Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.
Part 2
Die Köchin des Apothekers war auch in der That von einer auffallenden Schönheit. Sie trug einen kurzen rothen Friesrock mit schwarzem Bande besetzt, ein hellgraues wollenes Mieder mit kleinen runden Zinnknöpfen und ein kleines blaues Tuch, das den schlanken runden Nacken und den üppigen Busen nicht völlig bedecken konnte. Das starke, glänzend schwarze Haar vermochte die braune Mütze kaum zu fesseln, es fiel aufgelös't an beiden Schläfen herab und bedeckte wie ein spielender Schatten die Theile des schneeweißen Busens und der glänzenden Schultern, die das Tuch nicht zu verhüllen vermochte. Das feine, blühende Gesicht, etwas von Ruß geschwärzt, erglühte hochroth von der Hitze des Feuers, das die zwar schwarzen, aber wohlgeformten kleinen Hände zu unterhalten suchten. Die kurzen Aermeln des Mieders lagen so fest um den vollen runden Arm, daß sie bei jeder Bewegung zu zersprengen drohten. Weiße Strümpfe und schwarze Schuhe bekleideten ein Paar Füße, die an Zierlichkeit und Elasticität denen einer Tänzerin zu vergleichen waren. Kurz, die ganze Gestalt der Köchin war von der Natur mit einer Ueppigkeit ausgestattet, daß man sich über Herrn Czabo nicht wundern konnte, wenn er seinen angebrannten Braten darüber vergaß.
Kathi war eine zweite Aschenbrödel, die unter dem rußigen Küchengewande eine seltene Schönheit verbarg. Und was den Reiz noch erhöhte war der Umstand, daß Kathi sich ihrer körperlichen Vorzüge kaum bewußt zu sein schien.
-- Kathi, begann der Apotheker, indem er auf seiner Dose trommelte -- weißt Du, daß heute ein wichtiger Tag für mich ist?
-- Nein, Herr Czabo! antwortete im Dialect der Landleute die Angeredete, ohne sich in ihrer Beschäftigung unterbrechen zu lassen.
-- Es hat sich seit einigen Tagen eine Schutzmannschaft in unserer Stadt gebildet, um den flüchtigen Rebellen entgegenzutreten, die jetzt häufig Semlin passiren, die nahe türkische Grenze zu erreichen. Mich hat man zum Kommandanten für dieses Stadtviertel ernannt.
Kathi sah mit ihren großen, seelenvollen Augen den Apotheker an, wie es schien erschreckt.
-- Wundert Dich das? fragte Herr Czabo.
-- Nein.
-- Und doch scheint es so?
-- Ich freue mich, daß der junge Kaiser in Semlin so treue Unterthanen hat.
-- Wahrhaftig? So sind wir von gleicher politischen Farbe. Gefällt es Dir in meinem Hause?
-- Gewiß, Herr Czabo. Sie sind sehr freundlich und Ihre Tochter ist die Güte selbst. Was kann eine arme Dienstmagd von ihrer Herrschaft mehr verlangen?
-- Eine arme Dienstmagd? Ich meine, Du besitzest genug, um nicht für arm zu gelten.
-- Ich bin so arm, lieber Herr, daß ich es kaum zu sagen vermag.
Der Apotheker trat dem jungen Mädchen näher und faßte sie scharf, aber freundlich in's Auge.
Kathi wich betroffen einen Schritt zurück und wandte sich rasch zu den Töpfen auf dem Heerde.
-- Fürchtest Du Dich vor mir, Kathi?
-- Der Braten, Herr -- --
Kathi bückte sich, um ein Stück Holz aufzuheben. Das Tuch verschob sich durch diese Bewegung und Herr Czabo sah die nackte, schöne Schulter der Köchin.
-- Kathi!
-- Herr Czabo!
-- Sieh' mich an, ich meine es gut mit Dir.
Bei diesen Worten ergriff er den Arm des jungen Mädchens, so daß es ihn ansehen mußte. Des Apothekers Gesicht schwamm in einem Meere von Freundlichkeit.
-- Kathi, sei offen -- was fehlt Dir? Aengstigt Dich etwas?
-- O nein.
-- Und doch glaube ich es zu errathen.
-- Sie, Herr Czabo?
-- Dein Vetter Lajos ist ein alter Bekannter -- --
-- Lajos -- war er bei Ihnen?
-- Ich meine nur, er kann es mir sagen.
-- Das glaube ich nicht, sagte Kathi mit einem schmerzlichen Lächeln.
-- Und wenn er es mir schon so halb und halb gesagt hätte?
Aus Kathi's Augen blitzte ein seltsamer Strahl und ihr Kopf hob sich hoch empor.
-- Lajos, rief sie, unmöglich!
Herr Czabo wunderte sich einen Augenblick über den Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden.
-- Ei, mein Kind, sagte er mit einem feinen Lächeln, fürchtest Du, daß Dein Geheimniß verrathen werde?
Der Köchin Gesicht nahm den vorigen Ausdruck wieder an.
-- Herr, ich habe keine Geheimnisse.
-- Du liebst -- nicht wahr? Unglücklich?
-- Sie haben Recht, Herr Czabo, sagte Kathi lächelnd, indem sie zu ihren kleinen Füßen hinabsah.
-- Und wer ist denn dieser glückliche Mann?
-- Das kann ich nicht sagen.
-- Ist er jung?
-- Sehr jung.
-- Reich?
-- Sehr reich.
-- Soldat?
-- Von hohem Range.
-- Ah, ich verstehe! rief Herr Czabo. Er diente wohl im Heere der Rebellen und ist jetzt flüchtig oder gar erschossen oder erhängt? Mein Kind, mit einem Rebellen mußt Du es nicht halten, diese Leute haben alle keinen guten Charakter.
-- Sie irren, Herr Czabo, er ist kein Rebell.
-- Nun, so sage es endlich, wer ist es?
-- Unser junger Kaiser!
-- Mädchen, rief erstaunt der Apotheker, bist Du toll? Doch es freut mich, daß Du nicht zu den sinnverwirrten Frauenzimmern gehörst, die sich an Rebellen und schlechte Mannsbilder hangen. Du bist ein loyales Mädchen und sollst so lange in meinem Hause bleiben, als es Dir gefällt.
-- Ich danke, Herr Czabo!
-- Hier nimm, fügte er hinzu, indem er eine Börse mit Geld aus seiner Tasche zog -- es ist Dein halbjähriger Lohn im Voraus -- kaufe Dir Kleider, oder was Du sonst gebrauchst, ich habe es gern, wenn meine Domestiken hübsch gekleidet gehen.
Ohne sich länger zu besinnen, ergriff Kathi die Börse.
In diesem Augenblicke ertönte ein Marsch von Trommeln durch die Straße. Als ob der kriegerische Schall sie wie ein Blitzstrahl berührt hätte, ließ Kathi die kaum empfangene Börse mit einem leisen Schrei des Schreckens zu Boden fallen, wobei sich ihre Blicke starr auf das Fenster hefteten, das nach der Straße hinaus ging.
Der Apotheker war selbst auf einen Augenblick verblüfft, er schob seine Brille vor die Stirn und starrte ebenfalls nach dem Fenster.
Ein Regiment österreichischer Infanterie in weißen Uniformen, blauen Hosen und großen Bärenmützen marschirte an dem Hause des Apothekers vorüber.
-- Kaiserliche Soldaten! rief Herr Czabo, öffnete ein Fenster und sah mit großem Interesse dem kriegerischen Schauspiele zu. Jeder Andere würde sich über die hinkenden Teufel geärgert oder sie bemitleidet haben -- Herr Czabo aber rief entzückt aus:
-- Wie herrlich! Da kommen die Helden, die das Land erhalten! Ihr edeln Krieger, die Ihr muthig Euer Blut verspritzt für die gerechte Sache, für das milde, gerechte angestammte Kaiserhaus, für Ruhe und Ordnung im Lande -- seid willkommen! Es lebe der Kaiser! Der Vater des Vaterlandes! Der hoffnungsvolle Jüngling!
Und rechts und links in der Straße fanden des Apothekers Ausrufungen ein lebhaftes Echo, man sah selbst weiße Tücher aus den Fenstern flattern, geschwungen von alten Weibern mit Hornbrillen auf den zusammengeschrumpften Nasen und Hunde oder Katzen zärtlich an ihre Brust drückend.
-- Gott sei Dank, rief der Apotheker, daß wir endlich wieder Soldaten in unsern Mauern haben, nun kann man sich doch ruhig zu Bett legen und ruhig wieder aufstehen. Es lebe der Kaiser!
Kathi schien die Begeisterung ihres Herrn für das angestammte Kaiserhaus nicht zu theilen, der Anblick der Soldaten schien einen tiefen Eindruck auf sie ausgeübt zu haben.
Unbeweglich stand sie an der Seite des Fensters und sah mit schmerzlichen Blicken die weißen Krieger vorüberziehen.
Die Straße war nicht breit, so daß die äußern Rotten des Regimentes dicht an den Häusern marschirten.
Ein junger Mann mit gebräuntem Gesichte und einem großen vollen Barte sah das hübsche Mädchengesicht -- rasch trat er einen Schritt seitwärts aus dem Gliede, streckte die Hand aus und trommelte eine Secunde mit den Fingern an der Stelle der Fensterscheibe, wo sich Kathi's Gesicht zeigte.
Mit einem unterdrückten Schrei der höchsten Ueberraschung oder des Schreckens fuhr die Köchin zurück und verbarg sich hinter der Wand.
In demselben Augenblicke mußte der junge Soldat seinen Scherz büßen: ein Korporal hob seinen langen Stock und führte einige derbe Schläge auf die Beine des Kriegers, der für seinen Kaiser in die Schlacht zog, um ihm den Thron zu erhalten.
Diese Aufrechterhaltung strenger Mannszucht sahen die beiden Personen in der Küche nicht mehr, nur die Hunde und alten Weiber in den Fenstern der Häuser hatten Gelegenheit, sich darüber zu wundern.
-- Kathi, rief Herr Czabo, Du zitterst ja am ganzen Körper!
-- Es ist nichts, Herr, der übermüthige Soldat hat mich ein wenig erschreckt.
Der Apotheker trat mitleidig zu seiner Köchin und streichelte ihr sanft die Wangen. Fast wäre er in laute Bewunderung ausgebrochen über die Zartheit der weichen Haut, das hatte er nicht erwartet.
-- Sei nur ruhig, sagte er fast stammelnd, ich bin ja Kommandant dieses Stadtviertels, es soll Dir niemand etwas zu Leide thun. Und wenn ich meine Sorge für Dich etwas mehr ausdehne, als ich sonst für meine Mägde gethan, so bedenke, daß ich Wittwer bin und niemandem Rechnung von meinen Handlungen schulde. Hörst Du, Kathi, vergiß nicht, daß ich Wittwer bin!
Noch einen freundlichen Blick warf er auf die erschreckte und erstaunte Magd, dann verließ er die Küche.
Nach einer Viertelstunde hatte Netti mit Kathi's Hülfe die Speisen aufgetragen und Herr Czabo setzte sich mit seiner kleinen Familie zu Tische.
Kathi saß in der Küche auf einer Bank und hielt sinnend ihren Kopf in der Hand.
3.
Es war drei Uhr Nachmittags.
Ferenz war in seinem Zimmer mit dem Ordnen der Rechnungsbücher beschäftigt und Herr Czabo befand sich in dem Verkaufslocale, weil um diese Zeit Niklas, der Apothekergehülfe, die Geschäfte in dem Laboratorium besorgte.
Netti saß in dem Wohnzimmer und arbeitete an einer Stickerei, wobei sie dann und wann einen Blick in die Straße warf, in welcher Soldaten mit Zetteln in der Hand auf und abgingen, ihre Quartiere zu suchen.
Plötzlich ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen. Das junge Mädchen mochte es nicht gehört haben, denn sie sah nur dann erst von ihrer Arbeit auf, als die Thür sich öffnete und ein langer, magerer Mann eintrat.
Man denke sich eine ungewöhnlich lange Gestalt mit bleichem Gesicht, dessen Backenknochen hoch emporragen, mit einer fast durchsichtigen großen Adlernase, großen grauen Augen, hellblondem Haare, mit breiten, langen Händen und Füßen, einem linkischen Benehmen, wie es Leuten von dieser Körperbildung eigen zu sein pflegt -- angethan mit abgetragenen bürgerlichen Kleidern, die nicht mehr passen, und einer grünen wollenen Schürze, so hat man ungefähr ein Bild von dem Gehülfen des Herrn Czabo, der zu Netti in das Zimmer trat.
Unter verlegenem Lächeln stammelte der Eingetretene einige unverständliche Worte, die, wie es schien, einen Gruß bedeuten sollten.
Netti kannte die zarten Gefühle des langen Niklas und bedauerte ihn von Herzen -- deshalb sah sie ihn freundlich an und fragte in einem sanften, fast bewegten Tone:
-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?
Die freundlichen Worte des jungen Mädchens hatten dem Schüchternen Muth eingeflößt.
-- Was ich meine? fragte er laut.
-- Nun ja!
-- Soll ich es Ihnen offen bekennen, liebe Netti?
-- Ich bitte darum, wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden.
Als ob die Verzweiflung seinen Muth noch erhöhte, holte er tief Athem und sagte in einem weinerlichen Tone:
-- Ich meine, daß ich nicht mehr weiß, was ich meine, noch was ich thue. Ich dachte so eben über Pferde-Arznei-Kunde nach, denn ich stand im Begriffe, acht Gran Brechpulver anstatt vier in ein Paket zu thun. Ich zittere, wenn ich an die Wirkung denke! So kann das nicht mehr gehen, liebe Mamsell Netti, ich muß Abschied von Ihnen nehmen!
Niklas ließ den Kopf sinken und trocknete sich mit der grünen Schürze die Stirn, als ob ihm dieses Geständniß blutsauer geworden wäre.
-- Himmel, rief Netti erschreckt, was fällt Ihnen ein? Sie wollen unser Haus verlassen?
-- Glauben Sie denn, daß ein Apotheker kein Herz im Leibe hat? Im Gegentheil, dieses Organ des menschlichen Körpers ist bei ihm sehr gefühlvoll -- dies ist wenigstens die Meinung Ihres Herrn Vaters, denn er erlaubte mir, sanfte Gefühle zu hegen, die, die -- --
Niklas konnte keine Worte mehr finden, er ergriff abermals seine Schürze und trocknete sich die schweißtriefende Stirn.
-- Mein Gott, was ist Ihnen denn? fragte Netti theilnehmend. Sind Sie krank?
-- O nein, ich stampfte vorhin Senf in dem Laboratorium und dieses beißende Gewürz ist mir in die Nase gefahren -- das ist alles, nun ist es schon vorbei.
-- Das freut mich, lieber Herr Niklas.
-- Darf ich fortfahren, Mamsell Netti?
-- Ich bitte darum!
-- Vor einer Stunde sprach ich einen Korporal von den kaiserlichen Soldaten, welche diesen Vormittag hier eingerückt sind.
-- Nun? fragte Netti, die ihre Arbeit wieder ergriffen hatte.
-- Der Korporal suchte Rekruten!
-- In unserer Stadt?
-- Ja! Korporal, sagte ich zu ihm, ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich nicht mehr kenne -- Korporal, wollen Sie mich?
Netti blickte von ihrem Stickrahmen auf und sah den Apothekergehülfen verwundert an. Dieser schien mit großer Spannung eine Antwort zu erwarten.
Eine Pause von einigen Secunden trat ein. Netti antwortete nicht.
-- Herr Korporal, rief Niklas verzweiflungsvoll, ich will Soldat werden!
Netti schwieg immer noch.
-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort, ich will mich morden, das heißt, mit in die Schlacht ziehen, denn das ist eben so gut wie ein Selbstmord!
-- Herr Niklas, rief Netti ängstlich, Sie wollen Soldat werden -- was fällt Ihnen ein?
-- Netti, rief der lange Mann, indem er seine Arme ausstreckte, Sie wollen mich zurückhalten?
-- Das nun eben nicht, indeß -- --
-- Sie hält mich nicht zurück, flüsterte Niklas vor sich hin -- das hätte ich nicht erwartet! Leben Sie wohl, Mamsell Netti, der Korporal hat mir sein Wort gegeben, ich bin angeworben!
Mit Thränen in den Augen verließ der verliebte und verzweifelnde Niklas das Zimmer. Noch hatte sich Netti von dem Schrecken über diese Scene nicht erholt, als sich plötzlich die Thür wieder öffnete und der Apothekergehülfe mit einem Korporal in weißer Uniform eintrat.
-- Kommen Sie, Herr Korporal, rief er mit glühenden Augen, hier ist die Tochter des Hauses, wenden Sie sich an diese!
Ein junger, schön gewachsener Soldat mit einem vollen braunen Barte und feurigen schwarzen Augen stand vor der erstaunten Netti und hielt ein Quartierbillet in seiner Hand.
-- Heil und Ehre den Schönen! sagte er mit einer wohlklingenden Stimme, indem er militairisch grüßte. Ein allerliebstes Kind! flüsterte er dem langen Niklas zu.
-- Eine gefährliche Einquartierung, dachte Niklas, indem er den schönen Soldaten vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtete.
Netti hatte ihren Platz verlassen.
-- Verzeihung, mein Herr, -- darf ich wissen wen ich die Ehre habe -- --?
-- Janos Esthi, mein schönes Kind, kaiserlicher Korporal im zwanzigsten Infanterie-Regimente. Es lebe der Kaiser! Es leben die Schönen! Es lebe der Krieg!
Mit einem Anstande, der den österreichischen Korporalen in der Regel nicht eigen zu sein pflegt, ergriff Janos Esthi Netti's weiche Hand und drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf, ohne daß es das junge Mädchen zu verhindern vermochte. Nicht ein Korporal, ein Officier höhern Ranges schien sich in dem Zimmer zu befinden.
-- Herr Korporal! rief Niklas, der sich ärgerte, ihn bei Netti eingeführt zu haben.
-- Ah, mein Rekrut! Ich sehe, mein junger Freund, Sie haben einen unbedingten Beruf für das Heldenhandwerk. Liebesgram -- es ist klar! fügte er mit einem Seitenblicke auf Netti hinzu. O der kleine Gott mit der Binde vor den Augen ist der glücklichste Werber in allen Armeen der Welt!
-- Herr Korporal, was sagen Sie da?
-- Ich sage, daß Sie eine edle, kriegerische Physiognomie besitzen, daß Sie für den Ruhm geschaffen sind. Wahrhaftig, ich glaube in Ihnen den Kriegsgott zu erblicken, wie er für das Regiment angeworben wird. Nur eins ist mir unerklärlich, fügte der Korporal lächelnd hinzu.
-- Und was? fragte Niklas.
-- Daß ein so liebenswürdiger junger Mann Unglück in der Liebe haben kann. Bei Gott, man ist hier sehr difficil!
In Niklas Augen glänzte ein Hoffnungsstrahl, er hielt die Ironie des fröhlichen Korporals für Wahrheit.
-- Wahrhaftig, sagte er vorwurfsvoll, ich begreife es auch nicht!
-- Um den Schönen zu gefallen, fuhr Janos Esthi mit Galanterie fort, bedarf es nur einer Uniform und vorzüglich der meines Regimentes. Wenn man einmal darin steckt, hat man ununterbrochen Glück bei dem schönen Geschlecht.
-- Ach, Herr Korporal, so haben Sie doch die Güte und stecken Sie mich hinein! rief eifrig der lange Mann.
-- In die Uniform? Gut, verabredet und beschlossen. Ich habe Ihr Wort, alles Uebrige ist unnütz. Freuen Sie sich, junger Held, in dem Regimente der Ehemänner wären Sie vielleicht ein schlechter Soldat geworden, aber in dem meinigen werden Sie ein verführerischer Grenadier werden.
-- Ich wäre doch lieber in das andere Regiment eingetreten, flüsterte Niklas vor sich hin und stieß einen tiefen Seufzer aus.
-- Herr Niklas, sagte Netti, die ruhig in einer Fenstervertiefung gestanden und dem Gespräche der beiden Männer zugehört hatte -- gehen Sie in die Apotheke und bitten Sie meinen Vater, daß er komme.
Niklas entfernte sich. Nach einigen Minuten trat Herr Czabo ein.
-- Was wünschen Sie? fragte er grüßend den Korporal.
-- Mein Herr, war die artige Antwort, hier ist mein Einquartierungsbillet. Es lebe der Kaiser!
Der Apotheker hob sein schwarzes Käppchen mit der linken Hand empor und reichte die rechte dem Soldaten.
-- Bei diesem erhabenen Namen seien Sie mir willkommen! Ja, es lebe der Kaiser! Sie sind hier bei einem seiner wärmsten Anhänger und einem Soldaten, wie Sie -- ich habe die Ehre, Kommandant der hiesigen Schutzwehr zu sein.
-- Doppelter Grund, uns näher kennen zu lernen. Ihr Name, mein Herr?
-- Istvan Czabo, Apotheker.
-- Ein herrliches Geschäft! rief der Korporal. Nun, Herr Istvan Czabo, ist mein Quartier in Ordnung?
-- Versteht sich. Sie sollen bei mir vollkommen zufrieden sein.
-- Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, sagte der Soldat mit einer nachlässigen Verbeugung. Gleich bei dem Eintritte wird das Riechorgan durch einen angenehmen Geruch gekitzelt, ohne die angenehmen Gegenstände zu berücksichtigen, die das Auge erfreuen.
-- Ein galanter Soldat! dachte Herr Czabo.
-- Fräulein Tochter? fragte der Sohn des Mars mit einer Protectormiene, die zugleich auch den Kenner verrieth.
-- Ja, mein Herr!
Der Korporal wandte sich mit großer Unbefangenheit zu Netti.
-- Fräulein Czabo ist der Inbegriff aller Vorzüge des schönen Geschlechts. Ich mache Ihnen mein Compliment!
Die Ungezwungenheit des Gastes schien dem Apotheker nicht zu behagen, er trat rasch zu seiner Tochter und sagte in einem unwilligen Tone:
-- Herr Korporal, meine einzige Tochter Netti!
-- Bei Gott, ein schöner Name! Aber noch schöner ist das Gesicht -- --!
-- Bitte, mein Herr, fuhr Czabo rasch fort -- ich muß Ihnen bemerken, daß meine Tochter Braut ist und vielleicht in einigen Tagen schon ihre Verlobung feiert -- mit einem braven jungen Manne. Sind Sie noch im Orte, so lade ich Sie hiermit dazu ein.
-- Ich nehme die Einladung an. Wir trinken dann auf das Wohl des Kaisers.
-- Und des wackern Generals Görgey! rief der Apotheker.
-- Das Eine geht nicht ohne das Andere. Ich sehe, daß Sie -- --
-- Daß ich als Ungar eben so gut kaiserlich gesinnt bin, als Sie?
-- Dazu gehört nicht viel! lachte der Korporal vor sich hin.
-- Kathi, Kathi! rief der Apotheker durch die halbgeöffnete Thür.
-- Gleich, Herr Czabo, gleich! hörte man die Stimme der Köchin im Hause rufen.
Der Korporal war zu Netti getreten und unterhielt sich halb leise mit ihr.
Kathi, die nach Tische ihre Toilette gemacht und den Ruß aus dem Gesichte und von den Händen gewaschen hatte, trat ein. Als sie den Korporal sah, der ihr den Rücken zuwandte, schwand auf einen Augenblick die Röthe ihres Gesichts, sie behielt jedoch äußerlich ihre Fassung.
-- Kathi, befahl der Apotheker, hier ist der Schlüssel zu dem Garten und hier der zu dem Gartenhause. Arrangire sogleich das Zimmer darin und führe dann den Herrn dorthin, er wird es bewohnen.
-- Kathi, rief Netti, ich werde Dich begleiten!
Der Korporal wandte sich und sah die Köchin, die zitternd an der Thür stand.
Als ob ein jäher Schlag alle seine Glieder gelähmt, stand er wie Lot's Salzsäule in der Mitte des Zimmers und starrte mit großen Augen die bebende Magd an. Kathi's Blicke hafteten eben so starr auf dem Soldaten. Sie fuhr mit der Hand über die Augen, als ob sie eine Wolke verwischen wollte.
-- Thekla! flüsterte der Soldat.
-- Himmel, er ist's! flüsterte das junge Mädchen.
Der gegenseitige Anblick der beiden Personen hatte einen tiefen Eindruck der Freude und des Schreckens hervorgebracht, sie behaupteten indeß mit großer Anstrengung dergestalt ihre Fassung, daß Herr Czabo und Netti nichts davon bemerkten.
Kathi und Netti verließen das Zimmer, um das Gartenhaus zum Empfange des Gastes vorzubereiten.
-- Was ist Ihnen, Herr Korporal? fragte der Apotheker. -- Sie sind ja plötzlich wie umgewandelt!
-- Das bin ich, antwortete ernst der junge Mann.
-- Und der Grund?
-- Ihre liebenswürdige Tochter erinnert mich an eine Person, die meinem Herzen über alles geht.
-- Haben Sie vielleicht eine Geliebte in der Heimath zurückgelassen?
-- Sie haben Recht!
-- Nun, tröstete Herr Czabo, so beruhigen Sie sich, der Krieg ist zu Ende, Sie werden sie gewiß bald wiedersehen!
Nach einer halben Stunde berichtete Netti, daß das Gartenhaus in Ordnung sei. Herr Czabo führte seinen Gast selbst dorthin. Ein freundliches Stübchen empfing den müden Krieger, ausgestattet mit allen Bequemlichkeiten. Der Abend begann zu dämmern, als der Apotheker den Korporal verließ.
Obgleich ermüdet von dem Marsche, litt es den jungen Mann dennoch nicht in dem Zimmer. Nachdenkend verließ er das Häuschen und begann durch die Wege des Gartens zu gehen, die der Herbst bereits mit gelbem Laube bedeckt hatte. Plötzlich hörte der Spaziergänger das Rauschen eines Flusses. Er durchschritt eine kleine Baumgruppe und eine ziemlich breite Wasserfläche blinkte ihm durch die Abenddämmerung entgegen. Das Ufer war flach ohne Gesträuch und mit Rasen bewachsen. Sinnend blieb der junge Mann stehen und gab sein glühendes Gesicht dem Luftzuge preis, der schneidend über die Wasserfläche kam. Nach und nach senkte sich ein dichter Nebel auf den Fluß und das Gesträuch des jenseitigen Ufers zeigte sich in phantastischen Gestalten, bis es endlich völlig verschwand.
Schon stand der Soldat im Begriffe, in sein Zimmer zurückzukehren, als sich Ruderschläge und das Rauschen eines Kahnes, der von dem entgegengesetzten Ufer zu kommen schien, anfangs leise und dann immer stärker vernehmen ließen.
Janos zog sich in die Baumgruppe zurück, die ungefähr zehn Schritte hinter ihm lag. Noch waren nicht fünf Minuten verflossen, als ein Kahn sich der Stelle des Ufers näherte, die er so eben verlassen hatte.
Ein Mann stieg aus. Vorsichtig befestigte er das Fahrzeug und nachdem er sich noch einmal überzeugt, daß der Strom es nicht losreißen konnte, schlug er den Weg nach der Baumgruppe ein. Erschreckt blieb der Mann stehen, als er die weiße Uniform erblickte.
-- Wohin? fragte der Soldat.
-- Zu Herrn Czabo, mit dem ich Geschäfte habe, war die Antwort.
Der Mann wollte seinen Weg fortsetzen.
-- Halt! rief Janos.
-- Was wollen Sie? fragte fest der Mann.
-- Ich bin ein kaiserlicher Soldat.
-- Das sehe ich. Es lebe der Kaiser!
-- Doch wer sind Sie, der Sie in der Dunkelheit auf diesem ungewöhnlichen Wege zu meinem Wirthe wollen.
-- Ich bin der Fischer Lajos, dessen Nichte bei Herrn Czabo als Köchin dient. Dies ist mein gewöhnlicher Weg, wenn ich sie nach vollbrachtem Tagewerk besuchen will -- der Besitzer hat ihn mir gestattet.
-- Lajos, sagen Sie? rief erstaunt der junge Mann. Wenn ich nicht irre, standen Sie vor zwei Jahren im Dienste der Gräfin Thekla Andrasy?
Dem Fischer schien vor Schrecken die Sprache vergangen zu sein.
-- Und wenn es wäre? fragte er nach einer Pause.
-- Dann würde ich Dir, mein alter Lajos als einem Freunde die Hand reichen. Kennst Du meine Stimme nicht mehr?