Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen.

Part 10

Chapter 103,739 wordsPublic domain

Wie hatte sich alles rings um ihn verändert! Der kleine Teich, in welchem das Wasser des Baches gesammelt wurde, war fast ausgetrocknet, das Mühlrad stand still und das Geklapper der Mühle schwieg; nur das Klopfen seines Herzens, das mit jedem Schritte heftiger wurde, fühlte und hörte er.

Als er aus der kleinen Baumgruppe trat, sah er die Bewohner der Mühle auf einer Wiese, welche an den Teich grenzte, mit Heumachen beschäftigt. Auch Marie, einen großen Strohhut auf dem erhitzten Köpfchen, war unter ihnen. Unser Freund, fast erschreckt über diesen Anblick, trat in die Dämmerung des Gebüsches zurück und verbarg sich hinter einem Strauche, der unfern der arbeitenden Leute am Ufer des Teiches stand. Ungesehen konnte er nun die Gruppe beobachten und jedes ihrer Worte vernehmen. Neben Marien bemerkte er, nicht ohne ein bitteres Gefühl, jenen jungen Bauern wieder, dessen Gesicht er schon einmal gesehen hatte. Der Bauer arbeitete rüstig mit seinem Rechen fort und eine fast ausgelassene Fröhlichkeit sprach sich in seinen Zügen und seinen Geberden aus. Marie hingegen war nachdenkend, ruhig, fast träge führte sie ihre Arbeit aus und schien nur theilnahmlos, wohl gar mit Widerwillen auf die Scherze zu hören, die der fröhliche Bauer mit ihr trieb, so oft er mit seinem Rechen in ihre Nähe kam.

-- Flink, flink! rief die alte Müllerin; der Abend bricht schon an. Marie aber, ihren Hut tiefer in das Gesicht rückend, arbeitete nicht langsamer und nicht schneller, wie träumend bewegte sie den Rechen in dem knisternden Grase. In dem Gebüsche am Ufer des Teiches saß der junge Mann auf seiner Reisetasche und vergaß bei diesem Anblicke die Beschwerlichkeiten einer Fußreise im heißen Sommer; unverwandt waren seine Blicke auf Marien gerichtet, und nur wenn der junge Bauer sich einen Scherz mit ihr erlaubte, blickte er, vor sich selbst erröthend, einen Augenblick zur Seite.

Endlich hatten die Arbeiter die letzten Streifen zu Haufen geformt und der Glanz der Abendsonne, die wie eine große dunkelrothe Kugel durch die Waldung des am Horizonte hinlaufenden Bergrückens leuchtete, beschien nur noch matt die hochrothen Gesichter derselben.

-- Tante, begann jetzt der junge Bauer, indem er nach der einen Seite der Wiese sah -- als Lohn für unsere Arbeit wollen wir das Vesperbrod auf der Insel genießen. Nicht wahr, Marie?

-- Ja, ja! antwortete Marie leise und verlegen.

-- Das ist wohl recht schön, sprach mürrisch die alte Müllerin; wir haben diesen Abend aber noch viel zu schaffen. Die Kühe kommen heim, wir müssen noch melken und buttern. Nach der Insel geht man nur an Sonntagen.

-- Aber Tante --!

-- Auch müssen wir noch Bohnen pflücken, denn morgenfrüh giebt es mehr zu thun!

-- Die Bohnen werde ich pflücken, und das Buttern werde ich auch besorgen -- entgegnete rasch der Vetter -- aber seien Sie gut, liebe Tante, und geben Sie uns nur eine Viertelstunde, daß wir als gute Christen unser Vesperbrod ruhig verzehren können. Sehen Sie, dort liegt der Kahn, ich habe ihn heute Mittag schon vorbereitet. Der Teich enthält noch Wasser genug, um Marien und mich zu tragen.

Die Tante, oder vielmehr die Mutter, antwortete mit einem trübseligen Lächeln, mit einem Lächeln, das dem Lauscher in seinem Verstecke das Herz durchschnitt. Der Vetter verstand dieses Lächeln, fröhlich ergriff er die Hand seiner Base und zog sie dem Ufer zu. Marie fügte sich; als ob sie dem Vetter entgehen wollte, sprang sie leicht wie ein Reh in den kleinen Kahn; in der Hand hielt sie ein Stück Brod mit Käse. Der Bauer folgte ihr, stieß bei dem Hineinspringen das winzige Fahrzeug durch einen kräftigen Fußtritt vom Ufer ab, daß es rauschend nach der Mitte des Teiches fuhr, und nahm singend neben der jungen Müllerin Platz, welche ruhig ihr Vesperbrod verzehrte. Nach einigen Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht, nämlich eine kleine Insel, auf deren Moosboden eine Gruppe wilder Rosen und Akazien sich erhob. Da, wo der Kahn an das Ufer stieß, hing eine Thränenweide ihre trauernden Zweige auf den Wasserspiegel herab.

Marie stieg zuerst an das Ufer und setzte sich an dem Stamme der Thränenweide in das Moos. Den Rest ihres Brodes, von dem sie nur wenig gegessen, zerbrach sie in kleine Stücke und warf eins nach dem andern in den Teich. Nicht lange, so hatte sich eine Heerde Fische versammelt, welche sich munter nach den Bissen herumtummelten, daß der ruhige Wasserspiegel in weiten Kreisen erglänzte.

-- Nun, Marie, sprach der Vetter, als er neben ihr saß und mit Appetit zu essen begann, Du giebst den Fischen Dein Brod; hast Du keinen Hunger?

-- Nein, antwortete das Mädchen, die Hitze ist so groß, daß ich nicht essen kann. Und dabei sah sie träumend dem Spiele der Fische zu.

-- Ich werde Dir Appetit machen! rief der junge Bauer und wollte einen Kuß auf den blühenden Mund der Jungfrau drücken.

-- Vetter, zürnte das Mädchen mit drohender Geberde, noch bin ich nicht Deine Frau!

-- Aber in acht Wochen spätestens wirst Du es sein, und darum denke ich -- --

-- Höre, Vetter, wir sind jetzt allein, begann ernst das Mädchen, darum wollen wir einmal ernstlich darüber reden.

-- Rede, liebe Marie, ich bin ganz Ohr.

Der Lauscher am jenseitigen Ufer wagte nicht zu athmen; mit vorgebogenem Haupte saß er da und lauschte der Worte, die deutlich durch den stillen Abend an sein Ohr schlugen.

-- Du weißt, daß Du diesen Herbst Soldat werden mußt, sprach Marie in einem bedächtigen Tone; dringe also nicht darauf, daß unsere Hochzeit angesetzt werde. Wir wollen sie verschieben, bis Deine Dienstzeit vorüber ist.

-- Wer sagt Dir denn, antwortete lachend der Vetter, daß man mich nimmt? Ich habe hundert Thaler zu meiner Loskaufung bestimmt, und mit einer solchen Summe kann sie mir nicht fehl schlagen. Außerdem nimmt man einen verheiratheten Mann auch nicht gleich zum Soldaten. Bin ich verheirathet, habe ich einen Grund mehr, auf meine Freilassung zu dringen.

-- Aber bedenke, fuhr Marie in einem betrübten Tone fort, wenn man Dich dennoch nimmt!

-- Man wird mich nicht nehmen, mein liebes Bräutchen, sondern ich nehme Dich. Deine Mutter will es, und wir müssen gehorchen. Laß Dir kein graues Haar wachsen, Dein Mann wird kein Soldat!

Marie stand auf und bestieg schweigend den Kahn wieder. Der Vetter folgte und ruderte singend dem Ufer zu. Als beide über die Wiese der Mühle zuschritten, an deren Thür die Mutter ihrer wartete, trat der Fremde, seine Reisetasche über den Schultern, aus dem Wäldchen hervor und schritt hastig den Fußsteig entlang. Indem er an dem Baumstamme vorüberging, rollte eine Thräne über seine gebräunte Wange. Noch ehe die Nacht zur Erde niedersank, hatte er das nächste Städtchen erreicht; eine Extrapost nahm ihn auf, um ihn nach B. zu führen, wo der Vater seiner Rückkehr harrte.

3.

Julius F. war einer der wenigen jungen Männer, welche bei ziemlich bedeutendem Vermögen und in unabhängigen Verhältnissen aus reiner Liebe zu den Wissenschaften selbst auf der Universität H. zwei Jahre lang ernsten Studien obgelegen hatte. Sein fester Charakter, gepaart mit einem echt poetischen Gemüthe, trug das Wesentliche dazu bei, daß er nach vollbrachter Studienzeit mit einem nicht gewöhnlichen Schatze von Kenntnissen in seine Vaterstadt zurückkehrte, wo er einige Wintermonate hindurch dem Dienste der Musen lebte. Als der Mai mit seinen schönen Tagen in das Land kam, litt es ihn nicht länger in seinem Studirzimmer, er folgte dem Drange seines Herzens, und unternahm eine größere Fußreise durch die schönsten Gauen seines deutschen Vaterlandes. Auf dieser Reise war es, als wir den für die Schönheiten der Natur begeisterten jungen Mann in dem Eingangs beschriebenen Thale antreffen, als er die schöne Müllerin singen hörte, sie bewunderte, ihr folgte und entzückt von ihrem Anblicke um einen Strauß Veilchen bat, den sie ihm, wie wir bereits wissen, auch willig mittheilte. Mit dem Bilde des jungen Mädchens im Herzen, das seine Phantasie, jemehr sie sich mit ihm beschäftigte, nach und nach zur Göttin gestaltete, die von dem Heiligenscheine der entzückenden Natur des Thales umgeben, ihn im Wachen und im Traume beschäftigte, durchwanderte er Westphalen und kam an die romantischen Ufer des Rheins. Erstaunt betrachtete er die großartige Landschaft von felsiger Höhe herab, die Brust hob sich begeistert bei dem Rauschen der mächtigen Wogen und der Geist schweifte in das Mittelalter zurück, in dem die jetzt nur bemoos'ten Ruinen noch prächtige Schlösser waren, weit und breit den Rheingau beherrschend. Doch überall belebte die schöne Müllerin die Landschaft, er sah sie als Lorelei auf dem grauen Felsen sitzen und ihr Syrenenlied singen; er sah sie als schmuckes Burgfräulein aus dem hohen Thore der Ruine treten, oder auf dem hohen Söller lustwandeln -- wohin er blickte, stand die liebliche Dirne, und eine Sehnsucht wurde in ihm wach, die nur der kennt, der in den Fesseln der ersten Liebe schmachtete.

So wanderte er die Ufer des Rheinstromes hinauf bis zum Bodensee, er durchmaß die Thäler und bestieg die Berge der Schweiz, er sah auf dem Rigi das großartigste Naturschauspiel der Welt, den Aufgang und Untergang der Sonne: überall ward sein Geist zum Staunen, zur Bewunderung hingerissen, doch das Herz blieb theilnahmlos, es trauerte. Nur wenn Abends der Kuhreigen durch das Alpthal erklang, wenn das feierliche Geläut der Vesperglocken durch die stille Luft zitterte und der Senne am Arme einer schmucken Sennerin in seine Hütte heimkehrte, dann malte sich seine Phantasie ein Bild, an dem das Herz theilnahm, denn es konnte sich in Wehmuth und Sehnsucht ergießen.

Fast unwillkührlich kehrte er denselben Weg zurück, den er gekommen war, und ehe er es sich versah, saß er wieder auf dem Baumstamme, der an dem Fußsteige zur Mühle stand. Was dann geschah, wissen wir: er belauschte die Scene auf der kleinen Insel, erfuhr das Heirathsprojekt der alten Müllerin, und verließ mit noch schwererem Herzen das Thal seiner Träume, als er es betreten hatte.

Mit geschlossenen Augen in die Ecke seines Postwagens gelehnt, wiederholte er in Gedanken noch einmal alles, was er bei der Mühle gesehen und gehört. Es stand noch so deutlich vor seinem Gedächtnisse, daß er an der Wahrheit desselben zu zweifeln durchaus keinen Grund hatte. Der bausbackige Vetter trat jetzt wie ein zerstörender Dämon in alle seine Bilder und je fürchterlicher ihm dieser Mensch wurde, desto reizender erschien ihm Marie, desto größer ward seine Sehnsucht nach ihr. Der Gedanke, sie wird in kurzer Zeit das Weib eines andern, das Weib eines so materiellen Menschen, als dieses Vetters, fiel mit Centnerlast auf seine Brust, und wie alles, was schon halb oder ganz verloren ist, den Reiz, zu besitzen, stets verdoppelt, so gesellte sich zu der Sehnsucht auch noch Eifersucht, den qualvollen Zustand seines Herzens zu erhöhen.

-- Nein, nein, rief er halblaut aus und warf sich in die andere Ecke des Wagens, Marie liebt ihn nicht! Wie kann ein Engel sich zu einem Dämon gesellen, wie kann ein Lamm mit einem Wolfe in einer Hütte wohnen? Und Marie ist schön wie ein Engel, unschuldig wie ein Lamm! Diese zarte Blume darf nicht von rohen Händen gepflückt werden, der Schöpfer hat sie erschaffen für den, der sie versteht, der ihre Schönheit begreift und den Schatz zu würdigen weiß!

Sinnend blickte er in die prachtvolle Sommernacht hinaus, die ruhig über der schlummernden Landschaft lag. Würzige Düfte, durch die Kühle des Nebels der üppigen Saatflur entlockt, schwängerten die stille Luft, einige zackige und durchsichtige Wolken bedeckten das melancholische Licht des Mondes, der wie ein stiller Wächter am Firmamente schwebte und die fernen Gebirgsketten in phantastischen Gestalten erscheinen ließ. Es war eine Nacht, wie sie sein muß, um die süße Qual der Liebe auf den höchsten Gipfel zu steigern. Eine feierliche Ruhe lag über der ganzen Natur ausgegossen, die nur von dem eintönigen Rollen der Räder und von Zeit zu Zeit durch die rauhe Stimme des Postillons unterbrochen wurde.

-- Aber würdest _Du_ auch glücklich mit ihr werden, fragte er sich plötzlich, würde Marie, das einfache Müllermädchen, das Wesen sein, das Dich beglücken kann? O gewiß, fuhr er nach einer Pause fort, sie wird mich beglücken, denn sie ist unschuldig und schön, schön wie die Engel des Paradieses!

Aus dem ganzen Benehmen Marien's gegen den Bräutigam, den die Mutter für sie bestimmt, glaubte Julius annehmen zu können, daß sie gegen ihre Neigung in die Verbindung einwilligen würde. Suchte sie nicht den Vetter zu bewegen, noch so lange zu warten, bis seine Befreiung von dem Soldatenstande entschieden sei? Ein Mädchen, das wahrhaft liebt, sucht die Heirath mit dem Manne ihres Herzens nicht zu verschieben, es sucht sie zu beschleunigen. Und vor allen Dingen, warum war sie so traurig und nachdenkend? Warum verweigerte sie dem Bräutigam einen Kuß? Sollte sie eine andere Neigung, die sie geheim zu halten Gründe hatte, veranlaßt haben? -- Julius fühlte eine brennende Hitze sich über sein ganzes Gesicht verbreiten, als der Gedanke, aber nur ganz leise, in ihm auftauchte: wenn _Du_ die Veranlassung dazu wärst? Wenn auch bei Marien die wenig Minuten der Unterhaltung, wie bei Dir, hingereicht hätten, eine ernste Leidenschaft zu entzünden? Bildet sich nicht in einem Augenblicke der Funke, der ein großes Feuer anfacht?

Diese Reflexion erzeugte in dem jungen Manne den festen Vorsatz, noch vor Ablauf der acht Wochen, welche nach des Vetters Aussage bis zur Hochzeit verstreichen könnten, in das Thal zurückzukehren und Marien's Herz zu ergründen, denn er hielt es für Pflicht, das arme Mädchen dem Verderben zu entreißen, das ihm ein vielleicht eigennütziger Plan der Mutter bereitete.

Beruhigt setzte er seine Reise fort und langte am dritten Tage in seiner Heimath an. Doch ein neuer Schlag des Schicksals erwartete ihn an der Schwelle des väterlichen Hauses. Der Vater lag an einem schleichenden Fieber schwer krank darnieder und die Aerzte fürchteten, daß er seiner vor einigen Jahren vorangegangenen Gattin folgen würde. Trostlos warf sich Julius an dem Krankenbette des geliebten Vaters nieder und vergaß über den heftigen Schmerz die Neigung seines Herzens. Tag und Nacht widmete er dem theuern Kranken die zärtlichste Sorgfalt und Pflege, die Aerzte erschöpften ihre Kunst; doch umsonst: als die ersten Herbstnebel die Fluren deckten, stand Julius weinend an der Bahre seines Vaters.

Julius hatte sein fünfundzwanzigstes Jahr zurückgelegt, er war volljährig und konnte als einziger Sohn über das nicht unbedeutende Vermögen des Verstorbenen verfügen. Als die Wunden des Schmerzes einigermaßen verharrscht waren, ordnete er die Angelegenheiten seines Hauses; da er dies um so lieber that, als die Beschäftigung ihm Zerstreuung gewährte, hatte er in kurzer Zeit alles beendet, was ihm zu thun oblag, und sein Studirzimmer empfing ihn wieder. Doch bald tauchte auch die Erinnerung an Marien wieder auf und die sonst allmächtigen Musen vermochten sie nicht zu verbannen, selbst des Vaters Angedenken trat zurück vor dem lichtumflossenen Bilde der Fee des Thales.

-- Was hindert mich, sprach er zu sich selbst, der Neigung meines Herzens zu folgen? Warum trage ich die Schmerzen, deren Heilung in meiner Macht steht? Fort in das Thal, vielleicht ist das Geschick mir hold!

4.

Der Herbst mit seinen Stürmen hatte den Sommer vertrieben und auch er schickte sich bereits an, dem Winter das Feld zu räumen, als ein eleganter Reisewagen mit zwei Postpferden bespannt durch das Thal bei D. fuhr. Wo der Fußweg zur Mühle sich von der Hauptstraße scheidet, hielt er still und ein junger Mann, in einen blauen Mantel gehüllt, stieg aus. Nachdem er dem Postillon einige Befehle ertheilt, verfolgte er langsam den schmalen Pfad. Als er einige Minuten fortgeschritten war, konnte er durch die blätterlosen Zweige der vor ihm liegenden Baumgruppe das Dach und den Schornstein der Mühle gewahren, aus dem ein weißer Rauch in den schweren, trüben Himmel emporwirbelte. Als ob ihm eine große Angst die Brust beengte, blieb er stehen und betrachtete die Mühle, deren Rad, obgleich der Bach mit Wasser überfüllt war, still stand. Julius -- denn dieser war der Mann im Mantel -- konnte sich den Grund davon nicht erklären, wie von einer bösen Ahnung durchbebt, blickte er seufzend empor. Einzelne große Schneeflocken fielen ihm in das brennende Gesicht und ein kalter Wind, der in kurzen Zwischenräumen traurig durch die kahlen Baumwipfel seufzte, spielte mit seinem flatternden Haare. Eine bittere Melancholie bemächtigte sich seiner, zusammenschauernd warf er den Mantel fester um sich, dem Schnee und dem Todeshauche der Natur zu wehren. Dann setzte er seinen Weg fort.

Die Wiese neben der Mühle war mit Wasser überschwemmt, sie bildete eine Fläche mit dem Teiche, in welchem die kleine Insel lag. Julius mußte einige Augenblicke forschen, ehe er sie erblicken konnte, denn nur die Spitzen der Gesträuche und die kahlen, dünnen Zweige der Thränenweide ragten aus der trüben Wasserfläche empor. Der kleine Kahn, der Marien gewiegt, lag zerschellt an einem Stamme der Baumgruppe, welche den jungen Mann verborgen gehalten, als er das Gespräch auf der Insel belauschte. Die Oberfläche des Wassers war mit schwarzen abgebrochenen Zweigen und schmutzig grünem Schilf bedeckt.

-- Wie, rief Julius, überwältigt von diesem traurigen Anblicke, ist denn der Winter auch hier so schrecklich? Hält der rauhe Gast denn überall schonungslos seinen Einzug? Nirgend, setzte er seufzend hinzu, ist ein Andenken an die Rosen des Frühlings geblieben! Er hat alles zerstört!

Als er emporblickte, sah er eine weiße Wolke, die sich über der Mühle gelagert hatte -- es war der Rauch aus dem Schornsteine, den die schweren Winterwolken niederdrückten.

Während dieser Zeit war er langsam in den kleinen Hof getreten. Das Fischnetz hing wieder an derselben Stelle neben der Thür, wohin es Marie gehangen, als er sie das erstemal sah. Betreten blieb er plötzlich stehen, als sich seine Blicke auf die halbgeöffnete Hausthür richteten: der Platz vor derselben war mit weißem Sande und Blättern von Immergrün bestreut; an dem Balken über derselben hing ein großer Kranz von gelben Strohblumen und Buchsbaum. Julius zitterte, er vermochte nicht weiter zu gehen.

-- Was bedeutet das, stammelte er vor sich hin, hat der Tod oder die Freude hier Einzug gehalten?

Ein Blick nach dem kleinen Gärtchen gab ihm Antwort auf diese Frage. Marie, festlich geschmückt, mit dem Brautkranze im Haare, stand an der dürren Hecke und betrachtete sinnend die Stelle, wo sie im Frühlinge für Julius die Veilchen gepflückt hatte. Sie schien die Ankunft des Fremden nicht zu bemerken; mit der einen Hand auf den Zaun gestützt und mit der andern an einem blätterlosen Epheu spielend, stand sie da und betrachtete das erstorbene Gras, aus welchem im Frühlinge die Veilchen dufteten.

Julius war seiner Sinne nicht mächtig, als er ihr in's Angesicht blickte, die Rosen auf ihren Wangen waren verschwunden, statt ihrer deckte eine Blässe das liebliche Gesicht, die von einem herben Seelenschmerze Kunde gab. War sie unter den Rosen des Frühlings schön gewesen, so war sie in ihrem Schmerze noch tausendmal schöner. Und diese Schönheit wurde durch den grünen Myrthenkranz noch erhöht, denn er umstrahlte sie mit der Glorie der Braut, mit der Glorie, die keine Krone der Erde zu überstrahlen vermag. Ein blaues Mieder umschloß den schlanken, zarten Leib und eine kleine goldene Kette mit einem Kreuz, die vielleicht die Mutter schon am Traualtare getragen, lag auf dem Schnee ihres Halses. Ein Myrthenstrauß, worin eine weiße Monatsrose, schmückte das Mieder am Busen.

Plötzlich wandte sich die bleiche Braut, um in das Haus zurückzukehren. Ein unterdrückter Schrei entschlüpfte ihrem Munde, als sie den Fremden im Mantel erblickte. Bebend schritt dieser ihr entgegen, so daß er auf derselben Stelle stand, wo er sie zum erstenmale gesprochen.

-- Marie, stammelte Julius und Thränen traten ihm in die Augen -- Marie, ich komme zu spät!

An dem Tone der Stimme hatte ihn Marie erst erkannt, sie mußte sich an der kleinen Gartenthür halten, um nicht zu Boden zu sinken.

-- Mein Herr, sprach sie leise und eine leichte Röthe erschien auf den bleichen Wangen, heute früh wurde ich getraut --!

-- Marie, Marie! rief eine Stimme aus dem Innern der Mühle.

-- Mein Mann ruft, sprach die junge Frau, leben Sie wohl!

Zitternd nahm sie den Strauß von ihrem Busen und reichte ihn Julius; dann verschwand sie in der Thür des Hauses.

-- Zu spät! rief Julius, indem er den Strauß an seine Lippen drückte und mit einem Strome von Thränen benetzte, der über die Wangen rann. Zu spät, die rauhe Hand des Winters hat auch mein Glück zerstört!

Hastig verließ er den kleinen Hof der Mühle, schlug den Fußpfad ein und gelangte nach einigen Minuten bei dem Baumstamme an, wo sein Wagen hielt.

-- Den Weg zurück! rief der junge Mann und warf sich weinend in die Polster des Reisewagens.

Wie der Dichter ein poetisches Gebild, betrachtete Julius die Erscheinung Mariens, er liebte sie mit der ganzen Glut seines Herzens und betete zu ihr, wie zu seiner Madonna. Zwar geschieden durch eherne Verhältnisse, die das Schicksal feindlich herbeigeführt, konnte er sich ihr nicht mehr nahen; aber jener Geist, der die Welten durchkreis't, der Geist der wahren, ewigen Liebe verband ihn mit ihr.

Mariens Strauß bewahrte er in einem kostbaren Rahmen auf. Darunter standen die Worte eines alten persischen Dichters:

»Glücklich, dreimal glücklich die Menschen, welche nach einem süßen Liebestraume am eisigen Busen des Todes erwachen!«

Druck der C. H. _Voigt_'schen Offizin in Rochlitz.

In gleichem Verlage und _von dem Verfasser dieses Werks_ sind ferner erschienen:

Aug. Schrader.

Die Braut von Louisiana.

Roman.

3 Bände. 3 Thlr.

Die Ideale der Liebe.

Erste Abtheilung: Das graue Schloß.

2 Bände. 2 Thlr.

(Die 2. Abtheilung: _Die Doppelehe_ 2 Bde. wird nächstens erscheinen.)

Das Staatsgefängniß.

Roman aus der neuesten Geschichte.

4 Bände. 4 Thlr.

(Hierzu bildet die Gräfin #Thekla Andrasy# einen Epilog.)

Der Graf von Lalli-Collendal.

Roman.

2 Bände. 2 1/3 Thlr.

Druck der C. H. _Voigt'schen_ Offizin in Rochlitz.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:

Seite 7: "während hatte," geändert in "hatte, während" (ihrer Gesinnungsgenossen entzogen hatte, während ihre Güter)

Seite 14: "." eingefügt (daß sie einer gründlichen Durchsicht bedürfen.)

Seite 36: "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas" (Niklas, der Apothekergehülfe)

Seite 37: "abgetrageuen" geändert in "abgetragenen" (angethan mit abgetragenen bürgerlichen Kleidern)

Seite 37: "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas" (Netti kannte die zarten Gefühle des langen Niklas)

Seite 37: "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas" (-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?)

Seite 38: "sie" geändert in "Sie" (wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden)

Seite 38: "--" eingefügt (-- Glauben Sie denn, daß ein Apotheker)

Seite 40: "Nicklas" vereinheitlicht zu "Niklas" (-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort)

Seite 42: "sie" geändert in "Sie" (daß Sie für den Ruhm geschaffen sind)

Seite 46: "Görgei" geändert in "Görgey" (Und des wackern Generals Görgey!)

Seite 56: "angeküpft" geändert in "angeknüpft" (hatte mit der schönen Köchin eine Unterredung angeknüpft)

Seite 60: "sie" geändert in "Sie" (daß er Sie retten wird!)

Seite 67: "Staße" geändert in "Straße" (eilig von der Straße hereintrat)

Seite 72: "Vattrlande" geändert in "Vaterlande" (in der Armee des treuen, braven Görgey seinem Vaterlande geleistet)

Seite 76: "nieder" geändert in "wieder" (Vorsichtig schloß er die Thür wieder.)

Seite 79: "fürchliche" geändert in "fürchterliche" (wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht)

Seite 79: "," eingefügt (welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker)

Seite 89: "--" eingefügt (-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad)