Tante Toni und ihre Bande

Chapter 5

Chapter 53,929 wordsPublic domain

Minnichen hatte inzwischen verwundert und etwas ängstlich von einem zum andern gesehen; sie hatte wohl begriffen, daß man etwas mit ihr vorhabe, konnte sich aber nicht denken, was. Als nun aber die Türe aufging und die Mutter gefolgt vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr Gesichtchen auf, und sie schrie: »Dag, Dokedok! Sung raus?« Und ohne erst die Antwort abzuwarten, riß sie das Mäulchen auf und streckte ihr rosiges Züngelchen heraus, soweit sie nur konnte.

»Na, das ist aber mal ein braves Kind!« rief der Doktor lachend. »Und solch ein schönes, rotes Zünglein hat's. Nein, krank sind wir nicht, Fräulein Minnichen, nicht wahr?«

»Doch, doch, Minnisen tank is -- wehweh hier -- wehweh da«, versicherte die Kleine ernsthaft, während sie an Ärmchen und Beinchen suchte, ob sie nicht irgendein rotes Fleckchen fände; als sie aber keines entdecken konnte, drückte sie die Hände aufs Brüstchen und klagte mit wehleidigem Gesichtchen: »Minnisen weh Bäuselsen.«

»Nun, da wollen wir mal das kranke Bäuchelchen untersuchen«, sagte der Doktor. Er machte der Tante ein Zeichen, und diese begann die Kleine auszukleiden, bis die dicken, nackten Ärmchen herauskamen.

»Hat Minnichen da auch Weh?« fragte Tante Toni, aufs Ärmchen deutend.

»Ja, ja«, nickte das Kind eifrig. »Dokedok sund mach, Lästersen dauftun.«

»So, so, ein Pflästerchen möchtest du für dies nette, runde Speckärmchen haben? Na, komm, laß einmal sehen.«

Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, zog Minnichen es rasch zurück und schrie lachend: »Kitzekitz!«

»Es meint, du wolltest's kitzeln«, erklärte Leo dem erstaunten Doktor. Dieser lachte, und diesmal mit festem Griff das Ärmchen fassend, sagte er:

»Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. Aber nun paß einmal gut auf -- drei nette Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also eins, zwei, drei ...!«

Minnichen hielt ganz still und schaute mit großer Aufmerksamkeit dem Doktor zu. Als er fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch hin und sagte: »Noch pickpick.«

»Nein, aber so was!« rief der Doktor verwundert. »Das muß ich sagen, ich hab' doch schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele davon recht schön stillgehalten; aber bisher hat doch noch keines verlangt, noch mehr geimpft zu werden!«

Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, als der Doktor dies sagte, und er versicherte: »Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn du erst wüßtest, wie schlau es ist und was es schon alles kann! Denke dir, neulich ...« Und während die Mutter und Tante Toni die Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem Arzt die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser hörte eine Zeitlang freundlich zu, endlich klopfte er dem Bürschchen auf die Schulter und meinte schmunzelnd: »Na, ein Wunder ist es ja nicht bei einem so tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen komme ich mal nachsehen, ob es diesmal anschlagen wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.« Damit zog er Tonichen zu sich heran und begann dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und zu behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht und schüttelte ein paarmal mit dem Kopf, und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit ihren ernsten blauen Augen gar forschend ansah, versuchte er ein vergnügtes Gesicht zu machen und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit seiner Mutter durch die kleinen Geschwister in Anspruch genommen war, neigte es sich rasch zum Arzt hin und fragte leise: »Werde ich bald sterben, Onkel Doktor?«

Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er klein Toni auf sein Knie, und sanft ihr Köpfchen streichelnd fragte er: »Wie kommst du denn auf diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht wohl? Tut dir etwas weh -- sag' mir's doch!«

Toni schüttelte das Köpfchen: »Nein, weh tut mir eigentlich nichts. Ich bin nur immer so müd'.«

»Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch nicht!« sagte der Doktor lächelnd, und aufmunternd fügte er hinzu: »Komm, Kindchen, schau nicht so ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. Du sollst vergnügt sein und springen und lachen, so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör doch nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß man es kaum halten kann.«

Dann stand der Doktor auf, und die Mutter ging wieder mit ihm hinunter. Als Tante Toni etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon fort, aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester geweint hatte.

»Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?« fragte sie besorgt. »Hat der Doktor etwas gefunden?«

»Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz, alles ist gesund, und doch ist unser guter alter Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt sichtlich ab.«

In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer gestürmt. »Tante Maria, darf ich heute bei dir zu Mittag essen?« rief sie. »Otto ist zu Tante Luise gegangen; denn Papa ist fort, und unser Fräulein hat so arges Kopfweh.«

»Gewiß darfst du hier essen, Lilly. Wo ist Papa denn hin? Er hat gestern gar nicht davon gesprochen, daß er heute verreisen müsse.«

»Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewußt, und er kommt diesen Abend auch schon zurück.«

»Willst du denn einstweilen in den Garten gehen? Du wirst wahrscheinlich Anna dort finden.«

Lilly ging zur Türe, dort blieb sie aber zögernd stehen; sie blickte unschlüssig auf ihre beiden Tanten; man sah ihr an, sie hätte gerne noch etwas gesagt, sie getraute sich aber nicht recht.

Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an; auch Frau Wulff bemerkte des Kindes Zögern. »Lilly, was hast du denn?« fragte sie in freundlichem, aufmunterndem Ton.

Jetzt ließ aber Lilly den Kopf auf die Brust sinken, und sie fing an zu weinen. Da nahm Tante Maria sie auf den Schoß, sie strich ihr die Haare aus dem Gesichte, trocknete ihr die Tränen, und dann sagte sie: »So, mein liebes Kind, nun erzähl uns, was dich drückt.«

Aber Lilly weinte nur um so mehr -- endlich stammelte sie: »Ach, der Papa -- ich hab' solche Angst um den Papa!«

»Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon öfter verreist, und du sagst ja selbst, daß er diesmal nur für einen Tag fort ist!«

»Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen Morgen ist ein Polizeidiener gekommen und hat dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, und da war der Papa sehr aufgeregt, und er hat gesagt, er müsse gleich fort, um wichtige Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große Brief sei eine Vorladung vor Gericht, und er hat auch gehört, wie der Gärtner und der Milchmann zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, die bösen Leute wollten unsern Papa unschädlich machen; und, Tante, >unschädlich machen<, das heißt doch, sie wollen ihn tot machen -- der Otto hat es in seiner >Tigerjagd< gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht war.« Und Lilly brach von neuem in bittere Tränen aus.

Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:

»Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, -- das habt ihr beide nicht richtig verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle guten und edeln Menschen haben Gegner -- das ist nun einmal so auf der Welt --, und so gibt es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden; aber laß nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht zu fürchten; da werden alle Leute erfahren, was für ein guter Mensch dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden.«

Lilly hatte aufmerksam zugehört. »Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem Papa wird nichts geschehen?« Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge aufzusuchen.

Sechstes Kapitel.

Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich.

Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter.

»Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen«, sagte Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; »ich möchte so gerne mal wieder zum Wetterstein gehen -- ist euch das nicht zu weit?«

»O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg dahin ist so schön und man muß tüchtig klettern!«

Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme für den Spaziergang, und es wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles mitnehmen müsse.

»Aber für Tonichen wird es doch zu weit sein -- diesmal wirst du wohl zu Hause bleiben müssen.«

Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, aber ihr Gesichtchen hellte sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte:

»Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen unterhalten; nicht wahr, mein Kind?«

»Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und willst du mit mir spielen?« Und ihre Äuglein glänzten vor Freude.

»Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzähle oder lese dir vor -- was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter besuchen.«

»Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir Großen doch mal unter uns sind!« Und Otto, welcher dies gesagt hatte, reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer zu erscheinen wie Rudi.

Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. »Man meint wirklich, du hättest hier etwas zu befehlen«, sagte Kurt. »Wenn der Rudi nicht mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.«

Und: »Ich auch!« »Ich auch!« riefen Paul und Philipp, Mariechen und Anna.

»Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!« Und triumphierend drängten sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in ernstem Ton:

»So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls mit -- er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben -- wenn du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.«

Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort -- aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und einmal hörte Mariechen, wie er sagte: »Aber daß du schweigst, Lilly, daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!« Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: »Ich hab' dich doch noch nie verraten!«

Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus:

»O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen -- das haben wir auch früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.«

Sie stimmte an: »Salve Regina, Reinste aus allen.« Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit:

»Hilf uns, Maria! Maria, hilf!«

Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen.

»Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?« bot Rudi sich an. »Das kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.«

Tante Toni lachte: »Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst dich auch nicht so anstrengen.«

»O Tante Toni, das tut mir nichts -- ich bin stark, sehr stark!«

»Prahlhans!«

»Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's recht gut, daß ich stark bin!«

»Doch lange nicht so stark wie der Otto«, mischte sich nun Lilly ein, und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu.

»Oho, Lilly!«

»Ja, und deinen großen Mut haben wir ja auch neulich bewundern können, Herr Schwanenritter!«

Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er schrie: »Dich hätt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen du!«

»Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub!«

Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander geraten, wäre nicht Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: »Ich will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit gezeigt hat.«

»Hoch lebe Tante Toni, unser General!« schrie Anna, ihren Hut schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto machte ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: »Und ich werd's ihm doch noch eintränken!«

Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: »Die Körperstärke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst; denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch nur ein armer Krüppel wäre.«

Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: »So, nun wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?«

»Ihr sollt sogar!«

»O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das, was man nur darf!«

»Ein großes Wort sprichst du gelassen aus«, deklamierte Kurt, dann fügte er hinzu: »Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen, damit es was zu lachen gibt!«

Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi meinte: »Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe lösen.«

Anna gestand in kläglichem Tone: »Es fällt mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte, dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.«

»Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein«, tröstete Tante Toni. »Übrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!«

»O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu rechnen!« erwiderte Otto beleidigt. »Gib du nur auf den kleinen Rudi acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.« Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den Berg hinauf.

»Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus«, klagte Lilly; »zieh mich doch nicht so fest!«

»Schweig doch still!« flüsterte Otto ihr zu. »Du kannst ja ordentlich klettern! Ich möchte der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.«

Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mühe, mit ihrem Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen ängstlich zu: »Nicht so rasch, Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig!«

Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wäre, fester fassend, sagte er leise und aufmunternd: »Jetzt noch einen tüchtigen Anlauf, und wir sind oben.« Er nahm aber den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig mit sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. Otto sprang schnell wieder auf und half auch Lilly in die Höhe. Er hatte nur arg zerschundene Hände und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große Beule an der Stirne, und sie blutete stark aus der Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht; aber als Otto in sie drang: »So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg' ich's ja!« da verbiß sie ihren Schmerz, und sie versicherte der besorgten Tante Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mußte Lilly sich unter einen Baum platt auf den Rücken legen und Tante Toni drückte ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger anschwoll. Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie, so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Na, ein Glück, daß du diesmal die Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst hätten wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.«

»Schweig!« herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte ganz genau, daß er im Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte, gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war eine Niederlage geworden. Statt sich nun über sich selbst und über seine Unvorsichtigkeit zu ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz besonders aber über Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben.

Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp sahen Otto gerade nicht mit zärtlichen Blicken an, während sie über diese unwillkommene Verzögerung knurrten.

»Dieser Otto muß einem doch immer jedes Vergnügen verderben«, brummte Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: »Ich glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld üben! Ich erkläre euch aber feierlich, daß _meine_ Geduld nun zu Ende ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann -- ja dann spring' ich ihm auf den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht, so ...!« Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schüttelte und riß ihn herum, so daß er kläglich schrie: »Bist du denn toll geworden, Änne? Die Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput!«

»Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt? Da muß ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja schon! Ich grüße dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin, Kindern und Enkeln!« Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor dem großen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges krönt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblöcke, große und kleine, und Anna begann sofort diese zu zählen.

»Warum zählst du denn die Steine?« fragte Mariechen.

»Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren!«

Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig: »Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.«

»Aber was fällt dir ein, Philipp!« rief Anna mit gutgespielter Entrüstung. »Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?«

Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen.

»Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen«, rief Mariechen; »auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!«

»Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!«

Tante Toni lachte: »Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!«

Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte.

Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante Toni halb lachend, halb ärgerlich: »Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!«

Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: »Ich weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder zu Hause sein werden.«

Tante Toni nickte lächelnd: »Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal, darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in einer richtigen Einöde.«

»Ja, ich kenne die Stelle«, nickte Paul.

»Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart geht doch nichts!«

»Da hast du recht!«