Tante Toni und ihre Bande

Chapter 6

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»Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in Italien gewesen!«

»Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrücken können, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie schön unsere Heimat ist!«

»Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und du und der Großpapa, ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!«

»Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurückkommt und die Leitung der Geschäfte übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen kann.«

»Wann wird er denn endlich zurückkommen, der Onkel Ernst?«

»Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da?«

Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nähe, frisch und kräftig, bald aus der Ferne, gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:

»Im Wald, im Wald, Im frischen, grünen Wald -- wo's Echo hallt.«

Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um der lieben Tante diese kleine Überraschung zu bereiten.

»Das habt ihr brav gemacht, Kinder!« rief Tante Toni am Schluß sichtlich erfreut. »Ihr wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen Lieder im lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen höre! Kennt ihr das Lied: >Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?<«

»O gewiß, das kennen wir alle!« Und diesmal stimmten auch die Knaben mit ein. Paul, der eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang die zweite Stimme. Tante Toni saß ganz still und freute sich, wie der helle Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte.

»Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch zu«, behauptete sie, als das Lied zu Ende war.

»Nun mußt du aber auch singen, Tante«, baten die Kinder, und es erklang noch gar manch lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, bis auf einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte -- von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendläuten.

Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte Glockenton verhallt war.

Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: »Aber, Kinder, wir vergessen ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch vor Dunkelwerden heimkommen!«

»O wie schade, es war so wunderschön hier!« bedauerten die Kinder, sich zum Aufbruch richtend.

»Aber wo ist denn Otto?« fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen Seiten umsehend. Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen sehen. Aber Mariechen behauptete, er könne noch nicht lange fort sein, denn vor wenigen Minuten hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.

»Otto, Otto!« riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine Antwort.

»Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!« Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken. »Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit«, empfahl sie besorgt.

»Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen«, schlug Anna vor; aber sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: »Sorge dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.«

»Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht steile und gefährliche Stellen hier am Berg.«

»Dann hätten wir ihn doch schreien hören.«

»Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.«

Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder, aber von Otto keine Antwort.

Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen Sonnenuntergang -- alle standen da und warteten und lauschten. Endlich kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte. Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal raffte sie sich auf. »Kinder, kommt, wir wollen beten!« sagte sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen: »Unter deinen Schutz und Schirm ...«, und die Kinder stimmten mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.

Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen bestimmten Punkt -- eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung ihres Blickes, und -- fast hätte sie laut aufgeschrien. -- Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen den klaren Abendhimmel ab -- jetzt verschwand es wieder. -- Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert -- gut klettern, das konnte er ja -- und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht geregnet.

Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.

Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken:

»Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- wir müssen heim.«

Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni -- sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: »Und Otto?«

Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: »Wir warten nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren -- höchstens eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorwärts!«

Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so leicht -- wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem Lachen:

»Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit war!«

Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:

»Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt mehr von mir.«

Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße.

»O wie schön!« rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht.

»Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg«, meinte der praktische Philipp, während Mariechen ausrief:

»Das ist feenhaft schön!«

Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief: »Miezchen, gerate nur nicht in Verzückung, sonst steckst du mich an, und dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle --, dann bleibe ich einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.«

»Ei, um das zu sehen, muß man doch ein Sonntagskind sein!«

»Aber, Tante Toni, das bin ich doch -- ich meine, das müßtest du mir doch ansehen!« Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte.

Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich wieder ernst werdend, legte sie die Hand auf Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare aus der Stirne streichend sagte sie leise: »Ich glaube dir's, Kind; ja, du mußt wirklich ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott dir deinen frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! -- Aber nun müssen wir weiter; eure Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser langes Ausbleiben.«

»Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?« schlugen die Zwillinge vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen.

»Nein, nein, wir bleiben schön beisammen«, wehrte sie ab. »Aber tüchtig ausschreiten, das wollen wir!«

Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum andern.

Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu:

»Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder andere Gesichter machen; das war doch zu dumm!« Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu: »Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien -- ich mußte mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen!«

Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter ein; sie schüttelte den Kopf und sagte nachdenklich: »Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß Tante Toni wirklich in Angst um dich war, da hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich hätte dir nicht folgen dürfen....«

»Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrät das andere, und es wäre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt hättest. Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich weiß, wo ich gesteckt habe.«

»Das glaube ich ganz gewiß.«

»Woher aber? Außer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein -- es war ja früher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war.«

»Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.«

»Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu ängstigen brauchen.«

»Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar nicht gewußt, daß man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja früher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er voriges Jahr bemerkte, daß das Wasser jetzt ablaufen kann.«

»Ja, das ist wahr. Aber schau mal! -- Ich glaube gar, da kommt Papa mit Onkel Helmer! O weh, das ist dumm!«

Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen entgegengegangen waren.

»Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!« riefen sie ihnen entgegen. »Die beiden Mütter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!«

Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend anblickend:

»Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?«

Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: »Ich glaube, es ist am besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.«

Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf seinen Sohn, aber Otto faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich fortziehend sagte er: »Komm nur, Papa, ich erzähle dir alles; du wirst sehen, es ist gar nicht schlimm.«

Und er erzählte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den großen grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein Verschwinden bemerkt hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, daß er gar nicht geahnt hätte, wie spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend zugehört. Am Schluß sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er sagte:

»Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich erschrocken über das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie muß sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewiß viel zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte mir ehrlich: >Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich wirklich ängstigte?<«

Otto sagte leise und zögernd: »Ja -- Papa.«

»Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben?«

Otto senkte den Kopf und schwieg.

»Noch lange?« fragte der Vater.

»O, nicht so sehr«, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken:

»Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?«

Otto schüttelte den Kopf.

»Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.«

»O Papa!«

»Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen -- mein Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das tun?«

Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her, mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern nicht verklagen, das wußte er.

Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb abgewandtem Gesicht: »Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht mehr betrüben.«

Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie betrübt: »Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir trotzdem -- du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber Otto.«

An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: »Ach, hätt' ich doch noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte -- der könnt' ich's wohl sagen!«

Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hörte, drehte er sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer trat und sich über seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen Augen und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er schliefe.

Siebtes Kapitel.

Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut?

Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer Erkältung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und fragte: »Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine Freundin? Warst du recht vergnügt mit Mama und mit den Kleinen?«

»O ja«, nickte Tonichen; »Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz schwarzes Püppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, und denke dir, Tante -- ach, das war zu drollig ...!« Und nun fing Toni an, so zu lachen, daß sie gar nicht mehr weitererzählen konnte.

»Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen kann«, meinte Tante Toni.

»Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula -- so heißt sein schwarzes Püppchen -- gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr, und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von Minnichen ins Bett gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der Bubi auf einmal geschrien: >Minnichen, tomm deswind sehn, dei Püppchen is weck -- der Bambula hat's aufdefressen!< Und 's weiße Püppchen war wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat der Bubi gesagt: >Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is widder da, Bambula hat's widder rausdebrockelt.< Und richtig, Tante, das Püppchen lag auf einmal wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal sehen sollen, wie Minnichen ihr Püppchen genommen und geherzt und geküßt hat und wie sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter gemacht hat -- aber nur von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.«

Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen Hustenanfall unterbrochen.

»O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte dich nicht so erzählen lassen sollen -- du sollst wohl gar nicht viel sprechen?«

»Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten gehabt! Du mußt dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; da mußt du wirklich ganz schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer -- aber dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?«

»Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.«

Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß Minnichen mit tiefbetrübter Miene neben ihrem Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große Brille -- ohne Gläser -- auf seinem Näschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem Arm. Er räusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen konnte:

»Wir werden das kranke Kind impfen müssen; es gibt kein anderes Mittel, um's wieder gesund zu machen -- aber erst muß es Medizin nehmen.«

Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und ein Puppenlöffelchen unterhaltend, zählte er langsam und bedächtig: »Eins -- zwei -- drei -- mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn die Medizin ist Gift.«

Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte, drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er sehr ernsthaft: »Ach, guten Tag, Fräulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich Ihren Puls fühlen?«

Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte:

»Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut; aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken von gestern?«

»Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!« Dabei machte Leo die größten Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine große Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte große Mühe, das Lachen zu verbeißen. Leo aber ließ sich nicht irremachen; er stellte seine Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rückte seine Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum Puppenbettchen ziehend sagte es: »Arm Poppelsen, wehweh hat.«

Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam wieder die Oberhand, und er sagte eifrig:

»Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat dein Püppchen krank gemacht?«

»Böser Bambula«, sagte die Kleine, ein Schnütchen machend.

»Hörst du, Tante, wie gut sie schon >Bambula< sagen kann? Sie hat es doch gestern zum erstenmal gehört, und es ist auch gar kein leichtes Wort.«

Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in Eifer, und sie erzählte: »Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt -- so ...« Und die Kleine sperrte ihr Mündchen auf, so weit sie nur konnte, und auf Tante Toni sich stürzend, machte sie »Happ, happ!« als wollte sie diese verschlingen. Dann erzählte sie weiter, ihre Worte mit sehr ausdrucksvollen Gebärden begleitend: »Und Minnisen hat weint, so: >Hiehiehie!< Dann hat Bambula bockelt, so: >Bröh -- bröhx<, und da war Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ...« Und Minnichen riß die Äugelchen weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und drohte mit dem Fingerchen.

»Huh«, machte Tante Toni zurückfahrend, »da war der Bambula aber sicher sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat?«

»Ja«, antwortete Leo für sein Schwesterchen, »wir haben ihm gesagt, er dürfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach nausgeschmissen!«

»Nausmissen«, bekräftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken.

Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres Patenkindes zu.

»Tante, ich muß dir etwas sagen«, flüsterte klein Toni ernsthaft, ein wenig zögernd.

»Was denn, mein Liebling?«

»Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse gewesen.«

»O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewiß auch?«

»Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, daß ich so zornig war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bös, sehr bös auf Otto!«

»Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?«

»Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und daß der Otto nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewünscht, der liebe Gott möchte ihn selbst recht tüchtig strafen.«

»O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten für ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher Wunsch; einen solchen darf meine kleine Freundin nie mehr haben!«

»Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, der Otto, und du bist so lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen Buben!«

»Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst!«