Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Part 3

Chapter 33,726 wordsPublic domain

-- Mein Gott, stammelte der Fischer, bei dem Namen der Gräfin steigt eine Erinnerung in mir empor -- doch nein, ich kann es nicht glauben, -- es ist nicht möglich! Ein Graf Esthi -- --

-- Steckt in der Uniform eines österreichischen Korporals, es ist die volle Wahrheit. Du weißt, ich diente als Oberst im Görgey'schen Corps --?

-- Görgey! Görgey! knirschte der Fischer und hob beide Fäuste zum Himmel empor, als ob sie ein Krampf durchzuckte.

-- Wir wurden verrathen und mußten die Waffen strecken, dann degradirte man uns zu gemeinen Soldaten und wir wurden den österreichischen Regimentern einverleibt. Seit drei Tagen hat man mich zum Korporal avancirt, weil mein Eifer im Dienst, den Du Dir bei der Bestimmung unseres Regimentes leicht erklären kannst, eine Belohnung erhalten sollte. Doch wir verplaudern die Zeit und denken nicht an das Wichtigste -- -- folge mir in das Gartenhaus, man könnte uns hier belauschen.

Nach einigen Minuten befanden sich die beiden Männer in dem Zimmer. Der Korporal zündete ein Licht an, das auf dem Tische stand.

-- Ja, bei Gott, rief Lajos, als er das Gesicht des Soldaten sehen konnte -- Sie sind es, Herr Graf! Ach, ich muß weinen, daß wir uns unter so traurigen Umständen wiedersehen!

Der Greis trocknete sich die nassen Augen. Der junge Mann schloß ihn gerührt an seine Brust.

-- Lajos, ich weiß bereits alles -- ich habe sie erkannt. O meine Thekla -- sie dient als Köchin bei dem Apotheker! Eine Gräfin Andrasy ist Magd! Furchtbares Schicksal!

-- Und doch blieb ihr weiter nichts übrig, sagte der Fischer. Unter welcher Maske sollte sie sich anders hier aufhalten? So lange die Russen die Grenze besetzt hielten, war an eine Ueberschreitung derselben nicht zu denken. Was sollten wir nun beginnen? Ich benutzte meine Bekanntschaft, die ich seit einem Jahre mir erworben und brachte meine frühere Herrin zu dem Apotheker.

-- Wie aber ist Thekla zu Dir gekommen?

-- Mein Sohn, der sie auf der Flucht begleitete, brachte sie vor drei Tagen in mein Häuschen, das dort unten am Ufer der Save steht. Ich konnte sie nicht bei mir behalten, weil die Grenzpatrouillen täglich bei meiner Wohnung vorbeipassiren. Zum Glück fand ich diesen Dienst für sie. Doch, Herr Graf, die Gefahr hat den höchsten Gipfel erreicht, wenn die junge Gräfin diesen Abend Semlin nicht verläßt, ist sie verloren.

-- Lajos, was ist's?!

-- Wie ich von einer Magistratsperson gehört, in deren Haus ich heute Mittag Fische brachte, soll diese Nacht in der ganzen Stadt Haussuchung gehalten werden, weil man wissen will, daß sich mehrere Führer der Revolution, und unter ihnen unsere arme Gräfin, hier befinden sollen. Um Mitternacht soll das Regiment unter die Waffen treten. Sehen Sie, aus diesem Grunde muß ich in die Apotheke.

-- Und hast Du einen Rettungsplan ersonnen? rief eifrig der junge Graf. O, so sage ihn mir, daß ich Dich unterstützen kann! Ich begleite meine Thekla, meine geliebte Braut, und wenn es sein muß, in den Tod!

-- Hören Sie mich an, flüsterte der Fischer. Dort liegt mein Boot. Es ist zwar nur ein Fahrzeug für die Save, das darf uns aber nicht abhalten, uns ihm anzuvertrauen, um eine halbe Stunde unter der Stadt in die Donau auszulaufen und das gegenseitige Ufer zu gewinnen. Erreichen wir es glücklich, so sind wir gerettet, denn wir befinden uns dort auf türkischem Boden, wo den Flüchtlingen eine gastfreie Aufnahme zu Theil wird.

-- Du hast Recht, Lajos, es ist besser in den Wellen zu sterben, als einen schimpflichen Tod von feilen Knechten zu erleiden.

-- So will ich gehen und die Gräfin vorbereiten.

-- Nein, bleibe. Es ist besser, Du hütest den Kahn, unser einziges Rettungsmittel; ich schreibe an Thekla und stecke ihr heimlich das Briefchen zu. Auch fürchte ich, daß Deine Anwesenheit im Hause Verdacht erregen könnte. Geh, und bewache unser Rettungswerkzeug!

Lajos kehrte an das Ufer zurück.

Auf einem Tische befand sich Schreibzeug und Papier. Der Soldat setzte sich zum Schreiben. Seine Hand zitterte, als er die Feder ergriff.

4.

Während der Apotheker sich im Gartenhause befand und der Korporal seinen Spaziergang machte und mit dem Fischer die Flucht der Gräfin Andrasy berieth, hatte die arme Kathi eine neue Ueberraschung zu erfahren, die nicht minder erschütternd auf sie einwirkte, als der Anblick des kaiserlichen Soldaten.

Niklas, des Apothekers Gehülfe, hatte mit der schönen Köchin eine Unterredung angeknüpft, um seinen Gram verschmähter Liebe etwas zu mildern. Als Einleitung dazu hatte er die Neuigkeit erzählt, daß die Regierung einen Preis von dreitausend Ducaten auf den Kopf der flüchtigen Gräfin Andrasy gesetzt habe und daß sie sich in der Umgegend oder in der Stadt selbst befinden solle.

In einer fieberhaften Aufregung und kämpfend mit der Angst vor Verrath, stieg sie um vier Uhr die Treppe hinan, um nach der Hausordnung dem Advokaten Ferenz den Kaffee auf das Zimmer zu bringen, den sie auf einem Präsentirteller in den zitternden Händen trug. Leise trat sie in das Arbeitszimmer des jungen Mannes. Ruhig blieb sie an der Thür stehen, denn Ferenz saß an seinem Arbeitstische, die Fortsetzung des Gedichtes, an welchem er, statt an den Büchern des Herrn Czabo, gearbeitet hatte, mit lauter Stimme lesend:

Da stand urplötzlich eine hohe Frau, Wie einst Johanna =d'Arc=, im Volksgewühl -- Die Menge ward begeistert, denn so schön War selbst die gottgesandte Jungfrau nicht!

-- Ein Dichter! dachte Kathi und hielt sich ganz still, denn es war das erste Mal seit langer Zeit, daß sie wieder Verse hörte, sie, die selbst als Dichterin bekannt war.

Der Advokat fuhr mit erhöhter Stimme fort, da er sich allein wähnte:

_Du_ bist die Gottgesandte, hohe Tochter Des würdigen Andrasy, denn dich schmückt Das Attribut der höchsten Majestät. Im Kampfe groß und nach dem Siege mild Bist du es, die die Thränen Armer stillt -- Du trägst mit Würde der Verbannung Schmerz, Vertrauend blickt dein Auge himmelwärts -- Vom Glorienlicht der Hoffnung mild umzogen, Stehst eine Heldin du in Sturmeswogen.

Das arme Mädchen zitterte, als sie vernommen, daß die Verse an sie gerichtet waren, ein heller Thränenstrom entstürzte ihren schönen Augen.

Und herrlich hat die Gottheit dich geweiht, Mit Stolz verbindest du Bescheidenheit -- Der Frauen höchste Schöne strahlt darin, Mein Ideal, du, meine Königin!

Mit großer Selbstzufriedenheit legte der Advokat sein Taschenbuch auf den Tisch. Da hörte er das laute Schluchzen der Jungfrau, die das überströmende Gefühl in ihrer wogenden Brust nicht mehr verschließen konnte.

Ferenz wandte sich erschreckt nach der Thür.

-- Kathi, Kathi! rief er, was ist geschehen?

-- Ach, Herr Advokat, diese Verse -- o wie schön, wie groß, eine verbannte, verfolgte Frau zu besingen!

Ferenz starrte die Köchin an -- diese Worte waren nicht in dem gewöhnlichen Dialecte der Landleute gesprochen. -- Und welche Empfindung verriethen sie! --

Die Gräfin Thekla Andrasy hatte ihre Maske vergessen. Doch schon im nächsten Augenblicke erinnerte sie sich wieder daran. Rasch trat sie zum Tische und setzte das Kaffee-Serviçe nieder, dann wollte sie sich entfernen. Doch ehe sie noch die Thür erreicht hatte, ließ sich ein Trommelwirbel in der Straße vernehmen. Thekla mußte sich an dem nahestehenden Stuhle halten, um nicht zu Boden zu sinken.

-- Diese Angst, diese Verwirrung! rief Ferenz. Wer bist Du -- Wer sind Sie? fügte er rasch hinzu.

-- Lassen Sie mich! lassen Sie mich! Ein augenblicklicher Schwindel -- er ist vorüber.

-- Allmächtiger Gott, Sie zittern vor diesem Geräusch -- Und diese Züge, die ich schon im Bilde gesehen -- Nein, nein, Sie sind nicht, was Sie scheinen -- Sie sind die Gräfin Thekla Andrasy!

Die Gräfin erhob sich wieder. Angst und Besorgniß schienen plötzlich verschwunden zu sein, denn aus ihren Augen strahlte das Feuer des Muthes, der große Geist, der Gefahren trotzt -- die Schwäche der Frau war besiegt.

-- Ja, ich bin es, sagte sie stolz. Ihre Hand, mein Herr, dem Dichter darf ich mich vertrauen -- ich bin die flüchtige Thekla, auf deren Kopf man dreitausend Ducaten gesetzt hat.

-- O mein Gott, rief Ferenz, dies ist der schönste Lohn, der je einen Dichter krönen konnte! Bauen Sie fest darauf, daß ich mit meinem Leben bereit bin, Sie den Verfolgungen Ihrer rachsüchtigen Feinde zu entziehen!

-- Wissen Sie, was der Trommelwirbel bedeutet?

-- Er ruft die Schutzmannschaft zum Appell, deren Kommandant Herr Czabo ist. Sie haben für diesen Augenblick nichts zu fürchten.

-- Und was habe ich von dem Dichter zu hoffen? fragte sie mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke.

-- Daß er mehr thun als Verse schreiben -- daß er Sie retten wird!

Auf der Hausflur des Erdgeschosses ließ sich Herrn Czabo's Stimme vernehmen, der nach seiner Köchin rief.

-- Mein Schwiegervater! flüsterte Ferenz. Tragen Sie Sorge, daß er Ihren wahren Stand nicht entdeckt, er ist zwar gut, aber schwach -- leicht könnte er eine Unbesonnenheit begehen, um sich als Kommandant zu zeigen, die Sie in's Unglück stürzt.

-- Kathi, Kathi! rief der Apotheker mit stets lauterer Stimme -- Kathi!

-- Mein Herr, sagte Thekla, daß Sie an meinem Schicksale Theil nehmen, ist ein schöner Trost, der mich an meiner Rettung nicht verzweifeln läßt. So darf ich im Augenblicke der Gefahr fest auf Ihre Hülfe zählen?

-- So wahr ich hoffe, daß der Sieg der Tyranney kein ewiger ist! Noch diesen Abend werden Sie von mir hören! Beugen Sie sich nur heute noch in das Joch der Köchin.

-- Ich eile, um keinen Verdacht zu erwecken.

Als Thekla die Hausflur betrat, war sie ganz wieder Köchin.

Herr Czabo, ein Licht in der Hand tragend -- denn es begann zu dunkeln -- kam ihr aus der Küche entgegen. Er war mit einer blauen Uniform bekleidet und mit einem mächtigen Säbel bewaffnet. Auf den Schultern erglänzten große Epauletts mit silbernen Candillen.

-- Kathi, sagte der Kommandant sich in die Brust werfend, ich verlasse auf eine Stunde das Haus, weil meine Mannschaft auf dem Sammelplatze zusammentritt -- es ist etwas Wichtiges im Werke. Wahre die Küche und besorge unserm Gaste das Abendessen. Sobald es völlig dunkel geworden, schließe die Fensterladen und bleibe ruhig in deinem Zimmer neben der Küche. Adieu, Kathi, sagte freundlich der Apotheker und gab der Köchin das Licht, wobei er die Finger ihrer niedlichen Hand drückte, als ob es absichtslos geschehen sei.

-- Ich werde alles pünktlich besorgen, Herr, sagte Kathi und verschwand durch die halbgeöffnete Küchenthür, um ihre Bewegung zu verbergen.

-- Ein reizendes, liebes Mädchen! flüsterte der Apotheker vor sich hin. Den Lohn hat sie auf ein halbes Jahr voraus erhalten -- so lange ist sie gebunden -- wer weiß, was dann geschieht!

Still lächelnd verließ er das Haus und eilte durch die halbdunkeln Straßen dem Marktplatze zu, wo sich die Schutzmänner bereits versammelt hatten.

5.

Thekla war so erschüttert von den Begebnissen dieses verhängnißvollen Tages, daß sie sich einige Augenblicke der Ruhe überlassen mußte. Sie setzte sich auf das Bett in ihrer Kammer neben der Küche und ließ das glühende Köpfchen in das weiße Kissen herabsinken.

-- Janos, Graf Esthi als Korporal in einem kaiserlichen Regimente! flüsterte sie leise. Hätten ihn meine Augen nicht gesehen, ich würde es für ein Spiel meiner aufgeregten Phantasie halten -- welch' ein Schicksal! der gräfliche Bräutigam Korporal und die gräfliche Braut die Köchin eines Apothekers in Semlin! Wahrhaftig, man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht zu ernst wäre, denn es handelt sich um Leben und Tod. Janos, rief sie aus, rette deine Braut, deine Thekla, nach deren Kopfe die Tyrannen trachten -- man will sie morden, wie man das Vaterland gemordet hat!

Thekla hielt beide Hände vor das Gesicht, sie wollte den Thränenstrom ersticken, der aus ihren Augen stürzte.

Ein Knistern, als ob jemand durch die Küche schliche, ließ sich vernehmen.

Thekla fuhr empor, rasch ihre Thränen trocknend. Dann ergriff sie das Licht und trat unter lautem Herzklopfen in die Küche hinaus.

Der Schein des Lichtes fiel auf die weiße Uniform des Korporals.

-- Thekla! rief mit unterdrückter Stimme der junge Mann.

-- Janos! schluchzte das junge Mädchen.

Beide stürzten sich in die Arme und feierten durch einen innigen Kuß, den das Salz der Thränen würzte, das schmerzliche, verhängnißvolle Wiedersehen.

Der Graf gewann seine Fassung zuerst wieder, er wußte ja, welche Gefahr seiner geliebten Thekla bevorstand.

-- Kein Wort mehr, -- flüsterte er; -- nimm dieses Papier, es wird Dir alles sagen.

Er drückte dem zitternden Mädchen ein Briefchen in die Hand, dann verließ er eben so leise und vorsichtig das Haus, als er es betreten hatte.

Die junge Gräfin zog sich in die Kammer zurück. Nachdem sie noch einmal sich überzeugt, daß der Laden des Fensters geschlossen sei, öffnete sie das Papier und las:

»Jede Stunde mehrt die Gefahr. Man weiß, daß Du Dich in der Stadt verborgen hältst. Ein Zufall führte mich mit Deinem treuen Lajos zusammen, wir haben gemeinschaftlich den Plan zur Flucht berathen, die diesen Abend noch ausgeführt werden muß. Am Ufer der Save, dort, wo die kleine Baumgruppe im Garten des Apothekers steht, liegt ein Kahn zu unserer Aufnahme bereit. Wir fahren in der Finsterniß die Save hinab, um die Donau und das jenseitige Ufer derselben zu gewinnen. Es ist ein kühnes Wagniß, da Lajos nur einen kleinen Kahn zu unserer Verfügung stellen kann. Ich ziehe es aber vor, in den Wellen zu sterben, als von der Hand blutdürstiger Tyrannen. Empfängt uns das rettende Ufer nicht, so wird der Schooß der Donau unser Brautbett. Sei vorsichtig und meines Winkes gewärtig.«

Noch einmal durchflog sie die Zeilen von geliebter Hand, dann drückte sie das Blatt an ihre Lippen und flüsterte, den Blick gen Himmel gewandt:

-- Ja, mein Janos, mein geliebter Mann, entweder das rettende Ufer, oder an Deiner Seite den Tod in den Wellen der Donau!

Als ob mit diesem heroischen Entschlusse das Gemüth der jungen, unglücklichen Gräfin völlig beruhigt sei, unterzog sie sich, ohne längeres Zögern, der Hausarbeit, welche die Zeit des Tages mit sich brachte. Sie ging zunächst auf die Straße und schloß die Laden an den Fenstern des Erdgeschosses, die von außen angebracht waren.

Ein ungewöhnlich reges Treiben herrschte in der sonst, um diese Zeit, so stillen Gasse, Soldaten und Bürger gingen hin und wieder. Vor den Thüren standen Gruppen von Männern und Frauen und unterhielten sich lebhaft, ungeachtet des kühlen Herbstabends. Thekla kümmerte es nicht, die Nähe des Geliebten hatte ihr Herz mit Muth und Vertrauen erfüllt, sie ging ruhig in das Haus zurück.

Im Wohnzimmer traf sie Netti.

-- Kathi, -- sagte das junge Mädchen, -- hast Du für unsern Gast das Abendessen besorgt?

-- Nein, -- antwortete die Magd; -- ich dachte, es sei noch zu früh.

-- So besorge es. Der Vater sagte mir, es sei möglich, daß das Regiment sich versammeln müsse, da diesen Abend oder diese Nacht eine allgemeine Haussuchung in der Stadt vorgenommen werden solle, man vermuthe die Anwesenheit wichtiger, politischer Flüchtlinge.

-- Soll geschehen, -- antwortete Kathi und verließ das Zimmer.

Thekla's Herz begann wieder zu pochen, so nahe hatte sie die Gefahr nicht geglaubt. Unschlüssig, ob sie in das Gartenhaus gehen und diese Nachricht dem Grafen mittheilen sollte, oder nicht, stand sie einen Augenblick auf der Hausflur, als der Advokat Ferenz eilig von der Straße hereintrat. Vorsichtig sah er sich um, dann trat er zu Thekla heran.

-- Man scheint Sie verrathen zu haben, -- flüsterte er eifrig, -- ich komme vom Marktplatze, wo sich das Gerücht verbreitet hat, die Gräfin Andrasy halte sich in diesem Stadttheile verborgen. Wechseln Sie schnell die Kleidung, da man auf die Frauen ein besonderes Augenmerk richten wird -- meine Garderobe steht zu Ihrer Verfügung. Eilen Sie auf mein Zimmer, ich werde Netti unterhalten und ihr sagen, ich habe Sie ausgeschickt. Verlieren Sie keine Zeit, man theilt schon die Patrouillen ab.

Der Advokat gab der bestürzten Gräfin den Schlüssel zu seinem Zimmer.

-- Und dann? -- fragte sie kaum hörbar.

-- Bleiben Sie, bis ich zu Ihnen komme. Fort, fort!

Ferenz ging in das Zimmer zu Netti.

Mit dem Vorsatze, sobald die Umkleidung geschehen, in das Gartenhaus zu eilen, flog Thekla, deren Muth wieder erwacht war, die Treppe hinan und betrat das Zimmer des jungen Advokaten. Da ihr die Einrichtung desselben bekannt war, zündete sie ein Licht an, das auf einem Seitentischchen stand. Nach einer Minute hatte sie auch den Schrank, der die Kleider aufbewahrte, gefunden. Dann verschloß sie die Thür.

Während dieser Zeit erschien der Korporal auf der Hausflur. Vorsichtig schlich er zur Küche. Ein Lämpchen brannte auf dem Heerde, die Köchin war nicht zu erblicken. Der junge Mann sah in die Kammer -- auch diese war leer.

-- Mein Gott, -- flüsterte er, -- was bedeutet das? Wir dürfen nicht länger zögern -- wo mag sie sein? Kathi, -- rief er leise, -- Kathi!

Alles blieb still.

Janos trat auf die Hausflur zurück und lauschte, -- nichts regte sich. Plötzlich hörte er in dem Wohnzimmer sprechen. Ohne sich länger zu besinnen, klopfte er an die Thür, öffnete und trat ein.

Der Advokat und seine Braut waren die einzigen Personen im Zimmer.

-- Auch hier nicht! -- dachte er, und seine Besorgniß vermehrte sich.

Ferenz erschrack, als er den mit einem Säbel bewaffneten Korporal erblickte.

-- Was wollen Sie? -- fragte er, seine Fassung zusammennehmend.

Janos hatte bald einen Vorwand gefunden.

-- Verzeihung, -- antwortete er im Tone des Soldaten, -- wenn ich störe. Ich suche überall die Köchin und kann sie nirgends finden. -- --

-- Was wollen Sie von unserer Köchin? -- fragte rasch der Advokat und sein Gesicht verrieth den Eindruck, den die Worte des Korporals hervorgebracht.

Dem Soldaten entging die Bewegung des Fragenden nicht; er sah ihn einen Augenblick prüfend an. Er unterdrückte jedoch seine Befürchtung und sagte mit einem erzwungenen Lächeln:

-- An wen soll sich anders ein Soldat, der bei einem Bürger im Quartier liegt, wenden, wenn er Hunger hat?

-- Ah, Sie liegen hier im Quartier -- das wußte ich nicht!

-- Schon vor einiger Zeit, -- sagte Netti, -- habe ich ihr Auftrag ertheilt, unserm Gaste das Abendessen zu bereiten, ich begreife nicht, warum es nicht schon geschehen.

-- Verzeihung, Netti, ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich Kathi zu einem meiner Kollegen geschickt habe, um mir ein Aktenstück holen zu lassen.

-- In diesem Falle werde ich selbst die Vorbereitung treffen, -- sagte das junge Mädchen und verließ das Zimmer.

-- Sie sind Korporal in kaiserlichen Diensten? -- fragte Ferenz, der durch ein gleichgültiges Gespräch den Soldaten auszuforschen suchen wollte.

-- Wie Sie sehen, -- antwortete der Graf, der wie auf Kohlen stand.

-- Ein schöner, aber ein gefährlicher Stand.

-- Ich läugne es nicht; aber die Gefahr, mein Herr, macht ihn zu dem, was er ist. Nur im Kriege lebt der Soldat, im Frieden ist er nur eine todte Puppe. Jetzt habe ich Ihnen gesagt, was _ich_ bin, darf ich nun auch wissen -- --?

-- Wer _ich_ bin? Ich bin Advokat und heiße Ferenz.

Der Soldat schien von dieser Antwort überrascht zu sein, er sah mit großen Augen den Advokaten an.

-- Ferenz ist Ihr Name? -- fragte er endlich.

-- Ja. Wundert Sie das?

-- Stehen Sie mit Pesth in Correspondenz?

-- Ja.

-- Und wer ist Ihr Correspondent, wenn ich fragen darf?

-- Der Graf Janos Esthi, dessen Gut, das eine Stunde von Semlin entfernt liegt, ich verwaltet habe.

-- Und Sie verwalten es aus dem Grunde nicht mehr, -- fuhr sardonisch lächelnd der Korporal fort, weil es die Krone Oesterreichs an sich genommen hat, um den jungen Grafen für die Dienste zu belohnen, die er in der Armee des treuen, braven Görgey seinem Vaterlande geleistet?

-- Ganz recht.

-- Ihr letzter Brief, den Sie ihm nach Komorn sandten, enthielt eine Beileidsbezeigung für den Grafen und die Aufforderung, sich nach Semlin zu wenden, im Fall er gezwungen wäre, flüchtig zu werden -- den Brief brachte ein Expresser.

-- Mein Gott, -- rief der Advokat erstaunt, -- woher wissen Sie das Alles?

-- Weil der Graf mein Freund war.

-- So können Sie mir auch wohl sagen, warum der Graf meiner Aufforderung nicht nachkam, da er doch meinen Eifer, ihm zu dienen, kannte?

-- Er kannte auch aus Ihren Briefen, zwar nicht Ihre Person, mein Herr, aber Ihren Patriotismus, Ihren ehrenwerthen Charakter -- und wenn er sich nicht zu Ihnen wendete, als der Freiheitskampf zu Ende war, so geschah es deshalb, weil man ihn zwang, die Uniform eines Korporals vom zwanzigsten kaiserlichen Infanterie-Regimente zu tragen.

-- O Himmel, diese Sprache, dieser Anstand -- --

-- Gehört dem Korporal Janos Grafen Esthi!

-- Welch' ein fürchterliches Geschick führt Sie in unsere Stadt! Herr Graf, die Uebertragung der Verwaltung Ihres bedeutenden Gutes gab meiner Subsistenz den ersten Stützpunkt. --

-- Sie wurden mir durch den jetzt verstorbenen =Dr.= S. als einen zuverlässigen, tüchtigen Sachwalter empfohlen. --

-- Ich mußte mich dankbar bezeigen -- erinnern Sie sich des Schlußsatzes meines Briefes?

Der Soldat zog ein Taschenbuch aus der Brusttasche seiner Uniform und holte einen erbrochenen Brief daraus hervor, den er entfaltete.

-- Ja, das ist mein Brief! rief freudig der Advokat.

-- Sie sprechen darin von einer Eröffnung, die sie nur mündlich mir zu machen vermöchten, sagte der Graf, die Augen auf das Papier geheftet -- ich bin bereit, sie zu hören, doch fassen Sie sich kurz, meine Zeit ist abgemessen.

-- Ich habe Ihnen ein Kapital von hunderttausend Gulden gerettet, das zur Empfangnahme bereit liegt.

-- Herr Ferenz, rief Janos, was sagen Sie?

-- Die Wahrheit. Ich ahnte nach der unglücklichen Schlacht den Verlauf der Dinge, und da sich mir gerade eine günstige Gelegenheit bot, veräußerte ich vor der Confiscation des Gutes die Aecker und Wiesen jenseits der Save, sowie alles Mobile, was zu demselben gehörte. Der gerichtlich bestätigte Kauf gestattete keinen Widerruf -- Herr Graf, nehmen Sie Ihr gerettetes Vermögen in Empfang!

Schweigend umarmten sich die beiden Männer.

-- Freund, rief bewegt der Graf, Sie haben mir einen Dienst erwiesen, der mich so glücklich macht, daß ich ihn Ihnen nie vergelten kann! Als ersten Dank zolle ich Ihnen mein unbedingtes Vertrauen. Man verfolgt die Gräfin Andrasy, meine Braut.

-- Thekla, Ihre Braut? Herr Graf, noch ist sie geborgen!

-- Wie, Sie kennen Ihren Aufenthalt?

-- Noch mehr: in diesem Augenblicke trifft sie die erste Vorbereitung zu ihrer Rettung, darum ist sie abwesend.

-- Ich suchte sie in der Küche.

-- Sie ist auf meinem Zimmer, um meine Kleider anzulegen.

-- Sie unterstützen meinen Plan -- am Ufer der Save im Garten liegt ein Kahn --

Die Schritte einer Patrouille ließen sich in der Straße vernehmen.

-- Großer Gott! rief Ferenz. Gehen Sie an das Ufer, ich folge im Augenblicke mit der Gräfin.

-- Edler Mann, der Himmel lohne Ihnen!

Der Soldat verließ eilig das Zimmer und stürzte in den Garten hinaus. Als Ferenz auf die Hausflur trat, hörte er, daß die Patrouille im Nachbarhause Nachsuchung hielt. Wie ein Pfeil flog er die Treppe hinan und klopfte leise an die Thür seines Zimmers.

-- Ich bin es, Ferenz, flüsterte er dabei.

Die Thür ward von innen geöffnet und die Gräfin, als Mann gekleidet, erschien an der Schwelle. Das schöne Haar hatte sie unter einer Mütze verborgen, welche Ferenz auf seinen Reisen zu tragen pflegte.

Vorsichtig schloß er die Thür wieder. Thekla stand zitternd in der Mitte des Zimmers.

-- Nehmen Sie meinen Mantel, flüsterte er, er hängt im Nebenzimmer dort, Sie werden seiner bedürfen.

Die Gräfin schwankte in das bezeichnete Zimmer, die Hast des jungen Advokaten ließ sie die höchste Gefahr ahnen. Ferenz erschloß rasch einen Secretair und holte einen großen, schweren Lederbeutel daraus hervor.

-- Wo ist der Korporal, der das Gartenhaus bewohnt? fragte die zurückkehrende Gräfin.

-- Er erwartet Sie am Ufer der Save.

-- Sie haben mit ihm gesprochen und wissen, wer er ist?