Die Absicht hatte ich gestern, antwortete Eberhard, und glaubte schon, daß mir ein hübsches Mädchen mit einer einträglichen Meierei nicht entgehen könne --

-- Mit einer Meierei --? Nun --?

-- Der Teufel trieb wieder sein Spiel, denn die Rückkehr jenes Konrad, der so dumm war, mit unserm Grafen in den Krieg gegen die Dänen zu ziehen, vereitelte alle meine Aussichten.

-- Und dies macht Dich so untröstlich? rief Graff, indem er in ein so lautes Gelächter ausbrach, daß das Echo des Waldes es zurückgab.

-- Wenn man keine andere Aussicht hat, allerdings! gab Eberhard düster zur Antwort.

-- Bist Du ein engherziger Mensch! Giebt es nicht noch tausend andere Quellen auf der Welt, aus welcher der Kluge leicht und ohne Mühe seinen Vortheil schöpfen kann?

-- Nenne mir eine solche Quelle, rief Eberhard, nenne sie mir und beweise, daß Du ein kluger Mensch bist!

Graff blieb stehen und sah seinen düstern Freund einen Augenblick an, dann sagte er halb laut, als ob er fürchtete gehört zu werden:

-- Geh hinaus auf die Landstraße -- prüfe die glücklichen Leute -- beschäftige Dich mit den Reichen -- es giebt ja so viel Gewerbe -- die Erde ist groß -- das Feld ist weit -- eine einzige goldne Erndte, und Du bist ein gemachter Mann!

-- Ja, antwortete Eberhard in einem dumpfen Tone, ich bin ein gemachter Mann, weil ich auf dem Punkte stehe, mich entweder in den Teich zu stürzen, oder eine Kugel durch den Kopf zu jagen!

-- Mein Gott, sagte Graff lächelnd, wie kann man auf solche abgeschmackte Gedanken gerathen! Bist Du denn so entsetzlich in das Mädchen verliebt, das Dir jener Konrad vor der Nase wegschnappt?

-- Nein!

-- Nun, was ist es denn, was Dich so mächtig erschüttert?

-- Ich schulde in der Stadt eine bedeutende Summe, deren Zahlungsfrist bereits abgelaufen ist.

-- So laß sie laufen, was kümmert es Dich!

-- Sehr viel, Graff, denn es ist eine Wechselschuld.

-- O Du dummer Teufel! Wie kann ein vernünftiger Mensch einen Wechsel unterschreiben?

-- Man gab mir Zeit, fuhr Eberhard fort, weil ich die sicherste Hoffnung auf die Heirath hegte; diesen Morgen aber schrieb mir ein Freund, daß ich jeden Tag gewärtigen könne, bei Wasser und Brod in das Schuldgefängniß gesperrt zu werden, denn mein Gläubiger habe bereits bei den Gerichten darum nachgesucht.

-- Komm, rief Graff und zog den Förster mit sich fort, die Sache wird so schlimm nicht werden, als Du denkst! Schlagen wir diesen Weg nach dem Wirthshause ein, wir wollen einen Schoppen zusammen trinken, vielleicht giebt uns der Wein einen gesunden Rathschlag, der uns wieder flott macht! Komm, Freund Eberhard, und verliere den Kopf nicht!

-- Du hast Recht, rief Eberhard mit glühenden Augen, denn in diesem erbärmlichen Leben sind ja doch nur die Augenblicke glücklich, wo der Verstand zum Teufel geht. Komm, ich folge Dir!

-- Recht so, Freund, wir wollen die Grillen verplaudern und vertrinken!

Singend, daß der Wald wiederhallte, zogen sie Arm in Arm den Fußweg fort, der nach zehn Minuten auf einen Platz mündete, auf welchem ein einsames Häuschen stand. Es ward von einem alten Jäger bewohnt, der Getränke und Speisen im Sommer feil bot, weil es an der Straße lag, welche von den Reisenden am häufigsten gewählt wurde, um den Brocken zu besuchen.

Jauchzend, als ob ihnen das größte Glück begegnet, traten die beiden Männer ein und forderten lärmend von dem besten Weine. In einem Zimmer, dessen niederes Fenster nach dem Waldplatze hinausging, setzten sie sich an einen Tisch und begannen wacker zu zechen, wobei Graff Anecdoten und Schnurren erzählte, über welche Eberhard, dem nach und nach der Wein zu Kopfe stieg, aus vollem Herzen lachte und Heirath und Schulden vergaß.

Der Abend war während dieser Zeit völlig hereingebrochen, im Westen zogen sich die Gewitterwolken immer drohender zusammen, im Osten aber stieg der Mond herauf und beleuchtete mit seinem melancholischen Lichte den schweigenden, duftenden Wald.

In der Unterhaltung der beiden Jäger war eine Stockung eingetreten, denn Eberhard's schwerer Kopf hatte sich auf den Tisch gesenkt und schien dem Weine und der drückenden Schwüle völlig zu unterliegen. Graff betrachtete durch das geöffnete Fenster die prachtvolle Abendlandschaft. Das Zimmer war dunkel und in den übrigen Räumen des einsamen Hauses regte sich kein Laut, da diesen Abend die beiden Jäger die einzigen Gäste waren.

Plötzlich hörte Graff ein Gespräch in dem Walde. Er lauschte. Es schien unter Leuten stattzufinden, die den Weg von dem kaum eine halbe Stunde entfernten Dorfe herkamen. Die Worte tönten laut durch den stillen Abend, aber Graff konnte sie dennoch nicht verstehen, da das gleich darauf folgende Echo sich mit ihnen mischte. Soviel vermochte er aber zu unterscheiden, daß eine der Stimmen einer Frau oder einem Mädchen angehörte.

Nach einigen Minuten sah der Jäger zwei Personen aus dem Gebüsche auf den hell erleuchteten Waldplatz treten; sie gingen langsam Arm in Arm und führten ein fröhliches Gespräch, dessen Worte Graff schon seit einiger Zeit gehört hatte. Leise zog er sich in das dunkele Zimmer zurück und begann zu lauschen.

-- Weiter gehe ich nicht, Konrad, sagte die Mädchenstimme -- hier ist das Wirthshaus des alten Vaters Kaspar, wir sind eine halbe Stunde von unserm Dorfe entfernt, und das Gewitter zieht immer drohender herauf.

-- Wie Du willst, meine Marie, antwortete die Stimme eines Mannes. Wir wollen uns auf die Bank unter dem Fenster setzen und so lange warten, bis meine Schwester Röschen kommt. Ich hoffe, sie wird sich beeilen, wenn sie den schwarzen Himmel sieht.

-- Ich an Röschens Stelle hätte den Weg zu der Tante auch an einem andern Tage abgemacht, sagte Marie wieder -- es wäre besser gewesen, wenn wir heute zusammengeblieben wären und Deine Ankunft durch eine Parthie nach dem Ilsensteine gefeiert hätten.

-- Du hast Recht, liebe Marie; aber die Tante ist eine alte Frau, die meinetwegen in Sorgen ist und es gewiß nicht gut aufgenommen hätte, wenn wir mit der Nachricht von meiner Rückkehr noch einige Tage gezögert. Außerdem hat sie noch ein wichtiges Geschäft mit ihr abzumachen.

-- Ein Geschäft?

-- Das Dich und mich betrifft.

-- Ich verstehe, flüsterte das Mädchen -- ihre Einwilligung?

-- Ja, Marie; und morgen gehe ich selbst hinüber, um sie persönlich darum zu bitten.

-- Ach, Konrad, wenn aber der Krieg mit den Dänen wieder ausbricht?

-- Mag er ausbrechen, sagte heftig der junge Mann, ich rühre keine Hand, ich bleibe bei meiner Marie und besorge die Wirthschaft.

-- Wenn man Dich aber mit Gewalt zwingt?

-- Man wird mich nicht zwingen, mein Mädchen, denn, noch ehe das Laub von den Bäumen fällt, bin ich Dein Mann, und wenn ich nachweise, daß die Verwaltung der Meierei auf mir allein lastet, kann mich kein Teufel zwingen, diesen erbärmlichen Krieg mitzumachen.

-- Du sahest auch viel besser aus, als Du den Soldatenrock abgelegt und Deine gewöhnlichen Kleider wieder angezogen hattest, und vorzüglich stand Dir die alte Feldmütze schlecht. Da lobe ich mir den schwarzen Hut, rief lächelnd das junge Mädchen -- Du siehst noch einmal so hübsch darin aus.

-- Und wie werde ich erst aussehen, antwortete Konrad, wenn das rothe Bräutigamsband daran flattert!

-- Das wollen wir gleich einmal probiren! rief Marie, indem sie dem jungen Manne den Hut vom Kopfe nahm.

-- Nun, was willst Du mit dem Hute?

-- Gieb Acht, Konrad!

Mit einer leichten Handbewegung hatte Marie ein rothes Band von ihrem schwarzen Mieder abgelös't, das auf der Brust eine große Schleife bildete, und schlang es um den Hut, den sie auf ihren Knien hielt.

-- So, sagte sie fröhlich und setzte dem Geliebten den Hut wieder auf das Haupt -- so sieht ungefähr der Hut eines Bräutigams aus -- schade, daß das Band keine längern Schleifen hat!

-- Marie, rief der entzückte Konrad, dieses Band gebe ich Dir nicht zurück!

-- Nun, so behalte es, bester Freund, seine rothe Farbe mag Dir ein Sinnbild meiner Liebe sein!

-- Und dieser Kuß mag Dir sagen, daß meine Liebe noch größer ist, als die Deinige!

-- Das ist nicht wahr!

-- O ja!

-- O nein!

Konrad schloß das Mädchen in seine Arme und machte durch einen feurigen Kuß dem kleinen Streite ein Ende. In inniger Umarmung blieb das glückliche Paar wohl zehn Minuten lang, ohne den Lauscher am Fenster zu gewahren. Der Mond war indeß hinter den Zweigen einer Eiche hervorgetreten und beleuchtete sanft die Gesichter der beiden Liebenden, die sich schweigend ansahen und nur durch Küsse die Gefühle ihrer Herzen äußerten.

Plötzlich erklangen Schritte in dem Walde.

-- Hörst Du? rief Marie; jetzt kommt Röschen. Ich werde ein wenig mit ihr zanken, daß sie so lange auf sich warten läßt.

Und wie eine Gemse flog sie über den Rasenplatz dem Waldwege zu, von woher die Schritte sich vernehmen ließen. Doch kaum hatte sie das dunkele Gebüsch betreten, als die schwarze Gestalt eines Mannes vor ihr stand. Mit einem lauten Schrei fuhr Marie erschreckt zurück und flog auf Konrad zu, der ihr nachgeeilt war.

-- Was giebt es? rief der junge Mann mit kräftiger Stimme.

-- Sieh' jene Gestalt -- sie kommt näher! Laß uns fliehen, vielleicht ist es ein Räuber!

-- Fliehen, ich? rief Konrad und vertrat dem Manne, der jetzt den Rasenplatz erreicht hatte, den Weg.