Part 3
»Alexander drängt zum Kampfe und ist unwillig, ob deiner Langsamkeit!« Die Brauen des Königs runzelten sich, dennoch sagte er laut lachend: »Sei er unwillig, wir aber wollen einstweilen zechen! Eine Schale für ihn!« Alexander verbarg die eine Schale in den Falten der Chlamys und streckte die Hand nach der zweiten aus, Dareios lachte schläfrig. »Geschickt! und jene, wo ist sie, die erste?« »Der König Alexander schenkt stets die Schalen, wenn er mit Freunden zecht!« Der persische Künstler flüsterte Dareios ins Ohr, dieser Mensch sei Alexander selbst, von dem er einst ein Bildnis gemacht. Der König nickte bejahend in halbem Schlafe; durch die Reihen der Gäste ging ein Raunen: »Alexander selbst«, aber Alexander, an das hohe Fenster tretend rief: »Ja, ich gleiche von Ansehen dem gottähnlichen Helden, aber ihr irret euch!« dann, auf einmal auf den Sockel der Bildsäule des Xerxes steigend rief er laut: »König Dareios, sieh mich gut an, auf daß du in der Schlacht Alexander nicht vorbeilässest!« und sich abschwingend von der auf den Tisch gestürzten Bildsäule, mit den Bruchstücken Becher und Schalen zerschlagend, verschwand er durch das hohe Fenster.
Die trunkenen Perser, fluchend, sattelten die Pferde im Dunkel, aber sie holten den leichten Griechen nicht ein, und meldeten dem bei Trümmern der väterlichen Säule sitzenden Dareios die unwahrscheinlichsten Nachrichten über das Verschwinden Alexanders.
FÜNFTES KAPITEL
DIE SCHLACHT. Die folgende Schlacht fand bald statt am Flusse Strangas im Winter; die beiden Führer hatten so viel als möglich Heere gesammelt, und sprachen ihre bedeutendsten Reden. Dareios befand sich in einem wunderlichen Gespann, mit Sicheln ums Rund der Räder, mit denen das Gefährt alle Herannahenden mähte. Und solcher Vorrichtungen gab es ein ganzes Bataillon. Diese Schlacht war am blutigsten; der Himmel wurde verdunkelt von den Pfeilen, Steinen und Spießen. Die persischen Sichelwagen schnitten auf der Flucht in ihre eigenen Soldaten; und diese, ihre letzte Zuflucht auf dem Eise des Flusses suchend, fanden dort ihr endgültig Verderben, da das Eis das Gewicht von so vielen Menschen und Pferden nicht trug und brach, und alle wurden von dem plötzlich offenen schwarzen, rauschenden Wasser zugedeckt. Dareios zerriß am Ufer sein Kleid und begab sich eilig in den Palast, wo in entferntem Gemach eingeschlossen, er auf den Boden stürzte, wie ein Kind weinend: »Dareios, Dareios, ein flüchtender Bettler, vor kurzem noch der Beherrscher der Welt!«
Apis, der Vertraute des Dareios, unternahm erfolglos einen Anschlag auf das Leben Alexanders, indem er sich als Makedonier verkleidete, er wurde aber vom großmütigen König in Freiheit gesetzt. Alexander hieß die Leiber der gefallenen Griechen und Perser begraben, und schickte sich an, in Babylon zu überwintern, das durch viele Wunder berühmt war.
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DER TOD DES DAREIOS. Zwei andere Vertraute von Dareios, im Wunsche, angenehmes Alexandern zu bereiten, als dem wahrscheinlichen Sieger in diesem Kampfe, beschlossen den Perserkönig zu töten; einmal in der Nacht in das königliche Schlafgemach dringend, überfielen sie Dareios, aber mit nackten Händen wehrte er die zwei so ab, daß die Edelleute ohne die schmachvolle Absicht wahr zu machen verschwanden; indem sie den nicht vollends erwürgten König stöhnend im dunklen Gemache zurückließen. Kaum erfuhr Alexander von der Verschwörung und dem Mordanschlag auf Dareios, als er sofort übers Eis den Fluß beschreitend, sich in des Persers Gemach begab. Der König lag auf dem Fußboden, mitten im Zimmer, das alle Spur des jüngsten zähen Kampfes trug, kaum noch lebendig.
Alexander deckte ihn mit seiner Chlamys zu, und, die erstarrenden Hände drückend, flüsterte er: »Dareios, stehe auf, lebe, herrsche in deinem Lande!«
Dareios, auf den König den irrenden Blick geheftet, flüsterte kaum hörbar: »Sieh, was ich geworden; ein Schatten, auf einer Mauer vorüberhuschend, das ist der Ruhm; denk daran, denk daran! . . .« Des Dareios Gesicht mit dem Mantel verhüllend, sprang Alexander davon. In Babylon besah er alle Wunder, bestattete Dareios, kreuzigte an seiner Grabstätte seine Mörder, krönte sich und feierte bald darauf seine Hochzeit mit Roxane, wobei er, wie es schien, den Gipfel menschlichen Glückes erreichte.
Ende des zweiten Buches.
DRITTES BUCH
ERSTES KAPITEL
DER ABSCHIED VON ROXANE. Der Winter, verbracht in Frieden und Muße, quälte Alexander mit undeutlicher und unbestimmter Sehnsucht und oft, im Frühling schon, mit seinem Freunde Hephaistion auf der Terasse sitzend, seufzte der König nach fernen Feldzügen. Dieses Streben lobend, riet der Freund dem Könige nach dem Osten zu wandern, in das indische Reich, durch Wüsten; Gestirne des Himmels zu Führern, und Sternenreigen. Der König küßte den Freund und ging zu der Königin Roxane. Die Königin saß am Fenster, ohne etwas zu tun, gelangweilt von Alexanders Kälte, denn, obwohl sie die Gemahlin des Königs hieß, so blieb sie doch Jungfrau zu ihrem großen Ärger. »Was belieben, Sie, König?« fragte sie ohne an den Gemahl ihr breites, grell geschminktes Gesicht zu wenden. -- »Mein Schwert und den Feldmantel such ich, Frau Königin«, antwortete Alexander. »Schicken Sie sich denn an, in neue Feldzüge zu gehn?« fuhr Roxane fort, die Augen von den gemalten Fensterscheiben nicht wendend. »Ja, Herrin!« -- »Es wäre nicht übel, wenn Sie mich vorher benachrichtigten, damit ich Ihnen etwas zum Andenken sticken könnte.« »Sie werden auch ohnehin in meinem Andenken herrschen!« Die Königin erging sich im Zimmer und wandte sich wieder an den Gemahl: »Was ist Ruhm? Ist es ein Rauch? Sie sollten einen Sohn haben, als würdigen Erben.« Und sie ließ sich auf den Fußboden zu den Füßen des Helden nieder. Alexander antwortete lange nichts, lächelnd und in Roxanes Locken spielend, dann sprach er: »Herrin, sticke mir einen Siegesmantel, bringe Opfer den Göttern dar, uns Männer aber laß die Männergeschäfte entscheiden!« Der König verließ eiligen Schritts die Gemächer der Königin, und jene saß lange in der Dunkelheit, mit den Händen die Schläfe pressend, die der Gemahl geküßt hatte; nicht hörend die Hörner und das Wiehern der Pferde, das Stampfen der Lanzen und die dumpfen Paukenschläge. Leer war der dunkle Platz, als Roxane in das Fenster blickte, und eine kleine Lampe erzündend, setzte sie sich zum Sticken hin, und verlor böse, karge Tränen.
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DIE WANDERUNG IN DER WÜSTE. Das Heer wußte nur unklar, wohin es ging, die Feldherrn ebenfalls, und nur die Sicherheit der wolkenlosen Stirn des Königs hielt sie vom offenen Murren zurück. Von den Sternen acht Tage geleitet, kamen sie in Fruchtwälder, deren Einwohner Tieren glichen, und in ein Grasland, wo an Stelle von Hunden an den Häusern Flöhe und Kröten angekettet waren, und in ein Sumpfland, wo die schamlosen Einwohner bellten und nur durch Feuer in die Flucht gejagt werden konnten. Und weiter zogen sie und wunderten sich, über die Greifen, die stummen Völkerschaften, die Halbhunde, den einäugigen Tiger, die im Feuer lebenden Salamander, den Baum, der gegen Abend eine wohlriechende Träne vergießt, die sechsfüßigen dreiköpfigen Pardeln. Und aus dem warmen Nebel sangen zarte aber strenge Stimmen: »Mache Halt, König, mache Halt!« Aber Alexander rief laut in die Dunkelheit: »Ich will den Rand der Welt sehen!« Und sie gingen wieder weiter, die Müdigkeit und das Murren durch die Liebe zum König betäubend. Endlich verkündete ihnen ein warmer und dichter Nebel die Nähe des Meeres. Im rosigen Nebel war das Meer nicht zu sehen, aber sichtbar waren die kaum blinkenden Lampen auf den Masten der Schiffe. Der König bestieg ein Schiff, das niemand kannte, und fuhr ab, ins dichte, leis und zischend schäumende Naß. Zur Linken war eine bewaldete hohe Insel sichtbar, von der griechische Worte herüberklangen, aber die Sprechenden waren nicht zu sehen, und die Mutigen, die im Schwimmen das wunderbare Ufer zu erreichen suchten, wurden von unsichtbaren Händen in den Strudel gezogen. Endlich war der Nebel so dicht, daß er wie eine Porphyrmauer erschien, und der König war genötigt, ans Ufer zurückzukehren. Lange stand Alexander vor dem Nebelmeer, und dann begab er sich mit einem Seufzer in die Tiefe des Landes.
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DAS GEBIET DER FINSTERNIS. Bald erreichten sie ein finsteres Land, ohne Dämmerung, Sonne und Mond, wo sie das Land der Seeligen vermuteten. Um den Weg in der Finsternis nicht zu verlieren, wurde eine Eselin von ihrem Jungen getrennt und, indem man die erstere vorausließ, hielt man das andere vor dem Heere, damit man durch die Schreie der Mutter geleitet werde. Aber ein sonderbares Licht beleuchtete den unterirdischen Weg den Wanderern. Die Gegenstände in ihrem Wege erschienen grau und unbestimmt, wie nach dem Schlaf. Bald kamen sie an einen traurigen, hügeligen Ort; der Wind brachte von links einen schweren Gestank und die Eselin schrie in der Ferne kaum hörbar. Die Fledermäuse, dahinjagend über ihre Köpfe, schienen zu zischen: »Biegt nach links.« Die Wanderer fanden bald einen See ganz von Menschen erfüllt, so daß kein Wasser zu sehen war, und nur Köpfe, Schultern und Arme. Unter der Erde hervor drang Stöhnen und Wehklagen, gleichsam wie während des Sturmes aus dem Innern eines Schiffs. Aber alle Stimmen wurden von der Stimme eines Riesen übertönt, der an einen spitzen Felsen gefesselt war; fünf Tage Weges weit war dieses Weheklagen zu hören. Ihnen entgegen kamen Haufen von Menschen, Männer und Frauen, alle entblößt, die von flammenblickenden Vögeln mit Nesselpeitschen gejagt wurden. Mit zerzausten Haaren blickten die Gejagten wild den König an und riefen mit ausgestreckten Armen: »Hast Du, König Alexander, die Liebe gekannt?« Der König richtete seine Augen auf Hephaistion und wiederholte langsam: »Habe ich die Liebe gekannt?« aber die grauen Menschen, heiser bellend, waren schon vorbeigezogen, gebeugt unter den Schlägen der Nesselpeitschen. Von der Bergfläche herabsteigend, betraten sie offenbar das Kupferland, so schallend verbreitete das Echo das Gestampf der Hufe. Alexander erschrak, indem er sich an die Weissagungen des Antiphon erinnerte, er werde sterben im eisernen Lande unter beinernem Himmel. Aber auch diesen Weg wanderte man zu End, ohne auf die nunmehr unaufhörlichen Stimmen und Weheklagen weiter zu hören. Auf einmal überraschte eine plötzlich eingetretene Stille ihr Gehör. Rechts ragte ein dichter Wald hinter hoher Umfriedung, eine Quelle glänzte im Silber murmelnd am Eingang, und der Himmel erschien durch die dichten Zweige durchsichtiger, grünlich zart erschimmernd. Das Wiehern der Eselin in der Ferne verstummte. Der König näherte sich dem Haine, nahm den Helm ab und blickte prüfend auf den helleuchtenden Himmel. Plötzlich tat sich das Tor leicht auf und aus dem schweren Dickicht trat ein nackter Jüngling mit hoher Lanze, auf deren Spitze ein wunderbarer Topas gelb schimmerte. Mit zärtlicher Stimme, wie eine Turteltaube sagte er: »König Alexander, das ist die Stätte der Seligkeit; niemand kann hier lebend eintreten selbst du nicht, der an diesen Ort kam, den noch kein Menschenfuß betrat. Freue dich, du wirst bald hierherkommen, auch ohne deinen Wunsch.« Und mit traurigem Lächeln verschwand der Knabe und das Tor schloß sich von selbst, und der König führte schweigend sein Heer weiter, dem Wiehern der Eselin nach, bis er ins weiße Licht kam, in Sonne, Mond und Sterne, und wo Gras die liebe schwarze Erde bedeckt.
ZWEITES KAPITEL
DAS MURREN DER SOLDATEN. In Indien nahm Alexander die Gesandten des Poros an, des Königs von Indien, der davon abriet, gegen den Gott Dionysos zu kämpfen, welcher ihm, Poros, beistehen sollte. Der König antwortete: »Mit einem Gott kämpfe ich nicht, aber ich fürchte auch nicht aufgeblasene Barbarenworte.« Die Feldherrn Alexanders jedoch, gewahrend, daß der Weg noch ferne hin sich zöge, die Berge immer unzugänglicher würden, die angetroffenen Tiere immer wunderlicher, bewegten die Soldaten, daß sie sich weigerten, dem Könige zu folgen. Alexander las im Zelte den Homer, als er zu den Soldaten gerufen wurde. Das Lager befand sich in einem schmalen Tale, sodaß der frühen Stunde ungeachtet, das lilafarbne Licht nur auf den Gipfeln der Berge lag. Die Menge schrie: »Wir sind nicht unsterblich, wir sind nicht Kinder Ammons! Wir brauchen Nahrung! Wohin hast du uns gebracht! Wir fürchten uns! Weiter gehen wir nicht: Geh allein!« Der König schwieg lange, die Augen gehoben zu den schweren Wolken, die rosig wurden. Dann erscholl hell und weit seine Stimme: »Bleibt hier, oder kehrt nach Hause zurück, das sei eure Sache. Ich werde auch ohne euch weiter ziehen, und wenn ichs allein tun muß. Wie die Sonne nicht ihre Bahn ablenken kann, weder nach rechts noch nach links, so kann auch ich nichts mehr an dem mir vorbestimmten Ruhm ändern!« Hephaistion und die zunächst stehenden Jünglinge stürzten hin, und küßten das kurze Kleid des Königs mit den Rufen: »Wir sterben mit dir!« »Mein Ruhm ist euer Ruhm!« antwortete der König und ging ins Zelt. Gegen Morgen rückten die beruhigten Heere weiter, den Horden des Poros entgegen.
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DIE SCHLACHT MIT POROS. Auf den Gipfel des Berges gestiegen erblickten die Griechen plötzlich eine endlose grüne Ebene, weiße Tempel mit blauen Bassins, Felder unbekannten Korns, dünne aber zahlreiche Waldungen, mit roter Erde bestreute Wege und in der Ferne das ruhige blendend blaue Meer. Der Wohlgeruch der Feld- und Sumpfgräser drang sogar bis zu den Bergen, Vögel mit bunten Schöpfen flogen von Palme zu Palme, Schmetterlinge schwirrten schwer auf lila und rosa Blumen. Bienen summten in der stehenden Hitze. Über das ganze nahe Feld waren weiße Zelte verstreut, und hohe schwarze Menschen in weißen Kleidern mit Lanzen in den Händen, wachten vor Scheiterhaufen. Zur Seite, wie eine Herde, lagen Panther und Tiger spielend zwischen den Beinen unbeweglicher Elephanten. Da der König Kriegstiere mehr fürchtete, als das Heer selbst des Poros, hieß er kupferne Gestalten von Menschen machen, sie bis zur Rotglut erhitzen und vor die Krieger stellen, sodaß die von den goldenen Ketten freigelassenen Tiger zurücksprangen, mit Geheul im Grase vor Schmerzen sich wälzten, dann sich wieder auf andere Abbilder stürzten, oder mit Gewinsel der Geißel des Aufsehers Gehorsam verweigerten. Zur Nacht gingen die Gegner auseinander, um mit der Dämmerung wieder den Kampf zu beginnen. So dauerte dies acht Tage; am neunten schlug Alexander Poros vor, den Streit durch Zweikampf zu entscheiden, obwohl Alexandern von solchem Schritte abgeraten wurde, indem man ihm vorhielt, König Poros sei ein ruhmreicher Zweikämpfer, und beinahe zwei Ellen größer von Gestalt. Am zehnten Morgen begannen die königlichen Gegner vor den Heeren ihren Zweikampf. Poros war groß von Gestalt und biegsam, mit einem roten kleinen Schurz auf seinem braunen Körper; der Kopf mit roter Seide umbunden, glänzte wie ein roter Rubin, sein Gesicht war regelmäßig und jugendlich schön, und der Blick der großen niedrig stehenden Augen versetzte schüchterne Menschen in ein abergläubisches Beben. Die Feldherrn und die Soldaten verfolgten schweigend den Gang des Kampfs, während die indischen und griechischen Priester Opfer brachten, jedes nach den Gebräuchen ihres Glaubens. Alexander warf rasch den Indier um, preßte mit den weißen Händen seinen schwarzen Hals zusammen und ließ ihn lange nicht aus. Endlich erscholl die ruhige Stimme des griechischen Königs über das weite Feld: »Ihr indischen Leute, schickt eurem König Ärzte. Unser Streit ist zu Ende, nicht mit euch kämpfe ich, ich hatte nur einen Feind -- König Poros.« Der Indier lag rücklings da, ruhig die Arme gebreitet und mit geschlossenen Augen, ohne zu atmen. Von den fernen Bergen flog ein Geier herunter, setzte sich dem Toten auf die Stirn und dreimal auf seinen schimmernden Rubin hackend, erhob er sich wieder langsam in die nebligen Berge.
DRITTES KAPITEL
DIE BRACHMANEN. Die Weisen, Brachmanen genannt, sandten Alexander ein Schreiben, in dem sie baten, sie geruhig und im Gebet ihre Tage führen zu lassen. Der König war begierig, sie selbst zu sehen, obwohl nicht diese berechtigte Neugier allein ihn zum Besuch zu bewegen schien. An einen gleichwie Milch trüben Fluß gelangt erblickten die Wanderer bärtige und bartlose Menschen, ganz nackt, unter den Zweigen eines wilden Pflaumenbaums liegend und Schweigen wahrend; manche lagen da mit untergeschlagenen hageren Beinen und schiefblickenden Augen, die erhobenen Arme im Ellbogen gekrümmt. Alexander im kurzen roten Mantel trat zu den Weisen, begrüßte sie und begann Fragen zu stellen. Den König umdrängend mit halbgeschlossenen Augen, gaben die nackten Weisen mit stillen Stimmen Antworten.
Frage: Habet ihr ein Reich und darin eine Stadt?
Antwort: Die Welt ist unser Reich und unsere Stadt: Die Erde gebiert uns, ernährt uns, und empfängt unsere Asche.
Frage: Von welchem Gesetz werdet ihr geleitet?
Antwort: Höhere Vorsehung bewahrt uns, und bestimmt unsere Taten und Gedanken.
Frage: Was ist das Königtum?
Antwort: Kraft, Verwegenheit, Last.
Frage: Wer ist der Stärkste von Allen?
Antwort: Der menschliche Gedanke.
Frage: Wer ist dem Tode entronnen?
Antwort: Der lebendige Geist.
Frage: Gebiert die Nacht den Tag, oder ist der Tag der Vater der Nacht?
Antwort: Die Nacht ist unsere Urmutter, wir wachsen im Dunkel und streben zum nievergehenden Licht.
Frage: Habet ihr einen Abt?
Antwort: Unser Ältester ist Dandamis.
Frage: Möchte ihn küssen!
Der König wurde durch einen schattigen Hain zu dem Greise geleitet, der so mager war, daß ein leichter Windhauch zu genügen schien, seine gedunkelte Körperlichkeit zu verwehen. Seine Lider waren gesenkt und auf großen Blättern vor ihm lag eine Melone und einige Feigen. Er erhob sich nicht beim Nahen Alexanders, öffnete nicht einmal die Lider, die nur leise aufzuckten. Sein Bart zitterte und seine Stimme war so schwach, daß der König sich bücken mußte, um sein prophetisches Lallen zu vernehmen. Mit einem Lächeln nahm der Greis in die dürre Hand das Gläschen Öl entgegen, das ihm der König darbrachte, aber er weigerte sich, Gold, Brot und Wein zu empfangen. Ein kaum hörbares Flüstern säuselte wie ein wankendes Rohr: »Wozu führst du immer Krieg: Wenn du auch alles besitzen wirst -- kannst du es denn mit dir nehmen?« Alexander rief schmerzlich: »Wozu bewegt der Wind das Meer? Wozu verstäubt der Orkan den Sand? Wozu jagen die Wolken und biegt sich der Rebenzweig? Wozu bist du als Dandamis geboren und ich als Alexander? Wozu? -- Erbitte, du Weiser, was du willst, alles gebe ich dir, ich der Beherrscher der Welt!« Dandamis zog ihn an der Hand und flüsterte freundlich: »Gib mir Unsterblichkeit«. Erbleicht riß Alexander seine Hand aus den Händen des Greises und ging schnell ohne sich umzuwenden aus dem Schatten des Hains zum Flusse, wo auf milchiger Nässe fette kropfige Enten knarrten und Mücken in Reigen schwirrten.
VIERTES KAPITEL
DIE WEISSAGUNGEN DER BÄUME. Breite palmenbepflanzte Straßen, weite, bald weiße bald bunte Tempel, eine geräuschvolle Menge ergötzten die müden Blicke der Ankommenden. Die Einwohner waren ergeben und freundlich. Ein alter Priester mit hohem Stabe aus schwarzem Holz führte den König herum, die Seltenheiten der Stadt weisend. Das merkwürdigste Wunder war der Garten, in dessen Mitte zwei Bäume wuchsen, in der Art von Zedern, mit Tierfellen zugedeckt. Auf die Frage des Königs antwortete der Führer: »König du siehst zwei heilige Bäume: Der eine heißt das Mannsgeschlecht und ist dem Sonnengotte geweiht, der andere, der Mondgöttin geweiht, heißt das Weibsgeschlecht. Die Tierfelle sind Gaben der Pilger, wobei die Felle der Männchen auf den Sonnenbaum gelegt werden, und die der Weibchen auf den Mondbaum. Dreimal am Tage und dreimal nachts verkünden die Bäume das Schicksal bei Sonnenaufgang. Zenit und Neigung der Sonne und des Nachtgestirns. Wenn du dein Schicksal zu erkunden beliebst, reinige dich, entwaffne dich, und tritt betend zu den Bäumen.« Zornigen Blick sprühend rief Alexander: »Wenn die Sonne untergehen wird, ohne daß ich die Stimme vernehme, so werde ich euch lebendig verbrennen!« Der Priester neigte sich und ging weg, und der König begann, nachdem er die geforderten Gebräuche erfüllt hatte, zu beten, die Hand auf den Stamm eines heiligen Baumes gelegt. Schon glänzte die Sonne rot mit rotem Rande über den dichten Hain und der König wollte zornerfüllt fortgehen, als auf einmal, gleich einem fernen Gong eine tiefe Männerstimme sang: »König Alexander, bald wirst du durch die Inder verderben!« Ohne sich zu rühren stand der König da, wie versteinert; bis die rasche Dämmerung die neue trübe Röte des nächtlichen Gestirns brachte, und aus dem Laub des benachbarten Baumes eine dunkle Frauenstimme ertönte: »Armer König Alexander, wirst nimmermehr deine Mutter Olympias schauen: In Babylon wirst du sterben.« Der verwirrte König trat zu seinem Gefolge, das auf ihn hinter der Umzäunung wartete; auf die Frage des Königs, ob auf die Bäume Kränze gelegt werden dürften, antwortete der Priester: »Es ist verboten, doch wenn du willst, tue es; nicht für dich, göttlicher König, sind die Gesetze!« Alexander folgte und entfernte sich in seinen Palast. Die ganze Nacht zechte er mit seinen Freunden, an die Feldzüge und an die Gefahren zurückdenkend, aber kaum graute der leichte Morgen, da verließ der König, dringende Geschäfte vorhaltend, den Saal und begab sich von Neuem zur geheiligten Umfriedung. In Sehnsucht beugte sich der König vor dem Baume, und als die Sonne die ersten Strahlen auf die Wipfel spritzte, und purpurgoldene Vögelchen auf biegsamen Zweigen sich rührten, da erklang eine hohe Kinderstimme gleichsam von der Kuppel des hellen Blaus herniedersinkend. »Alexander, Alexander, in Babylon wirst du sterben, nimmer umarmend, die dich geboren. Prüfe nicht mehr das Schicksal, wirst keine Antwort haben!« Ohne jemand etwas zu sagen, trat der König in sein Gemach und schlug die Schriftrollen auf, und als der eintretende Freund fragte: »Warum bist du, König, so bleich?«, da antwortete Alexander: »Ich schlafe wenig; Arbeit und Müdigkeit nehmen mir die Röte!« Bald begann er von Plänen für neue Feldzüge zu sprechen.
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