Chapter 7
»O Tante, ich will dich nicht kränken, und es ist ja, weil ich dich so sehr lieb hab' ...« Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen um den Hals der Tante.
»Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es ja«, suchte die Tante das weinende Kind zu beruhigen. »Und weil du die Tante Toni so lieb hast und ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim Abendgebet ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto beten. Willst du?«
Tonichen nickte unter Tränen lächelnd.
»Und nun liege recht still und ruhig, sonst mußt du wieder so stark husten. Ich erzähle dir auch. Was möchtest du gerne hören?«
»O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte.«
Und Tante Toni erzählte, während klein Toni begierig lauschte.
»O wie schön!« seufzte sie am Schluß der Erzählung. »Ich möchte auch sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen Kommunion.«
Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: »Jetzt bin ich so froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange hier!«
»Ja, recht lange«, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mühe, ihren Husten zurückzuhalten.
Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als auf einmal Paul hereinkam und rief: »Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstört aus, aber er will mir nicht sagen, was er hat.«
Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da stürzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: »Tante, Tante, hilf mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll!«
»Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas zugestoßen? So sprich doch!«
Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und stieß er einige Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber nur verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, und er, Otto, sei schuld daran.
»Das kann ja gar nicht sein!« rief die Tante aus. »Komm, nun setz' dich her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du mir ganz genau, was vorgefallen ist.«
Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte, und er schluchzte noch häufig auf, während er erzählte: »Ich saß vorhin an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.«
»Ja, gewiß -- es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor sich hatte.«
Otto nickte und fuhr fort: »Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa möge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er käme sofort zurück, er hätte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig, ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurühren. Dann ging Papa hinaus, und er ließ die Türe offenstehen.« Nun fing Otto wieder an zu weinen.
»Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, Otto?«
»Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann so lange ausblieb, da mußte ich immer wieder nach den Papieren hinsehen, und ich hätte doch so gerne gewußt, was es für Papiere wären, und -- da nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht getan! -- Im selben Augenblick hörte ich im Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und ich muß wohl in der Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich riß das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum Fenster hinaus. Ich stürzte sofort hinunter, um sie wieder zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden. Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurückgekommen, und er hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen. Ach, Tante, ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich möchte, er hätte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut -- o Tante, ich kann dir nicht sagen, _wie_! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste -- das, welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch gesetzt und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben, ohne sich zu rühren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn gebeten habe, er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: >Ich hab' dir schon verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben -- an ihm hing meine Ehre.< Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!«
»Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!« Die Tante nahm sich kaum die Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später in das Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest umschlingend, sagte: »Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich _muß_ es finden«, da schüttelte er den Kopf und sagte: »Such' nur, aber es wird umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.«
Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Tränen aus. »O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!« jammerte er und wollte sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe und Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf Lilly, die ganz blaß und verstört aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ängstlich an, und sich an die Tante hindrängend fragte sie leise: »Hat Otto etwas sehr Schlimmes getan?« Die Tante antwortete eilig: »Er war sehr ungehorsam, aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewiß alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders Schutzengel.« Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer gegangen war.
Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend. Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: »Tante, weißt du noch, gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr aushalten!«
Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit sanftem Vorwurf sagte: »Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das einzige, was uns helfen und erleichtern kann.«
»Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich, wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht, nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!«
»Ja, Otto -- ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen -- komm, laß uns beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!«
»Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt, wie es war -- und jetzt! Ich möcht' es ihm ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch -- ich kann doch nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir doch, was ich tun soll!«
Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: »Ich hätte deinem Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester Trost in allem Leide sein.«
»Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?«
»Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals verschieben.«
»Dann komm, Tante, geh' mit mir.«
»Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und bete unterdessen.«
Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte.
»Vater!« sagte dieser leise bittend.
Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber gütig: »Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?«
Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld, so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte stillschweigend zu -- manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte der Vater ihn ermunternd an und sagte: »Sprich nur weiter; habe Mut und sage alles.«
Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie legend fügte er hinzu: »Vater, lieber Vater, du sollst sehen, ich werde nun anders werden -- ich verspreche es dir und dem lieben Gott. O könnt' ich doch nur -- könnt' ich alles wieder gutmachen! O mein lieber, guter Vater!«
Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. »Ich danke dir, Kind, für dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe -- aber dein Mut und deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' zur Ruhe, mein liebes Kind -- lege dich schlafen.«
»O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!«
»Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem erleichterten Gewissen -- und besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn -- Gott segne dich!« Und der Vater küßte den Sohn auf die Stirne.
Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und mit Vertrauen.
Nach dem Gebete sagte Tante Toni:
»Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben Gott überlassen.«
»O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?«
»Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir sehen.«
Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das schreckliche Papier. »Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier ist, von dem so viel abhängen kann!« Wie hatte der Vater gesagt? »Mehr als mein Leben -- meine Ehre!« Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst -- das Gefängnis! -- Sein lieber, edler Vater unschuldig im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! -- Nein, das war gar nicht auszudenken -- das konnte er nicht ertragen. »Ach, hätt' ich doch gefolgt«, stöhnte er, »hätt' ich doch den Stein und die Papiere nicht angerührt -- so wäre das alles nicht passiert!« Und Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: »Ach, lieber Gott, hilf doch! Ich bitte dich, hilf -- ich will ja auch ein ganz anderer Bub werden, ich versprech' es dir -- o hilf uns doch, lieber, allmächtiger Gott!«
Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken -- ob er nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! -- Tante Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last, die ihm auf dem Herzen liegt -- er kann's nicht mehr ertragen -- er richtet sich auf in seinem Bett -- ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch!
Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht -- aber Tante Toni kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing sich an ihren Hals und rief schluchzend:
»O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich ins -- ins Gefängnis kommen!«
Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er es aussprach.
»Nein, nein«, beschwichtigte ihn Tante Toni, »davon ist keine Rede.«
»Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?« Otto jubelte beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf.
»Du bist noch zu jung, Otto«, sagte sie; »ich kann dir die Sache nicht genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor, das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu haben -- und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage bereitet -- und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.«
Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.
»Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?«
Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: »Der Papa ist nicht -- an mein Bett gekommen -- um mir >Gute Nacht< zu sagen -- und es hat niemand mit mir gebetet -- und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben geweint hat -- und ich war ganz allein -- und ich bin so traurig -- und ...« Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus.
Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war, fragte sie: »Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?«
Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das Köpfchen: »Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch nicht schlafen.«
Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: »Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht >Gute Nacht< gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater so lieb.«
Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein über sein Gesicht -- aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh, und er sagte:
»Arme kleine Lilly, arme Kinderchen -- es ist ja für sie, daß ich meinen Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.«
Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich.
»Sei nicht traurig, Papa -- ich hab' dich ja so lieb, _so lieb_! -- Ich will auch ein recht braves Kind werden -- ich hab' es der Tante Toni schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb....«
»Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mußt du schlafen. Gute Nacht, mein Töchterchen!«
»Gute Nacht, lieber Papa -- lieber -- guter -- Papa!« Und leise, leise fielen Lillys müdgeweinte Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal auf, wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und fest ein.
Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine Schwester waren noch auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. Herr Mehring saß am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni saß etwas abseits, sie hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie lauschte dem Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als Herr Mehring von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: »Wenn ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir hätte -- dann könnte ich vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen -- aber bis morgen ist es unmöglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen entgegen. Ich war meiner Sache so sicher -- und nun ...« Der schwergeprüfte Mann ließ den Kopf auf die Brust sinken.
Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren sonst so tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. »Verzage doch nicht, Robert«, sagte sie, »der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.«
Herr Mehring lächelte wehmütig.
»Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder für mich tun.«
»Und warum nicht, du Kleingläubiger?« rief Tante Toni eifrig aus. »Was ist denn ein Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott kann auch helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige Menschenkinder, wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz auf ihn zu vertrauen!«
»Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden, und ist es sein Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt und in den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's tragen helfen.«
Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Draußen aber war der Wind zum Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte und beugte die Bäume und peitschte den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte.
»Welch ein Wetter!« sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders heftiger Windstoß einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von seinem Stuhl auf. Laut und schrill tönte es durchs Haus -- die Türglocke.
»Was mag das sein? Wer mag so spät noch kommen?«
»Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen«, sagte Herr Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter.
»Wer ist da?« fragte dieser, ehe er die Haustüre öffnete.
»Ich bin's, Herr, ich, der Christian«, tönte es von draußen.
»Wie, Christian, Sie kommen noch so spät und bei diesem Wetter?« rief Herr Mehring, die Tür öffnend. »Was gibt es denn?«
»Huh, ja, das is e Wetter!« sagte Christian eintretend und sich die Füße abputzend, während ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. »Und ich muß recht um Entschuldigung bitten, daß ich Ihne noch so spät stör, Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen, sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie müßte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend heimkomme is, noch heut zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring, was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt!«
Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, während dieser sprach, das Papier aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da hatte er einen Schrei ausgestoßen und war zurückgetaumelt.
»Was ist dir, Robert, was ist?« rief Tante Toni erschrocken aus. Herr Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend, sagte er mit von Tränen erstickter Stimme: »O Toni, der liebe Gott hat geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen -- es ist das Schriftstück!«
»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Tante Toni lachend und weinend zugleich. »Siehst du, ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht im Stich lassen würde!«
»Die alt Babett hat am End doch recht gehabt«, dachte der Christian, und er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:
»Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem Papier kommt!«