Part 4
DIE ERFORSCHUNG DER LUFT. Alle wurden durch den Befehl des Königs verwundert, einen geräumigen Käfig anzufertigen, und gleicherart ein gläsernes Gefäß in Form eines Eies, sieben Paar kräftige Gebirgsadler zu fangen und ein keusches Mädchen zu finden, das noch keinen Mann gekannt. Als alles erfüllt war, rief der König das Volk zusammen auf ein freies Feld hinter der Stadt, und auf eine Anhöhe sich stellend, sagte er: »Ich habe Europa und Asien besiegt, das alte Ägypten und das wunderbare Indien, den Süden, Osten, Westen und Norden; ich habe große Könige niedergeworfen; ich zog über die ganze Erde von Ende zu Ende; ich war im Reich der Finsternis und sah die Stätte der Seligen. Jetzt werde ich die Elemente besiegen, die leichte Luft und das fließende Nasse, ich bin Alexander, der Sohn des lybischen Gottes!« Alexanders Gesicht war bleich, aber seine Stimme klang fest und hell über das weiße Feld. Darauf hieß er an den Käfig die Adler binden und davor Fleischstücke zu legen. Selbst nahm er zwei Lanzen, deren Länge die Fesseln der Vögel übertraf, und nachdem er auf die Spitzen die blutigen Stücke gesteckt, hob er sie mit beiden Händen in die Höhe; die Adler stürzten ihnen nach, ohne sie zu erreichen, und der Käfig mit dem Könige darin begann, sich bewegend, aufzusteigen vor den Augen des staunenden Volks. Immer kleiner und kleiner wurde der Käfig, sodaß die vorbeifliegenden Schwalben größer als er zu sein schienen, und endlich verschwand er. Alexander flog immer höher und höher, und der Wind pfiff in seinen Locken. Die Erde wurde immer kleiner, bis sie, umgeben vom Bande des Ozeans, der Scheibe eines dunklen Granatapfels auf einer Schüssel reinen Wassers gleich wurde. Tag und Nacht strebte der König in die Höhe, an den Sternen und Planeten vorbei. Die Sterne waren kristallene buntfarbige Gefäße an goldenen Ketten, und jeder Engel entzündete und verlöschte eine Flamme der Nacht. Die Planeten aber waren durchsichtige Räder, die in ihren Spuren von dutzenden von Engeln gewälzt wurden. Stimmen riefen dem Winde entgegen: »Kehre um, kehre um!« Endlich erblickte Alexander aus der Ferne die Sonne. Ein Rad von Hyazinth, dessen Größe dreimal den Umfang der Stadt Babylon übertraf wurde in einer goldenen Spur gewälzt von Engeln mit freudigen Gesichtern und in roten Mänteln. Den Kopf zurückwerfend schrie der König in das flammende Leuchten: »Ich bin Alexander! ich bin Alexander!« und die Adler schrieen vielstimmig mit sieben Paaren offener Schnäbel. Der Schall von tausend Hörnern und tausend Donnern erklang zur Antwort: »Zurück, betörter Sterblicher, ich bin dein Gott!« Ohnmächtig ließ Alexander die Lanzen sinken und die Adler trugen ihn zur Erde nieder, schneller als ein wahnsinniger Komet. Als das Volk, welches auf den König wartete, rief: »Ruhm Alexandern, der die Elemente besiegt!« da antwortete der König nichts und begab sich bleich, die Menge hinter sich, an das Ufer des Meeres.
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DIE ERFORSCHUNG DES WASSERS. Dort hieß der König an Taue das gläserne Gefäß binden, und an einen dünnen Strick ein silbernes Glöckchen, und befahl, das ausfindig gemachte Mädchen herbeizuführen. Sie war klein und braun, sah sich erschreckt um und nannte sich Chadschidscha. Ihre Eltern, der Arzt und der Priester beschworen, daß sie Jungfrau. Alexander sagte zu ihr: »Halte dies Tau; solange du keusch bist, wird das Gefäß nicht vertrinken. Wenn ich schelle, ziehet die Stricke aus dem Wasser!« Und in das Ei tretend, begann er in den Strudel niederzusinken. Ein grünliches Halblicht, durch die hellen Scheiben sichtbar, umgab den König. Die Fische schossen wie Pfeile aus der Tiefe Alexander entgegen, und große Ungeheuer krochen langsam über Meerespflanzen von Ort zu Ort; der König sah zu, wie die größeren Fische die kleineren verschlangen, um selbst von den Ungeheuern vernichtet zu werden; wie Trümmer von Schiffen auf den Grund sanken, wo die Ertrunkenen fahl schimmerten, ineinander verschlungen oder Kleinodien fest umfassend, oder mit qualverzerrten Gesichtern. Mit grünen herausgequollenen Augen blickten Kraken durchs Glas auf den König, neugierig nah an das Gefäß heranschwimmend. Plötzlich stieß das Schiff des unterseeischen Schwimmers auf eine Korallengrotte, aus der eine Frau schwamm mit grünen Rohrzöpfen und Schuppengliedern. Ihr Angesicht war schrecklich und furchterregend; sie machte wehrende Gebärden mit den Händen, weit die Lippen öffnend, als ob sie etwas schrie, aber ihr Schreien drang nicht durch das gläserne Gefäß, und als der König sie verließ, und immer mehr in die dunkle Tiefe zu sinken begann, da sah er, wie das Meerweib mit ringenden Händen in der Korallengrotte verschwand. Als Alexander sich niederbeugte, erblickte er ein kleines schwarzes Wassertier, von der Art eines Krebses, das an der glatten Wand festgeklammert, emsig nagte, sodaß das Wasser bereits in dünnem Strahl nach innen strömte. Da ergriff Alexander die dünne Schnur und das Gefäß begann rasch aufzusteigen, mit dem bleichen König, der nicht mehr in die Fernen schaute, welche nun in hellem Grün aufglänzten. Als er ans Ufer gezogen wurde, stand der Mond im Zenit, und schien auf zwei Leichen: Des Mädchens Chadschidscha und eines großen Soldaten. Alexander trat heran und erfuhr, daß, als alle ermüdet vom Wachen eingeschlafen waren, das Mädchen sich dem ersten, der an sie herantrat, hingegeben hatte und das Tau des Königs aus der Hand ließ. Da hatten die, welche dem Könige nahe standen, die Verbrecher erschlagen. »Wieviel Zeit verbrachte ich auf dem Grunde?« -- Zwei Stunden, König. -- »Nicht zwei Stunden hat die Festigkeit eines einzigen keuschen Mädchens standgehalten?« sagte der König nachdenklich, und begab sich, von der Menge und von Hornklängen begleitet, in die Residenz. »Ruhm sei Alexandern, der die Elemente besiegt!« rief die Menge, die Priester schwenkten qualmende Rauchfässer dem Könige entgegen, der war bleich unter dem Monde im Zenit.
Ende des dritten Buches.
VIERTES BUCH
ERSTES KAPITEL
DIE ERRETTUNG DES KANDAULES. In Alexanders, der heimkehrte, Lager, kamen in der Nacht einige Reiter gesprengt in zerrissenen Kleidern, verstaubt und blutbedeckt. Da der König ruhte, in einen leichten und für ihn seltenen Schlummer versunken, so wurden die Angekommenen von Alexanders Würdenträger Ptolemaios empfangen. Ein Jüngling, angetan mit reicherem Kleide, erklärte, er sei Kandaules, der Sohn der ruhmreichen Königin Kandake, und daß er mit seinem Weihe auf das Fest der Mysterien des Sommers gezogen sei; unterwegs habe sie eine Horde Räuber überfallen, sein Weib geraubt, einen Teil der Diener und das Vermögen -- und ihn verwundet in der Wüste hingeworfen. Nachdem Ptolemaios dies angehört, begab er sich zu dem bereits erwachten König, welcher verabredete, daß in Gegenwart der Ankömmlinge er, Alexander, als Antigonos angesprochen werde, Ptolemaios aber als König. In der Nacht wurde der Rat versammelt beim Schein der Fackeln, die feurige Tränen verloren; wobei Alexander den vermeintlichen König überredete, Kandaules zu helfen, unverzüglich das Lager der Räuber zu überfallen und die geraubte Prinzessin zurückzuholen. Der betrübte Jüngling warf sich ihm um den Hals, rufend: »O wärest du doch nicht Antigonos sondern Alexander!« Wenig Mühe kostete es, die Räuberhorde zu schlagen und die Gefangenen zu befreien, aber dem erfreuten Kandaules erschien dies als eine sehr ungewöhnliche Tat, da die Dankbarkeit zwingt, die erwiesene Wohltat zu vergrößern. Er flehte Ptolemaios und seinen Stellvertreter Antigonos an, die wunderbare Residenz seiner Mutter Kandake zu besuchen, welche weit durch ihre Wunder berühmt war. Alexander nahm es gern an, nicht so aus Neugierde, sondern auch aus Dankbarkeit gegen die Königin, die schon früher ihm zum Geschenk Gold, Elfenbein, Ebenholz, Perlen, eine Smaragdkrone, Tierfelle, gezähmte Tiere und äthiopische Sklaven geschickt hatte. Nach zwei Tagen Reisens erblickten sie inmitten der Ebene gerade bewaldete Hügel -- das waren die hängenden Gärten der äthiopischen Königin.
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KANDAKE. Sie wurden von der Königin Kandake und ihren Söhnen empfangen, die durch Boten benachrichtigt waren. Sie war groß und stattlich, Olympias ähnlich; ihre großen Augen strahlten würdevoll und königlich; ein enges weißes Gewand hinderte ihre Schritte und machte noch sichtbarer die braune Farbe des Gesichts und der Hände. Sklavinnen trugen Fächer hinter ihr und Neger führten einen weißen Elefanten mit einer silbernen Laube auf dem Rücken. Die Königin eilte zum Sohne, aber jener trat zurück und sagte: »Küsse zuerst, Mutter, meinen Befreiern«, auf Alexander weisend. Nachdem Kandake ihn geküßt, sagte sie: »Schon längst sehnte ich mich, Dich zu erblicken, ruhmvoller König . . .« »Ich bin nicht der König, ich bin Antigonos. Alexander folgt mir,« sagte der König auf Ptolemaios in seiner prächtigen Krone weisend. Lächelnd verneigte sich die Königin vor dem Edelmanne. Nach einem feierlichen Mahle führte Kandake ihre Gäste ihnen die Stadt zu zeigen, goldene Äpfel, melonengroße Nüsse, Hähne, auf denen Krieger ritten, Panther, deren Knochen Glas schneiden, Krokodile, die mit ihrem Harn Bäume verbrannten, einäugige Menschen, Riesen und das böse Geschlecht der Viper. Das Vipernweibchen hat eine Öffnung nicht weiter als ein Nadelöhr, so daß es nur den männlichen Schoß verzehrend zu zeugen vermag. Die Jungen erblicken die Welt, den Schoß durchbeißend, als Vater- und Muttermörder vor der Geburt, erscheinen stets paarweise -- ein Bruder und eine Schwester. Drosseln, weiße, graue und schwarze Bären setzten die Griechen in Verwunderung. Nachts auf dem Feste fragte Kandake: »Wie haben euch, liebe Gäste, meine Wunder gefallen?« Alexander sagte: »Wäre all das bei den Griechen zu finden, so würden alle staunen.« Die Brauen runzelnd wandte sich die Königin an Ptolemaios: »Und du, König, was sagst du?« »Wahrlich, ich dünke mich im Lande der Wunder!« rief der betroffene Grieche. Da traten äthiopische Mädchen ein und begannen zu tanzen auf einem großen runden Spiegel, der vorher von einem Teppich zugedeckt war, und es schien, als würden sie auf einem durchsichtigen Teiche jagen und kreisen. Die Königin fragte wieder: »Und wie gefallen euch meine Tänzerinnen?« Alexander kam wieder Ptolemaios in der Antwort zuvor, indem er sagte: »Wahrlich, ich dünke mich im Lande der halbverbrannten Holzscheite! Warum verbrennt die Sonne so grausam deine Untertanen, daß sie Kohlen gleichen?« Kandake sagte nichts, aber nach dem Schluß des Festes faßte sie den König bei der Hand und ihn zu sich ins Schlafgemach führend, sagte sie: »Jetzt werde ich dir etwas zeigen, was auch dich in Verwunderung setzen wird, du Antigonos, der sich über nichts wundert!« Und reichte ihm ein Stück Leinwand, auf der in zarten Farben Alexanders Gesicht konterfeit war. Der König schwieg und die Königin fuhr fort: »Was sagst du nun, großer König? Warum bist du versteckt zu mir gekommen, so daß ich dich nicht empfangen konnte, wie es sich geziemt?« »Verzeih, Königin, den unschuldigen Betrug und verrat mich nicht!« Kandake antwortete mit leichtem Lächeln: »Ich werde dich nicht verraten, aber gehorche den Sitten meines Landes: Noch ist kein König von mir gegangen, ohne mein Gemahl geworden zu sein!« »Wie, Königin?« rief der Gast, aber das Weib wand ihre Arme um seinen Hals und küßte seine Lippen, zärtliche Worte der Leidenschaft flüsternd, und flocht die langen schwarzen Zöpfe auf, riß ihr enges weißes Kleid ab und bedrängte, nackt, den König so sehr, daß er zum Schwerte greifend, rief »Laß ab, Sinnlose, gedenkst du Alexandern zu verderben?!« Ihren braunen Leib zurückwerfend sagte die Königin unter Lachen: »Alexander! Alexander! hast gegen ein Weib das Schwert entblößt!« In diesem Augenblick tat sich die Tür mit Gepolter auf und es stürzte hinein, trunken, Ptolemaios hinter ihm der älteste Prinz Thoas, dem sein Bruder Kandaules mit langer Pike folgte. Ptolemaios stürzte sich auf Alexander und rief: »König, rette! rette! Dieser Wahnsinnige will mich töten!« Thoas hielt inne und schrie: »Da also ist er, der Mörder meines ruhmvollen Schwiegervaters Poros! Da ist der makedonische Hund!« Und stürzte sich auf den König. Indem die Pike, von Kandaules in den Rücken des Bruders gebohrt zu Tode den wütenden Thoas traf, den Mann von Poros' Tochter. Alexander schaute schweigend den Brudermord an, und die nackte Königin, die sich zu spät zwischen die Kämpfenden warf, stieß vergeblich durchdringende Schreie aus. Kaum noch lebend lag Ptolemaios, sozusagen immer weiter um Schutz flehend, vor den Füßen des Königs. Kandake nackt und barhäuptig erblickend rief Kandaules: »Mutter, was hast Du?« Alexandern seitlings anblickend, die Hände gen Himmel gehoben, rief die Königin laut: »Wahrhaftig, der König Alexander ist keusch!« Als Kandake am Morgen von den reichbeschenkten Gästen Abschied nahm, da sprach sie: »Ich scherzte, du hast es verstanden? Ich glaubte dem Gerüchte nicht, aber du bist der Liebe unzugänglich.« Alexander lächelte und antwortete:
»Auch ich dachte, daß du mich prüfest, ich scherzte ebenfalls« und rührte am Zügel des Pferdes.
ZWEITES KAPITEL
DIE AMAZONEN. König Alexander ging wieder in die Wüste und gedachte nach Babylon zu ziehen. Bald kamen sie zu einem großen Fluß, wo die kriegerischen Amazonenjungfrauen lebten. Der König, der schon längst von ihrer Tapferkeit gehört hatte, schickte Ptolemaios, sie um eine kriegerische Abteilung zu bitten und ihre Sitten zu erfahren. Nach einiger Zeit kam mit dem zurückgekehrten Ptolemaios ein Hundert hoher mannsähnlicher Frauen mit ausgebrannten rechten Brüsten, kurzen Haaren, in Männerschuhwerk und bewaffnet mit Lanzen, Pfeilen und Köchern. Sie sprachen mit rauhen, heiseren Stimmen und rochen nach Ziegenschweiß. Sie erzählten folgendes: »Wir leben, König, jenseits des Flusses. Nur Jungfrauen, regiert von der ältesten Jungfrau; wir weiden unsere Herde, bebauen die Wogen und führen Krieg allein ohne Männer; niemandem sind wir untertänig; jedes Jahr gehen wir über den Fluß zum Feste des Zeus, Hephaistos und Poseidon; die von uns Mutter werden will, bleibt hier mit dem erwählten Manne, bis sie gebiert; dann kehrt sie nach Hause zurück; in ihrer Freiheit steht es, des Mannes zu vergessen, oder nach einem Jahre wieder zu ihm zurückzukehren. Den geborenen Knaben behält der Vater, das Mädchen aber, nach Ablauf von sieben Jahren, wird auf die Weiberseite des Flusses geschickt. In die Schlacht ziehen zwei Drittel aller Jungfrauen, die übrigen bewachen das Land. Wenn bei uns ein Gefangener flüchtet, so fällt die Schmach auf alle Amazonen. Die Königin küßt dich, und schickt uns, dir im Kriege zu helfen!«
Der König fragte noch nach vielem, nicht wenig sich ihrer Antworten verwundernd, und, die Geschenke in das Land zurücksendend, zog er weiter.
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DIE GORGONE. DAS LAGER VON LUSSA. Alexander schickte nun Kundschafter vor, zu erfahren, ob nicht ein eisernes Land voraus wäre, gedenkend der Prophezeiung des Antiphon. An den süßen Flüssen vorüber und den steinernen Strömen, wo an Stelle des Wassers mit Getöse Steine sich wälzten, vorbei an den Sandbächen, die drei Tage lang gegen Süden fließen und drei Tage gegen Norden, kamen sie zu einer Insel, von wo die Sonne aufgeht. Ein äthiopischer Priester in weißem Kleide kam heraus mit einem schwarzen Stabe, höher als er selbst, und seine dunkle Hand gegen den König ausstreckend, rief er: »König, du mußt umkehren! Bis hierher kam noch niemand, -- du bist der Erste und du bist der Letzte. Eile nach Babylon, die Zeit ist nah; dein Weg geht durch das Lager von Lussa und das neue Reich der Finsternis.« Die Türen schlossen sich, und der König, nachdem er sich vor dem Sonnentempel aus unerträglich glänzenden Steinen verneigt hatte, hieß seine Krieger umkehren. Bald kamen sie in das Land der Finsternis; die Bewohner verbargen sich in Erdhütten, von Tannenzweigen bedeckt, fürchtend, die in der Wüste wandernde und alles verderbende Jungfrau Gorgo. Sie hatte einen Pferdeschweif und Schlangen anstatt der Haare; alle verlockte sie zur Geilheit: Reptile, Tiere und Menschen, und alle tötete sie mit ihrem bloßen Blick. Um Mitternacht wurde Alexander von einem laut hallenden, aber mit Wonne und Leidenschaft erfüllten Schrei geweckt. Aus dem Zelte ins dunkle Feld tretend, vernahm der König einen zweiten und dritten wundersamen Ruf. Als ob alle vergangenen und kommenden Geliebten in diese eine Stimme die Versprechen nie gekannter Liebkosungen und süßer Drohungen verschmolzen hätten; wie das Brüllen einer Tigerin, welche das ferne Männchen sucht, schallte der Ruf durch den dunklen Raum: »Alexander, Alexander, dich allein begehr ich, komm, stille mich! Furchtloser König! . . .« Alexander sandte einen Magier mit einer Decke der rasenden Jungfrau entgegen. Als er sie nicht mehr weit wußte, sagte er, sich ihr rücklings nähernd: »Ich bin Alexander! Verhülle dein Angesicht mit der Decke, damit ich nicht verderbe!« Und als wortlos, schwer atmend die Jungfrau ihn bei den Schultern packte, schlug er ihr, sich rasch umwendend, den Kopf ab und barg ihn in einem bereit gehaltenen Gefäß. Darauf, ohne sich zum daliegenden Riesenkörper zu wenden, lief er in das Lager mit der Beute. Mit diesem Kopfe, der ein Entsetzen brachte, welches in Stein verwandelt, bezwang der König viele Völker der Wüste und die unreinen Könige Gog und Magog, die sich von Würmern und Fliegen nährten, vertrieb sie in geborstene Felsen und versiegelte sie bis ans Ende der Welt mit dem Siegel Salomonis. Und weiter zogen sie, den Weg nicht kennend, und vergehend vor Müdigkeit und Hunger; die Kundschafter voraus, ob da keine eiserne Erde wäre. Einst verspürte der König eine tötliche Kälte und den letzten Hauch; die Soldaten legten ihre Schilde auf den Sumpf, über den sie gingen, damit er sich hinlegen könne, und von oben fiel ein dichter Schnee. Zu sich gekommen fragte der König mit Unruhe: »Ist nicht beinerner Himmel über uns?«, aber gegen Morgen erlaubten ihm die zurückgekehrten Kräfte den unbekannten Weg weiter zu verfolgen. Durch Sümpfe, dunkle Wälder, hohe in den dunklen Himmel ragende Berge, durch Finsternis und Nebel -- gingen sie, auf dem Marsche die demütigen Völker unterwerfend. Der König wahrte Schweigen während der ganzen Tage, die Nächte verbringend im Beobachten kaum sichtbarer Sterne; und jeden Morgen begegnete er immer düsterer den treuen Freunden und den murrenden Soldaten. So kamen sie am Lager von Lussa vorbei, auf das sie noch in der Sonnenstadt gewiesen worden. Solange die durch das Nahen des Wegendes erfreuten Krieger sich an den Wachtfeuern wärmten, und alter Scherze gedachten, begab sich Alexander allein in den Tempel, auf die begegnenden Wunderdinge nicht achtend. Alles war leer und lautlos. Eine Reihe Gemächer durchschreitend, deren eines immer wunderbarer als das andere, trat der König in das Allerheiligste, wo Lampen mit Rubinen anstatt der Flammen hingen, und inmitten ein vergoldeter Käfig mit einer Taube darin. In der Mitte ragte eine Bahre, auf der ganz in Verbänden ein Mann ruhte, der an Wuchs alle Sterblichen übertraf sein Gesicht war zugedeckt. Schweigen herrschte im Gemach; der König stand lange wortlos, verwirrt durch unklare Angst. Endlich wollte er eine der Rubinlampen nehmen, um den Schlafenden anzusehen, aber von der Kuppel sang die Taube mit Menschenstimme: »Laß, König Alexander, ruhen die Ruhenden und eile nach Babylon. Die Zeit ist nah!« Den Tempel verlassend trat Alexander zu einem Feldfeuer, an dem die Soldaten mit alten Scherzen sich erlustigten, lachend und einander auf die Schulter schlagend. Gegen den dunklen Himmel flogen die Funken und der Rauch, und die Schilde, auf einen Haufen gelegt, glänzten schimmernd.
DRITTES KAPITEL
DER TOD ALEXANDERS. Unterdessen kamen im fernen Makedonien Unruhen und Aufstände vor; Antipater, vom Könige an seiner Statt gelassen, unterdrückte die alte Königin Olympias, zur Antwort auf deren mehrfache Klagen Alexander Chares geschickt hatte, den früheren Herrscher zu ersetzen. Da schickte der verletzte Antipater mit seinem Sohne ein Gift, das nur ein Zinngefäß ertragen konnte, aber kein kupfernes, kein tönernes, kein gläsernes, zu dem königlichen Mundschenk Ilos, der schon lange eine heimliche Wut auf Alexander hatte, welcher auf einem Festmahle ihn mit einem Stabe übern Kopf geschlagen hatte. Ihm schlossen sich noch einige mit dem König Unzufriedene an, und die Verwandten der Königin Roxane. Auf diese Weise war zur Zeit der Ankunft des Königs in Babylon die Verschwörung schon bereit, ihn zu verderben. Die Königin empfing freudig den düsteren und schweigsamen König, der sich wieder mit Freunden den Festen ergab, die Regierungsgeschäfte auf eine andere Zeit verschiebend, und dem Lesen des furchtbar drohenden Sternenhimmels. Als einmal Alexander des Mittags ermüdet ruhte, wurde er durch die Meldung geweckt, daß eine sonderbare Frau nach ihm frage. Dem Könige sagte sie, sie habe ein seltsames Kind geboren, dessen obere Hälfte tot, die untere aber mit allen Zeichen des Lebens sei, und eine Wunderstimme habe geheißen, das Kind in den Palast zu bringen. Alexander, von Ahnungen erfüllt blickte mit Entsetzen auf die Kindesleiche mit den sich bewegenden roten Beinchen. Die Weisen erklärten, daß der obere Teil Alexanders Feinde bedeute, der untere aber ihn selbst; jedoch ein Chaldäer rief, die Gewänder zerreißend: »König, König, dein Tod ist nah!« Alexander beschenkte die Frau und hieß die Mißgeburt verbrennen, und er selbst begab sich aufs Fest zu einem gewissen Makedonier, ohne sich von seinem Mundschenk, dem indischen Jüngling Ilos zu trennen. Das Fest war in vollem Gange, als plötzlich der König ausrief, wie von einem Pfeil getroffen: »Die Zeit ist gekommen, Alexander!!« und zog sich bleich, wankend in seinen Palast zurück. Vergeblich suchten die Ärzte das Gift mit Brechmitteln zu entwenden, die Schmerzen des Königs waren so unerträglich, daß er mehr als einmal versuchte, sich in den Euphrat zu stürzen, der vor den Fenstern des hohen Palastes rauschte. Die Makedonier umringten den Palast und drohten die Mauern zu zerstören, und alle Wachen zu töten, wenn ihnen der König nicht gezeigt würde. Und Alexander von der Königin Roxane gestützt, zeigte sich im Fenster; alle riefen: »Ruhm dem König Alexander, er lebe in alle Ewigkeit!« Ein Lächeln glitt über die erstarrten Lippen des Herrschers und er rief mit der alten hellen Stimme: »Lebet ihr in alle Ewigkeit, aber meine Stunde hat geschlagen!« Am folgenden Morgen rief der König Perdikkas, Ptolemaios, Lysimachos zu sich, um ihnen seinen letzten Willen zu geben. Dann ließ er sich hinaustragen zu einem Durchgangsgemach an der Straße und ließ an sich das ganze Heer vorüberziehn, jedem Soldaten Grußworte sagend. Und ergraute Altgediente weinten, als sie den König erblickten, dahingestreckt auf den Kriegsschilden, bleich und freundlich. Die Freunde, ihr Gesicht in Mäntel gehüllt, standen von ferne. Alexander, die Augen gegen die Decke aus Elfenbein hebend, sprach: »Himmel, beinerner Himmel!« und fuhr fort die vorüberziehenden Krieger zu begrüßen. In der Luft hing ein dichter Nebel und auf dem Himmel ging am Tage ein Stern von ungewöhnlicher Größe auf, rasch zum Meere hinziehend, von einem Adler begleitet; und die Idole im Tempel bebten langsam mit Klang. Dann ging der Stern seinen Weg vom Meere zurück und blieb stehen, brennend über dem Gemache des Königs. In diesem Augenblick starb Alexander. Der Leib des Königs wurde nach langem Zwist gen Alexandria in Ägypten geschickt, und dort in ein Heiligtum gesetzt, das ward genannt »Der Leib Alexanders«. Sein Reich verteilte er unter Philon, Seleukos, Antiochos, Ptolemaios. Er starb im dreiunddreißigsten Lebensjahre, zum Aprilvollmonde, nachdem er zwölf Alexandrien gegründet, und hinterließ einen unauslöschlichen Ruhm bei allen Völkern und Zeiten.
Ende.