Chapter 4
»Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen«, erklärte Otto, »sie kann nicht gut laufen, und sie würde uns das ganze Spiel verderben.«
Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu ihrer Patin auf, und schon rannen ein paar Tränen über ihre Bäckchen, da faßte Lilly sie an der Hand und sagte: »Doch, Otto, laß sie nur mitspielen; sie ist das gestohlene Kind, welches die Räuber versteckt haben und welches die Gendarmen suchen müssen. Komm, Toni, ich verstecke dich!« Und sie sprang mit der schnell getrösteten Toni fort. Die andern folgten ihr, nur Mariechen blieb bei der Tante zurück.
»Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?«
»Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein bißchen zu wild, und man verdirbt sich die Kleider dabei.«
Tante Toni lächelte.
»Allerdings, Mariechen, es wäre schade um dein hübsches Kleid; du hast dich für die Gelegenheit ein bißchen zu fein gemacht.«
Mariechen errötete und nestelte verlegen an ihrem Arbeitstäschchen herum. Auch Tante Toni hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden ließen sich eben auf einer aus rohen Baumstämmen gezimmerten Bank nieder, als Philipp noch einmal zurückkam, um ihnen anzuempfehlen: »Gebt gut auf die Rucksäcke acht!«
Tante Toni und Mariechen versprachen es beide lachend. Nach einiger Zeit sagte letztere etwas ängstlich: »Wenn es nur ohne Streit abgeht!«
Tante Toni meinte: »Wenn so viele Kinder von verschiedenem Alter und von so verschiedenen Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht kleine Zänkereien; man darf diese nicht zu schwer nehmen, und man muß vor allem sorgen, daß sie nicht ausarten. Übrigens habe ich mich eben recht über Lilly gefreut, weil sie sich so nett der kleinen Toni angenommen hat.«
»Mit Tonichen ist Lilly überhaupt fast immer lieb und nett, und wenn sie es zuweilen durch Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es ihr hernach immer sehr leid.«
»O, das freut mich!« rief Tante Toni aus. »Ja, das freut mich sehr. Ich kann dir nicht sagen, wie weh es mir tut, daß ich bisher noch gar keinen liebenswürdigen Zug in Lillys Charakter finden konnte. Du hast mir neulich auch gesagt, daß Otto und Lilly sehr an ihrem Vater hängen.«
»Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal etwas erreicht mit der Vorstellung: es würde deinen Vater freuen, oder: es würde ihm leid tun.«
»Glaubst du zum Beispiel, daß Lilly imstande wäre, ihrem Vater zuliebe ein wirkliches Opfer zu bringen?«
Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte sie bestimmt: »Ich glaube, ja, Tante!«
»O, das ist gut, das ist viel wert!« rief die Tante aus und sah sinnend vor sich hin.
Nach einiger Zeit kam klein Toni allein zurück. »Willst du nicht mehr mitspielen, mein Kleines? Bist du schon müde?« fragte Tante Toni.
Die Kleine nickte und erzählte: »Die Gendarmen haben unser Versteck gefunden, und da mußten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht so fest laufen kann, da hätten sie die Lilly beinah gefangen, und da hat sie mich schnell losgelassen und gesagt, ich sollte mich jetzt ein bißchen zu dir setzen, Tante.«
Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, hüllte das Kind in ihr warmes, weiches Umschlagtuch und sagte liebevoll: »So, damit du dich nicht erkältest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe dich aus.«
Die Kleine lächelte, und ihr Köpfchen an die Schulter der Tante lehnend bat sie: »Bitte, bitte, liebe Tante, erzähle mir doch noch einmal die Geschichte von dem guten Kinde, welches allein mit dem armen Jesusknaben gespielt hat, weil die andern Kinder nicht wollten, und wie dann die Engelchen vom Himmel gekommen sind und ihnen Sternblümchen und Sternbällchen zum Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzähle!«
Und die gute Tante erzählte, und weil sie gar so schön erzählen konnte, hörte nicht nur das kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch das große Mariechen -- bis auf einmal alle andern Kinder mit großem Lärm zurückkehrten.
»Die Gendarmen haben gewonnen!« rief Rudi mit strahlenden Augen. »Alle Räuber haben wir gefangen!«
»Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es mir langweilig wurde, sonst hättet ihr mich nicht gekriegt.«
Diese Behauptung Ottos wurde von allen andern mit schallendem Gelächter beantwortet, worüber dieser sich natürlich sehr ärgerte. Er stampfte mit dem Fuß und schrie: »Was habt ihr zu lachen? Es ist doch so!«
Und Lilly bekräftigte: »So ist es auch, er hat sich fangen lassen!«
Der Streit hätte wahrscheinlich noch länger gedauert, wenn Anna nicht eben mit theatralischer Miene ausgerufen hätte: »Aber Kinder, wie könnt ihr diesen edelmütigen Otto so verkennen! Begreift ihr denn nicht, daß er sich geopfert hat und sich fangen ließ, bloß damit wir endlich mal etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unüberwindliche, der Großmütige!«
»Er lebe hoch!« schrien alle, auf Annas Scherz eingehend; nur Otto selbst machte wieder ein wütendes Gesicht, und er schien große Lust zu haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun rief Tante Toni: »Ich hoffe, Otto, daß du einen Scherz verstehen kannst und dich nun zufriedengibst. Und nun, Kinder, lagert euch und ruht aus. Mariechen und ich, wir teilen den Proviant aus. Ihr seid sicher hungrig!«
»Und wie!« scholl es fast einstimmig zurück.
In unglaublich kurzer Zeit war der ganze Vorrat aufgezehrt, und Philipp, der eben das letzte Butterbrot empfangen hatte, rief aus: »Siehst du, Tante Toni, daß wir nicht zuviel mitgenommen hatten?«
»Nein, wirklich!« lachte diese. »Ihr habt euch aber auch tüchtig Bewegung gemacht, und hier draußen schmeckt es noch ganz besonders gut.«
»So, nun können wir weiterspielen!« erklärte Anna aufspringend.
»Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes spielen!«
»Aber was denn?«
Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne Erfolg, bis Tante Toni vorschlug: »Was meint ihr zu einem Pfänderspiel?«
»Ja, ja, ein Pfänderspiel, und Tante Toni spielt mit!« riefen die Kinder. Bald war das Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. Da gab es wieder viel zu lachen, besonders wenn der Mitspieler, der ein Pfand geben sollte, verlegen in seinen Taschen herumkramte und gar nichts Passendes finden konnte, sondern manchmal recht drollige Sachen zum Vorschein brachte. Mariechen zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts als ein Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen Spiegel; diesen letzteren reichte sie errötend als Pfand hin, wobei sich Anna laut und anhaltend räusperte, bis Mariechen etwas ärgerlich ausrief: »Gib dich zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!«
Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle seine Taschen, suchte und suchte voll Hast -- aber ohne Erfolg, bis er schließlich doch einen kleinen Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbürstchen.
»Nun, du sorgst zeitig vor!« lachte Tante Toni; auch die andern lachten, nur Philipp fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: »Kurt, wann hast du dich denn zum letztenmal rasieren lassen?«
Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein Pfand zu geben, da fand er nichts als Brotkrumen, Obstkerne und einige sonderbar geformte Eisenstückchen.
»Aha«, höhnte Kurt, »das sind wohl die Bestandteile deiner neuesten Erfindung!«
Lilly förderte ein Puppenhöschen zutage, welches sie aus Versehen anstatt eines Taschentuches eingesteckt hatte, und Anna überreichte mit einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen Anblick Paul ausrief: »Der gehört ja überhaupt mir!«
»Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast ihn einfach verloren und ich hab' ihn gefunden; jetzt kannst du ihn mir auch lassen.«
»So, so, verloren hab' ich ihn? Ich möcht' nur wissen, wo; wahrscheinlich in meiner Schublade oder in einer meiner Taschen, da gehst du ja doch immer suchen, wenn du etwas finden möchtest. Ja, Fräulein Änne, deine Manier, dir allerhand zusammenzufinden, die kenn' ich schon. Nächstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.«
»O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! Du weißt doch, daß die Änne immer gleich wieder alles herschenkt, was sie hat.«
»Ach, geh' doch, Rudi!« wehrte Anna ab.
»Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt -- und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der Straße.«
»Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen«, rief Anna eifrig; »sie sind nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen so sehnsüchtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen halt gegeben.«
»Na ja, es ist mir ja auch recht«, sagte Rudi; währenddessen flüsterte klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: »Du, wenn wir heimkommen, da geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern für die Franks-Kinder, und -- ja was denn noch ...!«
»Ein Püppchen?«
»Ach nein, Änne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie würden zu grob mit dem armen Püppchen umgehen, das täte mir zu leid.«
»Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!«
»Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weißt du, wie ich neulich abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast, warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht habe, das arme Püppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen gelegt und ihm nicht >Gute Nacht< gesagt hab'.«
Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt aus, als Otto sie anrief: »Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, schnell ein Pfand her!« --
Nicht minder groß war das Vergnügen der Kinder beim Auslösen der Pfänder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in die Zukunft tun mußte. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der Mitspielenden bezeichnete, mußte sie irgend etwas sagen, natürlich ohne selbst zu wissen, wem es galt.
»Ich glaube, du hast gespitzt«, klagte Mariechen, als sie prophezeit bekam, daß sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden Orden und Klöster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer Urgroßmutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte sich wieder sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal als Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit der übrigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna verkündete: »Das wird einmal eine entsetzlich böse Schwiegermutter«, da machte die Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: »Aber nein, das möchte ich nicht werden.« Während alle lachten, riß Anna sich das Tuch vom Gesicht und rief aus: »So, du bist also auch nicht zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was hätte ich dir denn sagen sollen?«
»Ich möchte gern ein Engelchen werden«, sagte klein Toni errötend.
»Oh -- oh, hört doch! Die Toni will ein Engelchen werden -- wie bescheiden! Nein, so etwas!« riefen die Kinder lachend. Otto schrie dazwischen: »Doch wohl ein Engelchen mit einem B davor!«
Und nun tönte es von allen Seiten und in allen Tonarten: »Engelchen, Bengelchen! Engelchen, Bengelchen -- Zornebengelchen!«
Aber klein Toni wurde nicht zornig, -- nein, sie wurde wohl abwechselnd rot und blaß, und sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden Zorn zu bemeistern. Sich fest an die Tante schmiegend flüsterte sie: »Ich will nicht zornig werden, -- nein, ich will nicht!«
»Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine Freundin!« ermutigte die Tante.
Mariechen hatte sich inzwischen bemüht, die übermütige Bande zum Schweigen zu bringen, und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, bis Tante Toni das Zeichen zum Aufbruch gab.
»Aber es sind noch zwei Pfänder auszulösen!« rief Otto aus, allein die Tante bestimmte, dieselben müßten einfach zurückgegeben werden, und sie fügte hinzu:
»So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem Zug heimwärts, und es wird dabei gesungen und im Schritt marschiert, damit wir rascher vom Fleck kommen; denn es ist schon etwas spät geworden. Also, Anna und Rudi, ihr führt den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in ihre Mitte, dann folgen Mariechen und Toni, und Otto und Lilly bilden mit mir die Nachhut.«
Dann stimmte die Tante an: »Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr«, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly ein wenig zurück, und als die andern außer Hörweite waren, sagte sie:
»Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch einmal, was habt ihr denn mit der alten Babett gehabt?«
Die beiden Kinder schwiegen und ließen die Köpfe hängen. Die Tante fuhr fort: »Ich hätte ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte es lieber von euch hören.«
Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: »Ach, Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so häßlich, und sie wird oft >die alte Hex< genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich, sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Straße ihr nachgerufen haben: >Alte Hex, böse, alte Hex!< Nun, und da haben wir halt ein bißchen mitgeschrien -- das ist alles.«
»O Otto, wie du das sagst!«
»Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mühe wert, so viel Aufhebens davon zu machen!«
»Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so leicht nimmst, besonders da du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist. Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr gelernt, daß man das Alter ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwürdig. Warum habt ihr nicht wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat.«
»Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die Anna hat ja gar kein Ehrgefühl, daß sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir können uns doch nicht so erniedrigen!«
»Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung einen sonderbaren Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die Alte verhöhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich hielt sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt weiß ich aber, daß sie Charakter hat, daß sie ein offenes, mutiges und gutes Kind ist.«
Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschämt drein. Endlich fragte Lilly leise:
»Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb?«
»Gewiß hab' ich euch noch lieb!« rief die Tante warm, und sie zog die beiden Kinder näher zu sich heran. »Gerade weil ich euch so lieb habe, tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil ich euch so lieb habe, möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht wahr?«
»O, und wie lieb!« Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen.
»Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann könnt ihr musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken würde, wenn er jemals erführe, daß ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei ist? Daß er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der Güte und Nachsicht eurer Tanten, der Großmut eurer Vettern und Cousinen; aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur, Kinder, früher oder später wird er einmal klar sehen, und es wird ihm furchtbar hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht die offenen, wahren, gutherzigen und edelmütigen Kinder seid, für die er euch hält. Davor möchte ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber Otto, du wirst ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du, so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, dich auf diesen großen Tag vorzubereiten.«
»O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr recht!«
»Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen eilen, um die andern einzuholen. Tonichen scheint müde zu sein, sie läßt sich arg von Mariechen ziehen.«
Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete kleine Toni wurde erst von der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp »Hockehockestühlchen« getragen, bis sie ein bißchen ausgeruht war, und so kam man bald wieder in die Nähe der Klosterruine.
»Wir wollen den See entlang gehen«, rief Rudi, »es sind eine Menge kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwänchen.« Und er lief voraus.
»Gib acht, Rudi«, rief ihm Mariechen nach, »der große Schwan ist vielleicht draußen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwänchen dasind, und er ist überhaupt in der letzten Zeit sehr bös, weil einige Buben ihn necken und mit Steinen werfen.«
»Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan fürchten!« sagte Rudi gekränkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch schon mit großem Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flügeln schlagend, hinter ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, und er sah so bösartig aus, daß alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni erschrak, aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn plötzlich mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich, wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches Gelächter über diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans aus.
»Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte man ihm ansehen!« Und Anna lachte, daß ihr die Tränen über die Backen liefen.
»Und Mut hast du, Tante Toni, das muß ich sagen«, gestand Paul bewundernd.
»Und schlau hast du's gemacht. Mir wäre das mit dem Schirm nicht eingefallen«, pflichtete Kurt bei.
Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschämt hinter den andern her; aber am Abend nach der Heimkehr, da küßte er der Tante zärtlich die Hand. Und als Anna ihm nachrief: »Gute Nacht, Schwanenritter!« da wurde er sehr rot, aber er sagte nichts.
Fünftes Kapitel.
Minnichen wird geimpft.
Tante Toni saß oben im Kinderzimmer. Klein Minnichen kletterte auf ihren Knien herum und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an den Haaren, zupfte sie am Ohrläppchen, und wenn Tante Toni »Au!« oder »O weh!« rief, dann streichelte es ihr die Wangen und machte: »Ei, ei, Ta Dedi.«
Leo, der daneben mit großem Ernst ein Bilderbuch betrachtete, erhob mißbilligend den Kopf und sagte: »Das Minnichen ist wirklich ein bißchen eigensinnig, es will durchaus nicht >Tante Toni< sagen; es könnt's doch ganz gut, wenn es nur wollte; denn es hat schon viel schwerere Wörter fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht brav, sage schön: >Tan--te To--ni<; ich schenk' dir auch was!«
»Senk was!« machte Minnichen, und es hielt dem Brüderchen habgierig das Händchen entgegen.
»Ja, du wärst mir gescheit! Erst mußt du >Tan--te To--ni< sagen.«
»Truwelpeter!« schrie die Kleine, und sie lachte herausfordernd und klatschte in ihre kleinen, dicken Patschhändchen.
Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung an; dann sagte er: »Du, Tante, ich glaub' gar, es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues Ding, das Minnichen.«
Man sah und hörte dem kleinen Burschen an, wie stolz er auf sein Schwesterchen war, das er ein wenig als sein besonderes Eigentum betrachtete. Er fühlte sich als dessen Lehrer und Beschützer, er ließ sich viel von ihm gefallen und behandelte es mit einer gewissen großmütigen Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn für seine viereinhalb Jahre merkwürdig vernünftig erscheinen ließ.
Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach Gebühr bewundert hatte, wandte sie sich an klein Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem niederen Stühlchen danebensaß. Tonichen saß so still da und schaute so ernst und nachdenklich vor sich hin, daß die Tante besorgt fragte: »Was hast du denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?«
»Ach, Tante«, erwiderte das Kind nach einigem Zögern, »ich denke daran, daß du Otto gestern zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige Kommunion vorzubereiten. Ich wäre so gern auch dabeigewesen.«
»O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; habe nur noch ein bißchen Geduld!«
Toni versank wieder in Nachdenken; endlich hob sie das Köpfchen und fragte: »Tante, muß man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er etwas sagt?«
»Aber selbstverständlich, Kind!«
»Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten schon mit sieben Jahren zur ersten heiligen Kommunion gehen; warum läßt man sie denn nicht?«
»Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern deutschen Bischöfen erlaubt, das Alter für die Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.«
»Und in den andern Ländern, da dürfen die Kinder schon mit sieben Jahren gehen?«
»Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den meisten.«
»Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder nicht? -- Aber sag' mal, Tante Toni, wenn ich jetzt sehr krank würde, so krank, daß ich sterben müßte, dürfte der Priester mir dann die heilige Kommunion bringen?«
»O, das glaube ich -- ganz bestimmt!«
»Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, daß ich den lieben Heiland bekomme, wenn ich sehr krank werde?«
»Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du denn auf diesen Gedanken? Du fühlst dich doch nicht unwohl?«
»Versprich, bitte, Tante, versprich!« flehte das Kind so eindringlich, daß die Tante nicht anders konnte als antworten:
»Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern will ich in einem solchen Fall alles tun, was ich kann, um deinen Wunsch zu erfüllen!«
Leo hatte diesem Gespräch mit Interesse zugehört. »Sag' mal, Tante«, mischte er sich nun ein, »wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch noch unsere Schwester?«
»Aber gewiß!«
»Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern >Papa< und >Mama<?«
»Aber Leo«, belehrte Toni ihr Brüderchen, »dann sagt man doch: >Heiliger Papa< und >Heilige Mama<!«
»Aha, ja natürlich«, nickte Leo befriedigt. Tante Toni lächelte, und die beiden samt Minnichen fest an sich drückend sagte sie nur: »Meine lieben, lieben Kinderchen!«
In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das Kindermädchen, mit schreckensbleichem Gesicht ins Zimmer und rief aus: »Ach, Fräulein Mehring, denken Sie doch nur -- eben ist der Herr Doktor gekommen -- unser Kleines soll geimpft werden!«
»Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber brauchen Sie doch nicht zu erschrecken. Aber ich meinte, das Kind sei schon längst geimpft?«
»Es ist auch schon mal geimpft worden, aber es hat nicht angeschlagen. Ach, Fräulein Mehring, ich kann's nicht mit ansehen; ich werd' ohnmächtig, wenn ich's Minnichen bluten sehe!«
»Bluten! -- Was soll denn dem Minnichen geschehen?« rief Leo ganz erschreckt, während er sich wie schützend vor sein Schwesterchen stellte.
»Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder erschrecken«, tadelte Tante Toni das Mädchen. »Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und nehmen Sie Toni und Leo mit. Ich halte die Kleine beim Impfen.«
»Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem Minnichen bleiben!« wehrte sich Leo, als Gretchen ihn mit fortnehmen wollte. »Bitte, Tante Toni, laß mich beim armen Minnichen!«
»Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar nichts Schlimmes, Kind! Das Impfen tut ja gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.«
»O bitte, bitte, laß mich doch hier!«
»Mich auch, bitte, liebe Tante!«
»Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still zu verhalten, dann dürft ihr hierbleiben.«