Taten des großen Alexander

Part 1

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MICHAIL KUSMIN TATEN DES GROSSEN ALEXANDER

MICHAIL KUSMIN TATEN DES GROSSEN ALEXANDER

MÜNCHEN 1910 HYPERION-VERLAG HANS VON WEBER

VALERI BRJUSSOW IN ERGEBENHEIT ZU EIGEN

WIDMUNG (Akrostichon)

Verwirrter Wogenwall ist abgeprallt An Felsen, ragend in die Ewigkeit. Leicht fliegt der Aar vor mindrem Schütz gefeit. -- Er folgt wohl immer dem Gebot: »Mach halt!«

Ruhmvolle Schwerter sind zum Kampf bereit Im Ruf des Horns das unermüdlich schallt. Beraubt der Kraft knirschen zu Hauf geballt Rachgierige Feinde in der Dunkelheit.

Jäh stampft ein Pferd, das wild im Zügel schnaubt: Unrüstiger Knab, entehrst Bukephalos! Sehre die Grenzen, hin zur Tat, aufs Roß,

Singe von Königsflügen, ruhmbelaubt. O stoß ins Horn, zeig uns der Feinde Troß Wund dir zu Füßen. -- Stimmlos. -- Ohne Haupt!

Michail Kusmin.

ERSTES BUCH

EINGANG

EINGANG. Einige werden zu Preis und Rühmen geführt durch die Tugendkraft ihrer geliebten Helden, die anderen -- durch die kriegerischen Taten; die dritten durch deren Weisheit, viertens endlich manche durch wundersame Begebungen und Zeichen. Aber in Ordnung aller Heldennamen der vergangenen oder näheren Jahrhunderte kann man niemand finden, in dem alle diese Gaben sich so wunderbar einten, wenn nicht den Großen Alexander. Ich erkenne die ganze Schwere über ihn zu handeln, nach jener Reihe erlauchter Namen, angefangen von dem in Ewigkeit gedenkwürdigen Kallisthenes, dem Julius Valerius, Vincenz von Beauvais, Gualterius de Castilione bis auf den deutschen Lamprecht, Alexander von Paris, Pierre de Saint-Cloud, Rudolf von Ems, dem trefflichen Ulrich von Eschinbach und dem unbesieglichen Firdusi; doch mein Wunsch, im Gedächtnis der Menschen den unauslöschlichen Ruhm des Makedoniers zu erneuern, als zu erleichtern meine von Entzücken übervolle Seele, zwingt mich, zu tun wie die Pilger, die, Verse der Gebete murmelnd, sich nicht dies absinnen: von welchen großen Heiligen jene Gesänge erdichtet seien.

ERSTES KAPITEL

VOM KÖNIG NEKTANEB IN ÄGYPTEN. In dem alten Lande der Ägypter lebte ein König Nektaneb, der nicht allein durch das königliche Blut, sondern auch durch die Weisheit und durch die großen Kenntnisse der Magie und Sternendeutung ausgezeichnet war. Seine Heere trugen stets den Sieg davon, doch wußte niemand, daß während der Schlacht der König durch Zauberei den Ausgang der Kämpfe vorbestimmte. Insgeheim eingeschlossen hüllte er sich in Priesterkleid, nahm einen Stab und machte aus Wachs Gestalten von Menschen, wenn die Schlacht auf dem Festlande war, oder von Schiffchen mit Kriegern, die er in eine wassergefüllte Messingschale setzte und geschickt unter Beschwörungen ertränkte. Die vom Festlande durchbohrte er mit einer feinen Nadel, und die Verrichtung an dem seelenlosen und weichen Wachs ward auf wunderliche Art Spiegelung des fernen Schlachtfeldes. Einst jedoch, als die Kundschafter dem König das Nahen neuer Feinde vermeldeten, kündeten die Geister des Wassers und der Luft, welche die Kunst des gekrönten Magiers heraufbeschwor, die Stunde seiner Niederlage habe geschlagen, und ihre Herrschaft sei fürder ohne Macht. Nektaneb nahm den angelegten Bart ab und verließ in gewöhnlicher Gewandung heimlich Ägypten. Als daher die Feldherrn, welche der Niederlage ungewohnt waren, in die Hauptstadt zurückkehrten, fanden sie den Palast leer, und nur die umgestürzte Schale, die Stückchen Wachses und auf einer Wasserlache der Bart erinnerten daran, daß hier vor kurzem noch der König geweilt. Dem verwirrten Volke kündete der Gott Serapis durch sein Orakel:

»König Nektaneb verließ euch für lange Jahre. Einst kehrt er euch zurück, in neue Jugend gekleidet.«

Diese Inschrift zeichnete man dem Ebenbilde des entschwundenen Königs ein, das in eine leere Gruft gesetzt war, und nach einigem Warten wurde ein neuer Herrscher gewählt.

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DAS GESPRÄCH VON OLYMPIAS MIT DEM MAGIER. Indessen lebte der königliche Flüchtling nach der Ankunft in das makedonische Pela lange Zeit, indem er sich vom Wahrsagen und von der Zauberei ernährte und bald als kunstfertiger Deuter und Magier gerühmt war. In diesem Lande herrschte zu jener Zeit König Philipp, dessen Gemahlin Olympias unfruchtbar war. Einst, in Abwesenheit des Gemahls lustwandelnd im Garten des Palastes, vertraute die Königin ihre Sorge der alten treuen Magd, ob wohl Philipp sich nicht von ihr trennen würde, denn sie hatte ihm durch so viele Jahre keine Kinder gebracht, worauf ihr die Dienerin von der Zaubermacht des fremden Ägypters Kunde gab.

Sache geringer Zeit war es, den kommen zu lassen. Auf den Wegen der Gärten neigte er sich tief vor Olympias, und tief aus der Brust ein goldenes Täfelchen ziehend mit dem Abbild des Tierkreises der Planeten in bunten Steinen, darauf dem Hermes ein Smaragd entsprach, und der Liebesgöttin ein blauer Saphir, schwieg er lange. Auch die Königin schwieg, die Augen, voll ihrer Erwartung, gesenkt. Endlich sprach der Ägypter:

Nicht Philipp wird deine Unfruchtbarkeit lösen, nur der Gott Ammon vermag dir beizustehen. Bist du auf alles bereitet?

»Sprich«, sagte die Königin, ohne die Augen zu erheben.

»Ich will beten, doch erwarte du bedeckten Hauptes den libyschen Gott; ertönt das Zischen der Schlangen, so schicke alle fort und empfange den Gast; er wird golden sein von Locken und Bart, mit goldener Brust und einem Horn auf der Stirn. In der Dauer der Erscheinung schweige. Dann wirst du empfangen und zur gesetzten Zeit einen Rächer dir und der Welt einen Herrscher gebären.«

Nach wenigem Schweigen blickte Olympias fest auf den Magier und sprach: »sei auf der Hut, wenn du lügst«. Die Hände aufhebend zu den nun entzündeten Sternen rief Nektaneb: »Ich schwöre!« -- »Ich will dir morgen Antwort senden«. Der Magier hielt sie zurück indem er sprach: »Es ist notwendig, daß ich unablässig in deiner Nähe bete zu dieser Zeit; hast du nicht ein geheimes Gemach zunächst dem Schlafzimmer?« -- »Eine Kleiderkammer befindet sich da, dort kannst du dir zu schaffen machen. Sei entlassen. Sprich zu niemandem«.

Als die Königin sich entfernt hatte, brach Nektaneb eine Nelke, stach in die Blättchen den Namen Olympias, und die Augen gehoben zu den Sternen, beschwor er lange die Geister des Bösen, daß sie die Gedanken und das Herz von Philipps Gemahlin geneigt machten zu dem Betruge, welchen er, Nektaneb, plante.

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DIE EMPFÄNGNIS ALEXANDERS. Alles begab sich nach dem Wunsche des Ägypters, welcher in der Larve des Horns so viele Male der erkenntnisbaren Königin erschien, bis sie ihren Schoß unledig fühlte und den König mit Freuden und Unruhe zu erwarten begann.

ZWEITES KAPITEL

PHILIPP KEHRT NACH HAUSE ZURÜCK. Während dies geschah, hatte Philipp auf fernem Feldzuge ein sonderbares Traumgesicht, das seine Ruhe störte. Der babylonische Deuter, der sich im Gefolge befand, legte dies so aus, daß Olympias von einem ägyptischen Gotte empfangen habe. Nicht sehr über diese Botschaft erfreut, eilte der König nach Hause, wo ihm die entgegengehenden Dienerinnen sagten, ihre Herrin liege auf dem Krankenbette. Ins halbdunkle Schlafgemach tretend, ging Philipp zu auf seine Gemahlin und sprach: »Ich weiß alles, sorge dich nicht; wir müssen uns dem Willen der Götter beugen«. Olympias weinte still, küßte die Hand des Gemahls, ohne zu wissen, ob ihm alles wahrhaft bekannt sei. »Ruft den Sternendeuter herbei«, sprach sie endlich. Und da Nektaneb, eingetreten, Erklärungen gab, die aufs Vollkommenste mit den Auslegungen des babylonischen Deuters zusammenfielen, so umarmte Philipp voll Erstaunen, wenn schon immer noch düster, die weinende Gemahlin, und sie saßen so schweigend bis auf den Abend, da in das Fenster die zarten Hörner des jungen Mondes blickten.

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WUNDERBARE ZEICHEN. Derart erwartete das Königspaar mit Frieden, doch ohne Freude die nahe Geburt. Die Königin war wohlauf, erging sich im Garten und nahm zeitweise teil an den Festmahlen, bis Philipp sich betrank, nach der Sitte der Makedonier. Einmal, da Olympias länger beim Mahle weilte, als ihr geziemte, so wurde sie für ihre Unbesonnenheit gestraft, denn der trunkene König begann ihr vorzuhalten, sie wäre nicht von ihm schwanger. Die beleidigte Königin stand auf, um sich zu entfernen, als plötzlich unter dem festlichen Tische eine riesenhafte Schlange erschien, die ihren Kopf erhob mit fürchterlichem Zischen. Die Gäste sprangen auf von den Plätzen, die Frauen, vergessend ihrer Scham, krochen auf den Tisch, erhobenen Gewandes. Der König selbst war im Begriff, den Kopf mit dem Mantel zu bedecken, da verwandelte sich die Schlange in einen Adler, sprang auf den Busen der Königin, stach sie dreimal in die erstarrten Lippen und flog durch das offene Dach des Saals empor zum Himmel. Auf den Knien fragte Philipp: »Wer bist du, Ammon, Apollo, Asklepios?«, indem Olympias, umringt von der ungeordneten Schar der Frauen, sich in ihre Gemächer begab. Niemand nahm wahr, daß hier nur die Pfiffigkeiten des ägyptischen Auswanderers ihr Spiel getrieben.

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ZWEITES ZEICHEN. Aber andere Wahrzeichen, nicht weniger erstaunlicher Art, doch schon ohne die Flunkereien des gewitzten Magiers wiesen Philipp sicher auf das Wunder im baldigen Kommen des Kindes hin. Es geschah einst, daß der König vor langer Weile seine zahmen Lieblingsvögel fütterte; die Königin stickte auf der Brüstung des Hauses, ab und zu den Kopf hebend, wenn die Vögel empor zur Höhe der Brüstung schwirrten und das Hündchen ihr zu Füßen mit gespitzten Ohren knurrte oder aufbellte, die rauschenden Schaaren scheuchend. Die Königin stieß einen Schrei aus, da einer der weißen Vögel ihr auf die Stickerei flatterte und im Nu ein Ei legte, das zur Erde rollte unter dem hellen Bellen des Hündchens. Aus dem zerbrochenen Ei kroch ein Schlangenjunges, umkroch langsam seine jüngste Wohnung, als ob es wieder in die hineinwollte, aber kaum steckte es den Kopf in die Schale, da erzitterte es und verschied. Die Königin, über das Gitter geneigt, achtete nicht des beginnenden Regens und lauschte den Worten des Antiphon, Philipps Sohn werde über die ganze Welt ziehen, und, heimgekehrt, jung sterben. Traurig nahm die Königin ihre goldene Stickerei zusammen und sie ging, des wunderbaren Sohnes zu harren.

* * * * *

DIE GEBURT ALEXANDERS. Längst war die Frist der Erlösung verstrichen, und die Königin trug noch immer ihren großen Leib und klagte bitter Nektaneb an, der zu Fleiß die Stunde, schwer an Schicksalen, zurückhielt, bis die günstigen Himmelszeichen zusammenträfen. Seit dem spähenden Morgen setzte sie sich in den hohen Gebärsessel, und auf dem schlief sie sogar, weinend und klagend. Zuguterletzt rief Nektaneb vom Turm: »Es ist Zeit!« -- und Olympias brüllte auf wie eine junge Kuh, außer Sinn vor Schmerzen, den Donner nicht hörend, nicht sehend den glänzenden Blitz vom klaren Himmel.

Die Wehemutter nahm unter dem Sessel einen Knaben hervor, der weder seinem Vater noch seiner Mutter glich: er hatte langes Haar auf die Art einer Löwenmähne, rot von Farbe, das eine Auge abwärts, das andere Auge zur Seite gerichtet; mit großem Kopfe und gerader Nase.

Dieses war die Geburt Alexanders.

DRITTES KAPITEL

DIE ERZIEHUNG ALEXANDERS. Philipp liebte den ihm unähnlichen Knaben, der rothaarig, zügellos und eigensinnig war, nicht sehr, doch er beruhigte sich, bei der Erinnerung, daß das Kind seiner ersten Frau längst gestorben war, und zudem hatte er von der delphischen Sybille die Prophezeihung vernommen, nach ihm werde ein großer Held regieren, der könne das Roß mit dem Stierkopf zügeln. Zu Lehrern wurden dem Knaben gegeben: Für die Schreibkünste Polyneikes, für die Musik Leukippos, die Geometrie Melepos, die Beredsamkeit Aximenides, für die Kriegskunst Feldherrn, zum Erzieher Leonides, zur Amme des Melantos Schwester, zum Lehrer der Philosophie Aristoteles. Mit dem letzteren brachte der Prinz den größten Teil seiner Zeit zu, unter der Zahl der anderen Schüler, die Kinder der Höflinge waren, in den Baumreihen des Palastgartens sich ergehend. Aristoteles hatte mehr denn einmal seinem Zögling eine große Zukunft und Weltenruhm vorausgesagt. Einst wandte sich der alte Philosoph an die Kinder mit der Frage, was sie ihm schenken würden, wenn sie König wären. Eines versprach dies, das andere etwas anderes, aber Alexander schwieg still, den roten Lederball in die Höhe werfend, »Und du, Prinz, was würdest du an mir tun?« Die rote Mähne schüttelnd antwortete der: »Warum an die Zukunft denken? Einst kommt die Stunde, und du wirst selbst sehen, was ich zu tun für geziemend erachten werde!« Aristoteles küßte ihn auf die Stirn und setzte den langsamen Spaziergang fort.

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DER TOD NEKTANEBS. Olympias besorgte sich um ihren göttlichen Sohn und vermahnte Nektaneb oft, in den Sternen immer wieder nach demselben Geschick zu lesen. Als einst der Prinz den Ägypter bei derart Meldungen traf, bat er sich aus, selbst in die Sterne schauen zu dürfen. Nektaneb willigte ein, und um die nächste Mitternacht stiegen sie zu zweit auf den Stadtwall. Der Ägypter bedeutete dem Sohne den Sinn der Gestirne, als plötzlich ein mächtiger Stoß ihn vom hohen Wall tief in den Laufgraben hinabstürzte, und über ihm die laute Stimme des Prinzen erscholl: »Wie denn vermagst du das ferne Geschick anderer Menschen zu lesen, der du nicht weißt, was sogleich dir geschehen wird?« Über dem Stöhnen des Abgestürzten stieg Alexander eilig hinab, und, zu seinem Vater sich beugend, fragte er: »Du hast dich verletzt? Verzeih mir den Spaß!« »Du trägst kein Verschulden; es war dein Geschick, den Vater zu morden!« »Niedriger Sklave, was sprichst du da?« »Ich sterbe, Prinz, aber ich lüge dir nicht, vernimm:« und ersterbender Zunge erzählte Nektaneb Alexandern die Geschichte und von den Umständen seiner Geburt. Lange blickte der Prinz bei dem ungewissen Schein der Sterne in das erstarrende Antlitz des Magiers, nicht versichert, ob er glauben sollte oder nicht glauben sollte. Endlich lud mit einem Seufzer er den Körper auf seine Schulter und trug ihn in die Gemächer der Königin. Jene schlief noch nicht, und, nachdem sie entsetzt den Bericht des Sohnes angehört, ließ sie sonder Stöhnen sich in einem tiefen Sessel nieder. Den Morgen wurde der Unglücksfall des fremden Astrologen vermeldet. Nach einer festgesetzten Anzahl von Tagen wurde der Ägypter bestattet, auf die griechische Art.

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BUKEPHALOS. Alexander war fünfzehn Jahre alt, da vernahm er im Frühling, an den Ställen seines Vaters vorbeigehend, ein Wiehern, das dem Wiehern der anderen Pferde nicht glich. »Was wiehert da so fürchterlich?« fragte der Königssohn die Stallknechte. Und gleichsam zur Antwort ertönte abermals das Wiehern, ebenso laut aber zart und lieblich, gleich als ob das Gurren der Turteln vom fernen Echo widersurrt. »Was wiehert da so schön?« rief wieder der Prinz, in Ungeduld die Brauen runzelnd. Die Stallknechte erklärten, da wiehere Bukephalos, ein unberitten Pferd, das von dem Fleisch zum Tod verdammter Verbrecher genährt werde, in einem Stalle von Eisen. Alexander forderte, daß die riesigen Riegel geöffnet würden, trat an die Krippe, die voll von abgenagten Knochen war, und packte das ungeheuerliche Pferd an der Mähne, wandte die Augen des Pferds geradezu in die blendende Sonne, sprang von hinten auf seinen lastungewohnten Rücken und flog wie ein Pfeil nach dem Palaste. Die Stallknechte stürzten mit Geschrei hinter der Staubwolke her, doch schon stand das Pferd ganz in Schaum, schielenden Augs, mit dem hitzigroten Reiter an der Treppe des Palastes, die der König im Hausgewande hinabeilte. Unten angelangt kniete Philipp und rief: »Sei gegrüßt, mein Sohn, der du das Pferd gezähmt, du Beherrscher der Welt!«

Und die Königin, die an dem Fenster des oberen Stockwerkes den Vorfall beobachtet hatte, die Stallknechte und das ganze Volk, diese alle wiederholten: »Es sei gegrüßt der Beherrscher der Welt!« Alexander aber streichelte lächelnd die Mähne des Rosses, das in die grelle Sonne schielte.

VIERTES KAPITEL

ALEXANDER AUF DEN OLYMPISCHEN SPIELEN. Alexander, der mehr als einmal seinem Vater unweit in Feldzüge das Geleit gegeben hatte, wünschte längst seine Kräfte auf den ruhmesreichen olympischen Spielen zu erproben.

Der König entließ, doch nicht sonderlich gerne, den Prinzen samt seinem Freunde Hephaistion, welcher mit den zärtlichsten Banden an den Königssohn geknüpft war, und rüstete ein besonders prunkvolles Schiff aus. In Pisa angelangt, vernahmen sie, es seien zum Wettkampf nicht wenige vornehme Ritter zusammengekommen, als da waren: Xanthias von Böotien, Kimon von Korinth, Kleitomachos, Aristippos der Olynthier, Perieros, Lakon, aber der berühmteste war Nikolaos, der Sohn des arkarnischen Königs. Mit diesem hochfahrenden Jüngling erstand Alexandern ein Zwist fast sogleich bei der Landung. Den Ankömmlingen begegnend auf der Straße am fröhlichen Hafen, fragte Nikolaus hochnäsig stolzierend: »Ihr seid gekommen, die Spiele anzusehen?« »Wir sind gekommen, zu kämpfen!« »O, ihr vermeint, dies seien Spiele der Kinder?« Alexander entzündete sich und antwortete: »Ich bin bereit, mit dir zu kämpfen!« »Nikolaos bin ich, der Sohn des Königs von Arkarnien!« erwiderte hochmütig der Jüngling. »Und ich bin der Prinz Alexander, der Sohn des Philipp von Makedonien. Doch was gelten hier unsere Königreiche? alles ist vergänglich!« »Du sprichst wohl gesetzt, aber verstehst du deine Worte, Kind!?« »Vollkommener als deine aufgeblasenen Reden!« und gingen zu verschiedenen Seiten, indem ein jeder nach links spie. Am anderen Tage trat Alexander nicht nur im Wettkampf der Wagen auf, sondern sogar besiegte er alle Teilnehmer, und Nikolaus, der Königssohn, schlug sich zu Tode, indem er vom Gespanne stürzte, das an Trümmern von anderen Wagen hängen geblieben war. Der makedonische Prinz ward gekrönt mit dem Kranze des Siegers, indem der Priester des Olympischen sprach:

»Vieler Feinde Bezwinger, den Stolz der Vermessenen zähmend, Mächtigen Schicksals Kind. Also verkündet dir Zeus.«

PHILIPPS EHE MIT KLEOPATRA. Freudig und bekränzt eilte der Prinz seiner Heimat zu, wo unfrohe Nachrichten seiner harrten. Er vernahm, daß in seiner Abwesenheit der König sich beschlossen hatte, die Königin entlassend, zum drittenmal zu heiraten, und zwar eine gewisse Kleopatra, die Schwester des Lysias. Auf jenen Abend war gerad das Hochzeitsmahl gelegt. Ohne den Kranz vom Haupte zu nehmen, trat Alexander in den Festsaal, der war übervoll von Gästen. Zwischen zwei Leuchtern prunkten auf ihren Thronen Philipp und Kleopatra, bekrönet und in feierlichen Gewändern. Der Prinz blieb in der Tür stehen, mit den Worten: »Vater, hier ist die Krone meiner ersten Taten, nimm sie an. Ich preise mich glücklich, zu deinem Hochzeitsfest gekommen zu sein, wenn dereinst ich meine Mutter Olympias vermähle, so hoff ich, wirst dus nicht versagen, zum Abendschmause zu kommen!« Und nahm Platz gegenüber dem verwirrten Paare. Lysias rief von seinem Platze: »Der König ehelicht die edle Kleopatra, auf daß er gesetzliche Thronfolger habe« . . . Er wollte fortfahren, aber fiel plötzlich zurück, röchelnd, da der schwere Leuchter, von Alexanders geschickter Hand geworfen, ihm die Schläfe eingeschlagen hatte. Der König sprang schimpfend auf, sich verwickelnd im Mantel, Kleopatra erhob sich, die Gäste standen auf und die Diener häuften sich in der Mitte des Saals. Philipp machte einige Schritte, wankte und stürzte laut polternd von den Stufen des Throns herab.

Alexander lachte auf, das Gewirre und Geschrei überdeckend: »Hat Asien erobert, Europa in Angst gehalten, und kann keine zwei Schritte tun!«

Die Freunde Philipps und des Lysias stürzten sich auf Alexander, aber dieser, das Schwert des kraftlos darniederliegenden Königs an sich ziehend, begann damit nach rechts und nach links zu schwingen, geschickt Schläge setzend und rufend: »Geh auf und davon, du ungebetenes Mütterchen, ich rate dir das von ganzer Seele!« Die Gäste flohen in Angst, die Leuchter umwerfend, sich bergend unter die Tische, Bänke und in dunkle Ecken. Die erschreckte Kleopatra, auf den König und ihren Bruder umblickend, entfernte sich eilig mit ihren Damen, und Alexander schwenkte immer noch das Schwert, bis er wahrnahm, daß das Gemach leer war, in den Fenstern die Dämmerung graute und nur der König, vom Falle verletzt, stöhnte. Da legte der Prinz das Schwert beiseit und rief: »Warum hast du, König, diese böse Tat zu vollbringen getrachtet?«

Aber Philipp stöhnte nur, und Alexander, ohne weiter zu fragen, befahl eine Sänfte herbeizubringen, daß der Kranke in sein Schlafzimmer getragen werde.

Olympias in ihrem dunklen Trauerkleide umarmte ihren Sohn, trauernd und sich über seinen Schutz freuend. Zehn Tage lang ging der Prinz vom König zu der Königin hin und wieder, bemüht, ihre im Schmerz erstarrten Herzen zu schmelzen, und endlich küßte Philipp Olympias, und sie schlang sich lächelnd um seinen Hals, doch Alexander wandte sich ab nach dem Fenster, wo die fernen Berge sichtbar waren, damit er die Worte der süßen Versöhnung nicht störe.

Im Volke aber wuchs der Ruhm von der Weisheit und der Kühnheit des Königssohnes.

FÜNFTES KAPITEL

DIE BEGEGNUNG DER PERSISCHEN BOTEN. Alexander wurde von Stund an auch allein abgesandt, bald hier hin, bald dort hin, die aufständigen Städte zu zügeln, welches er reich an Erfolgen entweder auf friedlichem Wege vermochte, dank seiner Weisheit, oder mit der Waffe, dank seiner Tapferkeit. Heimgekehrt nach einer solchen Niederwerfung erblickte er auf einer grünen Wiese Zelte irgend welcher Menschen, die in der Ferne in langen Gewändern und mit breitem Kopfputz umhergingen. Es wurde ihm gemeldet, diese seien die Abgesandten des persischen Königs Dareios, und gekommen, Tribut von den Griechen zu holen. Ohne zu antworten, sprang Alexander hin zu einem hochgewachsenen Perser mit gefärbtem Bart und rief: »Ihr sammelt Tribut dem Könige Dareios?« »Ja Herr«, antwortete der Befragte. »Also sage ich, Alexander, der Sohn Philipps, des Königs von Makedonien, zu dem König Dareios: Nicht geziemt es den Hellenen, zu zahlen Tribut an Barbaren; so lange mein Vater allein war, stand ihm frei, zu tun, was er wollte, mit mir aber muß anders gehandelt werden. Nicht nur werde ich euch keinen Tribut geben, sondern alles Bezahlte werde ich zurücknehmen!« Und Alexander, die Hand erhoben zur Sonne, schwor bei den Göttern, währenddem ein persischer Künstler eilig auf einer silbernen Tafel mit zarten Farben das Bildnis des golden gelockten Prinzen schuf, um es seinem Könige nach dem fernen Babylon zu bringen.

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