Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Part 4

Chapter 43,746 wordsPublic domain

-- Er ist der Besitzer dieser Summe, die ich ihm gerettet habe. Fort, fort, man sucht schon in dem Nachbarhause!

Der Advokat löschte das Licht aus, dann ergriff er den Arm der Gräfin und zog sie mit sich fort. Vorsichtig verschloß er das Zimmer wieder, da er die Kleider der Köchin darin wußte. Auf der Hausflur trat ihnen Netti entgegen. Erschreckt blickte sie den jungen Mann im Mantel an.

-- Netti, flüsterte Ferenz flüchtig, in zehn Minuten bin ich bei Ihnen, um Ihnen alles zu erklären -- gehen Sie in das Wohnzimmer, es ist möglich, daß Sie Besuch erhalten.

Das junge Mädchen starrte den beiden Personen nach, die hastig aus dem Hause in den Garten stürzten. Am Ufer trafen sie den Soldaten und den Fischer.

-- Herr Graf, sagte leise der Advokat, hier ist Ihre Braut und hier der Rest Ihres Vermögens, soviel ich davon in Golde vorräthig hatte. Die Hälfte davon besitze ich in Papieren, die in der Türkei ohne Werth sind; ich werde sie jedoch in klingende Münze umzusetzen suchen, daß sie stets zu Ihrer Verfügung stehen.

-- Ich leiste Verzicht auf die Papiere, sie mögen der Lohn meines großmüthigen Advokaten sein.

-- Herr Graf!

-- Leben Sie wohl, vielleicht sehen wir uns wieder!

Hastig umarmte der Graf den jungen Mann, dann half er der Gräfin in das Boot, in welchem Lajos schon wartete, zuletzt sprang er selbst hinein.

Das Wasser rauschte und der Kahn verschwand in dem Nebel, der wie ein graues, undurchsichtiges Tuch auf dem Wasser ruhete.

Als ob er die Flucht des unglücklichen Paares segnen wollte, streckte Ferenz seine Arme ihm nach. Leichten Herzens kehrte er in die Wohnung des Apothekers zurück.

Die Patrouille hatte das Haus des Kommandanten der Schutzwehr übergangen, da man bei ihm einen Schlupfwinkel für Flüchtlinge unmöglich hielt. Der Advokat saß in dem freundlichen Zimmer und erzählte der staunenden Netti die Flucht der Gräfin Thekla Andrasy.

Es war zehn Uhr, als Herr Czabo an die Thür seines Hauses klopfte. Niklas öffnete ihm.

-- Warum öffnet Kathi nicht? fragte der erhitzte Kommandant, dem das hübsche Gesicht und der schöne Arm der Köchin nicht mehr aus dem Sinne wollte.

-- Sie ist nicht da, antwortete Niklas.

Nachdem der Apotheker in die finstere Küche gesehen, trat er in das Wohnzimmer.

-- Wo ist Kathi? fragte er unmuthig, warum öffnet sie mir die Thür nicht?

-- Vater, sagte Netti, wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht. Die Gräfin Andrasy hatte sich in unserm Hause versteckt.

-- Himmel, welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker.

-- Doch, beruhigen Sie sich, lieber Vater, fügte der Advokat hinzu, sie ist schon seit einer Stunde nicht mehr unter Ihrem Dache. Niemand wird glauben, daß eine Gräfin als Köchin in Ihren Diensten gestanden hat.

-- Wie, Kathi wäre --?

-- Die Gräfin Andrasy! sagten lächelnd Ferenz und Netti.

Herr Czabo sank vernichtet auf einen Stuhl.

-- Himmel, rief er plötzlich aus, wenn das bekannt wird, bin ich verloren, entehrt, man wird mich meines Postens als Kommandant entsetzen! O, diese Schlange! Nicht genug, daß sie im Lande Zwist und Hader veranlaßt, sie geht auch noch in die Häuser friedlicher Bürger, um Unglück anzurichten!

-- Vater, sagte Ferenz tröstend, wenn Sie selbst über diesen sonderbaren Vorfall schweigen können, wird Niemand etwas davon erfahren, denn außer mir und Netti weiß keine Seele darum.

-- Wohin hat sie sich gewendet?

-- Wenn ihr kein Unglück begegnet, schwebt sie jetzt auf den Wellen der Donau, um das türkische Ufer zu erreichen.

-- Kinder, rief Herr Czabo nach einer Pause, versprecht Ihr mir, zu schweigen, wie das Grab?

-- Wir versprechen es! sagten feierlich die jungen Leute.

-- Gut, dann mag die Gräfin mit den zwölf Gulden, die ich ihr im voraus bezahlt, in der Türkei ihr Glück versuchen -- meine Reputation ist mir mehr werth, als diese elende Summe.

-- Vater, sagte Netti, ich habe Ihre Börse in der Küche am Boden gefunden -- wenn Sie sie vermissen -- hier ist sie.

Herr Czabo steckte die Börse zu sich. Seine Hand zitterte, als er sie ergriff, denn er erinnerte sich des Augenblicks, wo er sie in die niedliche Hand legte, die ein Heirathsproject in dem Kopfe des Wittwers erzeugt hatte.

Eine Stunde später hatte sich alles in die Schlafzimmer zurückgezogen. Netti träumte von ihrer nahen Hochzeit -- Ferenz sandte noch ein Gebet für die Rettung der Flüchtlinge zum Himmel empor, dann entschlief er -- und der Apotheker lag wachend in seinem Bette, er hatte mit einer schwermüthigen Freude den Schluß aus der ganzen Sache gezogen, daß es für die Ruhe seines Wittwerherzens gut sei, daß es so und nicht anders gekommen wäre. Ein Mann, dachte er, der jeden Tag Bürgermeister von Semlin zu werden hofft, kann doch seine Köchin nicht heirathen, und ich hätte sie geheirathet, wenn sie Kathi Lajos geblieben wäre. Der Wille des Himmels sei gepriesen!

Mit einem tiefen Seufzer hüllte sich der Kommandant in seine Decke und entschlief.

Als nach Mitternacht der Mond hinter einer schwarzen Wolke hervortrat und die romantischen Gestade der Donau beleuchtete, knieten drei Gestalten an dem Ufer des rauschenden Flusses und verrichteten ein kurzes Gebet.

Es waren Janos, Thekla und der treue Fischer -- sie hatten glücklich nach einer dreistündigen gefahrvollen Fahrt das rettende Ufer erreicht.

Das rothe Band oder die Civilehe.

Novelle von August Schrader.

1.

Ein heißer Augusttag neigte sich seinem Ende zu. Die höchsten Spitzen des Harzgebirges umfing schon die Glorie des ersten Abendrothes, während auf den kleinern Bergen und in den Thälern Bäume und Gesträuche lange Schatten warfen. In geheimnißvollem Schweigen lag die Natur, Waldblumen und Kräuter dufteten Weihrauch empor, der Gesang der Vögel verstummte nach und nach und alles bereitete sich vor, den Abend, den stillen Vorboten der Nacht, festlich zu empfangen.

Da schritten auf einem Fußpfade, der sich zwischen den riesigen Stämmen eines dunkeln Eichenwaldes wie ein Bach zwischen Felsen dahin schlängelte, drei junge Männer, deren Aeußeres auf den ersten Blick verabschiedete Krieger bekundete. Sie trugen graue Beinkleider, kurze blaue Röcke mit gelben Knöpfen und rothen Kragen, runde Mützen mit Streifen von derselben Farbe und Reisebündel in Form eines Kranzes, der auf der rechten Schulter lag und auf die linke Hüfte herabhing.

Ohne sich um den Reiz des duftenden Waldes zu kümmern, dessen Moosboden sich rechts und links wie ein grüner Teppich ausbreitete, schritt einer dicht hinter dem andern auf dem schmalen Wege und das Echo des Haines gab das Geräusch der kräftigen Fußtritte zurück.

Plötzlich lichtete sich der Wald, die Baumstämme verschwanden zu beiden Seiten und die Wanderer standen auf der Platte eines Bergrückens, an dessen Fuße sich ein kleines, romantisches Thal ausbreitete. Der Abendnebel hatte einen feinen, durchsichtigen Schleier über die Niederung gezogen, so daß die Häuser eines Dorfes, die wie Schwalbennester an den Bergen hingen, wie Schemen durch den Reflex der Lichtstrahlen gebildet, erschienen. Der Kopf des weißen Kirchthurms, weit über die Nebelfläche emporragend, glühete im Abendstrahle wie ein Meteor, und die langen, schmalen Fenster des Kirchleins flimmerten wie glänzende Stahlplatten. Ein dunkles Gebirge bildete den nächsten Hintergrund der zauberhaften Landschaft und die flammende Kuppel des gigantischen Brockens, die weiteste Fernsicht, umsäumte das ganze Bild mit einem milden Heiligenscheine.

Als ob ein Gedanke die Männer beseelte, blieben sie zugleich stehen und sahen in das heimathliche Thal hinab. Ihre braunen Gesichter röthete eine stille Freude, denn keiner wollte dem andern seine Bewegung verrathen, und in den Augen des einen, dessen Gesichtsbildung sich vor den übrigen durch Regelmäßigkeit auszeichnete, erglänzten selbst ein paar Thränen, die sich bei dem längern Anschauen des Dörfchens in die langen, braunen Wimpern hingen, bis sie die Hand verwischte.

-- Da liegt die Heimath! rief ein munterer Bursche, indem er sich auf seinen kräftigen Haselstock stützte und die lachenden Blicke über das Thal schweifen ließ.

-- Gott sei Dank, rief der Zweite, hier hat kein Krieg gewüthet, sie zeigt uns noch die alte wohlbekannte Phisiognomie -- es lebe die Heimath!

-- Sie lebe! riefen seine beiden Gefährten mit bewegter Stimme.

-- Nicht wahr, Konrad, sagte der Erste wieder, unsere Harzberge bieten doch einen andern Anblick dar, als die ewige Fläche Holsteins, die wir so halb und halb dem deutschen Lande erhalten haben. Wenn wir hier einmal die tückischen Dänen auf das Rohr nehmen könnten, wo sie ihre Schiffe nicht im Rücken haben, ich glaube die Lust zu der deutschen Erde sollte ihnen auf ewig vergehen.

-- Laß den Krieg, sagte Konrad und fuhr mit der Hand über die Augen, als ob er klarer sehen wollte -- wenigstens den Krieg, aus dem wir zurückkehren. Da liegt die Heimath, das Bild des Friedens -- trübe den freundlichen Anblick durch solche Erinnerungen nicht, sie sind mir in der Seele verhaßt!

-- Kamerad! rief lachend der dritte -- und doch hast Du wie ein Löwe mit dem Kolben auf die strupphaarigen Rothröcke eingehauen, als ob Du sie alle mit einem Schlage von der deutschen Erde vertreiben wolltest -- macht Dir die Medaille, die Du in Deiner Rocktasche trägst, kein Vergnügen?

-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad in einem unmuthigen Tone -- hätte ich sie nicht für die Lebensrettung meines Majors, des Grafen Rudolph erhalten, der zu gleicher Zeit unser Gutsherr ist, ich glaube, ich hätte sie nicht genommen. Der Graf denkt wie ich, darum hat er mit dem Abschlusse des Waffenstillstandes den Kriegsdienst verlassen und sich auf sein Schloß zurückgezogen, das dort so freundlich über den Wald emporragt.

-- Glaubst Du denn wirklich, daß ihn der Haß gegen den Krieg zum Ausscheiden aus dem Heere angetrieben hat? fragte der Erste wieder. Konrad, Du stehst in einem fast vertraulichen, freundschaftlichen Verhältnisse zu dem Grafen, und solltest den wahren Grund nicht kennen? Ich will ihn Dir nennen!

-- Nun? fragten zwei Stimmen zugleich.

-- Nicht der Haß, sondern die Liebe hat ihn auf seine Güter zurückgeführt.

-- Ja, die Liebe zu seiner Cousine Emma von Linden, die seit einigen Jahren, da sie Waise ist, auf dem Edelhofe des alten Baron von H. lebt -- fügte der Dritte hinzu -- das konnte ich mir wohl denken, man sprach schon davon, ehe wir zu unserm Regimente gingen.

-- Fräulein Emma soll ein bedeutendes Vermögen besitzen -- das wird unserm Grafen zu statten kommen, denn seine Güter befinden sich nicht im besten Zustande.

-- Nun, sagte Konrad, indem er sich zum Weitergehen anschickte, ich wüßte keinen Edelmann in der ganzen Gegend, der die Hand der schönen Emma und ihr großes Vermögen mehr verdiente, als unser Graf, ich wünsche ihm Glück zu dieser Heirath.

-- O auch wir, riefen die Andern, er ist ein braver junger Herr!

-- Doch nun kommt, Freunde, daß wir noch mit der Dämmerung das Dorf erreichen, die Kuppel des Brockens wird schon dunkelroth und aus den Thälern weicht das letzte Licht -- kommt!

Bei diesen Worten warf Konrad sein Bündel auf der Schulter zurecht und begann rüstig auszuschreiten. Auch seine Gefährten setzten ihre müden Beine wieder in Bewegung.

-- Sieh, flüsterte einer dem andern zu, wie Konrad läuft! Man sollte glauben, er habe heute erst eine Stunde Wegs zurückgelegt, statt acht Meilen.

-- Blicke dorthin und du kennst den Magnet der ihn zieht -- jetzt wird er sichtbar.

-- Wo?

-- Dort, wo der Rauch aus dem weißen Schornsteine wirbelt!

-- Ist das nicht die Meierei der hübschen Marie?

-- Ganz recht, des hübschesten Mädchens im ganzen Dorfe. Konrad ist in sie verliebt bis über die Ohren, darum läuft er so.

-- Es ist wahr, ich hörte davon reden. Nun, wenn er die bekommt, kann er von Glück sagen.

-- Ich möchte nur wissen, warum er die Sache so geheim hält, auf dem ganzen Marsche hat er nicht ein Wort darüber gesprochen. --

-- Kameraden, rief Konrad, der einen Vorsprung von hundert Schritten gewonnen hatte und an einer Biegung des Weges stand -- wo bleibt Ihr denn? Soll ich allein die ersten Häuser unseres Dörfchens begrüßen? Vorwärts. In zehn Minuten sind wir an der Mühle -- ich höre schon das Rauschen des Wassers und das Geklapper der Räder.

Die Angerufenen brachen ihr Gespräch ab und verdoppelten die Schritte. Dann setzten sie mit Konrad gemeinschaftlich den Weg fort, der durch eine Gruppe weißstämmiger Birken führte. Nach einigen Minuten traten sie unter dem Blätterdache hervor auf eine duftende Wiese. Am Himmel zogen die flimmernden Sterne auf und über die Erde hatte sich ein weißer Schleier ausgebreitet, den der Abendnebel gewebt. Die Füße der heimkehrenden Krieger, durch den Anblick des dicht vor ihnen liegenden Dörfchens gestärkt, näßte kühlend der Nachtthau, der an den Grashalmen hing.

Kein Wort störte die Stille des prachtvollen Abends, schweigend blickten die jungen Leute nach dem Dorfe, in dessen Häusern ein Fenster nach dem andern sich erleuchtete. Die Wiese war überschritten und die Wanderer standen unter einer großen Linde, deren Riesenzweige ein Schilfdach bedeckten, unter dem das monotone Geklapper einer Mühle sich vernehmen ließ.

-- Gute Nacht, Freunde, sagte einer der Burschen, ich bin am Ziele -- hier wohnt mein altes Mütterchen, das ihren Sohn noch an den Küsten des Meeres wähnt, oder vielleicht auch unter der Erde -- ich werde mich sacht hineinschleichen und ihr eine Ueberraschung bereiten, an die sie gewiß nicht gedacht hat. Gute Nacht!

-- Gute Nacht, Philipp, flüsterten die Andern und reichten dem scheidenden Kameraden die Hand. Dieser öffnete leise die mit Mehlstaub bedeckte Thür und verschwand.

Als Konrad mit seinem Begleiter an dem Giebel der Mühle vorbeiging, hörten sie durch das kleine geöffnete Fenster in demselben das laute Schluchzen einer Frau -- Philipp hielt sein altes Mütterchen in seinen Armen.

An der Kirche trennte sich auch Konrad von seinem Begleiter, und der junge Mann ging allein dem entgegengesetzten Ende des Dorfes zu, wo die freundlichen Häuser wie Vogelnester an den Bergen lagen.

Plötzlich blieb er vor einem weißen Häuschen stehen, dessen Fenster sich in dem Augenblicke erhellten als er ankam.

-- Hier wohnt Marie! flüsterte er vor sich hin. Ob ich ihr eine ähnliche Ueberraschung bereite, wie Philipp seinem Mütterchen? Nein, fügte er nach einer Pause der Ueberlegung hinzu, sie bewohnt ganz allein ihren kleinen Meierhof, da ihr Vater vor fünf Jahren gestorben ist, ich will den neidischen Leuten keine Nahrung für ihre Lästerzungen geben, meine Schwester Röschen soll sie in unser Haus rufen, als ob sie ihr etwas mitzutheilen hätte, wenn sie mich dann sieht, wird ihre Ueberraschung nicht minder groß sein. Guten Abend Marie! flüsterte er dem Fenster zu und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Minuten empfing ihn das Jubelgeschrei der fröhlichen Schwester, die mit den Knechten und Mägden das Abendessen verzehrte, als er in das reinliche Zimmer trat.

2.

Um dieselbe Zeit, als die drei jungen Leute auf dem Bergrücken standen und den ersten Blick auf ihre Heimath warfen, trat ein junger Mann in die Wohnung des Dorfrichters Valentin, die unmittelbar an Mariens Meierei grenzt. Er trug einen grünen Rock, einen Hirschfänger an der Seite und einen grauen Hut mit breiter Krämpe. Er mochte nur erst fünf bis sechsundzwanzig Jahre alt sein, aber schon war sein Gesicht, das ein voller dunkler Bart umgab, von einigen Furchen durchzogen, die ihn um zehn Jahre älter erscheinen ließen. Seine Gestalt war schlank, es fehlte ihr aber das Gepräge der Jugend, der Ausdruck der Kraft und des Feuers.

-- Guten Abend, Vetter, sagte der Jäger, indem er mißmuthig seinen Hut auf den runden Tisch warf, der in der Mitte des Zimmers stand.

Der Vetter, der an einem kleinen Schreibepulte saß und Papiere in ein aufgezogenes Schubfach zurücklegte, schien an dem Besuche kein sonderliches Vergnügen zu finden, denn er sah sich mit ärgerlicher Miene um, ohne auf den Gruß zu danken und vollendete schweigend das angefangene Geschäft. Der Jäger warf sich indeß, als ob er an einen solchen Empfang schon gewöhnt sei oder ihn unter Umständen vorausgesetzt hatte, in einen großen Lederstuhl und schlug behaglich die langen Beine übereinander. Ein großer Jagdhund trat langsam hinter dem Ofen hervor, leckte einen Augenblick die Hand des Angekommenen und zog sich dann ruhig wieder auf seinen Platz zurück. Nach einiger Zeit schloß der Dorfrichter das Pult und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der Augenblick schien gekommen, wo er einem längst gehegten Aerger freien Lauf geben konnte, denn er schob seine pelzverbrämte Sammtmütze auf ein Ohr, stemmte dann beide Fäuste in die Seiten, trat vor den schweigenden Neffen und rief mit wuthblitzenden Augen:

-- Weißt Du auch, Neffe, daß Du ein Taugenichts bist, dem ich eigentlich meine Thür verschließen müßte?

-- Lieber Vetter, sagte ruhig der Jäger, ohne sich zu rühren, das ist ein Fehler der Erziehung, die Sie mir gegeben.

-- Wie, _ich_ trage die Schuld? rief entrüstet der Alte. Ich habe Dir nichts gegeben, was Dich auf den betretenen Weg führen könnte; ich habe vielmehr geglaubt, daß mein ökonomisches System Dir heilsam sein würde -- jetzt sehe ich aber, daß mir dieses System theuer zu stehen kommt.

-- Hat Sie vielleicht meine Anstellung als Revierförster, die mir der Graf Rudolph gab, ehe er in den Krieg zog, ruinirt? Ich glaube nicht.

-- Du glaubst es nicht, aber ich glaube es! Wer hat die Kuh erschossen, die sich einmal an unsern Gartenzaun verirrt hatte? Wer hat dem Müller die Fenster eingeworfen, als er Dir wehrte, einen Hasen bis in seinen Garten zu verfolgen? Wer hat am letzten Sonntag in der Schenke den Musikanten die Instrumente zertrümmert, als sie nach Mitternacht nicht mehr spielen wollten, weil sie sonst in Strafe genommen werden? Du, lüderlicher Neffe. Und wer muß das Alles bezahlen? Ich, Dein unglücklicher Vetter! Aber jetzt werde ich einmal selbst Gerechtigkeit üben, denn Du weißt doch, daß ich nicht mehr Schulmeister, sondern Dorfrichter bin? Ich werde Dich hängen lassen!

Des Jägers Züge verzogen sich zu einem mitleidigen Lächeln, ruhig gab er zur Antwort:

-- Lieber Vetter, wenn Sie Sich nicht selbst in der ganzen Gegend blamiren wollen, so beobachten Sie ein tiefes Schweigen über die Jugendthorheiten Ihres Neffen, und zahlen ganz ruhig, was zu zahlen ist. Damit Sie aber sehen, daß ich es gut mit Ihnen meine -- --

-- Herr Gott im hohen Himmel, rief zornbebend Valentin und strich sich seine langen Haare hinter die Ohren -- dieser Mensch meint es noch gut mit mir! Nein, da möchte man doch den Verstand verlieren! Ich habe mindestens einen Schadenersatz von zweihundert Thalern zu zahlen, woran er Schuld ist, und nun will er es noch gut mit mir meinen.

-- Lassen Sie mich nur ausreden, lieber Vetter, und Sie werden mir Recht geben. Also zweihundert Thaler haben Sie für mich zu zahlen?

-- Ich muß sie zahlen, wenn ich mich bei dem Antritte meines neuen Amtes nicht gleich blamiren will -- Mensch, woher soll ich das Geld nehmen.

-- Nun sehen Sie einmal ihren Geiz, lächelte ruhig der Jäger. Diese Summe bringt einen Mann wie Sie nicht in Verlegenheit!

-- Mensch, mache mich nicht rasend! rief der Dorfrichter und sprang mit beiden Füßen zugleich empor, daß er mit dem Kopfe fast an die Decke stieß. Ich bin arm, arm wie eine Kirchenmaus!

-- Aber das Geld muß dennoch bezahlt werden, denn der Ortsrichter muß seinen Bauern mit einem guten Beispiele vorangehen.

-- Leider, leider, stammelte Valentin, muß es bezahlt werden!

-- Sehen Sie, lieber Vetter, ich will Ihnen helfen, Ihre Reputation retten, sagte schmeichelnd der Jäger.

-- Du mir helfen? fragte der Alte mit einem verachtenden Seitenblicke.

-- Ja ich! antwortete bestimmt der junge Mann, indem er aufstand und dem Zürnenden näher trat.

-- Da wäre ich doch neugierig.

-- Wollen Sie, daß morgen die zweihundert Thaler bezahlt sind?

-- Aus meiner Tasche?

-- Nein!

Das Gesicht des Ortsrichters nahm einen andern Ausdruck an.

-- Und woher denn, wenn ich fragen darf?

-- Das ist eben das Geheimniß, lieber Vetter, daß Ihnen beweisen soll, wie gut ich es mit Ihnen meine.

-- Nun so rede, vielleicht ist Dein Vorschlag nicht zu verwerfen, sagte Valentin, indem er seine Hände auf den Rücken legte.

Der Jäger legte seine rechte Hand auf die breite Schulter des Vetters, sah ihm einen Augenblick in das graue Auge und flüsterte geheimnißvoll:

-- Lieber Vetter, ich bin verliebt!

-- Na, das fehlte auch noch! rief ärgerlich der Richter, der sich in seiner Hoffnung getäuscht sah. Deine Liebe, fügte er höhnend hinzu, trägt keinen Heller ein.

-- Aber meine Heirath!

-- Mit wem?

-- Mit unserer Nachbarin, der hübschen Marie, deren Vormund Sie sind.

Das Gesicht des Ortsrichters nahm denselben Ausdruck wieder an, als einige Augenblicke zuvor. Des Jägers Bekenntniß schien eine neue Hoffnung in ihm erweckt zu haben.

-- Eberhard, sagte er erstaunt, das Mädchen ist schön und gut --

-- Eben deshalb will ich sie heirathen, und Sie werden meine Absicht unterstützen, weil Marie reich ist.

-- O ja, meinte Valentin in einem völlig veränderten Tone, sie besitzt ein recht artiges Vermögen. Der junge Graf Rudolph hat ihr vor einigen Jahren die einträgliche Meierei geschenkt, die sie jetzt bewirthschaftet, und außerdem noch dreitausend Thaler versprochen, wenn sie sich einmal verheirathet. Der Graf hält Wort, denn Marie ist seine Milchschwester, die er herzlich liebt, weil er keine rechten Geschwister besitzt. Der Plan ist nicht übel!

-- Und außerdem ist sie eine Waise, die allein in der Welt steht -- sie hat weder Eltern noch Geschwister, mit denen sie zu theilen hat -- nicht einmal einen Vetter, fügte Eberhard lächelnd hinzu.

-- Einen Vetter! rief rasch der Richter. Ich will nicht mit Dir theilen, ich will nur das Darlehen zurück haben, wozu mich mein lüderlicher Neffe gezwungen hat!

-- Sie sehen also, mein bester Vetter, daß ich mehr in Ihrem Interesse handle, als in dem meinigen, wenn ich das Mädchen heirathe, darum unterstützen Sie mich.

Vetter Valentin legte einen Augenblick die Hand an sein Kinn und blickte sinnend zur Erde, wobei sich seine Augen so eng zusammenzogen, daß sie nur noch zwei schwarzen Strichen glichen.

-- Höre, Eberhard, Dein Heirathsproject ist nicht übel, es hat meinen Beifall. Ich bin Dein Vetter und Mariens Vormund -- das trägt schon etwas zum Gelingen desselben bei -- ich hoffe, Du wirst dies nicht vergessen.

-- Nie, rief der Jäger und sein bleiches Gesicht belebte eine widerwärtige Freundlichkeit -- nie! Gebrauchen Sie also Ihr Ansehen als Ortsrichter und Vormund!

-- Du hast Recht, man muß das Mädchen verblüffen, antwortete Valentin und ging in großen Schritten, die Hand in die Oeffnung der schwarzen Weste gesteckt, durch das Zimmer.

-- Sagen Sie ihr, fuhr Eberhard fort, indem er neben seinem Vetter auf und abging, daß ich einst Ihr Nachfolger im Amte werden würde.

-- Mensch, rief der Alte, soll ich lügen?

-- Es kommt ja nur auf Sie an, Vetter, ob diese Lockspeise eine Lüge sei, oder nicht. Warum soll ich nicht eben so gut Ortsrichter werden können, als Sie, vorzüglich, wenn Sie mir Ihren Platz einräumen? Nun vorwärts, Marie wohnt nicht weit!

-- Was soll das heißen?

-- Daß wir auf der Stelle zu ihr gehen und um ihre Hand werben.

-- Wie, diesen Abend noch?

-- In diesem Augenblicke!

-- Die Werbung geht Dich an, Du bist der Bräutigam -- bedarfst Du der Hülfe, so bin ich immer noch da!

-- O nein, rief lebhaft der Jäger, die Angelegenheit ist eine Familiensache, und Sie sind der Vetter! Ich gehe nicht ohne Sie!

-- Nun gut, sagte Valentin nach einigem Zaudern, so gehen wir zusammen -- heute ist Sonnabend, morgen ein Sonntag -- ich erzähle die Neuigkeit in der Kirche einigen Nachbarn -- morgen Abend weiß sie das ganze Dorf.

-- Auch wenn Marie meine Hand ausschlägt? fragte Eberhard.

-- Sie wird sich wohl hüten, wenn ich dabei bin, mein lieber Neffe, denn ich bin ihr Vormund und Ortsrichter!